„ Menschenwürde“ – eine Klarstellung (Teil 2)

Fortsetzung des Beitrags vom vergangenen Sonntag

Was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist, zeigt sich bei genauerer historischer Analyse. Das heutige Verständnis der Menschenwürde meint in der Regel die „große Menschenwürde“ und ruht damit auf einem theologischen Fundament. Christliche Denker, wie Gregor von Nyssa, Augustinus und Thomas von Aquin, übernahmen als zentrales Argument ihrer Überlegungen von Plato die Annahme einer individuellen Seele mit eigener Substanz, einer grundsätzlich unsterblichen Seele und entwickelten das Seelenheil als wesentlichen Inhalt und Ziel christlichen Lebens.

Ausgebaut wurde diese Überlegung noch durch folgende Annahmen, die Thomas von Aquin dadurch ergänzte, dass er die Existenz einer Seele allein dem Menschen zugestand.

Erschaffung des Menschen durch Gott (Genesis 1,1)

Gottesebenbildlichkeit des Menschen (Genesis 1,27)

Unterstellung der menschlichen Vernunft und

Die Freiheit des Menschen als Aspekt dieser Vernunft.

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ergänzte Immanuel Kant die christliche Definition der Würde durch eine säkulare Komponente, die bis heute als philosophische Argumentationsbasis herangezogen wird. In der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ von 1785 wird der Würdebegriff eingeführt, aber „nicht mit der Idee der Selbstzweckhaftigkeit in der zweiten Formel des kategorischen Imperativs verbunden, sondern nur mit der Idee der Selbstgesetzgebung des Menschen in einem Reich der Zwecke, also mit der dritten Formel“ (Dietmar von der Pfordten, Menschenwürde) oder als einprägsamer Kernsatz formuliert: „Selbstbestimmung über die eigenen Belange.“

Die entsprechende Textpassage bei Kant lautet wie folgt:

Die Vernunft bezieht also jede Maxime des Willens als allgemein gesetzgebend auf jeden anderen Willen und auch auf jede Handlung gegen sich selbst und dies zwar nicht um irgend einen anderen praktischen Beweggrund oder künftigen Vorteils willen, sondern aus der Idee der Würde eines vernünftigen Wesens, das keinem Gesetz gehorcht als dem, das er zugleich selbst gibt.“

Ohne weiter in extenso in die einzelnen Verästelungen der christlichen Lehre – die sich in toto nur aus Behauptungen und nicht aus Beweisen speist – und der philosophischen Folgerungen und Annahmen einzusteigen, lässt sich folgende Grundkritik an der Würde des Menschen formulieren.

1. „Menschenwürde“ wird in allen Gesetzestexten als undefinierter Begriff verwendet. Die Bedeutung ist schwammig, nebulös, als konkretes Faktum unbrauchbar und öffnet Spekulationen Tür und Tor. Es ist in jedem Text unklar, welche der vier Ausprägungen gemeint ist. Es ist ein typisch potemkinscher Begriff, eine Vokabel mit ehrfurchtsgebietender Fassade und erbärmlichem Hintergrund.

2. „Menschenwürde“ ist ein halbtheologischer Begriff – auch in der Zeit nach Kant – der nur für denjenigen die vorgestellte inhärente Bedeutung haben kann, der die Annahmen und Gedanken eines Gottesglaubens teilt. Allerdings sind Gottesglaube und Vernunft Antipoden.

3. „Menschenwürde“ betrachtet nur ein Teilsegment allen Lebens, aller Arten und ist damit nur ein Ausschnitt aus allen denkbaren Lebensformen. Es ist der letzte Baustein im Fundament des Anthropozentrismus und Förderer eines vernichtenden Artenrassismus bis hin zum Genozid ganzer Spezies.

4. „Menschenwürde“ trennt den Menschen von allen anderen Arten, schreibt sich selbst als Kulminationspunkt, Ziel und Zweck allen Seins fest und ist damit als generelles philosophisches Konstrukt untauglich. Seine Verwendung trotz besseren Wissens und gerade wegen seiner Ignoranz anderen Lebensformen gegenüber ist täuschend, unmoralisch und ethisch verwerflich.

5. „Menschenwürde“ unterstellt menschliche Vernunft, von der die Evidenz seit Jahrhunderten lehrt, dass sie in der Menschenwelt ein seltenes Gut darstellt und nur partiell anzutreffen ist. Es wird ferner nicht begründet, warum tierliche Lebewesen grundsätzlich von einer Vernunft ausgeschlossen sein sollen und warum tierliche Vernunft mit menschlicher Vernunft kongruent sein soll oder gar sein muss.

