Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

Manche Ereignisse treibt die Betroffenheits- und Heuchelmaschinerie auf zuvor nie erreichte Drehzahlen. Zumeist besteht der Energieinput für die kollektive Erschütterung, Erregung und landesweites „geschockt sein“ über einen Flugzeugabsturz, ein Attentat, einen besonderen Todesfall oder auch schon mal über den Tod eines jüngeren Eisbären im örtlichen Zoo. Die vermeintliche Fassungslosigkeit des Geschehenen wird durch mehrere tausend Blumensträuße, Stofftiere, Bilder, Briefe und Kondolenzschreiben ausgedrückt, die man tränenreich, zutiefst erschüttert und endlos traurig, an bestimmten Punkten in der Öffentlichkeit demonstrativ mit versteinertem Gesicht niederlegt. Ein Erinnerungsfoto von der Trauergeste tut dem stillen Gedenken keinen Abbruch.

Eine Steigerung und besonderes Gewicht erfährt die ganze Trauerarie durch Lichterketten von zahllosen Kerzenhaltern, die sich einträchtig und, zumindest für den Moment friedlichst gestimmt, bei Einbruch der Dunkelheit dort zusammenfinden, wo man sie auch pressewirksam sieht. Gelegentlich – als das non plus ultra der Betroffenheit und Verbundenheit mit den Opfern – folgt ein Trauermarsch der aktuellen Politdarsteller, von Leibwächtern sorgfältig vom Restpöbel abgeschirmt und medial perfekt für das staunende Fernsehpublikum inszeniert. Die Neo-Voodoo Gemeinde, vereint im christlichen Gutmenschwahn, feiert sich selbst in Gefühlsseligkeit und Sentimentalitätstrance hinein.

Nun gibt es allerdings zwei entscheidende Bemerkungen zu dieser Betroffenheitsmystik. Zum einen ist der Mehrzahl der Teilnehmer weder ein Opfer noch dessen Familie bekannt, so dass eine tiefe Trauer mangels Bezug obsolet ist. Kenntnisnahme und Konsequenz aus dem betreffenden Ereignis wäre ausreichend und sachgerechter, dem Rationalisten angemessener.

Zum anderen aber – und hier ist die Grenze, an der die Betroffenheit in Verlogenheit umschlägt – sind solche Ereignisse keine Einzelfälle und finden permanent o h n e jegliche Anteilnahme hiesiger Laienschauspieler weltweit statt. Dies gilt für Flugzeugabstürze gleichermaßen wie für die blutigsten Anschläge, für Erdbebentote und Tsunamiverschollene.

Behält man gar das ganze Leben der Erde im Blick und löst sich von der so gern geglaubten anthropozentrischen Auserwähltheit, dann wäre der Trauer kein Ende, würde der Millionen ermordeter Tiere, die genau wie der Mensch ihr einmaliges, unwiederbringliches Leben lieben und es nur zum Fraß gerade für diese Menschheit verlieren, gedacht.

Die Heuchelmenschen, dieses Konglomerat der Angepassten, missbrauchen das Ereignis als Selbstbestätigung eigener anthropozentrischer Größe und benutzen die Transformation einer Betroffenheitslüge zur Selbsterhöhung des vermeintlichen eigenen Wertes durch die partielle Vortäuschung menschlichen Mitgefühls. Ekelhaft, widerlich, abstoßend!

3. Oktober 2034 – der Tag, an dem der Hass endgültig besiegt wurde

Von Gastautor Oliver Zimski auf vera-lengsfeld.de am 11. September 2019

Am Nachmittag des 3. Oktober 2034 stand Winston inmitten einer Hunderttausende zählenden Menschenmenge in Sektor C vor dem Palast der Transparenz, wie das Berliner Schloss seit dem Einzug der Regierung hieß, und konnte seine Neugier kaum bezähmen. Tagesschau-korrekt hatte ein wichtiges Kommuniqué angekündigt, das über den Inhalt der üblichen Festreden am Tanavom (Tag der nationalen Vielfalt und offenen Moschee) weit hinausgehen sollte, weshalb die Bevölkerung aufgefordert wurde, massenhaft Gesicht zu zeigen. Wie Winston aus Gesprächsfetzen aufschnappte, hatten auch die Umstehenden keine Ahnung, worum es gehen könnte. Als Hauptredner*in würde wahrscheinlich wie jedes Jahr der Vorsitzende des Staatsrates Meik Haas auftreten. Direkt hinter Winston unterhielten sich zwei Frauen angeregt darüber, welches Outfit der unbestritten bestgekleidete Politiker der Bunten Republik heute wohl tragen würde, wenn er die Neuigkeit verkündete.

