Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

Der Weg eines Politikers führt üblicherweise vom Freund einer Idee zum Knecht einer Ideologie. Ein freier Geist ist er jedoch auf der ganzen Wegstrecke nie!

Das größte Wunder der christlichen Dreifaltigkeitslehre ist nicht die Tatsache, dass es Menschen auf der Welt gibt, welche diese Gedanken ernst nehmen. Das größte Wunder ist vielmehr die Tatsache, dass wir dadurch von einem Gott erfahren, der sich mit Hilfe einer Jungfrau selbst erzeugt hat. Heißt es doch im Glaubensbekenntnis: „Empfangen vom heiligen Geist“. Er ist also ein Wesen, das sich selbst erschaffen kann, bevor es überhaupt existiert.

Aber seid gewiss, ihr kritischen Denker, auch für diese Absurdität werden die Pfaffen sofort eine Erklärung parat haben.

Es kommt immer auf den Standpunkt, auf den Blickwinkel an. So ist die Medizin in vielen Fällen der größte Segen für das Einzelindividuum. Für die Gesamtheit der Welt aber ist sie der große Fluch der Menschheit, denn sie hat die natürliche Selektion, insbesondere die menschliche, gebrochen und außer Kraft gesetzt. Nur durch sie wurde die ungebremste Vermehrung der menschlichen Spezies möglich, eine Vermehrung, die alles andere Leben des Planeten verdrängt, versklavt, vernichtet. Die Medizin streitet mit der Technik um die Krone, wer von beiden die größte Vernichtungskraft für den Planeten Erde entwickelt hat.

Am Strand liegen zahllose Milliarden von Muscheln. Der Sand ist durchsetzt von Muschelresten, besteht aus zerstörten, zermahlenen Resten dieser Tiere. Jeder Schritt führt dich über ein unendliches Leichenfeld einstigen Lebens, der Tritt kann den toten Resten der Tiere nicht ausweichen.

Waren es eigentlich Wesen, die in molluskenhafter Dumpfheit dahinvegetiert sind, ihre Existenz nicht wahrgenommen haben, für die Leben und Tod eins war, austauschbar, beides nicht erkennbar? Oder waren es Wesen, die einen bewussten Hang zum Weiterleben, zum Überleben, hatten und um ihre Existenz – in welcher Form auch immer – gebangt haben? Warum diese Überfülle, diese unendliche Produktion von Leben, von Tod, von Vernichtung, von Untergang?

Ich stehe immer sofort vor dem Unbegreiflichen, wie ich mit allem Wissen an der Artengrenze der Lebewesen scheitere, völlig unfähig bin, auch nur die Denkwelt, die Empfindungswelt, einer anderen Art zu verstehen. Natürlich können wir das beschreiben, erklären und in Umrissen erforschen. Aber es gelingt nie, niemals, das Wesen, das Innere zu verstehen, in die Strukturen des Empfindens einzudringen, um zu denken wie ein Hund, wie ein Vogel, wie ein Fisch, wie eine Muschel. Ignoramus, ignorabimus.

Mein Restleben würde ich gerne tauschen für die Erfahrung, in eine derart andere Welt gedanklich einsteigen zu können. Es macht mich dann schnell fassungslos und verständnislos, halte ich mir vor Augen, mit welch unvorstellbarer Ignoranz, Überheblichkeit, Dummheit und Anmaßung die menschliche Rasse dieses Faktum ausblendet und meint, dass alles Wissen des Universums sich nur in ihren Hirnen konzentriert. An diesem Punkt wird dann meine Wut, Abscheu und Verachtung für die Urheber dieses Irrsinns, für die Überheblichkeitslehren der Monotheisten, grenzenlos und auf der anderen Seite wächst meine Demut gegenüber der Natur ins Unendliche.

