Wort zum Sonntag


Der Massenmensch ist einem Großsystem wie beispielsweise einer Telefongesellschaft, einer Versicherung, einer Bank usw. beigetreten. Dieser Beitritt war seine letzte Handlung in selbstbestimmter Autonomie, denn diese Systeme degradieren den Anwender vom handelnden Subjekt zum akzeptierenden Objekt (übrigens gilt im Analogieschluss das Gleiche für „demokratische Wahlen“).

Der Einfluss des Benutzers auf das System geht gegen Null, er ist ausgeliefert, er hat Handlungsfreiheit verloren, er hat die Entscheidungen des Systems im Grundsätzlichen hinzunehmen.

Je komplexer und umfangreicher die Massenwelt des Individuums wird, desto mehr ist es in derartige Systeme eingebunden und von ihnen abhängig. Seine Entscheidungen sind nicht mehr selbstbestimmt, sondern systemkonform und das einstmals freie Individuum ist zu einem verwalteten und unbedeutenden Partikel der Systemlandschaft mutiert.

Aber er merkt es nicht, er fühlt es nicht, er hat keine Sensibilität für die Gefahr. Im Gegenteil. Freudig preist er die Errungenschaften der modernen Welt, möchte nicht darauf verzichten, kann ohne Abhängigkeit nicht leben und ist gar für die Sklavenkette dankbar, die ihm kontinuierlich kürzer geschlossen wird.

Denn sie bietet ihm größten Schutz, nämlich Schutz vor sich selbst, wäre er doch sonst auf die Jämmerlichkeit seines leeren Wesens und bedeutungslosen Daseins zurückgeworfen und er würde in der Welt stehen, wie der Nackte im Schneesturm.

Aber wie erbärmlich muss ein Wesen nur sein, das freiwillig Freiheit gegen Sklaverei tauscht? Tiere muss man zur Gefangenschaft zwingen, nur der Mensch geht freiwillig in den Kerker der Abhängigkeit.


In welch schlimmer Täuschung nähert sich der Mensch, insbesondere der jüngere Mensch, seinem Daseinsende! Träumt er doch von der sanftesten Form des Sterbens, dem klaglosen und zufriedenen Einschlafen bei bester Verfassung im höchsten Alter.

Aber die Realität holt ihn ein, der Lebensweg belehrt ihn über die anderen Möglichkeiten des Sterbens. Er wird erkennen, dass seine Todesvorstellung der absolute Ausnahmefall ist und seinem Ende im Regelfall eine teilweise sehr lange Zeit voller Angst, Hoffnung, Enttäuschung, Verzweiflung, Einsamkeit, eine Zeit voller Einschränkungen, Abhängigkeiten und Schmerzen vorangeht.

Er wird feststellen, dass all das, was ihm einstmals wichtig war, nichtig geworden ist, er sein eigenes Wesen nach und nach verliert und sein Körper und Geist mit zunehmender Gebrechlichkeit in einen Zustand erbärmlichsten Vegetierens übergeht. Er wird alle Spielarten einer finalen Krankheit kennenlernen, bis hin zu den entwürdigsten Situationen im Pflegeheim. Sein Kampf, sein Lebenszweck, all sein Sinnen und Trachten gilt nur noch dem Erhalt seines kläglichen Lebensrestes, bis auch der letztendlich verlöscht.

Warum sollte es ihm aber auch besser ergehen? Hat er nicht Zeit seines Lebens mit ignorantem Hochmut die ihm nun widerfahrenden Grausamkeiten der Tierwelt zugemutet? „Ausgleichende Gerechtigkeit” wispert Mutter Natur ihm ins Ohr. Hat er sich nicht standhaft geweigert, sein Ende zu bedenken, um Vorsorge für einen selbstbestimmten Tod, einen würdigen Freitod zu treffen? Heute hätte er gern die Kraft dazu, die ihm damals aus Gleichgültigkeit fehlte.

Und hat er nicht sogar, getrieben vom kollektiven Gruppenzwang und angestachelt von seinen Trieben, diese Grausamkeiten unüberlegt an seine Kinder weitergegeben, die demnächst das Gleiche durchleben werden?

