Wort zum Sonntag


Kaum jemand ist so von der Sinnlosigkeit und Belanglosigkeit des Lebens, speziell auch des menschlichen Lebens überzeugt, wie ich. Und kaum jemand wird von Banalitäten und Belanglosigkeiten so tief getroffen wie ich.


Menschliches Leben = Materie + Bewusstsein, Tod = Materie + Nichts oder Metamorphose der Materie + Nichts


Du darfst den Tag erst dann loben, wenn du am nächsten Morgen unversehrt aufgewacht bist, so wie du dein Leben erst dann endgültig werten kannst, wenn du auf dem Sterbebett liegst. Unterliege nicht dem verführerischen Glanz des Jetzt – weder im Guten noch im Bösen.


Man kann es nicht verhehlen. Schlägt das Schicksal bei einem Menschen ein, den man kennt, dem man vielleicht sogar näher steht, überkommt einen ein Gefühl der Erleichterung. Nicht weil es ihn getroffen hat, sondern aus dem befriedigenden Wissen heraus, dass für dieses Mal das Schicksal einen selbst übersehen hat.


Man muss die Demokratie der Masse durch die Diktatur der Vernunft ersetzen.


Die Menschenmasse erdrückt jede Vernunft. Masse ist das Synonym für Beliebigkeit mit der Folge der Sinnlosigkeit von jedwedem moralisch-vernunftgesteuertem Verhalten. Masse ist die Beibehaltung triebhafter Vernichtungsinstinkte, Masse ist der Virus für einen radikalen Globocids, Masse ist der Suizid früherer Kultur und Tugend.


Alles, jeder Besitz, mein Körper und mein Leben ist mir nur vom Schicksal geliehen, nichts gehört mir endgültig und dauerhaft. Das tägliche Streben, Gieren, Strampeln, Verlangen und Vermissen sind tatsächlich nur Gaukelspiele von und für Besitzlose, eine temporäre Beschäftigung und gleichzeitig eine dauerhafte Nichtigkeit.


 

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Wort zum Sonntag

Im Horizont des Unendlichen

Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! Sieh dich vor! Neben dir liegt der Ozean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, daß er unendlich ist und daß es nichts Furchtbareres gibt als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stößt! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre – und es gibt kein „Land“ mehr!

Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, 124


Wenn der Mensch die Krone der Schöpfung ist, hat man wirklich keinen Bedarf mehr, den Schöpfer selber kennen zu lernen, scheint er doch seine Leere und Lehre mit der Menschenproduktion unverständlicherweise aufgegeben zu haben. Hätte er doch besser weitergedöst und nicht aus Langeweile und Unterbeschäftigung begonnen, Materie und danach auch noch Leben zu schaffen.


Am Anfang schuf Gott die Erde als Hölle.


Leben schaffen, gebären, bedeutet in erster Linie die systematische Erzeugung von Leiden, in zweiter Linie aber Leichenproduktion. Das gilt für jegliche Kreatur.


Das Nichts gewinnt immer über das Etwas, denn jedes geschaffene Leben fällt durch den Tod ins Nichts zurück.


Erst der Tod hebt das Diktat der Geburt auf, stellt die Kreatur gleich mit der Situation einer Nicht-Geburt. Der Nie-Gewesene verliert nichts, verlässt er doch niemals die Leidensfreiheit. Hier ist er dem Toten gegenüber entscheidend im Vorteil, da dieser erst nach der Höllenfahrt durchs Leben in die Leidensfreiheit gelangt.


Was bedeuten alle Kriege, alle Verbrechen, alle Gräueltaten, die Menschen an Menschen begehen, gegenüber dem Wüten und Morden der Menschheit in der Tierwelt? Nichts, absolut nichts, sie sind dagegen eine quantité négli-geable, eine unbedeutende, vernachlässigbare Größe.


Sein hat keinen Vorrang vor dem Nichts, der Nichtexistenz fehlt nichts, weder Glück noch Schmerz, weder Furcht noch Hoffnung.


 

Wort zum Sonntag

Fortsetzung „Wort zum Sonntag“ vom 24.09.2017

Vierte Entscheidung – Inwieweit ist das Gotteswort verbindlich für Staat, Priester und Gläubige?