Jede Lebensform hat aber ihre eigene Vernunftform und es ist ein Zeichen der beschränkten menschlichen Weltsicht, gedanklich allen Wesen das menschliche Denkschema überzustülpen und es dort vorauszusetzen.

Aber es kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Unbestritten ist, dass Vernunft, Wissen und logische Denk- und Analysefähigkeit nach menschlicher Definition und Sichtweise in der Spezies des homo sapiens in summa stärker, intensiver und häufiger anzutreffen sind als in der übrigen Tierwelt. Dieser Umstand hatte deswegen zur Folge, dass in allen Zeiten und in allen Kulturen – bis auf den heutigen Tag – die Menschheit diese Fähigkeiten missbraucht hat, um sowohl die eigene Spezies als auch die tierlichen Mitlebewesen zu unterjochen, zu bekriegen, zu versklaven und zu töten.

Vernunft ist und war Basis und Auslöser ultimativer Macht- und Beherrschungsinstrumente der Menschheit und ist deshalb unter dem Gesichtspunkt des permanenten Missbrauchs völlig ungeeignet, eine wie auch immer geartete Würde zu begründen. Johann Gott-fried Herder (Briefe zur Beförderung der Humanität. Zwei Bände, Berlin und Weimar: Aufbau, 1971, Band 1, S. 139 f) formuliert es folgendermaßen: „So auch Menschenwürde und Menschenliebe. Das Menschengeschlecht, wie es jetzt ist und wahrscheinlich lange noch sein wird, hat seinem größesten Teil nach keine Würde; man darf es eher bemitleiden als verehren.“

6. „Menschenwürde“ unterstellt die Freiheit des Menschen als Aspekt der Vernunft. Da vorausgesetzt werden muss, dass die Vernunft eine Schwester der strengen Logik ist und somit das Kausalitätsgesetz gelten soll, nachdem jede Wirkung ihre Ursache hat und auch haben muss, ist die Freiheit eine Illusion, da alles Sein grundsätzlich deterministisch angelegt ist.

7. „Menschenwürde“ unterstellt innerhalb der Spezies Mensch Gleichheit und ist damit völlig wirklichkeitsfern. Weder sind Menschen in geistiger noch in körperlicher Ausstattung gleich und vergleichbar, sondern in keiner Spezies ist die Bandbreite, die Ausprägung der Fähigkeiten größer als in der menschlichen Art. Zahllose Menschen sind tierlichen Lebewesen in körperlichen und geistigen Belangen unterlegen, oftmals deutlich unterlegen, und es entspricht einer totalitären anthropozentrischen Unterdrückungshybris, diesen Sachverhalt zu ignorieren. Die ganze Unmoralität menschlichen Gebarens kanalisiert sich hier. Dieses Verbrechen wird von Staat und Kirche sanktioniert, gefördert und gelehrt.

8. „Menschenwürde“ ist der Katalysator der Umwelt und Artenvernichtung, denn dieser Begriff erlaubt, die gesamte Natur rücksichtslos als Nutzenlieferant für menschliche Belange zu sehen und gipfelt in folgenden Postulaten:

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung und ihr letztendliches Ziel und weil das so ist und eine unabänderliche Tatsache darstellt, stehen ihm grundlegende Rechte vor allen anderen Lebensformen zu. Insbesondere darf er andere Lebensformen nutzen, versklaven und töten, wenn es seinem Vorteil und Wohlbefinden dient.

Alle Rechte, die er sich selbst zugestanden hat wie Recht auf Leben, Freiheit, Verbot der Sklaverei, der Folter und Verbot grausamer, erniedrigender Behandlung, gelten uneingeschränkt nur für den Menschen. Mit göttlicher und staatlicher Gewis-sensabsolution verweigert er diese Rechte der übrigen lebenden Kreatur.

Der Mensch darf sich beliebig vervielfältigen, die Erde mit seiner Spezies überschwemmen und deshalb allen anderen Lebewesen ihre Lebensräume nehmen und zerstören.

Die Geschichte der Menschheit ist von dem stetigen Bemühen geprägt, seine eigene Existenz aus der Natur hervorzuheben und im Reich aller Lebewesen eine Sonderstellung, einen höheren Rang, einzunehmen.

Fortsetzung dieses Beitrags am kommen Sonntag ……

Dr. Gunter Bleibohm über die Steuerung der Masse

Steuerung der Masse

1. Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Wind treibt. Und dieser Typus Mensch entscheidet in unserer Zeit.

