Wort zum Sonntag

Im Horizont des Unendlichen

Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! Sieh dich vor! Neben dir liegt der Ozean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, daß er unendlich ist und daß es nichts Furchtbareres gibt als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stößt! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre – und es gibt kein „Land“ mehr!

Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, 124


Wenn der Mensch die Krone der Schöpfung ist, hat man wirklich keinen Bedarf mehr, den Schöpfer selber kennen zu lernen, scheint er doch seine Leere und Lehre mit der Menschenproduktion unverständlicherweise aufgegeben zu haben. Hätte er doch besser weitergedöst und nicht aus Langeweile und Unterbeschäftigung begonnen, Materie und danach auch noch Leben zu schaffen.


Am Anfang schuf Gott die Erde als Hölle.


Leben schaffen, gebären, bedeutet in erster Linie die systematische Erzeugung von Leiden, in zweiter Linie aber Leichenproduktion. Das gilt für jegliche Kreatur.


Das Nichts gewinnt immer über das Etwas, denn jedes geschaffene Leben fällt durch den Tod ins Nichts zurück.


Erst der Tod hebt das Diktat der Geburt auf, stellt die Kreatur gleich mit der Situation einer Nicht-Geburt. Der Nie-Gewesene verliert nichts, verlässt er doch niemals die Leidensfreiheit. Hier ist er dem Toten gegenüber entscheidend im Vorteil, da dieser erst nach der Höllenfahrt durchs Leben in die Leidensfreiheit gelangt.


Was bedeuten alle Kriege, alle Verbrechen, alle Gräueltaten, die Menschen an Menschen begehen, gegenüber dem Wüten und Morden der Menschheit in der Tierwelt? Nichts, absolut nichts, sie sind dagegen eine quantité négli-geable, eine unbedeutende, vernachlässigbare Größe.


Sein hat keinen Vorrang vor dem Nichts, der Nichtexistenz fehlt nichts, weder Glück noch Schmerz, weder Furcht noch Hoffnung.


 

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Wort zum Sonntag

Fortsetzung „Wort zum Sonntag“ vom 24.09.2017

Vierte Entscheidung – Inwieweit ist das Gotteswort verbindlich für Staat, Priester und Gläubige?

Kulte des Monotheismus – und jeder Monotheismus ist fundamentalistisch, anthropozentrisch und totalitär – propagieren heute einen Anthropozentrismus, der in das Museum der Absurditäten, in das Horrorkabinett frühmenschlicher Riten gehört. Die Blutspur dieser totalitären Glaubensvorstellungen zieht sich von den Kreuzzügen bis zur Inquisition, vom Gottesstaat bis Al Kaida, von der Segnung des Tiermordes in Hubertus-messen bis zur Segnung der Waffen und Soldaten bei jeglicher kriegerischen Auseinandersetzung. Egal auf welcher Seite gekämpft wird, es geschieht immer mit Gott, meist sogar im Auftrag Gottes, mit der jeweils zuständigen Gottesfiktion an der Seite des Kämpfenden.

Man muss es endlichen begreifen und verinnerlichen, man muss es überdeutlich aussprechen und danach handeln, was Johann Most in seiner „Gottespest“ treffend auf den Punkt brachte:

„Je mehr der Mensch an Religion hängt, desto mehr glaubt er. Je mehr er glaubt, desto weniger weiß er. Je weniger er weiß, desto dümmer ist er. Je dümmer er ist, desto leichter kann er regiert werden! – Dieser Gedankengang war den Tyrannen aller Länder und Zeiten geläufig, daher standen sie auch stets mit den Pfaffen im Bunde.“ (Johann Most, Die Gottespest, edition libertaire, Luzern 1987)

Der christlich geprägte metaphysische Rahmen, der das vollständig anthropozentrisch geprägte Weltverständnis nicht nur der westlichen Hemisphäre bildet, wird somit zusammenfassend von folgenden Säulen getragen:

Die Hierarchie aller Existenz beginnt mit Gott, besitzt als Mittelbau den Mensch und dieser ist wiederum dem Leben der gesamten Natur übergeordnet, das dem Menschen zu seinem Nutzen zur Verfügung gestellt wurde. Der angebliche Gottesbefehl hierzu lautet:

1Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch und erfüllt die Erde. 2Furcht und Schrecken vor euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. 3Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich‘s euch alles gegeben. (Gen 9, 1-3)

  • Der Mensch ist das Ebenbild Gottes.
  • Nur der Mensch besitzt eine unsterbliche Seele und kann ewiges Leben erhoffen.
  • Nur dem Menschen ist tiefgreifende Begabung zur Vernunft gegeben.
  • Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, ihr letztendliches Ziel und ihm ist eine Würde immanent, die vorrangig vor jeder anderen Lebensform steht.

Vor dem Hintergrund dieser metaphysischen Grundaxiome ist das heutig gültige, profane, weltliche Denkmuster zu betrachten, welches als Transformator der metaphysischen Vorgaben auf das tägliche Leben wirkt. Sigmund Freud beschreibt das Gesagte in folgenden Zeilen:

Eine besondere Bedeutung beansprucht der Fall, dass eine größere Anzahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücksversicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen wir auch die Religionen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.

Der Staat

Die Religionsfreiheit ist ein elementares Grund- und Menschenrecht, das im Wesentlichen im Zeitalter der Aufklärung erkämpft wurde und heute in der Verfassung der meisten Staaten und Weltorganisationen zu finden ist. Heute haben fast alle europäischen Staaten, außer Weißrussland und dem Vatikan, die Menschenrechtskonvention unterzeichnet und ratifiziert. Das deutsche „Grundgesetz“ sichert die Religionsfreiheit in Art. 4 zu:

„(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“

Nun ist Religionsfreiheit kein Gnadenakt und Geschenk des Staates an seine Untertanen um diese zu beglücken, sondern resultiert aus der kalten und berechnenden Überlegung der Herrschenden, mit Religionsfreiheit einen dauerhaft schwärenden Unzufriedenheitstumor am Volkskörper ausgeschaltet zu haben. Es lässt sich wesentlich leichter regieren, und das war bereits die Erkenntnis des ersten christlichen Kaisers Konstantin, wenn Religionsführung und Staatsführung synchron laufen, sich gegenseitig in ihren Machtansprüchen stützen.

Für diese unheilvolle Allianz von Staat und Kirche wurde allerdings ein Preis bezahlt, der in seiner verheerenden Wirkung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, den Michael Bakunin wunderbar präzisiert hat:

„Ob es den Metaphysikern und religiösen Idealisten, Philosophen, Politikern und Dichtern gefällt oder nicht: Die Gottesidee enthält die Abdankung der menschlichen Vernunft und Gerechtigkeit an sich, sie ist die entschiedenste Verneinung der menschlichen Freiheit und führt notwendigerweise zur Versklavung der Menschen in Theorie und Praxis.“ (Michael Bakunin, Gott und der Staat, Karin Kramer Verlag Berlin, 1995)

Religionsfreiheit ist der geglückte Versuch der Gotteserfinder, steinzeitlichen bis spätantiken Mystizismus mitsamt seinen Welterklärungen als moralische Handlungsmaxime für das Atomzeitalter festzuschreiben, indem Jedermann die Heiligkeit seiner persönlichen Torheit und Unwissenheit staatlich garantiert wird. Mit der gesetzlich geschützten und verbürgten Abdankung der Vernunft wurde mithin ein Reservat für Ignoranz und Torheit geschaffen, dessen Abwässer sich in der religiösen cloaca maxima sammeln und den Odem der Vernunft mit ihrem Gestank bis zum Koma umnebeln, den Verstand, den man so bitter für die Aufgaben der Gegenwart bräuchte.