Kulte des Monotheismus – und jeder Monotheismus ist fundamentalistisch, anthropozentrisch und totalitär – propagieren heute einen Anthropozentrismus, der in das Museum der Absurditäten, in das Horrorkabinett frühmenschlicher Riten gehört. Die Blutspur dieser totalitären Glaubensvorstellungen zieht sich von den Kreuzzügen bis zur Inquisition, vom Gottesstaat bis Al Kaida, von der Segnung des Tiermordes in Hubertus-messen bis zur Segnung der Waffen und Soldaten bei jeglicher kriegerischen Auseinandersetzung. Egal auf welcher Seite gekämpft wird, es geschieht immer mit Gott, meist sogar im Auftrag Gottes, mit der jeweils zuständigen Gottesfiktion an der Seite des Kämpfenden.

Man muss es endlichen begreifen und verinnerlichen, man muss es überdeutlich aussprechen und danach handeln, was Johann Most in seiner „Gottespest“ treffend auf den Punkt brachte:

„Je mehr der Mensch an Religion hängt, desto mehr glaubt er. Je mehr er glaubt, desto weniger weiß er. Je weniger er weiß, desto dümmer ist er. Je dümmer er ist, desto leichter kann er regiert werden! – Dieser Gedankengang war den Tyrannen aller Länder und Zeiten geläufig, daher standen sie auch stets mit den Pfaffen im Bunde.“ (Johann Most, Die Gottespest, edition libertaire, Luzern 1987)

Der christlich geprägte metaphysische Rahmen, der das vollständig anthropozentrisch geprägte Weltverständnis nicht nur der westlichen Hemisphäre bildet, wird somit zusammenfassend von folgenden Säulen getragen:

Die Hierarchie aller Existenz beginnt mit Gott, besitzt als Mittelbau den Mensch und dieser ist wiederum dem Leben der gesamten Natur übergeordnet, das dem Menschen zu seinem Nutzen zur Verfügung gestellt wurde. Der angebliche Gottesbefehl hierzu lautet:

1Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch und erfüllt die Erde. 2Furcht und Schrecken vor euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. 3Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich‘s euch alles gegeben. (Gen 9, 1-3)

  • Der Mensch ist das Ebenbild Gottes.
  • Nur der Mensch besitzt eine unsterbliche Seele und kann ewiges Leben erhoffen.
  • Nur dem Menschen ist tiefgreifende Begabung zur Vernunft gegeben.
  • Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, ihr letztendliches Ziel und ihm ist eine Würde immanent, die vorrangig vor jeder anderen Lebensform steht.

Vor dem Hintergrund dieser metaphysischen Grundaxiome ist das heutig gültige, profane, weltliche Denkmuster zu betrachten, welches als Transformator der metaphysischen Vorgaben auf das tägliche Leben wirkt. Sigmund Freud beschreibt das Gesagte in folgenden Zeilen:

Eine besondere Bedeutung beansprucht der Fall, dass eine größere Anzahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücksversicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen wir auch die Religionen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.

Der Staat

Die Religionsfreiheit ist ein elementares Grund- und Menschenrecht, das im Wesentlichen im Zeitalter der Aufklärung erkämpft wurde und heute in der Verfassung der meisten Staaten und Weltorganisationen zu finden ist. Heute haben fast alle europäischen Staaten, außer Weißrussland und dem Vatikan, die Menschenrechtskonvention unterzeichnet und ratifiziert. Das deutsche „Grundgesetz“ sichert die Religionsfreiheit in Art. 4 zu:

„(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“

Nun ist Religionsfreiheit kein Gnadenakt und Geschenk des Staates an seine Untertanen um diese zu beglücken, sondern resultiert aus der kalten und berechnenden Überlegung der Herrschenden, mit Religionsfreiheit einen dauerhaft schwärenden Unzufriedenheitstumor am Volkskörper ausgeschaltet zu haben. Es lässt sich wesentlich leichter regieren, und das war bereits die Erkenntnis des ersten christlichen Kaisers Konstantin, wenn Religionsführung und Staatsführung synchron laufen, sich gegenseitig in ihren Machtansprüchen stützen.