Es ist einer der wichtigsten Sätze der antiken Philosophie und wird doch kaum beachtet: respice finem – bedenke das Ende.

Aber kristallklare Vernunft ist ein seltenes Gut, das höchste Gut und deshalb nur einer elitären Minderheit von Mutigen, Unabhängigen und Klarsichtigen zugänglich.

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Das Wort zum Sonntag


Alle Aussagen von Humanisten und Philanthropen, alle Gesetze, Verordnungen und Absichtserklärungen politischer Gruppierungen und Institutionen, alle Wünsche, Hoffnungen und Gebete religiöser Kulte richten sich – sofern sie die Spezies Mensch betreffen – an die gesamte Gattung Mensch, eine Gattung, die in ihrer Variationsbreite und Inhomogenität unter allen Lebewesen ihresgleichen sucht.

Selbst wenn alle körperlichen Unterscheidungsmerkmale der Rasse und des Geschlechts in einer Betrachtung des homo sapiens unberücksichtigt bleiben würden, öffnete sich ein immenses Spektrum unterschiedlichster Ausprägungen durch Alter, Kultur, soziale und religiöse Gegebenheiten und Anforderungen sowie durch die temporären und lokalen Lebensumstände der Individuen. Es ist somit evident, dass ein derart inhomogener Kreis von menschlichen Lebewesen durch Regeln, Vorstellungen, Gedanken und Ethiken niemals in toto abgedeckt, erfasst und beschrieben werden kann.

Wird dieses Faktum ausser acht gelassen, begründet es den ersten schwerwiegenden Grundirrtum aller verklärenden Sichtweisen auf die Spezies Mensch, die manche gar als Krone, als Ziel der Schöpfung definieren. Mit dieser heuchlerisch-menschen-freundlichen aber nichtsdestotrotz wirklichkeitsnegierenden Gedankenwelt wird diese Sichtweise manifestiert. Die Leugner dieser Fehlsicht versperren dadurch einer realitätsnahen Betrachtungsweise den Weg, fördern harmonische Scheinwelten und damit die gleichzeitige Ausbreitung chaotischer Zustände in der gesamten belebten Welt, insbesondere aber im menschlichen Milieu.

Wird nach den äusseren, den allgemein sichtbaren Unterscheidungsmerkmalen in einem zweiten Schritt die geistige, die intellektuelle Bandbreite dieser Spezies analysiert, findet sich eine Variationsbreite, die in ihrer Vielfältigkeit die äusserlichen Ausprägungsmöglichkeiten bei weitem übertrifft. Das intellektuelle Spektrum reicht von genialer Höchstleistung bis zur vollständigen Idiotie, das Wissen von rudimentärsten Fähigkeiten bis zum Universalgelehrten, die Gefühlswelt vom Stoiker bis zum Hysteriker, von höchster Empathie bis zum blutigsten Sadismus.

Hebt man in einer analytischen Betrachtung in diesem Umfeld nur die Komponenten Ethik und Moral hervor, bleibt als Vorbemerkung festzuhalten, dass die Maximen theoretischer Moralgrundsätze ein Ergebnis langer kultureller Entwicklungen darstellen und als summum bonum in richtungsweisenden und anstrebenswerten, letztlich aber unverbindlichen Lehrsätzen über der Menschenwelt schweben.

Nun hat es aber a priori mit der Moral und den daraus resultiernden Vorstellungen eine besondere Bewandtnis. Während gesetzliche Regelungen als mehr oder weniger verbindliche Vorschriften und Rahmenbedingungen das Zusammenleben von Menschen in einer Gemeinschaft ordnen, gehen moralische Wertvorstellungen weiter als diese Begrenzung und setzen voraus, dass überhaupt die geistige Fähigkeit und der freiwillige Wunsch im Menschen besteht, ethischen Postulaten zu genügen. Moral ist demnach nichts weiter als eine freiwillige ethische Verpflichtung, der sich ein Mensch unterwirft, wobei jede Moralvorstellung grundsätzlich auch mit dem aktuellen Zeitgeist variiert.