Aber wo Unvernunft gesegnet wird, ist Vernunft ein Werk des Teufels und ein Reservat für den Teufel wäre das teuflischste schlechthin … in den Augen der Gotteseleven. Noch vor Erfindung der Religionsfreiheit hat der große Heinrich Heine den vergleichbaren Aspekt wie folgt beleuchtet:

Der Teufel glaubt nicht, er stützt sich nicht blindlings auf fremde Autoritäten, er will vielmehr dem eigenen Denken vertrauen, er macht Gebrauch von der Vernunft! Dieses ist nun freilich etwas Entsetzliches und mit Recht hat die römisch-katholisch-apostolische Kirche das Selbstdenken als Teufelei verdammt und den Teufel, den Repräsentanten der Vernunft, für den Vater der Lüge erklärt (Heinrich Heine, Elementargeister 3)

Der Gläubige

„Wisst also, meine lieben Freunde, wisst, dass all dies, was in der Welt als Gottesdienst und Andacht feilgeboten und praktiziert wird, nichts als Irrtum, Täuschung, Einbildung und Betrug ist; alle Gesetze, alle Vorschriften, die im Namen und mit der Autorität Gottes und der Götter erlassen werden, sind in Wahrheit nichts als menschliche Erfindungen, nicht weniger als all diese schönen Schauspiele der Festlichkeiten und Messopfer oder Gottesdienste und all diese anderen abergläubischen Verrichtungen, die von Religion und Frömmigkeit den Göttern zu Ehren vorgeschrieben sind; all diese Dinge da, sag ich euch, sind nur menschliche Erfindungen, von schlauen und durchtriebenen Politikern erfunden, dann von lügnerischen Verführern und Betrügern gepflegt und vermehrt, schließlich von den Unwissenden blind übernommen und dann endlich aufrecht erhalten und gutgeheißen durch die Gesetze der Fürsten und Großen dieser Erde, die sich solch menschlicher Erfindungen bedient haben, um das Volk dadurch leichter in Zaum zu halten und mit ihnen zu machen, was sie wollten. Aber im Grunde sind all diese Erfindungen nichts als Kälberhalfter, wie Montaigne sagte, denn sie dienen nur dazu, den Geist der unwissenden und einfachen Gemüter zu zügeln.“
(Das Testament des Abbe Meslier, herausgegeben von Günther Mensching, Suhrkamp Verlag 1976)

Dieses Testament des Abbé Meslier (1684 – 1729, Priester in Etrépigny) ist die schärfste Kritik des christlichen Glaubens mit materialistischen Argumenten, äußerst fundiert formuliert und ein frühes Dokument radikaler Thesen des aufklärerischen Materialismus.

Der Gläubige, sofern er seine Wissensbasis aus rein kirchlichen Quellen bezieht, wird zum manipulierten und manipulierbarem Objekt. Er muss sich die Frage gefallen lassen, warum – wenn es Gottes Wille und Auftrag ist – er heute seine Anweisungen zum exzessiven Töten (siehe Gottesbefehle) nicht mehr befolgt. Kennt er die Anordnungen nicht, so ist er dumm und ist in Unkenntnis der Lehre dieser Gemeinschaft beigetreten. Kennt er hingegen das gesamte Glaubensspektrum und befolgt die Anordnungen nicht, verstößt er wissend gegen Gottesbefehle, er ist charakterlos. Aber Friedrich Nietzsche exkulpiert ihn in Menschliches, Allzumenschliches, 116:

„Vorausgesetzt, dass überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltags-Christ eine erbärmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu werden, wie das Christentum ihm verheißt.“

Nach seinem offen bekannten Glauben zieht diese Nichtbefolgung der Gottesbefehle im jenseitigen Leben Strafen verschiedenster Art nach sich, die ihm aber – wie das tägliche Leben lehrt – offensichtlich recht gleichgültig sind. Sein Glaube entlarvt sich als Scheinglaube, die Furcht vor jenseitiger Strafe ist für ihn nicht entscheidungsrelevant, seine Gottesvorstellung nichts anderes als gesellschaftliches Boulevardtheater. Er will in seinem Kulturkreis dazugehören, er lebt mit dem Stigma der intellektuellen Unredlichkeit, er ist ein kritikloser Mitschwimmer. Er ist einer der Stillen, aber Unaufrechten, der Personenkreis, auf dem zu allen Zeiten schon immer die Macht der Diktatoren ruhte.

