Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

Manche Ereignisse treibt die Betroffenheits- und Heuchelmaschinerie auf zuvor nie erreichte Drehzahlen. Zumeist besteht der Energieinput für die kollektive Erschütterung, Erregung und landesweites „geschockt sein“ über einen Flugzeugabsturz, ein Attentat, einen besonderen Todesfall oder auch schon mal über den Tod eines jüngeren Eisbären im örtlichen Zoo. Die vermeintliche Fassungslosigkeit des Geschehenen wird durch mehrere tausend Blumensträuße, Stofftiere, Bilder, Briefe und Kondolenzschreiben ausgedrückt, die man tränenreich, zutiefst erschüttert und endlos traurig, an bestimmten Punkten in der Öffentlichkeit demonstrativ mit versteinertem Gesicht niederlegt. Ein Erinnerungsfoto von der Trauergeste tut dem stillen Gedenken keinen Abbruch.

Eine Steigerung und besonderes Gewicht erfährt die ganze Trauerarie durch Lichterketten von zahllosen Kerzenhaltern, die sich einträchtig und, zumindest für den Moment friedlichst gestimmt, bei Einbruch der Dunkelheit dort zusammenfinden, wo man sie auch pressewirksam sieht. Gelegentlich – als das non plus ultra der Betroffenheit und Verbundenheit mit den Opfern – folgt ein Trauermarsch der aktuellen Politdarsteller, von Leibwächtern sorgfältig vom Restpöbel abgeschirmt und medial perfekt für das staunende Fernsehpublikum inszeniert. Die Neo-Voodoo Gemeinde, vereint im christlichen Gutmenschwahn, feiert sich selbst in Gefühlsseligkeit und Sentimentalitätstrance hinein.

Nun gibt es allerdings zwei entscheidende Bemerkungen zu dieser Betroffenheitsmystik. Zum einen ist der Mehrzahl der Teilnehmer weder ein Opfer noch dessen Familie bekannt, so dass eine tiefe Trauer mangels Bezug obsolet ist. Kenntnisnahme und Konsequenz aus dem betreffenden Ereignis wäre ausreichend und sachgerechter, dem Rationalisten angemessener.

Zum anderen aber – und hier ist die Grenze, an der die Betroffenheit in Verlogenheit umschlägt – sind solche Ereignisse keine Einzelfälle und finden permanent o h n e jegliche Anteilnahme hiesiger Laienschauspieler weltweit statt. Dies gilt für Flugzeugabstürze gleichermaßen wie für die blutigsten Anschläge, für Erdbebentote und Tsunamiverschollene.

Behält man gar das ganze Leben der Erde im Blick und löst sich von der so gern geglaubten anthropozentrischen Auserwähltheit, dann wäre der Trauer kein Ende, würde der Millionen ermordeter Tiere, die genau wie der Mensch ihr einmaliges, unwiederbringliches Leben lieben und es nur zum Fraß gerade für diese Menschheit verlieren, gedacht.

Die Heuchelmenschen, dieses Konglomerat der Angepassten, missbrauchen das Ereignis als Selbstbestätigung eigener anthropozentrischer Größe und benutzen die Transformation einer Betroffenheitslüge zur Selbsterhöhung des vermeintlichen eigenen Wertes durch die partielle Vortäuschung menschlichen Mitgefühls. Ekelhaft, widerlich, abstoßend!

Dr. G. Bleibohm: Aphorismen und Epigramme aus „Widerrede III“

G e s p i n s t :

Ob die Welt wohl von einem Gespinst gedachter, dann aber vergessener und verlorener Gedanken durchzogen ist? Realisierte Gedanken sieht man als Produkte. Gedachtes, das vergessen wurde, wo ist es, gibt es einen Friedhof, eine Müllhalde, einen Speicher? Alles im Nichts? Egal wie eine mögliche Antwort lautet, sie ist gleichgültig, wertlos, bedeutungslos.

N a c h r u f :

Leider allzu früh verstorben …“, ein Standardsatz in vielen Todesanzeigen. Ein Bedauern also, dass man dem Verstorbenen noch gerne weitere Lebensjahre ge-wünscht hätte.