Moral – wie sie hier verstanden wird – ist immer das ethische Gesetz, das ein Mensch aus freien Stücken, aus intellektueller Kraft und geistiger Unabhängigkeit über sich gehängt hat und dessen Einhaltung ihm eine Notwendigkeit zur Bewahrung der eigenen Selbstachtung ist. Diese Moral kreist immer um den Gedanken, den das alte Sprichwort prägnant formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu“. Und die „andren“ sind Menschen u n d Tiere!

An dieser Stelle versteckt sich der zweite Grundirrtum, mit dem die Spezies Mensch im täglichen Verständnis konfrontiert und identifiziert wird. Gerade weil zwischen den angestrebten Regeln der Moral und den Ansprüchen der Vernunft zu der erschreckenden intellektuellen Limitierung der Individuuen fast immer eine mehr oder weniger gravierende Lücke klafft, kann und wird ein menschliches Wesen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – den Moralansprüchen nicht nachkommen können, sie meist gar nicht oder überhaupt nicht begreifen und verstehen. In der Folge wird deshalb die Einhaltung ethischer Postulate verweigert und abgelehnt.

Jede Moralforderung erhält darüber hinaus spätestens dann aber ihren endgültigen Todesstoß, sobald sie Nutzen und Vorteil eines Menschen einschränkt oder einschränken soll. Überführt man vorstehende allgemeine Aussage in ein Beispiel, ergibt sich nachstehende Sequenz aus der realen Welt, aus der Welt des täglichen Mensch-Tierkonflikts.

„Der Löwe tötet auch und frisst das Fleisch“ sagt der Karnivore und der Vegetarier antwortet „Aber der Mensch hat im Gegensatz zum Löwen die moralische Wahl, ob er Fleisch isst oder nicht“. Der Vegetarier irrt, irrt zutiefst durch sein Wunschdenken, denn auch er unterliegt vorstehenden Grundirrtümern und blendet auf Grund seiner humanistischen Erziehung die Konsequenz aus den Irrtümern aus.

Die Konsequenz aber ist: Nur die allerwenigsten Menschen haben in Ermangelung geistiger Freiheit, Klarsicht und verstandesmäßiger Selbständigkeit eine moralische Wahl und richten sich freiwillig danach. In allen anderen Fällen unterscheidet sich die Menschenmoral durch nichts, durch absolut garnichts, von der Löwenmoral, vom tierischen Raubtierinstinkt, denn allgemein gilt unverändert Brechts Diktum: „Erst das Fressen, dann die Moral“.

Über Glaubenswahn, Tierelend und Kirche – Teil 3


Anmerkung zu den „heiligen Büchern“

Keiner der drei Religionsstifter hat seine Gedanken und Offenbarungen schriftlich fixiert; entweder waren sie des Schreibens und Lesens unkundig oder die gläubigen Anhänger haben im Nachhinein – oftmals erst nach Jahrzehnten – niedergeschrieben, was ihnen dann noch als überliefernswert galt. So entstand beispielsweise der Koran als eine Kopie des bei Allah befindlichen „Buchs aller Bücher“ und wurde dem Propheten Mohammed in der „Nacht der Bestimmung“ im Jahre 610 n. Chr. von Gott in sein Herz geschrieben, bzw. durch den Erzengel Gabriel ihm geoffenbart. Man unterstellt, dass Mohammed weder lesen noch schreiben konnte, weshalb der Erzengel Gabriel ihm den Befehl gab, die Offenbarung vorzutragen. Die Niederschrift der Offenbarung erfolgte dann durch Schriftkundige.

Interessanter und bestimmender für nachfolgende Betrachtungen ist hingegen der Pentateuch, also die fünf Bücher Moses, die im übrigen integraler Bestandteil der drei Weltreligionen sind und damit grundlegende Aussagen für die Gläubigen enthalten. Der Pentateuch wurde ca. 440 v. Chr. fertiggestellt und ab ca. 250 v. Chr. aus dem Althebräischen in die griechische und aramäische Sprache übersetzt . Die fünf Bücher bilden gemeinsam als Thora den ersten Hauptteil des Tanach, der Hebräischen Bibel, und sind der Beginn des uns bekannten Alten Testaments im Christentum.

