Ich klage an!!!

Von Dr. Gunter Bleibohm und Harald Hoos

Ich klage das größte, das schwärzeste und ungeheuerlichste Verbrechen der gesamten Menschheitsgeschichte an.

Ich klage den exzessiven, täglichen, globalen Massenmord an der gesamten Tierwelt an, die Versklavung und Entrechtung der gesamten nichtmenschlichen Kreaturen, die Folterung und Ausbeutung unserer Mitwesen, die Vernichtung und den Genozid ganzer Gattungen und Arten, ich klage den Mord an jährlich mehr als 50 Milliarden Lebewesen für den menschlichen Konsum an.

Ich klage an, dass die Menschheit, die als einzige Spezies die moralische Wahl gehabt hätte, den Naturkreislauf von „Fressen und Gefressenwerden“ zu durchbrechen, diesen Kreislauf in einem weltweiten Todeskarussell beschleunigt und ausgebaut hat.

Ich klage an, dass Ehrfurcht vor jedwedem Leben nicht in das Bewusstsein der Menschen gedrungen ist, dass man dem Tier grundsätzliche Rechte verweigert und das Wohlergehen der Menschengattung den Blick für das Leiden aller übrigen Kreatur verstellt hat. Die Endzeit für Tiere hat begonnen, die Tierwelt steht vor der völligen Versklavung oder Ausrottung. Diese Menschheit, die ihr eigenes Wachstum bis heute nicht ächtet, die Erde mit einer ins grenzenlos wachsenden Menschenschicht überzieht, unter der das Leben aller Geschöpfe des Planeten Erde erstickt, hat jeden ethischen Anspruch verwirkt. Ein absurder Größenwahn verweigert der Tierheit ein Recht auf Entfaltung und Lebensraum und es ist „keine plumpe Anklage, wenn man behauptet, dass die meisten Menschen außerstande sind, sich einer Gewissensprüfung zu unterziehen“ (H. H. Jahnn)

Ich klage die Kirchen an, die monotheistischen Kulte, die mit ihrem Gotteswahn und der daraus seit Jahrtausenden resultierenden Glaubenspest den Menschen zu einem Ebenbild ihres imaginären Gottes stilisiert haben, die in der religiösen Werteskala die Tierwelt weit unter die Menschenwelt gestellt hat, die sich ein ewiges Leben erhoffen und gleichzeitig den Tieren eine Seele absprechen, diese Mysterienreligionen klage ich der ethischen Niederträchtigkeit an.

Ich klage sie ferner der infamste Lüge und Unredlichkeit an, Feldzüge für ungeborenes menschliches Leben zu führen, aber bereits geborenes tierisches und sogar auch menschliches Leben der Vernichtung preiszugeben. Sie haben die Tierwelt zum Produktionsfaktor degradiert und sanktionieren in Blutandachten, den Hubertusmessen, den millionenfachen Mord an Wildtieren.

Kirchen, die Vernunft durch „Glaubenswahrheiten“ ersetzen und die dann aufgrund ihrer Glaubenshalluzinationen die Schächtung von Tieren fordern, um ihren blutrünstigen Gott zufrieden zu stellen, sind moralisch und intellektuell diskreditiert. Kirchen, die in ihrem Kathechismus die Tierwelt ausklammern und von „nicht-personalen Kreaturen“ reden, haben sich ethisch in die Steinzeit zurückversetzt. Christliche Kirchen, die letztmalig am 4.10.1993 ein gemeinsames Papier „Die Verantwortung des Menschen für das Tier“ vorgelegt haben und seitdem zum Tiermord schweigen, haben selbst die Schöpfung, von deren Bewahrung sie täglich lügen, erbärmlich verraten und im Stich gelassen! Es ist dies keine Schande der Kirchen, nein, es ist das größte Verbrechen in ihrer blutigen Geschichte!

Ich klage Gesetzgeber, Politiker, Parteien samt zugehöriger Verwaltungen und Behörden an, die absurden moralischen Wertvorstellungen des Monotheismus aus Gewohnheit und zur eigenen Machterhaltung in Gesetze und Verordnungen umzusetzen. Sie ergehen sich in sophistische Diskussionen über Ethik und verteidigen doppelzüngig die Entrechtung der Tierwelt. Die gesamte Natur wird der Menschenwelt untergeordnet und die Tierwelt in ihrer Daseinsberechtigung ausschließlich nach dem wirtschaftlichen Nutzen eingeordnet.