Für diese unheilvolle Allianz von Staat und Kirche wurde allerdings ein Preis bezahlt, der in seiner verheerenden Wirkung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, den Michael Bakunin wunderbar präzisiert hat:

„Ob es den Metaphysikern und religiösen Idealisten, Philosophen, Politikern und Dichtern gefällt oder nicht: Die Gottesidee enthält die Abdankung der menschlichen Vernunft und Gerechtigkeit an sich, sie ist die entschiedenste Verneinung der menschlichen Freiheit und führt notwendigerweise zur Versklavung der Menschen in Theorie und Praxis.“ (Michael Bakunin, Gott und der Staat, Karin Kramer Verlag Berlin, 1995)

Religionsfreiheit ist der geglückte Versuch der Gotteserfinder, steinzeitlichen bis spätantiken Mystizismus mitsamt seinen Welterklärungen als moralische Handlungsmaxime für das Atomzeitalter festzuschreiben, indem Jedermann die Heiligkeit seiner persönlichen Torheit und Unwissenheit staatlich garantiert wird. Mit der gesetzlich geschützten und verbürgten Abdankung der Vernunft wurde mithin ein Reservat für Ignoranz und Torheit geschaffen, dessen Abwässer sich in der religiösen cloaca maxima sammeln und den Odem der Vernunft mit ihrem Gestank bis zum Koma umnebeln, den Verstand, den man so bitter für die Aufgaben der Gegenwart bräuchte.

Aber wo Unvernunft gesegnet wird, ist Vernunft ein Werk des Teufels und ein Reservat für den Teufel wäre das teuflischste schlechthin … in den Augen der Gotteseleven. Noch vor Erfindung der Religionsfreiheit hat der große Heinrich Heine den vergleichbaren Aspekt wie folgt beleuchtet:

Der Teufel glaubt nicht, er stützt sich nicht blindlings auf fremde Autoritäten, er will vielmehr dem eigenen Denken vertrauen, er macht Gebrauch von der Vernunft! Dieses ist nun freilich etwas Entsetzliches und mit Recht hat die römisch-katholisch-apostolische Kirche das Selbstdenken als Teufelei verdammt und den Teufel, den Repräsentanten der Vernunft, für den Vater der Lüge erklärt (Heinrich Heine, Elementargeister 3)

Der Gläubige

„Wisst also, meine lieben Freunde, wisst, dass all dies, was in der Welt als Gottesdienst und Andacht feilgeboten und praktiziert wird, nichts als Irrtum, Täuschung, Einbildung und Betrug ist; alle Gesetze, alle Vorschriften, die im Namen und mit der Autorität Gottes und der Götter erlassen werden, sind in Wahrheit nichts als menschliche Erfindungen, nicht weniger als all diese schönen Schauspiele der Festlichkeiten und Messopfer oder Gottesdienste und all diese anderen abergläubischen Verrichtungen, die von Religion und Frömmigkeit den Göttern zu Ehren vorgeschrieben sind; all diese Dinge da, sag ich euch, sind nur menschliche Erfindungen, von schlauen und durchtriebenen Politikern erfunden, dann von lügnerischen Verführern und Betrügern gepflegt und vermehrt, schließlich von den Unwissenden blind übernommen und dann endlich aufrecht erhalten und gutgeheißen durch die Gesetze der Fürsten und Großen dieser Erde, die sich solch menschlicher Erfindungen bedient haben, um das Volk dadurch leichter in Zaum zu halten und mit ihnen zu machen, was sie wollten. Aber im Grunde sind all diese Erfindungen nichts als Kälberhalfter, wie Montaigne sagte, denn sie dienen nur dazu, den Geist der unwissenden und einfachen Gemüter zu zügeln.“
(Das Testament des Abbe Meslier, herausgegeben von Günther Mensching, Suhrkamp Verlag 1976)

Dieses Testament des Abbé Meslier (1684 – 1729, Priester in Etrépigny) ist die schärfste Kritik des christlichen Glaubens mit materialistischen Argumenten, äußerst fundiert formuliert und ein frühes Dokument radikaler Thesen des aufklärerischen Materialismus.

