Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

 

U n e n d l i c h :

Nach der Endlichkeit des Lebens kommt die Unendlichkeit des Todes, die Ewigkeit des Nicht-Seins.

G e b u r t s t a g :

Jede Geburtstagsfeier ist die Verherrlichung der näherkommenden Zerstörung. Man feiert, dass man bald untergehen wird.

G e g e n s a t z :

Erkenntnis gewinnen und nach Zufriedenheit streben – gibt es größere Gegensätze?

T o d e s e n g e l :

Die Genesung von der Krankheit rettet dich nicht vom Tod. Der Tanz geht trotzdem weiter. Du wirst durch dein Leben bis zum Untergang solange weiter tanzen müssen, bis du entweder erschöpft bist oder die Musik endet. Nach der Krankheit ist vor der nächsten Krankheit, nach der Krankheit ist vor deiner Vernichtung. Bei deiner Geburt hat dich der Todesengel bereits zu diesem Tanz aufgefordert und nun wirbelt er dich über das Parkett der Zeit, über das Parkett deiner Endzeit.

F r a g m e n t e :

Es ist ein Zeichen tiefsten geistigen und moralischen Niedergangs, Wahrheiten solange zu bearbeiten, bis sie wie ein Fähnchen im Wind in jede gewünschte Richtung flattern können. Historiker im Auftrag der herrschenden Politkaste gelten als Meister der Bearbeitung. Sie beurteilen aus Relikten und Fragmenten ein Geschehen und bewerten es durch die Brille ihrer speziellen Unwissenheit und Unkenntnis, denn sie sind eigentlich nie Zeitzeugen. Ihre Betrachtungen können niemals den Gesamtrahmen, die damals bestimmende Lebenssituation erfassen, denn sie hüpfen wie auf Trittsteinen durchs Moor ihrer Fragmente. Oder könnte jemand von ihnen selbst sein eigenes Leben wiedergeben, wie er es durchlebt hat, wenn er heute nur noch seine verbliebenen Erinnerungsbruchstücke zur Verfügung hat?

S t o l z :

Die europäischen Völker waren jahrhundertelang groß, weil sie eigenständig waren, die Menschen einen speziellen Stolz auf ihr Land hatten und in eine reine, unvermischte Kultur eingebunden waren, die den Menschen gemäß war. Nun sind es keine Völker mehr, der Stolz ist verschwunden, die Kultur ins Museum gewandert. Geblieben ist ein Einheitsbrei entwurzelter, richtungsloser Menschenmassen.

Dr. G.Bleibohm: Aphorismen und Epigramme aus „Widerrede III“

B a k t e r i e n m e n s c h :

Das Fundament wankt. Heftig. Es ist jahrtausendealt, hat alle Stürme des Geistes – der großen und kleinen Geister – überstanden, wurde oftmals ausgebessert, verbessert, angepasst und gilt immer noch als die tragende Säule des modernen Anthropozentrismus. Die Rede ist von der Vielzahl der religiösen Kulte, vom Monotheismus bis in die entlegensten Ecken von Naturreligionen, von all jenen Strömungen, die dem Menschen einen herausgehobenen Platz in der göttlichen Nähe zuweisen, ihn behaupten und sophistisch rechtfertigen.

Das laute Schlagen der Presslufthämmer und das Fallen großer Felsbrocken aus dem massiven Fundament müsste eigentlich in die Ohren der Gläubigen dringen, aber die Gläubigen – eben zum Glauben und nicht zum Wissen erzogen – haben in der Regel nicht die Ohren, die diesen Klang verarbeiten, ihn analysieren und seinen vernichtenden Ton erkennen. Es ist das stetige Mahlen der Wissenschaft; in diesem Fall das feine Mahlen, das aus den Mühlen der Bakteriologen und besonders der Molekularanthropologen kommt, mit dem Mehl der Erforschung des Mikrobioms und folgendem Resultat:

Der menschliche Körper besteht aus ungefähr 10 bis 100 Billionen Zellen. In und auf uns tragen wir jedoch etwa zehnmal so viele Bakterienzellen mit uns herum. Allein in unserem Darm leben nach Schätzungen von Forschern rund 100 Billionen Bakterien aus bis zu 2.000 unterschiedlichen Arten. Diese vielfältige Lebensgemeinschaft umfasst bereits zehn- bis hundertmal mehr Gene als im gesamten menschlichen Erbgut vorhanden sind. Zu den Darmbakterien kommen noch unzählige Bewohner unserer Haut und anderer Gewebe hinzu. Die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in und auf dem menschlichen Körper leben, wird auch als Mikrobiom bezeichnet. Würde man einen Menschen mitsamt dieses Mikrobioms genetisch analysieren, wäre er nur zu etwa 10 Prozent ‚menschlich‘.“ (http://scinexx.de/dossier-detail-563-4.html)

Bakterien sind bekanntermaßen Lebewesen. Sie sind zwar klein, sehr klein, aber ohne Bakterien kann menschliches Leben nicht existieren. Und genau an dieser Stelle sollten weitere Details den zuständigen Wissenschaftlern überlassen werden, für die immense Anzahl der Laien hingegen mag vorstehendes Wissen ausreichend sein, um die daraus resultierenden allgemeinen Fragen anzureißen und aufzugreifen.