Seit Tagen waren die Vorbereitungen für den höchsten Feiertag des Jahres in vollem Gange, der dem reaktionären Weihnachtsfest längst den Rang abgelaufen hatte. Kinder wurden mit Geschenken beschert. Die Menschen tanzten auf den Straßen und boten die traditionellen orientalischen Süßspeisen feil. Bereits in den vergangenen Nächten war aus dem Tiergarten, wo sich die Großfamilien auf den Tanavom einstimmten, der Duft gebratener Hammel emporgestiegen. Wenn abends aus Klimaschutzgründen mit dem Strom auch die Straßenlaternen abgeschaltet wurden, konnte Winston von seinem Balkon aus den Schein ihrer Lagerfeuer sehen.

Im Anschluss an die heutigen Reden sollte Unter den Linden eine Friedensparade stattfinden mit den beliebten All-Gender-Trommelgruppen, den eurabischen Brigaden sowie bewaffneten Einheiten der Stiftung, welche für die öffentliche Sicherheit im Land verantwortlich zeichnete. Den Abend abschließen würde ein großes Bevölkerungsfest, wie es seit Ausrufung der Bunten Republik vor zehn Jahren zur schönen Tradition geworden war.

Unschön waren allerdings die Gerüchte, die sich gestern in der Stadt verbreitet hatten, wonach es während der Tanavom-Vorbereitungen zu Übergriffen von Brigadisten auf weibliche Mitglieder der Trommelgruppen gekommen sei. Höchstwahrscheinlich hatte der Feind diese Gerüchte in Umlauf gebracht, dachte Winston. Wenn so viele verschiedene Menschen aufeinandertrafen, gab es in Einzelfällen immer kleinere Reibereien, die aber von den Regenbogenlots*innen – so die Bezeichnung der Polizei in der Bunten Republik – schnell geschlichtet wurden. Kein Vergleich zu früher, zur Dunkelzeit, in der die sogenannten Oktoberfeste regelmäßig in schlimme Gewaltexzesse ausgeartet waren. Glücklicherweise waren solche Zustände überwunden, das belegten auch die neuesten, extrem niedrigen Kriminalstatistiken von Tagesschau-korrekt.

Um Winston herum verstummten die Gespräche, denn eben betrat ein Mann die vor dem Palast der Transparenz errichtete Bühne, dessen Gesicht sogleich auf den umliegenden Großbildschirmen erschien. Winston erkannte ihn sofort. Es war Georg Bestle, ein früherer Journalist und nunmehr seit zehn Jahren Regierungssprecher. Als führender Meinungsmacher hatte Bestle in den letzten Jahren der Dunkelzeit maßgeblich dazu beigetragen, den Irrglauben an eine vermeintliche „Objektivität“ und „Neutralität“ von Journalist*innen zu eliminieren. Erfolgreich hatte er sich dafür eingesetzt, dass Medienschaffende mit ihrer Arbeit stattdessen die Werte der Bunten Republik beförderten.

Der Regierungssprecher begrüßte die Zuschauer*innen vor Ort und an den heimischen TV-Bildschirmen und kündigte tatsächlich eine sensationelle Nachricht von historischer Tragweite an. Vorher wolle er jedoch zu den Gerüchten Stellung nehmen, wonach es zu Übergriffen von Mitgliedern der eurabischen Brigaden auf die All-Gender-Trommelgruppen gekommen sei. Dabei handele es sich um Fake News, vom Feind in bösartiger Absicht gestreut – genau wie Winston vermutet hatte! Die Eurabier, führte Bestle aus, gehörten als Nachkommen von Geflüchteten einer wichtigen Opfergruppe an und konnten somit per se keine Angriffe auf andere Opfergruppen wie etwa Frauen oder Homosexuelle verüben. Das allgemeine Köpfenicken um sich herum zeigte Winston, dass diese Begründung nicht nur ihm selbst einleuchtete.