Der Gläubige, sofern er seine Wissensbasis aus rein kirchlichen Quellen bezieht, wird zum manipulierten und manipulierbarem Objekt. Er muss sich die Frage gefallen lassen, warum – wenn es Gottes Wille und Auftrag ist – er heute seine Anweisungen zum exzessiven Töten (siehe Gottesbefehle) nicht mehr befolgt. Kennt er die Anordnungen nicht, so ist er dumm und ist in Unkenntnis der Lehre dieser Gemeinschaft beigetreten. Kennt er hingegen das gesamte Glaubensspektrum und befolgt die Anordnungen nicht, verstößt er wissend gegen Gottesbefehle, er ist charakterlos. Aber Friedrich Nietzsche exkulpiert ihn in Menschliches, Allzumenschliches, 116:

„Vorausgesetzt, dass überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltags-Christ eine erbärmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu werden, wie das Christentum ihm verheißt.“

Nach seinem offen bekannten Glauben zieht diese Nichtbefolgung der Gottesbefehle im jenseitigen Leben Strafen verschiedenster Art nach sich, die ihm aber – wie das tägliche Leben lehrt – offensichtlich recht gleichgültig sind. Sein Glaube entlarvt sich als Scheinglaube, die Furcht vor jenseitiger Strafe ist für ihn nicht entscheidungsrelevant, seine Gottesvorstellung nichts anderes als gesellschaftliches Boulevardtheater. Er will in seinem Kulturkreis dazugehören, er lebt mit dem Stigma der intellektuellen Unredlichkeit, er ist ein kritikloser Mitschwimmer. Er ist einer der Stillen, aber Unaufrechten, der Personenkreis, auf dem zu allen Zeiten schon immer die Macht der Diktatoren ruhte.

Für Menschen hingegen, denen eigenes und freies Denken Lebenselixier ist und die bis zu diesem Punkt die Entscheidungsfolge der vier Stufen durchlaufen haben, schließt sich normalerweise hier der Kreis und der Entscheidungsprozess beginnt wieder bei der ersten Stufe, in der Regel jedoch mit einer anderen Entscheidung!

Der Priester

Dieses Wissen vor Augen, pickt der heutige Berufspriester nun die Gottesworte zusammen, die der herrschenden gesellschaftlichen Struktur und Wertevorstellung entsprechen. Er weiß um die geistige Bequemlichkeit und Bildungsferne seiner Zuhörer und konzentriert sich in der Öffentlichkeit auf Schlagworte, die der herrschenden Meinung und insbesondere der Meinung der Herrschenden gefallen und eingängig sind. In der säkularen Welt kämpft der Priester, die Kirche schlechthin, um ihren Fortbestand in unangetasteter Größe, zumal sie sich im gnadenlosen Wettstreit um die religiöse Vormacht mit anderen Kulten bewegt. Er schleimt sich in die Gunst seiner Anhänger und betrügt seine Zuhörer, indem er nicht mehr das ganze Spektrum der Gottesworte lehrt, große Teile davon unterschlägt und sich auf das Segment des Wohlwollens der Massen zurückzieht.

„Solange der Priester noch als eine höhere Art Mensch gilt, dieser Verneiner, Verleumder, Vergifter des Lebens von Beruf, gibt es keine Antwort auf die Frage: Was ist Wahrheit? Man hat bereits die Wahrheit auf den Kopf gestellt, wenn der bewusste Advokat des Nichts und der Verneinung als Vertreter der ‚Wahrheit‘ gilt …“
(Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 38)

Fazit

Sowenig wie Dummheit verboten werden kann, lassen sich Religion und mystische Phantastereien eindämmen. Es ist für das reibungslose Nebeneinander einzelner Personengruppen und – angepasst an die geistige, wissensmäßige und rationale Ausstattungen der Individuen – sinnvoll, jedem Einzelnen ein Maß an kultischer Freiheit zuzubilligen, das insbesondere seiner intellektuellen Fähigkeit entspricht und ihm Zufriedenheit garantiert.