Politisch korrekte Menschen sind die Speichellecker mediokrer Meinungen. Ihre Denkart und Einstellung liegt außerhalb von ihnen und wird aus der öffentlichen Meinung bezogen. Inwendig sind sie intellektuell unselbständig, weshalb sie von alleine nicht aufrecht stehen können. Politische Korrektheit ist ihr Geisteskorsett.

Das Glück war mir hold, denn das Schicksal verschonte mich vor den Halluzinationen einer Religion. Insofern blieb mir auch die Drohung vor einem Jenseits erspart, sei es als Paradies, sei es als Hölle. Wenigstens in diesem Punkt konnte ich völlig unbeschwert leben.

Zweihundert Schweine ersticken in einem Stall, in der Regionalzeitung eine kleine Notiz dazu, nachmittags ist bei den Lesern alles vergessen.

Zweihundert Bootsflüchtlinge ertrinken im Meer, Fernsehen und alle Zeitungen berichten ausführlicher, geheuchelte Betroffenheit und standardisierte Empörung, Normalität nach drei Tagen, der Vorfall ist bei allen vergessen.

Fazit: Todesangst und Kampf ums Leben war bei allen vierhundert Lebewesen gleich, die Menschheit merkte pflichtgemäß kurz auf, die Natur nahm hingegen keinerlei Notiz davon, kein barmherziger Gott griff ein. Beide Ereignisse waren dem Weltgeschehen gleichgültig. Nur der gleichmachende Zerfall allen Lebens im Strom der Zeit, der Sieg der Vergeblichkeit, der Triumph der Sinnlosigkeit jeglicher Existenz hatte sich kurz als das absolute Naturgesetz in Erinnerung gebracht.

Klarstellungen aus der Gegensicht

Marc Aurel schreibt in seinem neunten Buch der „Selbstbetrachtungen“ folgenden fundamentalen Satz. „Eindringlich ist auch jene Regel, die man gibt, um jemand zur Zufriedenheit mit dem Lose der Sterblichkeit zu stimmen: einmal, sieh dir die Dinge genau an, von denen du dich trennen musst, und dann in ethischer Beziehung, welch ein Elend, womit du einst nicht mehr verflochten sein wirst.“

Das Elendsgeflecht des Seins, seine Unerträglichkeit – sobald die generelle Absurdität und Sinnlosigkeit des Lebens als Erkenntnis im Bewusstsein verankert ist – die Bösartigkeit des täglichen Weltgeschehens, all das kondensiert im Kopf zu einem stetigen Gifttropfen, der die Lebenskräfte lähmt und zum Leben fast unfähig macht.

Der vernichtende Biss der Lebensschlange paralysiert sein Menschenopfer und lässt es trotzdem in sadistischster Art und Weise die Unausweichlichkeit kommender Vernichtung in allen Facetten erleben. Es sind diese vier diabolische Säulen, zwischen denen das Schicksal sein Menschenfänger-Netz über der ontologischen Fallgrube gespannt hat.

Ungebremstes Bevölkerungswachstum weltweit, begleitet von einer zunehmenden Verblödung und geistigen Leere der Massen.

Irreversible Zerstörung der Natur, progredientes Artensterben und hemmungslose Ausbeutung des Planeten, begleitet von einem exorbitanten Tierelend.

Zersetzung und Beschädigung des eigenen Körpers, begleitet von einem Geist, der die eigene Auflösung täglich bis zum endgültigen Untergang konstatieren muss.

Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit jeglichen Lebens, begleitet von der Erkenntnis seiner Entbehrlichkeit, von der Nichtigkeit des Seins schlechthin.

Fast alle Menschen sind unfähig, gedanklich über ihre Artengrenze zu springen und sie weigern sich deshalb, den Versuch zu wagen, der Tierwelt mit ihren unterschiedlichsten Lebensformen eigenständige Empfindungs- und Gedankenwelten zuzubilligen. Hieraus, aus dieser inneren Blockade, resultiert ihre fehlende Empathie gegenüber der Tierwelt. Diese mentale Blockade ist der Urquell des globalen Gemetzels unter den Tieren, der Ursprung von Tierausbeutung und Vernichtung.