2. Die Masse ist der Idealfall für Regierende und Führende, wenn die gesetzlichen und medialen Manipulationsinstrumente klug und skrupellos eingesetzt werden. Wie sollte man nicht fürchten, dass der Staat unter der Herrschaft der Massen alle unabhängigen Individuen und Gruppen erdrückt und so die Zukunft zu einer Wüste machen wird!

3. Demokratische geführte Massen haben – im Gegensatz zu Diktaturen – den grundlegenden Systemvorteil, dass abweichende Meinungen – und seien sie noch so bedeutsam – sowie intellektuelle Ansprüche durch Mehrheitsvotum friedlich eliminiert werden können. Auf der anderen Seite folgen aus der zunehmenden Teilnehmer- bzw. Bevölkerungsgröße in einer Einheit das Gefühl und die Tatsächlichkeit der Anonymisierung und die reale Unwichtigkeit der einzelnen Person. Die persönliche Meinung wird bedeutungslos, es zählt ausschließlich die Massenmeinung.

4. Anonyme Massen tendieren zur Schaffung von eigenen Regeln, zur sozialen Separierung bis hin zur Ghettoisierung. Politische und gesellschaftliche Funktionen – einst mal das Ideal einer mündigen Demokratie – werden zunehmend weniger wahrgenommen. Das Gesamtsystem lässt sich durch politische Abstinenz und Desinteresse leichter durch die Regierung steuern, die lokalen Probleme durch die Verweigerung demokratischer, gesetzlicher Normen nehmen hingegen zu.

5. Die Masse wird im Normalfall über kollektive Abhängigkeiten gesteuert. Die Abhängigkeiten werden von Systemkomponenten erzeugt, die quasi diktatorische Wirkung haben, denen das Individuum nicht ausweichen kann und deren Rahmenbedingungen von einer Führungselite gestaltet werden (Kranken- und Renten-versicherung, Kitas, Schulen, Universitäten, Behörden mit allen Melde- und Steuersystemen). Das allgemeine Stimmrecht gab der Masse nicht das Recht zu entscheiden, sondern die Entscheidung der einen oder anderen Elite gutzuheißen.

6. Die Masse erhält ein manipuliertes Bewusstsein. Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Meinungsbildung. Die Bevölkerung wird durch folgende Methoden manipuliert: gleichgeschaltete Medien, Desinformation, Geschichtsfälschung und Geschichtslosigkeit, Überfremdung, Neusprache, Vernichtung der Identität des Volkes, Abschaffung typischer Wertvorstellungen, Gedankenpolizei und Denkverbote.

7. Die Masse ist per definitionem massig und träge, tendenziell zunehmend körperlich und schon immer geistig. Erst wenn es gelingt mit kollektiver Emotion die Trägheit aufzubrechen, kann sich das Meinungsschiff in eine veränderte Richtung drehen. In Wahrheit wusste man sehr wenig über die Proles. Man brauchte nicht viel zu wissen. Solange sie nur arbeiteten und sich fortpflanzten, waren ihre übrigen Lebensäußerungen unwichtig … Schwere körperliche Arbeit, die Sorge um Heim und Kinder, kleinliche Streitigkeiten mit Nachbarn, Kino, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiele füllten den Rahmen ihres Denkens aus. Es war nicht schwer sie unter Kontrolle zu halten … Und sogar, wenn sie einmal unzufrieden wurden, führte ihre Unzufriedenheit zu nichts, denn da sie ganz ohne einen leitenden Gedanken waren, richtete sich diese Unzufriedenheit nur auf belanglose jeweilige Übelstände. (George Orwell, 1984)

8. Die Masse vernichtet Freiheit, denn die Masse muss mit Gesetzen und Verordnungen gesteuert werden. Um zielgerichtet zu lenken, sind Informationen erforderlich. Konsequente Überwachung und Informationsbeschaffung sowie deren Verdichtung an zentraler Stelle ist die Folge. Die Schraube der Rechtsbeschneidung dreht sich unaufhörlich, langsam aber stetig und irreversibel.

Fortsetzung nächsten Sonntag: Konsequenzen

Dr. G. Bleibohm über Struktur und Wirkung der Masse

M a s s e  –  S t r u k t u r  u n d  W i r k u n g

Der Irrsinn ist bei einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel. (Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse,156)

Der Begriff der „Masse“ kennzeichnet immer ein quantitatives und/oder qualitatives Geschehen und beschreibt eine Summe von Einzelindividuen, deren persönliche Charakter-, Körper-, und Verhaltensausprägungen sich statistisch um markante Werte gruppieren, die als repräsentativ für das Gesamtbild stehen. Abweichende Einzelfälle vom Zentralwert der Ausprägungen decken im Rahmen einer Normalverteilung die ganze Bandbreite des betrachteten Merkmals ab.