Jahrhunderte diskutierte man, welche Teile ins Alte Testament (AT) gehören, so dass erst auf der jüdischen Synode von Jammia (ca.100 n. Chr.) der Umfang mit 24 Büchern für den Tanach endgültig definiert wurde. Andere Bibelversionen des AT wie die Septuaginta der Alten Kirche, die Lutherbibel, die römisch-katholische Vulgata oder das AT der orthodoxen Kirche, unterscheiden sich in der Zusammenstellung der zugehörigen Texte gravierend.

Der Anonymus präzisiert in seinem „Traktat über die drei Betrüger – Traité des trois imposteurs“ (Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1992):

„Obwohl die Erkenntnis der Wahrheit wichtig für alle Menschen ist, verfügen nur sehr wenige über diesen Vorzug. Die einen können sie nicht selbständig erforschen, die anderen wollen sich nicht darum bemühen. Kein Wunder also, daß die Welt voll ist von grundlosen und lächerlichen Meinungen, die durch nichts wirksamer gefördert werden, als durch die Unwissenheit. Sie ist die einzige Quelle der falschen Vorstellung von Gott, der Seele, den Geistern und von nahezu allem, was die Religion ausmacht. Die Gewohnheit hat die Oberhand gewonnen, man begnügt sich mit den von Geburt an überkommenden Vorurteilen, und in den wichtigen Angelegenheiten verläßt man sich auf eigennützige Leute, die es sich zum Grundsatz gemacht haben, hartnäckig die hergebrachten Meinungen aufrecht zu erhalten und es nicht wagen, diese zu beseitigen, weil sie fürchten, selbst beseitigt zu werden“

Kleines Zwischenfazit:

Je nach Zeit, Glaubenszugehörigkeit und Übersetzung unterscheidet sich das AT deutlich in seinen unterschiedlichen Versionen und Ausprägungen, mit der Konsequenz, dass das vermeintliche Gotteswort nicht eindeutig, sondern mehrdeutig, beliebig interpretierbar und auslegbar ist. Wer interpretiert aber, wer hat sich zwischen den unkritischen, einfältigen Menschen und Gott geschoben und fühlt sich als höherer Mensch, wer lebt davon, die Menschen mit mystischen „Wahrheiten“ des „jenseitigen“ Lebens, hauptsächlich aber mit Drohungen ewiger Pein, zu tyrannisieren? Es ist der Priester!

„Solange der Priester noch als eine höhere Art Mensch gilt, dieser Verneiner, Verleumder, Vergifter des Lebens von Beruf, gibt es keine Antwort auf die Frage: was ist Wahrheit? Man hat bereits die Wahrheit auf den Kopf gestellt, wenn der bewußte Advokat des Nichts und der Verneinung als Vertreter der ‚Wahrheit‘ gilt …“ (Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 38)

Fast 2000 Jahre zuvor der gleiche epikureische Gedankengang des Lukrez:

„Und in der Tat, wenn die Menschen ein sicheres Ende vermöchten Ihrer Leiden zu sehn, dann könnten mit einigem Grunde sie auch der Religion und den Priesterdrohungen trotzen. Doch so fehlt für den Widerstand wie die Kraft so die Einsicht, da uns die Angst umfängt vor den ewigen Strafen der Hölle“ (Lukrez: Über die Natur der Dinge, Warnung vor Priestern)

Zur ethischen Relevanz des AT

Das AT ist ein gewalttätiges und inhumanes Buch – ein Buch, das Eroberungskriege und Völkermord sanktioniert, Nichtgläubige hasserfüllt verfolgt und bei genauerer Analyse eine exzessive Anwendung von Todesstrafen für belangloseste Vergehen fordert. Eine hervorragende, vertiefende Zusammenstellung und Analyse findet der interessierte Leser bei Prof. Buggle (Denn sie wissen nicht, was sie glauben, Franz Buggle, Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2004).