Das Mikrobiom wird gern als das „erweiterte Selbst“ des Menschen bezeichnet, woraus die Frage folgt, was ist das „eigentliche Selbst“, das „unerweiterte Selbst“ des Menschen. Jörg Blech, der im Jahr 2000 das erste Buch über „Das Leben auf dem Menschen“ veröffentlicht hat – 2010 ist es neu aufgelegt worden –, schrieb seinerzeit:

Falls Außerirdische jemals einen Menschen treffen sollten, würden sie ihn korrekt beschreiben als Ansammlung kleiner Lebewesen, die sich auf einem großen niedergelassen haben. Etwa so: ‚Die irdische Lebensform besteht aus 988 Spinnentieren, 100 000 000 000 000 (in Worten: hundert Billionen) Bakterien, 1 Mensch, etwa 70 Amöben und manchmal bis zu 500 Madenwürmern.“ (http://www.medizin-welt.info/aktuell/Bakterien-Report-Was-die-Mikroor-ganismen-fuer-unser-menschliches-Leben-bedeuten/181)

Beantworten wir die Frage einmal laienhaft und plakativ. Der menschliche Körper ist ein Kosmos, dessen Biomasse der Lebensraum einer nahezu unendlichen Tiergesellschaft ist, die in – zumeist – friedlicher Symbiose und Koexistenz mit menschlichen Zellen lebt. Und nun zurück zu dem menschlichen „Selbst“, seinem Wesen, seinem Geist. Es ist nach Vorgenanntem alles andere als evident, dass all das, was wir als menschlich bezeichnen, nur Resultat menschlicher Zellen ist, sondern die Wahrscheinlichkeit ist eine große, dass in das „Menschliche“ das „Bakterische“ eingedrungen und eingeflossen ist und wir Menschen das Ergebnis des Wollens einer bestens organisierten Bakteriengemeinschaft sind.

Klingt utopisch, mag utopisch sein, kann man so denken, aber man muss so nicht denken. Deshalb retour zu klaren Fragestellungen, zurück zu dem wankenden Fundament der Jenseitsreligionen. Jeder erinnert sich an die markanten Sätze der Genesis (Gen 1, 25-27):

Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; …“

Aber was schuf er damit, damals, als er nach 9 Milliarden Jahren des Nichtstuns mal wieder aus Langeweile vom Arbeitseifer gepackt wurde, mit dem „Bild, das uns gleich sei“? Was ist ihm gleich? Sind es die Mikroben mit ihrer Vielzahl von Bakterien, Amöben, Fadenwürmern und kleinsten Spinnen, unterlegt mit einigen menschlichen Zellen? Oder ist ihm nur der menschliche Zellanteil ähnlich, quasi ein Zellhaufen im Gewimmel der Bakteriengesellschaft? Ist Gott nun Mikrobe oder menschlicher Zellklumpen?

Aber die ketzerischen Fragen sind noch nicht beendet. Bekanntermaßen lehren die Catholica und ihre Schwesterreligionen, dass eine Seele allein dem Menschen zukommt, die Tiere also nach dem Tod dem Nichts verfallen. Dürfen wir daraus folgern, dass der Sitz der Seele begrenzt ist auf menschliches Zellgut, die Bakterientiere aber ins Nichts abwandern? Der Mensch sich demnach in beseelte und unbeseelte Teile splittet, in göttliche und nichtgöttliche?

Fast zweitausend Jahre lehrte die Kirche die Auferstehung des Fleisches, eine Lehre, die dem Gläubigen verhieß, zu einem unbestimmten Zeitpunkt nach seinem Tod wieder auferweckt zu werden, das Grab zu verlassen, um dann körperlich weiterexistieren zu können. Ein Glaube übrigens, der auch schon in vergangenen Jahrhunderten eine konsequente Verleugnung der Vernunft bedeutete. Im 5. Jahrhundert hatte Kirchenlehrer Augustinus eine konkrete Vorstellung von der Auferstehung des Fleisches und den Leibern im Jenseits entwickelt. „Wir dürfen keineswegs glauben, es seien bloße Geister, vielmehr sind es Leiber mit stofflichem Fleisch.“ (Civ. Dei XIII. 22-23)

Die Vorstellung des Augustinus von der materiellen Auferstehung des Fleisches hat sich durch das ganze Mittelalter gezogen. Die Kirchenversammlung von Toledo (675 n. Chr.) erklärte: „Dieser Leib, in dem wir leben, wird auferstehen.“ Papst Leo IX (1053) spricht später von einer wahren Auferstehung „desselben Fleisches, welches ich jetzt trage“ und das Laterankonzil (1215) von „denselben Leibern, die wir jetzt haben“. Seit dem Vaticanum II (1962 – 1965) war dann aber das genaue Gegenteil von dem zu lesen, was Kirchenväter, Päpste und Konzilien bisher behauptet hatten. So heißt es in „Herders theologisches Taschenlexikon“: „Sooft das Neue Testament von der Auferstehung spricht, redet es von der ‚Auferstehung der Toten‘, nie der des Fleisches …“

