Wort zum Sonntag


G l a u b e n s b e g a b t :

Es ist eine bittere Erkenntnis, dass all die Schriften der großen Denker und Philosophen weitgehend vergeblich sind. Sie erreichen nur Herz und Handeln einer exilierten Minderheit, dem Rest dienen sie als schöne Floskeln in heuchlerischen Sonntagsreden, als intellektueller Umhang, der situativ an- und abgelegt werden kann. Die Anforderungen aus diesen Schriften – sofern sie denn überhaupt gelesen werden – an Wissen, Vernunft, Logik, Demut, Selbsterkenntnis und freiem Willen sind für die Majorität zu gewaltig und ihre Ansprüche liegen zudem ständig im aussichtslosen Kampf mit der Gefühlswelt des Individuums. Sind es doch zumeist Gefühle, Emotionen, die den Menschen berühren, ihn lenken, ihn ansprechen, denen er instinktiv den Vorzug gegenüber konsequent durchdachten Lösungen gibt.

Nur diese vagen, gespürten Gefühlselemente liefern die ungeschmälerte Erfüllung seines Wunschdenkens und somit sind es die Glaubensirrealitäten, die sein Bewusstsein angenehm und für ihn widerspruchsfrei steuern, so dass hieraus letztendlich der Sieg des Irrealen, des Glaubens, über die Vernunft resultiert.

Fazit: Der Mensch ist weniger das vernunftbegabte Wesen, vielmehr ist er das glaubensbegabte, aber auch das glaubensmissbrauchte Wesen.

 

S c h w e i g e n :

Wer mit religiösen Menschen ein Gespräch nach den Gesetzen einer konsequenten Logik über die Sinnhaftigkeit von Glaubensfragen führt, wird sehr schnell – nach kurzem Durchlauf der üblichen Religionsrhetorik – immer die gleiche Antwort bekommen, nämlich eisiges Schweigen. Es ist ihre spezifische Art, Wunschfiktionen zu verteidigen.

 

S p a g a t c h r i s t e n :

Das Christentum lehrt mit seiner Kernaussage, dass die Hierarchie aller Existenz mit Gott beginnt, als Mittelbau den Mensch besitze und dieser wiederum dem Leben der gesamten Natur übergeordnet sei, einen totalitären fundamentalistischen Anthropozentrismus. Gekrönt wird diese Hybrislehre dadurch, dass der Mensch das Ebenbild Gottes sei, nur er eine unsterbliche Seele besitze, die ihn auf ewiges Leben hoffen lasse und er die Krone der Schöpfung und ihr letztendliches Ziel sei. Zudem sei nur ihm eine Würde immanent, die vorrangig vor jeder anderen Lebensform stehe und nur ihm sei tiefgreifende Begabung zur Vernunft gegeben.

Der Alltags-Christ, geschmeichelt und eingebildet-selbstgefällig durch diese vermeintliche göttliche Aufwertung seiner Existenz, lebt und verkörpert weltweit den anthropozentrischen Herrschaftsanspruch mit brutalster Radikalität und gnadenloser Grausamkeit gegenüber Natur und nichtmenschlichem Leben.

Einem extremen Spagat zwischen stringenter Vernunft und irrealem Glauben ist hingegen der Tierschützer ausgesetzt, der als Angehöriger dieser Konfession die Wirkungen der christlichen Lehre gegenüber der Tierwelt beobachtet, an seiner Beobachtung zutiefst leidet und ihre Folgen lindern möchte, gleichzeitig aber weiterhin Christ sein und bleiben möchte. Er ist ein Mensch, der sein intellektuelles Gewissen, sofern überhaupt vorhanden, durch seine Zweigleisigkeit schamlos entehrt und befleckt, sich gleichzeitig aber im Spiegel seiner eigenen Bewertung rein, sauber und makellos sieht. Die persönlichen Vorteile aus dieser Lehre im Diesseits und Jenseits sind ihm zu verlockend und wiegen ihm zu schwer, als dass er auf sie in seiner Gedankenwelt verzichten möchte, um sich stattdessen auf den Pfad der konsequenten Vernunft zu begeben, damit er diesem Vernichtungsglauben letztendlich aus Gründen der Rationalität den Rücken kehre.

Er mutiert durch sein Verbleiben in der Scheinwelt des Glaubens gleichzeitig zum Streiter gegen die Auswirkungen seiner Religion und bleibt dennoch Förderer derselben. Er lindert durch seinen Einsatz im Tierschutz die Krankheitssymptome des Anthropozentrismus, gießt aber gleichzeitig die Wurzel des Strauches, der diese verheerenden Krankheitsfrüchte trägt. Er ist der gespaltene Mensch, der auf dem schmalen Verbindungsgrat zwischen Erkenntnis und Glauben residiert, er ist der mittelbar Leidende an den Wirkungen seines Glaubens und trotzdem der unmittelbar hoffende Glaubensanhänger, er ist der Spagatchrist, ein Ignorant der Evidenz.