Für Menschen hingegen, denen eigenes und freies Denken Lebenselixier ist und die bis zu diesem Punkt die Entscheidungsfolge der vier Stufen durchlaufen haben, schließt sich normalerweise hier der Kreis und der Entscheidungsprozess beginnt wieder bei der ersten Stufe, in der Regel jedoch mit einer anderen Entscheidung!

Der Priester

Dieses Wissen vor Augen, pickt der heutige Berufspriester nun die Gottesworte zusammen, die der herrschenden gesellschaftlichen Struktur und Wertevorstellung entsprechen. Er weiß um die geistige Bequemlichkeit und Bildungsferne seiner Zuhörer und konzentriert sich in der Öffentlichkeit auf Schlagworte, die der herrschenden Meinung und insbesondere der Meinung der Herrschenden gefallen und eingängig sind. In der säkularen Welt kämpft der Priester, die Kirche schlechthin, um ihren Fortbestand in unangetasteter Größe, zumal sie sich im gnadenlosen Wettstreit um die religiöse Vormacht mit anderen Kulten bewegt. Er schleimt sich in die Gunst seiner Anhänger und betrügt seine Zuhörer, indem er nicht mehr das ganze Spektrum der Gottesworte lehrt, große Teile davon unterschlägt und sich auf das Segment des Wohlwollens der Massen zurückzieht.

„Solange der Priester noch als eine höhere Art Mensch gilt, dieser Verneiner, Verleumder, Vergifter des Lebens von Beruf, gibt es keine Antwort auf die Frage: Was ist Wahrheit? Man hat bereits die Wahrheit auf den Kopf gestellt, wenn der bewusste Advokat des Nichts und der Verneinung als Vertreter der ‚Wahrheit‘ gilt …“
(Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 38)

Fazit

Sowenig wie Dummheit verboten werden kann, lassen sich Religion und mystische Phantastereien eindämmen. Es ist für das reibungslose Nebeneinander einzelner Personengruppen und – angepasst an die geistige, wissensmäßige und rationale Ausstattungen der Individuen – sinnvoll, jedem Einzelnen ein Maß an kultischer Freiheit zuzubilligen, das insbesondere seiner intellektuellen Fähigkeit entspricht und ihm Zufriedenheit garantiert.

Nicht sinnvoll und vor allem nicht hinnehmbar ist hingegen in einer säkularen Welt die zunehmende Dominanz bildungsferner Glaubenshalluzinationen in den Strukturen moderner gesellschaftlicher Vernetzungen. Das Spektrum reicht von christlichen Evangelikalen, die an den Beginn der Welt vor 6000 Jahren glauben und die Evolution schlichtweg leugnen, bis hin zu den Forderungen eines islamischen Gottesstaates mit frühmittelalterlicher Gesetzgebung, vom Glauben an ein ewiges Höllenfeuer bis zum Paradies, wo den gläubigen Märtyrer 72 Jungfrauen erwarten.

„Unsere Angst davor, womöglich selbst religiös motivierten Hass zu schüren, hat uns die Bereitschaft genommen, Ideen zu kritisieren, die immer unannehmbarer werden oder die ganz offensichtlich zutiefst lächerlich sind. Abgesehen davon verleitet uns diese Angst dazu, uns hinsichtlich der Verträglichkeit religiöser Glaubensweisen und wissenschaftlicher Rationalität selbst zu belügen – und zwar ständig, sogar bei Auseinandersetzungen auf höchstem Niveau“.
(Sam Harris in seinem Brief an ein christliches Land)

Diese Furcht hat de facto dazu geführt, dass die heutige Politikerkaste – mit einknickenden Beinen, widerlich liebdienerisch und rückgratlos – vor Kirchen und den Glaubensabsurditäten des Judentum, des Islam und auch des Christentums weltweit kriecht.