Auslöser dieser radikalen Kehrtwendung waren bohrend-süffisante Fragen der nicht vom Glauben infizierten kritischen Denker, welche die „Auferstehung des Fleisches“ einer genaueren Prüfung und Analyse unterzogen. Hinzu kam selbst für die Kirche die Unmöglichkeit, dauerhaft Absurditäten in der Neuzeit aufrecht halten zu können. Halten wir kurz fest, dass zumindest im Mittelalter, als die Lehrmeinung von Augustinus galt, die Bakterien damit ewiges Leben hatten, da sie nämlich am Tage der Auferstehung zwangsweise mit aufgeweckt werden müssen, weil sonst vor dem Gericht des Herrn nur ein erbärmlicher Rest menschlicher Zellen erscheinen kann. Nun hat man zwischenzeitlich diese Meinung verworfen und lässt die Toten auferstehen, was auch immer darunter zu verstehen sei.

Stehen von den Toten nur menschliche Zellen oder nur menschlicher Geist aus diesen Zellen auf – obwohl dieser Geist nur mit Hilfe von Bakterien entstanden ist – oder was soll nun eigentlich von den Toten auferstehen? Aber selbst in unseren Tagen ist das Dilemma nicht beendet. Wenn sich nun ein beliebiger Mensch X zu einem ebenso beliebigen Glauben Y bekennt, wer bekennt sich da? Sind seine Bakterien auch auf den Glauben Y eingeschworen oder nur seine menschlichen Zellen?

Und was passiert, wenn beispielsweise die Bakterie eines Moslems auf einen Katholiken springt, muss die dann konvertieren oder ist es den katholischen Zellen zumutbar, mit moslemischen Bakterien gemeinsam zu arbeiten? Und wendet sich die jüdische Bakterie im Katholikenkörper angewidert ab, wenn der gottesfürchtige Christ ungeschächtetes Fleisch isst? Wird sie gar krank oder vom Bakteriengott gestraft für ihre Glaubensverfehlung?

Nein, es sind keine spitzfindigen Überlegungen, sondern Gedankengänge, die dem irrealen Kosmos der Glaubensadepten entsprechen. Erinnern wir uns im Gegenzug nur an die gelehrten Diskussionen scholastischer Kleriker, die ernsthaft und heftigst stritten, wie viele Engel denn auf einer Nadelspitze tanzen könnten. Ketzerische und häretische Fragen also in Hülle und Fülle, endlos fortsetzbar, doch „der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn, indes ihr – und nun muss ich notgedrungen diese wunderbare Stelle in Goethes Faust verändern – Liturgien drechselt, kann etwas Nützliches geschehen.

Ja, es kann und muss etwas Nützliches geschehen, nämlich dass die Mutigen endlich diesen Drachen der Religion töten, der vor der Höhle der Vernunft liegt. Aber es ist wenig, eigentlich keine Hoffnung. Der in molluskenhafter Dumpfheit dahinlebenden Menschenwelt sind freie Geister, die Mutigen der Klarsicht, stets suspekt gewesen, so dass sie in heutigen Zeiten sogar erheblich seltener sind, als menschliche Zellen im Körper des Menschen.

 

Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

F r i e d e n :

Erst wenn nur noch der Wind um die Felsen heult, erst wenn nur noch der Sturm über die Meere tobt, erst wenn die Laute aller Lebewesen endgültig verstummt sind, erst dann ist der ewige Frieden zurückgekehrt, das Leid vernichtet.

K e t t e :

Das Leben ist eine endlose Kette von Erwartungen und vergeht durch das Warten auf die Erfüllung von Erwartungen.

V e r b l u t e t :

Wir verbluten im Verborgenen. Alle Wunden, die Hoffnung, Furcht und Enttäuschung unserem Geist im Laufe des Lebens schlugen, schließen sich nicht mehr endgültig, verheilen nicht, verschorfen nur. Unsere Kraft ist aus den Verwundungen geflossen, permanent herausgetropft, hat uns blutleerer und anfälliger gemacht. Wir verbluten an unserem eigenen Denken, es ist der Selbstmord des Geistes durch Erkenntnis.

F e i e r t a g e :

Die Feiertage aller Religionen haben die gleiche Berechtigung und einen vergleichbaren Wahrheitsgehalt wie Feiern zu Ehren von „Hänsel und Gretel“.

G e d a c h t e s :

Was ich denke ist noch nicht in der Wirklichkeit. Erst die Zeit kann diese Fiktion ganz oder teilweise in Realität umsetzen. Die Zeit wandelt Gedachtes in Reales.

W ü s t e n v ö l k e r :

Was die gläubigen Geister umtreibt, sind die Chimären der Wüstenreligionen. Judentum, Christentum und Islam kommen aus dem Illusionstheater nahöstlicher Wüsten- und Steppenvölker. Ihre Gottesphantasien entstanden an den Lagerfeuern der Nomaden; sie sind buchstäblich im Sand entstanden, aber leider nicht mit dem Sande verweht.