Das AT ist die Beschreibung eines Mördergottes und seiner Helfershelfer, ist die Beschreibung eines Gottes, den der Brandopfer- und Blutgeruch befriedigt und eines Gottes, der seine Entscheidungen häufig ändert und seine Herrschaft mit tyrannischer Gewalt ausübt. Dieser Gott geniesst süchtig Rache und Vernichtung, er lebt und handelt im Blutrausch. Kurze Beispiele mögen an dieser Stelle genügen, die Todesliste der exzessiven Hinrichtungsbefehle sind im nachfolgenden Kapitel in extenso aufgeführt.

Der Auftrag dieses „Gottes“ an den Menschen, sich auf der Erde vegetarisch, also ohne Tierleid, zu ernähren, steht gleich am Anfang der Genesis:

Und Gott sprach: Seht da, ich habe euch gegeben allerlei Kraut, das sich besamt, auf der ganzen Erde und allerlei fruchtbare Bäume, die sich besamen, zu eurer Speise … (Gen 1, 29)

Nachdem er aber seine Schöpfung als Fehlschlag erkannte und durch die Sintflut fast zur Gänze ersäufte, startete er einen neuen Versuch und änderte gleichzeitig seine Meinung bezüglich der Ernährung:

Furcht und Schrecken vor euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich‘s euch alles gegeben. (Gen 9, 2-3)

Die zentrale Figur des Moses ist gleichfalls, wie sein Herr, von grenzenloser „Humanität“ geprägt. Als Moses nämlich vom Berg Sinai herabstieg mit den zehn Geboten in der Hand, von denen das fünfte Gebot lautet: „Du sollst nicht töten“, sah er sein Volk um ein goldenes Kalb tanzen. Fünftes Gebot hin oder her, gab er folgende Anweisung:

Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Gürte ein jeglicher sein Schwert um seine Lenden und durchgehet hin und zurück von einem Tor zum andern das Lager, und erwürge ein jeglicher seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Kinder Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und fielen des Tages vom Volk dreitausend Mann. (Ex 32, 27-28)

Geschichten ähnlicher Barbarei werden von König David sowie dem ebenfalls hochverehrten König Salomo berichtet. Damit der Fleischhunger und Blutdurst des Herrn richtig gesättigt wird, opfert nämlich Salomo gleich eine immense Menge an Tieren, nach dem Motto „viel hilft viel“:

Und Salomo opferte Dankopfer, die er dem HERRN opferte, zweiundzwanzigtausend Ochsen und hundertzwanzigtausend Schafe. Also weihten sie das Haus des HERRN ein, der König und alle Kinder Israel. (1Kön 8, 62-63)

Wir finden hier die Gedankenwelt einer brutal-archaischen Lehre. Statt durch Religion die Wehrlosen, die Tiere, zu schützen, beutet dieses abstruse Gedankenkonstrukt die Schwächsten schamlos und ohne Mitgefühl aus und legt ihnen zum höheren Lob des Herrn einen furchtbaren Tod durch Schächten auf. Was ist das für ein Gottesmonster, welches das Blut der Ärmsten der Armen, welches das Blut seiner eigenen Schöpfung liebt und gegen deren Leid und Schmerz taub ist?

Wer aber glaubt, dass Tieropfer zwischenzeitlich in der katholischen Kirche abgeschafft sind, irrt zutiefst. Meldet doch die „Süddeutsche Zeitung“ vom 7.10.2009, das im Altarraum der kath. Kirche von San Juan Chamula, Mexiko, bis heute Tieropfer vollzogen werden! Übrigens ist Massenmord an Tieren auch heute keine Todsünde nach der Lehre der Catholica! Mit dem Begriff Todsünde (peccatum mortiferum) werden im Katechismus der Katholischen Kirche bestimmte, besonders „schwerwiegende“ Sünden wie Mord, Ehebruch und Glaubensabfall bezeichnet. Man kann Tiere quälen, in unbegrenzter Zahl ermorden, sein ewiges Leben gefährdet der gläubige Katholik damit nach offizieller Lehrmeinung der Kirche nicht.