Ist man hingegen von der Philosophie Schopenhauers durchdrungen und hat die Erkenntnis verinnerlicht, dass Leben in letzter Konsequenz Leiden bedeutet, dass jedes Leben unabänderlich irgendwann in der Katastrophe des Untergangs, der totalen, endgültigen Vernichtung endet, enden muss, bekommt der Eingangssatz einen bitteren Nachgeschmack.

Unter dieser Prämisse kann vorstehender Nachruf auch als Bosheit, Gemeinheit, als Niedertracht, bestenfalls als Dummheit gewertet werden, denn das geheuchelte Bedauern verkörpert nichts anderes, als den Wunsch nach längerer, ausgedehnterer und intensiverer Leidenszeit für den „bedauerlicherweise“ schon so früh Verstorbenen. John Fante drückte es in „Little Italy“ wie folgt aus: „Es tat ihm zwar leid, dass er tot war, aber es tat ihm nur leid, weil sich das so gehörte, ihr Schmerz war das Zeichen an gutem Benehmen, es kam aber nicht aus ihrem Herzen.“

Merke: Äußerer Schein verdeckt oftmals innere Gesinnung.

Z e r f l i e s s e n :

Die Tage füllen sich mit Nichtigkeiten, Ängstigungen, Beeinträchtigungen und Ärgernissen. Die Lebenszeit zerfließt – mit wenigen Ausnahmen – im Bemühen, diese tragische Komödie zu verkraften, durchzustehen, sie mehr schlecht als recht auszublenden und in dem sich endlos wiederholenden Versuch, dieser Absurdität doch einen halbwegs normalen Tag hinzuzufügen. Nur Lügner und Heuchler verkünden Gegenteiliges.

G a r t e n s c h e r e :

Logik und Vernunft, hochverehrt und tief gehasst. Schneidet man damit, wie mit einer Gartenschere, das schützende, selbstbelügende Gebüsch zahlloser Gedankenwelten, hinter denen sich Mensch und Menschheit verbergen, weg, also all das, was Schutz vor ungeschminkter Erkenntnis gibt und erlaubt, sich jenseits von Logik und Vernunft zu bewegen, sieht man den Mensch in seiner erbärmlichen Nacktheit. Der Hass der Entblößten trifft die Gartenschere, aber insbesondere den Gärtner!

J u g e n d :

In jungen Jahren hatte ich oftmals die Vision, dass man jährlich einen gewissen Prozentsatz bebauter Natur wieder in ihren Urzustand zurückführen müsse, um natürliche Lebensräume für Natur und Tierwelt auszuweiten, um unsere Welt für jegliches Leben lebenswert zu erhalten. Aber es war eine Vision, eine Verkennung der globalen menschlichen Denkschwäche. Ich habe den Fortpflanzungstrieb des homo genitalis, die vernichtende Weltdominanz der Ökonomie und die erneut auflodernde Kraft der Religiotie unterschätzt. Die Natur liegt inzwischen im Todeskampf.

Dr. G. Bleibohm: Aphorismen und Epigramme aus „Widerrede III“

Es bedarf schon einer permanenten Ausblendung und gedanklichen Selbstdisziplin, um unbeschadet durch den Tag zu kommen. Normalerweise müsste man sich bei klarem Verstand und normaler Denkfähigkeit bereits nach der morgendlichen Zeitungslektüre ins Delirium saufen oder alternativ vehement für die Wiedereinführung der Prügelstrafe stimmen. Letztere weniger für die Personen der beschriebenen Sachverhalte, sondern überwiegend für die Lohnschreiber der Zeitungen, deren interpretierende Borniertheit – in der Bandbreite von Stupidität und erbarmungswürdiger Mediokrität – auch noch gedruckt, vervielfältigt, verkauft und manchmal gar noch gelesen wird.