Wo blieb Julia? Den angekündigten historischen Moment wollte er doch so gern mit ihr zusammen erleben! Hoffentlich war nicht ihr gestriger Streit der Grund dafür, warum sie sich heute verspätete. Wieder einmal war es um Erziehungsfragen gegangen. Julia ließ Ché, ihren gemeinsamen 9-jährigen Sohn, oft bis tief in die Nacht im Staatsfernsehen seine Lieblingsserie „DFSR“ (Der Feind steht Rechts) schauen und wunderte sich dann, dass der Junge morgens nicht pünktlich aus den Federn kam.

Gestern nun war Winston der Kragen geplatzt. „Mach endlich den Scheiß aus!“, hatte er gerufen. Im nächsten Augenblick biss er sich auf die Zunge, aber der Satz war schon heraus. Noch nie hatte er Ché so außer sich erlebt. „DFSR ist kein Scheiß!“ schrie sein Sohn immer wieder, während ihm wahre Sturzbäche von Tränen aus den Augen schossen. Obwohl Julia ihn tröstend in den Arm genommen und Winston sich sofort entschuldigt hatte, war der Junge überhaupt nicht zu beruhigen gewesen.

Du hast seinen Lebenstraum zerstört!“, hatte Julia Winston danach vorgeworfen. Ché war nämlich ein sehr engagiertes Mitglied der Jucos (Jungcouragierte), der Nachwuchsorganisation der Stiftung. Da die Jucos darauf trainiert wurden, rechtes Gedankengut zu entlarven und verräterische Signalwörter und Zahlenkombinationen aufzuspüren, waren sie für verbale Entgleisungen noch sensibler als Normalbürger*innen.

Inzwischen hatte der erste Festredner mit seiner Ansprache begonnen. Mayzek Abu-Schakka, der Imam der Fusselet-Großmoschee, beschwor den Zusammenhalt aller Menschen guten Willens und warnte vor versprengten Terroristen der Köterrasse – wie die monokulturell-deutschsprachige Bevölkerungsgruppe von vielen Eurabiern scherzhaft genannt wurde – die immer noch zu Gedanken- und Hassverbrechen fähig seien. Deshalb dürfe die Zivilgesellschaft in ihrer Wachsamkeit nicht nachlassen. Für dieses mutige Bekenntnis zu den Werten der Bunten Republik gab es langanhaltenden Beifall. Winston fand es bemerkenswert, dass der Imam seine Rede in relativ akzentfreiem Deutsch hielt, während die eurabischen Untertitel auf der Großbildleinwand mitliefen. Mit dieser Geste setzte er ein wichtiges Zeichen für den zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt.

Als nächsten Redner kündigte Regierungssprecher Bestle wie erwartet Meik Haas an, Mitglied des Zentralkomitees der Koala (Koalitionspartei aller antifaschistischen Kräfte) und Vorsitzender des Staatsrates. Da Haas nicht nur politisch, sondern auch modisch Haltung zeigte und so von den Bunten Blättern, dem wichtigsten und einzigen Presseorgan, regelmäßig zum bestgekleideten Politiker gewählt wurde, ertönten bei seinem Erscheinen allerlei Ah´s und Oh´s im Publikum, vor allem von weiblichen und queeren Zuschauer*innen. Heute trug er einen giftgrünen Samtblazer zu orangefarbenen Röhrenjeans, schick und leger zugleich, was auch durch seinen Dreitagebart unterstrichen wurde. Diesen hatte er sich – so munkelte man – von den eurabischen Brigaden abgeschaut, bei denen Glattrasur als unmännlich verpönt war.