Wort zum Sonntag

A n t i n o m i e :

Kalte, klare Vernunft und hohle, substanzlose Glaubensgefühle werden trotz aller Bemühungen und Toleranzversuche niemals zu einem Konsens zusammenkommen – handelt es sich doch um eine Antinomie. Aber wer will und kann diese logische Unvereinbarkeit in Menschenhirne brennen, zumal auf den Flügeln der Verblödung für die Majorität der angenehme, lauwarme Wind zunehmender Beliebigkeit am besten genutzt werden kann?

L i c h t e n b e r g :

Stößt ein Kopf mit der Bibel, dem Talmud oder dem Koran zusammen und es klingt hohl, muss es nicht unbedingt an dem Kopf liegen.

U m k e h r u n g :

Religiöse Gefühle werden verletzt? Nein, es ist die Umkehrung des Satzes, die Sinn macht. Durch religiöse Gefühle wird der Verstand verletzt, die Vernunft wird beleidigt!

N e u z e i t :

Sein bestes Glaubensargument hat man dem Katholizismus in der Neuzeit aus der Hand genommen: Den Scheiterhaufen! Es gibt nicht wenige Glaubensbrüder, die das zutiefst bedauern.

U n s a u b e r :

Der Atheist gilt dem Advokaten des Glaubens gemeinhin als Antithese seines eigenen Denkens, als argumentum e contrario. Sein verzweifeltes Bemühen richtet sich darauf, Atheisten nachzuweisen, dass sie, in welcher Form auch immer, gleichfalls einem Glauben – und sei es der Glaube an die Nichtexistenz eines Gottes – anhängen und damit gleichfalls „Gläubige“ seien. Ihm entgeht dabei oder er ignoriert bauernschlau den Fakt, dass eine Nichtexistenz in jeder Form grundsätzlich – zumindest ohne sophistisch-logische Gedankenspiele – unbeweisbar ist.

Aber selbst wenn dem Gotteskämpfer ein partieller Glaubensnachweis bei einem Atheisten oder Nihilisten gelingen sollte, ist damit niemals ein Beweis für eine Gottesexistenz erbracht, sondern nur ein Nachweis für die Unsauberkeit und Inkonsequenz des Denkens beider Diskutanten.

Das Wort zum Sonntag

O s t e r s a m s t a g :

Am Abend jedes Ostersamstags werden die Pfaffen ganz unruhig, kämpfen innerlich mit den größten Befürchtungen. Denn würde – wogegen jedoch die Vernunft und jede Wahrscheinlichkeit steht – am Ostersonntag tatsächlich ihr Herr wieder auferstehen, wären sie die ersten, die er zum Tempel hinausjagte, diese Berufsverdreher seiner Lehre.

B i l l i g :

Eine Kerze für einen Euro in der Kirche vor einem Heiligenbild angezündet und Gott betrachtet mich wohlgesonnen, zumindest, so der Glaube, wohlgesonnener.
Wie wird er mich aber erst betrachten, wenn ich zwei oder gar drei Kerzen spendiere?

R a c h e :

Religion ist die stille Rache der Beschränktheit an der Vernunft.

G e r e c h t i g k e i t :

Ist es nicht eine angemessene Gerechtigkeit, dass diejenigen, die Religion und Staat zu einem Gottesstaat freiwillig verknüpfen, danach die Grausamkeiten, Einschränkungen und Unfreiheiten ihre Glaubenshalluzination in ihrem täglichen Leben fürchterlich büßen müssen?

E r g ä n z u n g :

Wer Ohren hat, zu hören, der höre! So steht es mehrfach in den Evangelien.
Ich ergänze den fehlenden, den wichtigeren Teil: Wer Verstand hat, zu denken, der denke!

R e l i g i o n s p h y s i k :

Zu religiösen Märtyrern kann man stehen wie man will. Als Gläubiger voller Bewunderung, als Ungläubiger fassungslos, was religiöser Wahn im Kopf eines Menschen anrichten kann. Ein wichtiger Punkt sollte aber nicht unterschlagen werden: Mit seinem frühzeitigen Ableben hat der Märtyrer die Welt ein kleines Stück in Richtung Vernunft gedreht, ist doch sein persönlicher, irrationaler Religionswahn mit ihm untergegangen.

Da Dummheit aber schneller nachwächst als Vernunft, gilt der Märtyrer gern bei seinen religiösen Gefährten als Vorbild. Somit wird der kleine Ruck in Richtung Vernunft durch einen gewaltigen Schub in Richtung Wahn überkompensiert. Diese Drehrichtung ist es, welche die Menschenwelt immer stärker beschleunigt, zum Kreisen bringt.

Die Zentrifugalkraft des Wahns schleudert somit bei zunehmender Drehung große Segmente der Vernunft in die Nichtigkeit hinaus – zentraler Lehrsatz der Religionsphysik!