Von Friedrich II, König von Preußen, ist folgendes Zitat überliefert: „Es gibt nichts Ungereimteres als den Gedanken, den Aberglauben ausrotten zu wollen. Die Vorurteile sind die Vernunft des Volkes – und verdient dieses blöde Volk aufgeklärt zu werden?“

Lebenserfahrung, Weltgeschichte und grassierender Religionsmystizismus geben die Antwort vor: Nein, es verdient es nicht. Aber was das Schlimmste ist, es will nicht aufgeklärt werden, denn heute könnte man wissen, wenn man wissen wollte. Das Volk ist aufklärungsresistent, sein Erkenntniswille incorrigibel und es ist in Summe nahezu unfähig, sich vom Boden der Gewohnheiten zu erheben.

Es ist nicht lange her, dass dem ungebildetem Volk Meinungen, Glaubensdogmen sowie Art und Umfang des Wissens und Denkens von einigen wenigen Aristokraten und Pfaffen vorgegeben, meist jedoch aufgezwungen wurden. Die Dominanz dieser Minderheit gründete sich traditionell auf einer schmalen Kenntnis- und einer absoluten Machtüberlegenheit. Aber die Zeiten änderten sich, denn eine Waage neigt sich immer zu der Seite, auf der die größere Masse liegt. Doch wiegen bedeutet nicht wägen und Masse ist nicht gleich Qualität, so dass sich als Resultat ergibt, dass als inhärentes Wesen der Demokratie im heutigen Zeitgeschehen eine kenntnislose Mehrheit der intellektuellen Minderheit Meinung und Richtung vorgibt.

Es fehlt bis heute jeder Beweis für die Existenz eines Gottes, alle Gottesbeweise sind kläglich gescheitert.

Was wäre eigentlich, was würde geschehen, wenn es gelänge, den unangreifbaren Nachweis für eine Gottesunmöglichkeit, für die Gottes-Nicht-Existenz zu erbringen und alle Gottesvorstellungen nur eine Fiktion, eine Utopie, eine Fata Morgana wären? Was würde aus dem Glaubensbruder, wenn der Boden, das Fundament seiner Lebenshoffnung und Jenseitsperspektive schwände und sich als Sinnestäuschung, als Trugbild erweisen würde? Würde er dann erkennen, dass er gleich dem Tier, gleich jedem Lebewesen in seiner Erbärmlichkeit, in seiner Belanglosigkeit, in seiner Vergeblichkeit, Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit ist?

Man mache sich jedoch selbst bei Eintritt dieses spekulativen Falls keine Illusion. Schneller als man denken kann, würde ein neuer Ersatzpfeiler innerhalb der Menschheit zur Rechtfertigung ihrer anthropozentrischen Hybris errichtet, denn eines wird der Mensch, solange es ihn geben wird, intellektuell niemals verkraften: Die Erkenntnis seiner universellen Bedeutungslosigkeit, die Umsonstigkeit jedes und damit auch seines Lebens.

Nachtrag: Leider ist aber der Beweis einer Nichtexistenz aus logischen Gründen unmöglich.

Jedes Lebewesen wird durch seine Geburt in die Einsamkeit katapultiert, denn es lebt auf seiner ganz individuellen Insel im Meer des Seins. Diese Insel bildet sich durch seine Erfahrung, sein Wissen, seine Umgebung, seine Gedanken, seine Gefühle, Ängste und Hoffnungen und ist die Heimat seiner Innenwelt. Verbindungen zu Nachbarinseln, zur Außenwelt, können das eigene Robinsonleben zwar sporadisch beeinflussen, anregen, erregen, narkotisieren, aber in letzter Konsequenz gibt es niemals ein Entkommen vom einsamen Eiland des individuellen Seins. Nur der Tod hebt diese grausame Verbannung in die Isolation auf, eine Verbannung, zu welcher der Gefangene schuldlos, von seinen Richtern aber vorsätzlich und arglistig, verurteilt wurde.

Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Wind treibt“ schreibt Ortega y Gasset im „Aufstand der Massen“. Der Mensch in der Masse gleicht täglich mehr einem träge und schmutzig dahinfließenden Strom. Es ist nur noch entscheidend, wohin und vor allem wie man die Flut lenkt, bevor sie das letzte Grünland überschwemmt hat.