Mit federnden Schritten eilte Staatsratsvorsitzender Haas auf die Bühne, gefolgt von einer Frau. Als Winston sie erkannte, begann er vor Aufregung wie ein Flummi auf der Stelle zu hüpfen. Wenn die berufsbedingt öffentlichkeitsscheue Ministerin für Bevölkerungsaufklärung und Vorsitzende der Stiftung Anita Haken hier vor dem Palast der Transparenz auftrat, musste wirklich etwas Außerordentliches geschehen sein. Und damit nicht genug, denn hinter Haken erschienen weitere wichtige Politiker*innen: Aumaier, Wehhofer, Schmolz und wie sie alle hießen, fast der gesamte Staatsrat. Mit jedem Gesicht auf der Großleinwand wurde das Raunen im Publikum lauter. Winston war voller Bewunderung für die versammelte Regierungsriege. Obwohl teilweise schon seit 30 Jahren im Amt, zeigten sie keinerlei Ermüdungserscheinungen!

Haas stellte sich ans Mikro und breitete beide Arme aus. In der Menge wurde es ruhig. „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute…“, hob der Vorsitzende des Staatsrates an und legte eine kleine, aber sehr wirkungsvolle Kunstpause ein, „…der Hass endgültig besiegt wurde!“

Die beiden letzten Worte gingen unter im ohrenbetäubenden Jubel der Masse. Auch Winston schrie wie am Spieß. Dann ebbte der Lärm wieder ab und wich einem kollektiven ungläubigen Staunen. Wie konnte der Hass endgültig besiegt worden sein? Die Bedrohung durch den Feind schien doch allgegenwärtig, auch der Imam hatte das gerade wieder betont.

Was nun geschah, setzte allem bisher Erlebten die Krone auf. Gestützt auf zwei Helfer*innen wurde eine korpulente Greisin im lila Kostüm auf die Bühne geleitet. Die Mitglieder des Staatsrates machten Platz, bis sie in ihrer Mitte angekommen war. Winston wollte seinen Augen kaum trauen, doch sie war es wirklich: die Ewige Kanzlerin, wie die oberste Repräsentantin der Republik im Bevölkerungsmund genannt wurde. Vor mittlerweile 19 Jahren hatte sie mit ihrer mutigen Entscheidung, die Grenzen für Migrant*innen aus aller Welt zu öffnen und jegliche Einreise- und sonstigen Kontrollen ersatzlos abzuschaffen, der Entwicklung von der reaktionären Bundesrepublik Deutschland zur weltoffenen und toleranten Bunten Republik den entscheidenden Schub gegeben! Doch in der Öffentlichkeit hatte sie sich schon lange nicht mehr gezeigt.

Hinten in der Menge kamen „Mama, Mama!“-Sprechchöre auf und pflanzten sich wie ein Echo bis vor die Bühne fort. Das war der Ruf, der alle Bewohner*innen der Republik, egal welcher Religion, Herkunft und Muttersprache, miteinander verband. Nun verschränkte die Ewige Kanzlerin ihre Hände vor dem Bauch zu jener charakteristischen Figur, die sie weltberühmt gemacht hatte. Beim Anblick der Raute auf der Großbildleinwand wurde das Publikum von einem kollektiven Zittern ergriffen, das einige Sekunden anhielt. Winston hatte schon von der suggestiven, ja hypnotischen Wirkung dieser großartigen humanistischen Geste gehört – nun, da er sie live erlebte, konnte auch er sich ihr nicht entziehen. „Alles wird gut!“, lautete die nonverbale Botschaft der Raute. „Wir schaffen das!“ Als ihre schlotternden Glieder sich wieder beruhigt hatten, brachen die Menschen in lautes Weinen aus und umarmten einander. Wie sehr hätte Winston sich in diesem Moment Julia an seiner Seite gewünscht!

Nachdem die Ewige Kanzlerin unter stürmischem Beifall wieder von der Bühne geführt worden war, ergriff Ministerin für Bevölkerungsaufklärung und Vorsitzende der Stiftung Anita Haken das Wort. „In der vergangenen Nacht kam es zu bedeutsamen Festnahmen auf dem gesamten Gebiet unserer Republik“, teilte sie mit und wies auf den Großbildschirm, wo im selben Moment maskierte Spezialkräfte gezeigt wurden, die die Verhafteten zu bereitstehenden Hubschraubern brachten. Dazu wurden die vollen Namen der Delinquenten und ihre Straftaten eingeblendet.