Nicht sinnvoll und vor allem nicht hinnehmbar ist hingegen in einer säkularen Welt die zunehmende Dominanz bildungsferner Glaubenshalluzinationen in den Strukturen moderner gesellschaftlicher Vernetzungen. Das Spektrum reicht von christlichen Evangelikalen, die an den Beginn der Welt vor 6000 Jahren glauben und die Evolution schlichtweg leugnen, bis hin zu den Forderungen eines islamischen Gottesstaates mit frühmittelalterlicher Gesetzgebung, vom Glauben an ein ewiges Höllenfeuer bis zum Paradies, wo den gläubigen Märtyrer 72 Jungfrauen erwarten.

„Unsere Angst davor, womöglich selbst religiös motivierten Hass zu schüren, hat uns die Bereitschaft genommen, Ideen zu kritisieren, die immer unannehmbarer werden oder die ganz offensichtlich zutiefst lächerlich sind. Abgesehen davon verleitet uns diese Angst dazu, uns hinsichtlich der Verträglichkeit religiöser Glaubensweisen und wissenschaftlicher Rationalität selbst zu belügen – und zwar ständig, sogar bei Auseinandersetzungen auf höchstem Niveau“.
(Sam Harris in seinem Brief an ein christliches Land)

Diese Furcht hat de facto dazu geführt, dass die heutige Politikerkaste – mit einknickenden Beinen, widerlich liebdienerisch und rückgratlos – vor Kirchen und den Glaubensabsurditäten des Judentum, des Islam und auch des Christentums weltweit kriecht.

Ist das Reichskonkordat von 1933, das die Nationalsozialisten mit der römischen Kirche schlossen, nach wie vor ungekündigt, werden nach wie vor Martin Luthers Hetzschriften gegen die Juden ausgeblendet, so wird gleichermaßen ignoriert, dass Judentum und Islam archaische Schächtvorschriften für unsere Mitlebewesen, die Tiere, mit religiösen Begründungen fordern, durchsetzen und praktizieren.

Ein Staat, der aber religiöse Phantasiewelten höher bewertet als reales Leid, hat sich moralisch diskreditiert, tritt alle menschlichen Werte und Wertvorstellungen in den Dreck des Profits, des eigenen Vorteils – er hat sich zum moralischen Paria zurückentwickelt. Solange Ehrfurcht vor dem Leben nur Ehrfurcht vor Menschenleben, sogar nur vor ausgewählten Menschenleben, beinhaltet, ist jeder Humanismus grotesk und wertlos.

Es kommt aber noch die zweite Komponente hinzu. Innerhalb der Glaubensvorschriften werden die absurdesten Anweisungen, den Menschen betreffend, ausgeblendet und nicht befolgt. Mag es noch bei jedem einzelnen ein Privatvergnügen sein, sich an Kleidungs-, Waschungs- und Ernährungsvorschriften zu halten, die Tausende von Jahren zurückliegen, mag er diese Regeln zur Befriedigung seiner eigenen geistigen Sklaverei bis zum Exzess befolgen; er behindert und stört damit niemanden.

Kein Privatvergnügen ist es hingegen, wenn so konsequent, wie die menschbezogenen Anordnungen der Todesbefehle in den „heiligen Schriften“ nicht befolgt werden, genauso konsequent Todesbefehle, welche die wehrlose Tierwelt betreffen, ausgeführt werden. Wir stehen vor einem sittlichen Skandal, einer ethischen Unredlichkeit erster Güte, einem moralischen Verbrechen.

Wir stehen aber auch vor dem größten Anschlag auf die geistige Freiheit des Menschen, wir sind Zeuge eines Attentates auf die intellektuelle Redlichkeit, auf einen moralischen Wert, um den von Anbeginn des wissenschaftlichen Denkens gerungen wurde.

„Das ist es nicht, was uns abscheidet, dass wir keinen Gott wiederfinden, weder in der Geschichte, noch in der Natur, noch hinter der Natur – sondern dass wir, was als Gott verehrt wurde, nicht als »göttlich«, sondern als erbarmungswürdig, als absurd, als schädlich empfinden, nicht nur als Irrtum, sondern als Verbrechen am Leben … Wir leugnen Gott als Gott …“
(Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 47)