Ich klage diese Verantwortlichen an, die Ehrfurcht vor tierischem Leben in den wirtschaftlichen Dreck getreten haben und Lebenswürde nur der Menschheit zubilligen. Alle Rechte auf Dasein und Entfaltung, auf Frieden und Leben in eigenen sozialen Strukturen werden hingegen der tierischen Kreatur versagt oder beschnitten. Ohne Unrechtsbewusstsein wird in Form geistiger Umweltverschmutzung die Lüge vom tierfreundlichen Staat aufrechterhalten und von der Justiz gerechtfertigt. Aber was hat die Justiz nicht alles gerechtfertigt im Lauf der Geschichte?

Gleichzeitig aber steigen die Tierversuchszahlen, Massentierstallungen werden aus dem Boden gestampft und betäubungsloses Schächten aus Gründen der „Religionsfreiheit” toleriert. Mögen doch alle diese kaltblütigen, unbarmherzigen, am Gesamtwohl aller Lebewesen desinteressierten Menschen ein vergleichbares Los erleiden, das sie der Tierwelt erbarmungslos auferlegen!

Staat nenne ich‘s, wo alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord aller – ‚das Leben‘ heißt.… Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern übereinander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe. Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es – als ob das Glück auf dem Throne säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron – und oft auch der Thron auf dem Schlamme.“ (Friedrich Nietzsche: Die Reden Zarathustras)

Ich klage alle Menschen und Wirtschaftsunternehmen an, die ihren Lebensunterhalt mit Tierausbeutung, Tierqual und Tiermord verdienen. Ich klage insbesondere die Landwirte der Massentierhaltung, die Pelztierzüchter, die Hühnerbarone, die Tiertransportfahrer, die Schlächter in den Fleischfabriken und die Wissenschaftler in den Versuchslaboren an.

Ich klage die Bauern an, die rücksichtslos Kleinlebewesen und Mikroorganismen durch den massiven Einsatz von Pestiziden vernichten und alle Konsumenten, die diese Verbrechen mit ihrer täglichen Kaufentscheidung kritiklos fördern.

Ich klage sie auch an, aus persönlichem Profit über Leben und Wohlergehen von beseelten Wesen größtes Leid zu bringen, sie des einmaligen Lebens sowie der Freiheit als auch aller sozialer Strukturen zu berauben, sie zur Ware zu degradieren und jegliche Achtung und Ehrfurcht vor nichtmenschlichem Leben verloren zu haben.

Ich klage die Konsumenten an, in Unbarmherzigkeit und Erbarmungslosigkeit zu verharren, sich hinter der Maske des Nichtwissens zu verstecken und auf den Gaumenkitzel von Fleischprodukten nicht zu verzichten. Ihre anthropozentrische Denkweise begründet die Blutspur der unschuldigen, unbeweinten Kreatur, ihr Verhalten ist jenseits jeglicher Moral und Ethik, ihr Verhalten hinterlässt künftigen Generationen ein ökologisches Chaos!

Ich klage alle Vernichter von Leben an, die ohne die moralische Rechtfertigung einer Überlebensnotwendigkeit wildlebende Tiere aus Freizeitvergnügen, Spaß, gesellschaftlicher Reputation, kurz gesagt, aus niederen Tötungsinstinkten heraus ermorden, die unter vorgeschobenen ökologischen Interessen mit hochtechnisierter Jagd Regeln des Tierschutzes, der Fairness, des ethischen Anstandes unbeachtet lassen.

Es sind Menschen, die offenbar aus einer Fülle von egoistischen, materiellen und anthropozentrischen Bedürfnisfacetten heraus handeln, Menschen, die sich nicht einmal scheuen, zur Befriedigung ihrer Tötungsgelüste im Ausland artengeschützte Wildtiere zu ermorden.

Ich klage alle Tiervernichter an, jegliche Achtung, Demut und Ehrfurcht vor dem nichtmenschlichen Leben auf dem Altar ihrer Tötungsinstinkte, Wirtschaftsinteressen und niederen Machtgelüste zu opfern.

Ich klage sie der ethischen und moralischen Aufgabe und Vernichtung aller Werte an, welche die Menschheitsgeschichte als große Ideale hervorgebracht hat. Der Fluch der unschuldigen Mordopfer liegt auf diesen geistigen Eckenstehern der Ethik, auf der incorrigiblen Erbarmungslosigkeit und Grausamkeit der menschlichen Spezies!