Ist das Reichskonkordat von 1933, das die Nationalsozialisten mit der römischen Kirche schlossen, nach wie vor ungekündigt, werden nach wie vor Martin Luthers Hetzschriften gegen die Juden ausgeblendet, so wird gleichermaßen ignoriert, dass Judentum und Islam archaische Schächtvorschriften für unsere Mitlebewesen, die Tiere, mit religiösen Begründungen fordern, durchsetzen und praktizieren.

Ein Staat, der aber religiöse Phantasiewelten höher bewertet als reales Leid, hat sich moralisch diskreditiert, tritt alle menschlichen Werte und Wertvorstellungen in den Dreck des Profits, des eigenen Vorteils – er hat sich zum moralischen Paria zurückentwickelt. Solange Ehrfurcht vor dem Leben nur Ehrfurcht vor Menschenleben, sogar nur vor ausgewählten Menschenleben, beinhaltet, ist jeder Humanismus grotesk und wertlos.

Es kommt aber noch die zweite Komponente hinzu. Innerhalb der Glaubensvorschriften werden die absurdesten Anweisungen, den Menschen betreffend, ausgeblendet und nicht befolgt. Mag es noch bei jedem einzelnen ein Privatvergnügen sein, sich an Kleidungs-, Waschungs- und Ernährungsvorschriften zu halten, die Tausende von Jahren zurückliegen, mag er diese Regeln zur Befriedigung seiner eigenen geistigen Sklaverei bis zum Exzess befolgen; er behindert und stört damit niemanden.

Kein Privatvergnügen ist es hingegen, wenn so konsequent, wie die menschbezogenen Anordnungen der Todesbefehle in den „heiligen Schriften“ nicht befolgt werden, genauso konsequent Todesbefehle, welche die wehrlose Tierwelt betreffen, ausgeführt werden. Wir stehen vor einem sittlichen Skandal, einer ethischen Unredlichkeit erster Güte, einem moralischen Verbrechen.

Wir stehen aber auch vor dem größten Anschlag auf die geistige Freiheit des Menschen, wir sind Zeuge eines Attentates auf die intellektuelle Redlichkeit, auf einen moralischen Wert, um den von Anbeginn des wissenschaftlichen Denkens gerungen wurde.

„Das ist es nicht, was uns abscheidet, dass wir keinen Gott wiederfinden, weder in der Geschichte, noch in der Natur, noch hinter der Natur – sondern dass wir, was als Gott verehrt wurde, nicht als »göttlich«, sondern als erbarmungswürdig, als absurd, als schädlich empfinden, nicht nur als Irrtum, sondern als Verbrechen am Leben … Wir leugnen Gott als Gott …“
(Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 47)

Wort zum Sonntag

Fortsetzung von „Wort zum Sonntag“ am 17.09.2017

Dritte Entscheidung – welche Sektion der institutionalisierten Gottesideen?

Die Beschränkung auf monotheistische Religionen gebietet für das Folgende die angestrebte Stringenz und Übersichtlichkeit.

Da sich auch das Christentum in zahllose historische und aktuelle Glaubensstränge verästelt, von denen – ähnlich wie in anderen religiösen Kulten – jeder überzeugte Anhänger wiederum meint, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein und seine christlichen Brüder gern der Irrlehre beschuldigt, sei für nachfolgende Gedanken der Katholizismus römischer Prägung zugrunde gelegt.

Jede der monotheistischen Religionen bezieht seine Glaubensansätze, Begründungen und Rahmenbedingungen aus einem Lehrbuch seines Gottesbildes, seiner Propheten und Verkünder und aggregiert diese Schriften in heiligen Büchern; im Christentum bekannter Maßen die Bibel, das meist zitierte und von den Gläubigen am wenigsten durchgängig gelesene Buch.