Die Einschränkung der bürgerlichen Freiheitsrechte scheint umgekehrt proportional zum Anwachsen der Massen zu verlaufen. Eine Verdoppelung der Bevölkerung würde mit einer Halbierung ihrer individuellen Freiheitsgrade einher gehen. Mir erscheint diese Hypothese sehr realistisch.

Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

Manche Ereignisse treibt die Betroffenheits- und Heuchelmaschinerie auf zuvor nie erreichte Drehzahlen. Zumeist besteht der Energieinput für die kollektive Erschütterung, Erregung und landesweites „geschockt sein“ über einen Flugzeugabsturz, ein Attentat, einen besonderen Todesfall oder auch schon mal über den Tod eines jüngeren Eisbären im örtlichen Zoo. Die vermeintliche Fassungslosigkeit des Geschehenen wird durch mehrere tausend Blumensträuße, Stofftiere, Bilder, Briefe und Kondolenzschreiben ausgedrückt, die man tränenreich, zutiefst erschüttert und endlos traurig, an bestimmten Punkten in der Öffentlichkeit demonstrativ mit versteinertem Gesicht niederlegt. Ein Erinnerungsfoto von der Trauergeste tut dem stillen Gedenken keinen Abbruch.

Eine Steigerung und besonderes Gewicht erfährt die ganze Trauerarie durch Lichterketten von zahllosen Kerzenhaltern, die sich einträchtig und, zumindest für den Moment friedlichst gestimmt, bei Einbruch der Dunkelheit dort zusammenfinden, wo man sie auch pressewirksam sieht. Gelegentlich – als das non plus ultra der Betroffenheit und Verbundenheit mit den Opfern – folgt ein Trauermarsch der aktuellen Politdarsteller, von Leibwächtern sorgfältig vom Restpöbel abgeschirmt und medial perfekt für das staunende Fernsehpublikum inszeniert. Die Neo-Voodoo Gemeinde, vereint im christlichen Gutmenschwahn, feiert sich selbst in Gefühlsseligkeit und Sentimentalitätstrance hinein.

Nun gibt es allerdings zwei entscheidende Bemerkungen zu dieser Betroffenheitsmystik. Zum einen ist der Mehrzahl der Teilnehmer weder ein Opfer noch dessen Familie bekannt, so dass eine tiefe Trauer mangels Bezug obsolet ist. Kenntnisnahme und Konsequenz aus dem betreffenden Ereignis wäre ausreichend und sachgerechter, dem Rationalisten angemessener.

Zum anderen aber – und hier ist die Grenze, an der die Betroffenheit in Verlogenheit umschlägt – sind solche Ereignisse keine Einzelfälle und finden permanent o h n e jegliche Anteilnahme hiesiger Laienschauspieler weltweit statt. Dies gilt für Flugzeugabstürze gleichermaßen wie für die blutigsten Anschläge, für Erdbebentote und Tsunamiverschollene.

Behält man gar das ganze Leben der Erde im Blick und löst sich von der so gern geglaubten anthropozentrischen Auserwähltheit, dann wäre der Trauer kein Ende, würde der Millionen ermordeter Tiere, die genau wie der Mensch ihr einmaliges, unwiederbringliches Leben lieben und es nur zum Fraß gerade für diese Menschheit verlieren, gedacht.

Die Heuchelmenschen, dieses Konglomerat der Angepassten, missbrauchen das Ereignis als Selbstbestätigung eigener anthropozentrischer Größe und benutzen die Transformation einer Betroffenheitslüge zur Selbsterhöhung des vermeintlichen eigenen Wertes durch die partielle Vortäuschung menschlichen Mitgefühls. Ekelhaft, widerlich, abstoßend!