König David, Liebling Gottes, zweiter König von Israel und Nachfolger Sauls, war ein Mann, der neben zahlreichen, bluttriefenden Massakern auch äusserst exzentrische Geschenke liebte:

Da machte sich David auf und zog mit seinen Männern und schlug unter den Philistern zweihundert Mann. Und David brachte ihre Vorhäute dem König in voller Zahl, daß er des Königs Eidam würde. Da gab ihm Saul seine Tochter Michal zum Weibe. Und Saul sah und merkte, daß der HERR mit David war. Und Michal, Sauls Tochter, hatte ihn lieb. Da fürchtete sich Saul noch mehr vor David und ward sein Feind sein Leben lang.“ (1Sam 18, 27-29)

Diese kurzen Ausgriffe mögen genügen, die doch recht eigenwillige Gedankenwelt und moralisch-ethische Qualität des Pentateuch zu skizzieren. Über die Relevanz des „Gotteswortes“ für unsere heutige Zeit möge der kritische Denker selber urteilen, zumal dieses „Gotteswort“ im Laufe der Geschichte tausendfach umgeschrieben, verändert, angepasst, kurzum in seiner Aussage manipuliert wurde, so dass auch die Kunst der priesterlichen Exegese hauptsächlich darin besteht, scholastisch-spitzfindig die Texte situativ zu interpretieren. Aber noch eine Komponente kommt hinzu:

„Nicht das Wissen, sondern der Glaube siegt, nicht die Wahrheit, sondern die Masse“ (F.W. Korff, Vorwort zum wahren Wort des Celsus, 1991) oder mit den Worten des großen Blaise Pascal in seine Pensées: „Warum folgt man der Mehrheit? Etwa weil sie mehr Vernunft hat? Nein, sondern weil sie mehr Macht hat.“

Wer meint, dass zumindest Zauberhandlungen in der heutigen, aufgeklärten Welt undenkbar sind, schätzt seine Mitmenschen falsch ein. Schreibt doch die FAZ am 28.9.2009 in einem Artikel vom jüdischen Versöhnungsfest über den Brauch des „Kaparot“ ultraorthodoxer Juden, wie man sich der Sünden des vergangenen Jahres zu entledigen sucht. Nach einem Gebet wird ein Huhn an Schulter oder Füssen gepackt, und dreimal über dem Kopf geschleudert. „Danach lassen sie die Hennen (für Frauen) und die Hähne (für Männer) den jüdischen Vorschriften gemäß schlachten und das Fleisch an die Armen verteilen“. Bleibt nur noch die sarkastische Frage, wenn der zuständige „Gott“, in diesem Fall Jahwe oder Jehovah, sich verzählt oder das Huhn nur zweimal über dem Kopf kreist – was passiert dann? Ewige Verdammnis? Vergebung?

Die Ankündigung, Durchführung und Rechtfertigung vergleichbarer Verbrechen des AT auf die heutige Zeit zu übertragen, würde die Intervention sämtlicher humanistisch orientierter Staaten bewirken. Aber wir sind stolz auf unsere tolerante Gesetzgebung, denn dieses Buch, das zum Terror aufruft, darf frei verkauft werden und dient – anders als die blanke Brustwarze eines Fotomodells – nach offizieller Lesart nicht der „sozialethischen Verwirrung“ Jugendlicher. Opportunität und Stillschweigen ist an dieser Stelle aber kein Zeichen von Toleranz, sondern ein moralisches Verbrechen.

Kleines Zwischenfazit:

Der Herr Staatsanwalt ist kraft bindender und gemeinsamer Regierungs- und Kirchenbefehle auf dem religiösen Auge vollständig blind, nicht einmal ein Glasauge verbirgt kosmetisch seine Blindheit. Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit wird jede Glaubensabsurdität toleriert, selbst wenn zu Genozid, Mord, Hass und Diskriminierung Andersdenkender aufgerufen wird. Fühlt sich doch heute noch der kleinste Geist durch die Ausübung bizarrer Riten und Gepflogenheiten auserwählt, elitär und privilegiert.

Da sich zugegebenermaßen die gesamte Fabel des AT im Glaubensbereich abspielt, kann man für die Geistesverwirrung der Glaubensschafe lediglich den nachstehenden Versuch der Exculpation als mildernden Umstand gelten lassen: Vorausgesetzt, daß überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltags-Christ eine erbärmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu werden, wie das Christentum ihm verheißt. (Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, 116)

Fortsetzung folgt …..