Wieder einmal waren es ausschließlich ältere weiße Männer aus der Köterrasse, der leider auch Winston selbst entstammte. Einer hatte wiederholt gegen die klimaschutzbedingten abendlichen Stromabschaltungen gehetzt und damit seine gesamte Nachbarschaft terrorisiert. Der Nächste hatte sich zu der Behauptung verstiegen, die Offenbarungen des Propheten seien nicht wortwörtlich, sondern nur im übertragenen Sinne zu verstehen. Wenn es um Blasphemie ging, verstanden die Beamt*innen der Stiftung keinen Spaß, auch mit Rücksicht auf den zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt und die religiösen Gefühle der eurabischen Bevölkerungshälfte. Ein Dritter hatte sich im Familienkreis gar als Sympathisant des berüchtigten Rechtsterroristen Sarazen zu erkennen gegeben.

Der Rechtsterrorist Sarazen hatte vor knapp 25 Jahren einen heimtückischen Anschlag auf die sich damals erst allmählich formierende weltoffene und tolerante Zivilgesellschaft verübt, einen widerlichen und ekelhaften Anschlag mit Hassparolen, die Zweifel daran säten, dass alle Menschen gleich seien! Als man ihn endlich verhaftete, hatten seine Anhänger*innen gezetert und die sogenannte „Meinungsfreiheit“ angeführt: Ihr Idol habe doch lediglich ein Buch veröffentlich! Dabei hatte man bereits in den letzten Jahren der Dunkelzeit erkannt, dass Faschismus keine Meinung war, sondern ein Verbrechen. Dass einem bösen Wort die böse Tat meist auf dem Fuß folgte! Inzwischen konnten die wissenschaftlichen Institute der Bunten Republik sogar zweifelsfrei belegen, dass jedem bösen Wort zwangsläufig ein böser Gedanke vorausging, deshalb wurde gegenwärtig sowohl auf technischer als auch juristischer Ebene fieberhaft daran gearbeitet, auch Gedankenverbrechen nachweisen und gebührend bestrafen zu können.

Entsprechend sensibilisiert war die heute hier versammelte Menge. Erst stöhnte sie vor Abscheu über die unfassbaren Verbrechen laut auf, dann ertönten spontane Sprechchöre: „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!“ und „Alerta, alerta, antifaschista!“

Zwecks Resozialisierung und zu ihrem eigenen Schutz würden die Hassverbrecher für viele Jahre im Fülag (Lager der Fürsorge) verschwinden, dachte Winston mit Schaudern. Auch er selbst hatte vor Jahren einmal drei Monate dort verbringen müssen, wegen einer unbedachten Äußerung gegenüber einer Nachbarin. Dabei war es um den rätselhaften Exodus der jüdischen Bevölkerungsgruppe aus der Bunten Republik gegangen, die in den letzten Jahren fast vollständig nach Israel ausgewandert war. Keiner wusste, warum. „Und gut so, denn die passen nicht zu uns!“, hatte die Nachbarin gesagt. Dem hatte Winston widersprochen und den Verdacht geäußert, möglicherweise hätten auch antisemitische Vorurteile innerhalb der eurabischen Bevölkerungshälfte dazu beigetragen, dass sich jüdische Menschen nicht mehr wohlfühlten.

Ausgeschlossen!“, hatte die Nachbarin protestiert. „Sonst hätte ja Tagesschau-korrekt darüber berichtet!“ Danach hatte sie ihn bei der Stiftung gemeldet. Mit drei Monaten Fülag war er noch glimpflich davongekommen, aber nur weil Chés Juco-Führer sich für ihn eingesetzt hatte.