Albert Einstein, einer der größten Geister und Denker der Menschheit, hatte zu diesem Buch folgende Meinung:

„Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann (für mich) etwas daran ändern. Diese verfeinerten Auslegungen sind naturgemäß höchst mannigfaltig und haben so gut wie nichts mit dem Urtext zu schaffen. Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen Incarnation des primitiven Aberglaubens.“ (Albert Einstein, Brief an Gutkind, Princton 3.1.1954)

Völlig anders, da von dem Glauben an dieses Buch der geistige und finanzielle Lebensfaden der Catholica abhängt, hat die katholische Kirche auf dem 2. Vatikanischen Konzil 1965, dem diffusen und vagen Gottesglauben feste, verbindliche Leitplanken gegeben und die Aufforderung „Alles was ich euch gebiete, das sollt ihr halten und danach tun. Ihr sollt nichts dazutun und nichts davon tun“ aus dem Pentateuch (5.Mose 13,1) verbindlich für die katholische Glaubenswelt umgesetzt und in folgende Worte gefasst:

„Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift enthalten ist, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden; denn aufgrund apostolischen Glaubens gelten unserer heiligen Mutter der Kirche, die Bücher des Alten wie des Neuen Testaments in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind. Zur Abfassung der heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und n u r das, was er – in ihnen und durch sie wirksam – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern. Da also a l l e s, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heils willen in den Heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“
(2. Vatikanische Konzil, 1965, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung).

Damit steht der Rahmen für den Glaubenswilligen, der sich dieser Sektion mystischer Kulte anschließt, unverrückbar fest. Jede Abweichung bedeutet nach der dem Beschluss immanenten Logik ein Nichtbefolgen, ein Verstoß gegen Gottesgebote. Die Bücher der Bibel haben in ihrem historischen Leben zahlreiche Veränderungen erfahren, wurden erweitert, wurden verkürzt, umgeschrieben und verfälscht. Viele, teilweise stark differierende Versionen bilden die Glaubensgrundlage unterschiedlicher Kulte, so dass je nach Jahrhundert und Glaubensrichtung „ohne Irrtum“ die unterschiedlichsten „Wahrheiten“ gelehrt wurden und werden; der Wissenschaftler vermisst schmerzlich die Eindeutigkeit der Gottesworte.

Mit Bibelworten ließ und lässt sich bis in unsere Tage, gerade wegen der fehlenden Konsistenz und historischen Durchgängigkeit, alles und nichts rechtfertigen. Von diesem immanenten Interpretations-Freibrief wird bis heute von unterschiedlichen Gruppierungen ausgiebig Gebrauch gemacht. Vernunft und Redlichkeit geraten wiederum unter die Räder priesterlicher Gottesexegeten jeglicher couleur.

Besonders aber das Alte Testament, für Juden wie Christen gleichermaßen bindend, ist ein gewalttätiges, inhumanes Buch – ein Buch, das Eroberungskriege und Völkermord sanktioniert, Nichtgläubige hasserfüllt verfolgt und bei genauerer Analyse eine exzessive Anwendung von Todesstrafen für belangloseste Vergehen fordert. Eine hervorragende, vertiefende Zusammenstellung und Analyse findet der interessierte Leser bei Prof. Buggle (Denn sie wissen nicht, was sie glauben, Franz Buggle, Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2004).

Das Alte Testament ist die Beschreibung eines Mördergottes und seiner Helfershelfer, ist die Beschreibung eines Gottes, den der Brandopfer- und Blutgeruch befriedigt und eines Gottes, der seine Entscheidungen häufig ändert und seine Herrschaft mit tyrannischer Gewalt ausübt. Dieser Gott genießt süchtig Rache und Vernichtung, er lebt und handelt im Blutrausch. Kurze Beispiele mögen an dieser Stelle genügen, die Todesliste der exzessiven Hinrichtungsbefehle ist im folgenden Kapitel in extenso aufgeführt.

Studieren Sie bitte unbedingt en detail die Forderungen und Anordnungen dieses Gottes, der großen „moralischen“ Instanz des Abendlandes, direkt in der Bibel – der „heiligen Schrift“ – und die Blutspur des Vernichtungstheismus durch die Geschichte unserer Welt wird transparent, verständlich und begreifbar.