Masse entsteht quantitativ durch exponentielles Bevölkerungswachstum, durch Konzentration der Menschen in Megastädten, in Großunternehmen, Armeen etc., kurzum in allen Strukturen, die eine große Menschenmenge zur Voraussetzung haben, deren Steuerung Regeln, Gesetze, Verordnungen erfordert.

Die qualitative Masse bezeichnet das Phänomen, dass allgemeine Meinungen, Verhaltensweisen, Ansichten, Glaubensvorstellungen, Lebensgewohnheiten, Vorurteile, Konsumverhalten etc. regelmäßig Bestandteil der eigenen, der individuellen Meinung geworden sind und lebensbestimmend für den einzelnen Menschen sind.

Charakteristika

1. Die Ent-Individualisierung des Menschen erfolgt durch seine grenzenlose Vermehrung in der Neuzeit. Der Weg führt vom Individuum zur menschlichen Fabrikware – genormt, unselbständig, bis zur Rechtlosigkeit verwaltet und überwacht. Das Individuum hört auf, ein selbständiges, autonomes Wesen zu sein; es mutiert zum Gattungsexemplar, tauscht individuelles Bewusstsein zugunsten des Kollektiven.

2. Die Masse ist egozentriert, in allen Gedanken und Handlungen nur auf das momentane Wohlbefinden ausgerichtet, ein Paradebeispiel für kollektiven Solipsismus. Nichts beschäftigt sie so sehr wie ihr Wohlbefinden, und zugleich arbeiten sie den Ursachen dieses Wohlbefindens entgegen. Nur noch Wenige wollen wissen, nur noch Wenige wollen lernen, nur noch Wenige wollen sich ändern. Man umgibt sich lieber mit den dumpfen Emotionen aus der trüben Quelle des Nichtwissens in einem stumpfträgen Menschenmassenbrei der entindividualisierten Gesellschaft.

3. Die Masse denkt nicht antizipativ.

4. Persönliche Einschränkungen für Verbesserungen jenseits des eigenen Lebenshorizonts lehnt sie ab.

5. Die Masse erdrückt jede Vernunft. Masse ist das Synonym für Beliebigkeit mit der Folge der Sinnlosigkeit von jedwedem moralisch-vernunftgesteuertem Verhalten. Nicht, dass der gewöhnliche Mensch glaubt, er sei außerordentlich und nicht gewöhnlich, sondern dass er das Recht auf Gewöhnlichkeit und die Gewöhnlichkeit als Recht proklamiert und durchsetzt .

6. Die Masse kennt keine Empathie. Ethische, moralische, philosophische Gedanken und Richtwerte gelten nur, solange sie das unmittelbare Umfeld betreffen. Andere Lebensformen fallen der Ausbeutung, Versklavung und Vernichtung anheim. Besonders gegenüber der Tierwelt ist die Masse von außergewöhnlich konsequenter Grausamkeit.

7. Masse ist die Beibehaltung triebhafter Vernichtungsinstinkte, Masse ist das Virus für einen radikalen Globocids, Masse ist der Suizid früherer Kultur und Tugend. Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht „wie alle“ ist, wer nicht „wie alle“ denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden. Die Masse – wer würde es denken beim Anblick ihrer Dichte und Zahl – wünscht keine Gemeinschaft mit dem, was nicht zu ihr gehört; sie hat einen tödlichen Hass auf alles, was nicht zu ihr gehört.

8. Die Masse zeigt wissens- und bildungsmäßig zweierlei Ausprägungen. In der überwiegenden Mehrheit begnügt sie sich mit unterstem Standard, einem Standard, der gerade die alltäglichen Lebensbedürfnisse abdeckt.

Spezialisten zeigen hingegen mehr oder weniger fundiertes Expertenwissen, selten jedoch breitgefächert ein globales Überblickswissen. Gelehrte und weise Menschen werden zur raren Ausnahme. Die direkte Folge des einseitigen Spezialistentums ist es, dass heute, obwohl es mehr „Gelehrte“ gibt als je, die Anzahl der „Gebildeten“ viel kleiner ist als zum Beispiel um 1750.

Fortsetzung nächsten Sonntag: Die Steuerung der Masse