Wieder versuchte er Julia zu erreichen, und endlich ging sie an ihr Handy. „Wo bleibst du denn nur?“, sprudelte er los. „Ich stehe in Sektor C und warte schon die ganze Zeit auf dich. Wir erleben hier einen historischen Moment, den ich sehr gern mit dir geteilt hätte!“

Völlig unerwartet brach sie in Schluchzen aus. „Es tut mir leid, Winston, aber du hättest das nicht sagen dürfen!“ „Was hätte ich nicht sagen dürfen?“, fragte er entgeistert. „DFSR als Scheiß zu bezeichnen. Du wusstest genau, wie sehr Ché diese Serie liebt. Deshalb kann ich ihm seinen Schritt nicht einmal verdenken.“ „Moment mal“, rief Winston. „Welchen Schritt denn?“

Doch sie hatte schon aufgelegt. Angesichts des Trubels um ihn herum schien es wenig sinnvoll, sie zurückzurufen. Ein seltsames Gefühl ließ ihn aufschauen. Plötzlich war es gar nicht mehr so trubelig. Die Leute um ihn herum wichen schweigend zurück und starrten ihn an. Einer zeigte nach oben, auf den Großbildschirm. Winston erstarrte – dort blickte ihm sein eigenes Passfoto entgegen, daneben prangte in blutroten Buchstaben die ihm vorgeworfene Straftat: Hassrede in einem besonders schweren Fall!

Das muss ein Irrtum sein!“ rechtfertigte er sich. „Ich habe nichts Böses gesagt… Das heißt, vielleicht doch, aber es bezog sich doch nicht auf die Inhalte der Serie und schon gar nicht auf das Staatsfernsehen, sondern nur auf den Schlaf, den mein Sohn ihretwegen verpasst.“ Oje, das war auch nicht besser ausgedrückt!

Also, nicht ihretwegen…“ stammelte er. „Diese Serie schaue ich ja selbst sehr gern. Außerdem habe ich mich längst für meine Äußerung entschuldigt!“ Er verstummte, denn von vorn näherten sich ihm zwei Regenbogenlots*innen mit ihren schillernd bunten Uniformen und Helmen, die Taserpistolen im Anschlag, weitere sah er im Hintergrund anrücken.

Wir alle sind gerade Zeug*innen“, hörte er Hakens eindringliche Stimme, „wie der letzte rechte Hetzer enttarnt und zur Verantwortung gezogen wird. Mit ihm ist der Hass endgültig besiegt!“

Mit mir?“, schrie Winston, außer sich vor Panik und Wut. „Ich bin immer ein gesetzestreuer Bürger gewesen. Seid ihr alle total verrückt geworden?“

Nein, diesen Hassparolen werden wir hier nicht länger ein Forum bieten!“, dröhnte Regierungssprecher Georg Bestle über die Lautsprecher. „Deshalb leisten wir jetzt alle lauten und fröhlichen Widerstand! Hoch lebe der Tanavom! Hoch lebe unsere weltoffene und tolerante Bunte Republik!“

Ein ohrenbetäubendes Gejohle und Gepfeife hob an. Während Winston durch eine von den Zuschauer*innen gebildete Gasse abgeführt wurde, sah er die Umstehenden kreischen und mit den Füßen auf dem Boden trampeln. Eine Frau riss sich vor Empörung die Haare aus. Mehrere Leute versuchten ihn anzuspucken. Der Regenbogenlotse, der die Tür zum vergitterten Gefangenentransporter aufhielt, versetzte ihm einen solchen Tritt in den Rücken, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Das Letzte, was Winston hörte, als der Wagen mit ihm anfuhr, waren schwache „Mama, Mama!“-Rufe, aber er konnte nicht mehr unterscheiden, ob sie von draußen kamen oder aus seinem tiefsten Innern.

Tierrechte und Globalisierung

Rebloggt von Tierfreund Hubert auf hubwen.wordpress.com

Von Edmund Haferbeck

Bildquellenangabe: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Jahrzehnte langer Kampf für Tierschutz und Tierrechte, zehntausende Artikel, Hunderte von Fernseh- und auch Kinobeiträgen, Hunderte Buchpublikationen, Petitionen, Anhörungen, Gutachten, zigtausende Gespräche mit Politikern, Wissenschaftlern, die PETA-Holocaust-Kampagne mit ihrer höchstrichterlichen Absegnung der Zulässigkeit und Notwendigkeit – und wo bleibt die Wirkung?