Gottesbefehle :

1. Mose 17,14: Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut wird er ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat.

2. Mose 21,12: Wer einen Menschen schlägt, dass er stirbt, der soll des Todes sterben.

2. Mose 21,14: Wenn aber jemand an seinem Nächsten frevelt und ihn mit Hinterlist umbringt, sollst du ihn von meinem Altar wegreißen, dass man ihn töte.

2. Mose 21,15: Wer Vater oder Mutter schlägt, der soll des Todes sterben.

2. Mose 22,17: Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen.

2. Mose 22,18: Wer einem Tier beiwohnt, der soll des Todes sterben.

2. Mose 30,33: Wer eine solche Salbe macht oder einem Unberufenem davon gibt, der soll aus seinem Volk ausgerottet werden.

2. Mose 30,38: Wer es (das Räucherwerk) macht, damit er sich an dem Geruch erfreue, der soll ausgerottet werden aus seinem Volk.

3. Mose 17,3+4: Wer aus dem Hause Israel einen Stier, ein Schaf, eine Ziege schlachtet im Lager oder draußen vor dem Lager und sie nicht vor die Tür der Stiftshütte bringt, dass sie dem Herrn zum Opfer gebracht werden, dem soll es als Blutschuld angerechnet werden: Blut hat er vergossen und ein solcher Mensch soll ausgerottet werden aus seinem Volk.

3. Mose 20,1: Wer eines seiner Kinder dem Moloch gibt, der soll des Todes sterben, das Volk soll ihn steinigen.

3. Mose 20,9: Wenn jemand seinem Vater oder seiner Mutter flucht, der soll des Todes sterben.

3. Mose 20,10: Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin …

3. Mose 20,11: Wenn jemand mit der Frau seines Vaters Umgang pflegt und damit seinen Vater schändet, so sollen beide des Todes sterben, ihre Blutschuld komme über sie.

3. Mose 20,12: Wenn jemand mit seiner Schwiegertochter Umgang pflegt, sollen beide des Todes sterben.

3. Mose 20,13: Wenn jemand bei einem Manne liegt, wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben.

3. Mose 20,14: Wenn jemand eine Frau nimmt und ihre Mutter dazu, der hat eine Schandtat begangen, man soll ihn mit Feuer verbrennen und die beiden Frauen auch, damit keine Schandtat unter euch sei.

3. Mose 20,15: Wenn jemand bei einem Tier liegt, der soll des Todes sterben, und auch das Tier soll man töten.

3. Mose 20,16: Wenn eine Frau sich irgendeinem Tier naht, um mit ihm Umgang zu haben, so sollst du sie töten und das Tier auch.

3. Mose 20,17: Wenn jemand seine Halbschwester nimmt, seines Vaters Tochter oder seiner Mutter Tochter, und sie miteinander Umgang haben, das ist eine Blutschande, sie sollen ausgerottet werden vor den Leuten ihres Volkes …

3. Mose 20,18: Wenn ein Mann bei seiner Frau liegt zur Zeit ihrer Tage und mit ihr Umgang hat … sollen beide aus ihrem Volk ausgerottet werden.

3. Mose 21,9: Wenn eines Priesters Tochter sich durch Hurerei entheiligt, soll man sie mit Feuer verbrennen, denn sie hat ihren Vater entheiligt.

4. Mose 15,30: (Gotteslästerung)Wenn ein Einzelner aus Vorsatz frevelt, so hat er denn Herrn geschmäht. Er soll ausgerottet werden aus seinem Volk.

4. Mose 15,32 f: (Beispielcharakter) Ein Mann sammelt Holz am Sabbat, Ergebnis der Gottesbefragung, Zitat: Der Mann soll des Todes sterben, die ganze Gemeinde soll ihn steinigen draußen vor dem Lager.