In der aktuellen Klimadiskussion greift die Problematik ‚Tierrechte’ kaum Raum, es bedarf ungeheurer Anstrengungen, um überhaupt den Hauptverursacher der Klimakatastrophe, nämlich die konstante Verleugnung der Tierrechte mit der Folge der weltweiten Fleischproduktion in die veröffentlichte Meinung zu bekommen. Andere, auch rein anthropozentrisch verursachte Klimakiller wie der weitweite motorisierte Individualverkehr oder auch die Kraftwerks-Problematik, mit und ohne Kernkraftwerke, bestimmen die Diskussionen.

Da wundert es auch nicht, dass in einer ansonsten durchaus zutreffenden Analyse der Welternährungssituation und der Verträglichkeit für den Globus der Biochemie-Professor Klaus Hahlbrock sichtweisenverkehrt zum asiatischen Raum schlussfolgert: „Fleisch und Fisch haben noch aus einem anderen Grund eine besondere Bedeutung: Der rapide wachsende Konsum hat durch den großen Futter- und Wasserbedarf gravierende Auswirkungen auf die langfristige Sicherung der menschlichen Ernährung.“ Mensch und Tier in einer vermeintlichen Konkurrenzsituation um die vegetabilen Nahrungsressourcen des Planeten, wobei die „Veredelung“ in einem Verhältnis von 1:10 verschwenderisch stattfindet: Das Vieh der Reichen frisst die Nahrung der Armen. Tierrechte?

Immerhin kommt der Professor dann doch zu einer zwar auch speziesistisch unterlegten, jedoch richtigen Schlussfolgerung, die Tierrechtler seit Jahrzehnten gebetskühlenartig sozusagen widerkauen: „Wie bei der pflanzlichen Nahrungsproduktion, kann auch bei der Fleisch- und Fischproduktion die Lösung nur darin bestehen, der ökologischen Nachhaltigkeit den Vorrang vor Genuss- und Statusfragen zu geben. Das muss erst recht dann gelten, wenn die ökologische Realität nichts anderes zulässt, als ein ausreichende menschliche Ernährung durch Einschränkungen in der Fleisch-, Milch- und Fleischproduktion zugunsten pflanzlicher Nahrungsmittel sicherzustellen.“

Na, immerhin. Würde die Gesellschaft endlich den Tierrechten zum Durchbruch verhelfen, würden alle gewinnen und überleben, ohne speziesistisch sein zu wollen, die Zusammenhänge sind nun mal Fakt: Keine Nutzung von Tieren mehr für den Menschen, Anerkennung der Tiere als eigenständige, mit Rechten ausgestatteten Mitgeschöpfen, unter denen der homo sapiens einer von vielen ist, der Globus könnte locker die derzeitigen 6 Milliarden Menschen ernähren, mit sauberem Trinkwasser versorgen, es gäbe kaum Bodenerosion, keine Vergiftungen und das Klima könnte sich stabilisieren. Die Regenwälder könnten unberührt bleiben, die Ausbeutung auch der Menschen in den Schlachthäusern hätte ein Ende, die in der Fleisch- und Tierhandelsmafia grassierende Wirtschaftskriminalität als Aushöhlung unseres Gemeinwohls würde beendet werden, und es würde nicht nur Rechtsfrieden, sondern auch Frieden in die Gesellschaften einkehren.

Utopie? Zugegeben, es geht alles zu langsam, erst 2002 hat Deutschland den Schutz der Tiere zum Verfassungsrang erhoben ohne wesentliche Auswirkungen bislang in der Praxis, in Neuseeland und künftig wohl auch in Österreich genießen die großen Menschenaffen die gleichen Rechte wie die Menschen. Aber sicher und auch von noch so honorigen Wissenschaftlern, die selbst nicht gerne auf ihr Filet, Salami- oder Fischbrötchen verzichten wollen, nicht mehr länger zu leugnen: Die Tierrechte allein sind in der Lage, diesen Globus mit allem Leben darauf zu retten, weder Reduzierungen bei den Emissionen von Kraftfahrzeugen, Flugzeugen oder Großkraftwerken oder landschaftsschonende Bauweisen oder ähnliches sind hierzu in der Lage, obwohl das alles auch sein muss. Der Durchbruch aber liegt allein bei den Tierrechten, es ist zu hoffen, dass dies wenigstens die nachfolgenden Generationen noch erleben dürfen.