4. Mose 19,20: Wer aber unrein wird und sich nicht entsündigen will, der soll ausgerottet werden aus der Gemeinde.

4. Mose 25,1f: (Beispielcharakter!!) Und Israel … fing an zu huren mit den Töchtern der Moabiter … da sprach der Herr (!) zu Mose: … Hänge sie vor dem Herrn auf im Angesicht der Sonne

4. Mose 35,16: Wer jemand mit einem Eisen schlägt, dass er stirbt, der ist ein Mörder und soll des Todes sterben.

4. Mose 35,17: Wirft er mit einem Stein … dass er daran stirbt … soll er des Todes sterben.

4. Mose 35,18: Schlägt er mit einem Holz … dass er stirbt … soll er des Todes sterben.

4. Mose 35,19: … wer ihm (dem Mörder) begegnet, soll ihn töten.

4. Mose 35,20+21: Stößt er jemand aus Hass oder wirft er etwas auf ihn … oder schlägt er ihn mit der Hand, dass er stirbt … so soll er des Todes sterben.

4. Mose 35,30: Wer einen Menschen erschlägt, den soll man töten auf den Mund von Zeugen hin.

5. Mose 13,2: Wenn ein Prophet oder Träumer unter euch aufsteht … und er spricht: Lass uns anderen Göttern folgen … Der Prophet aber oder Träumer soll sterben …

5. Mose 13,7 f: Wenn dich dein Bruder … dein Sohn, deine Tochter … deine Frau …dein Freund heimlich überreden würde (von Gott abzufallen) … sollst ihn zu Tode bringen. Deine Hand soll die erste wider ihn sein. Man soll ihn zu Tode bringen … (Anmerkung: Ehrenmorde in der Bibel oder?)

5. Mose 13,13f: Wenn du in irgendeiner Stadt … (Menschen findest, die eine andere Lehre vertreten) … so sollst du die Bürger dieser Stadt erschlagen mit der Schärfe des Schwertes (Anmerkung: Die Lizenz zum Töten der Andersgläubigen)

5. Mose 17,2 f: (Wenn jemand gefunden wird der tut) was dem Herrn missfällt … so sollst du den Mann oder die Frau, die eine solche Übeltat begangen hat, hinausführen zum Tor und sollst sie zu Tode steinigen … die Hand der Zeugen soll die erste sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volkes …

5. Mose 18,20f: Wenn ein Prophet so vermessen ist, dass er redet in meinem Namen, was ich nicht geboten habe (Anmerkung: Und wer entscheidet das?) und wenn einer redet im Namen anderer Götter, dieser Prophet soll sterben.

5. Mose 21,18: (Todesstrafe für ungeratene Söhne) So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er sterbe …

5. Mose 22,20 f: … ist es Wahrheit, dass das Mädchen nicht mehr Jungfrau war, soll man sie vor die Tür des Vaters führen und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen.

5. Mose 22,22: Wenn jemand dabei ergriffen wird, dass er einer Frau beiwohnt, die einen Ehemann hat, so sollen sie beide sterben.

5. Mose 22,23-24: Wenn eine Jungfrau verlobt ist und ein Mann trifft sie innerhalb der Stadt und wohnt ihr bei, so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen und sollt beide steinigen, dass sie sterben, die Jungfrau, weil sie nicht geschrien hat, obwohl sie doch in der Stadt war …

5. Mose 22,25: Wenn aber jemand ein verlobtes Mädchen auf freiem Feld trifft..und wohnt ihr bei, so soll der Mann allein sterben …, aber dem Mädchen sollst du nichts tun, denn er fand sie auf freiem Feld und das verlobte Mädchen schrie, und niemand war da, der ihr half.

Die Bibel enthält darüber hinaus auch eine Unmenge an Geschichten und Geschichtchen aus dem Sagenschatz des klassischen Altertums. Moralische Richtlinien dieses heiligen Buches sind hingegen meist schlechte Abgüsse der intellektuell weit überlegenen antiken Philosophie.


Fortsetzung dieser Abhandlung von Dr. Bleibohm am 01. Oktober 2017 …….