(aus: Gunter Bleibohm, WIDERREDE II)

Herzliche Grüße

für pro iure animalis

Dr. Gunter Bleibohm und Harald Hoos

Advertisements

Über Antinatalismus bei Mensch und Tier


Liebe Freunde der Tiere,

nahezu alle globalen Problemkreise für Natur, Tier- und Menschenwelt resultieren aus dem ungebremsten Wachstum der Spezies Mensch und sind die Wirkung eines anthropozentrischen Denkens und Verhaltens. Klimawandel mit allen Facetten, Vermüllung von Land und Meer, Wasserknappheit, Artensterben, Abholzung der Urwälder sowie Völkerwanderungen aus Armut, Wirtschaftskriege und lokale Verteilungskämpfe sind nur einige Beispiele, die in der Kausalkette auf Überbevölkerung als Ursache zurückzuführen sind.

Wir haben Ihnen zu diesem Themenkomplex einige exemplarische Sichtweisen zusammengestellt, um die Tragweite und Brisanz dieses Tabuthemas zu verdeutlichen. Auch unsere Lücken-Presse schweigt bisher staatskonform beharrlich. Wer sich mit Antinatalismus bei Mensch und Tier näher befassen möchte, findet weitere Einführungsartikel hier: https://www.pro-iure-animalis.de/index.php/antinatalismus.html.

Weitere Literaturstellen und eine nahezu lückenlose Zusammenstellung aller Argumentationspunkte können in dem Standardwerk von Karim Akerma (www.akerma.de): Antinatalismus, Ein Handbuch, epubli 2017, 736 Seiten, nachgelesen werden.

Wir wünschen einen interessanten Gedankenstreifzug:

Ich meine ganz und gar nicht, dass die Fortpflanzung eine Pflicht ist oder dass die Welt ohne sie einen Verlust erleiden würde. Stell dir vor, jegliche Fortpflanzung würde eingestellt, diese würde nur bedeuten, dass es keinerlei Zerstörung mehr gibt.  (Mohandas Gandhi, The Collected Works of Mahatma Gandhi (Electronic Book), New Delhi, Publications Division Government of India, 1999, Bd. 26: 24 JANUARY, 1922–12 NOVEMBER, 1923, S. 369)

Es ist wirklich unglaublich, wie nichtssagend und bedeutungsleer, von außen gesehen, und wie dumpf und besinnungslos, von innen empfunden, das Leben der allermeisten Menschen dahinfließt. Es ist ein mattes Sehnen und Quälen, ein träumerisches Taumeln durch die vier Lebensalter hindurch zum Tode, unter Begleitung einer Reihe trivialer Gedanken. Sie gleichen Uhrwerken, welche aufgezogen werden und gehen, ohne zu wissen warum; und jedesmal, dass ein Mensch gezeugt und geboren worden, ist die Uhr des Menschenlebens aufs Neue aufgezogen, um jetzt ihr schon zahllose Male abgespieltes Leierstück abermals zu wiederholen, Satz vor Satz und Takt vor Takt, mit unbedeutenden Variationen.  (Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung)

F i n a l e . — Die Welt versinkt. Nicht nur unter den steigenden Meeren, mehr noch unter der steigenden Menschenflut. Das exponentielle Wachstum der menschlichen Spezies hat jegliche Beherrschbarkeit hinter sich gelassen; das Boot ist am Sinken, das Schöpfen ist eine Vergeblichkeit geworden, das Zweckloseste überhaupt.

Ein täglicher Zuwachs von netto ca. 200.000 Essern weltweit ist der Vernichtungswirkung einfallender Heuschreckenschwärme weit überlegen. Sucht man eine, nein, d i e apokalyptische Zahl, dann ist es die neue Konstante des Untergangs – 200.000 menschliche Individuen zusätzlich, täglich, bis zum bitteren Ende, bis zum tödlichen Ende. (Gunter Bleibohm, Widerrede I, S. 158)

An meiner eigenen persönlichen Position soll kein Zweifel bleiben. Ich halte die Bedingungen menschlichen Lebens für schlechthin unzumutbar. Intelligente Lebewesen mit einem Todesurteil für eine befristete Zeit ins Leben zu rufen, sie schwersten Leiden auszusetzen, ihre Existenz vom Verzehr anderer Organismen abhängig zu machen, sie isoliert und ohne Perspektive als Entwicklungsform auszuprobieren und ins Leere laufen zu lassen, ihnen eine Moral zu geben ohne jede Chance, schuldlos zu bleiben, ihr Scheitern und ihren Untergang auch als Kollektiv fest zu programmieren – das sind Konditionen, die auch durch eine gehörige Zugabe spontaner Lebensfreude nicht annehmbar werden. Dies fordert ein Nein zum Leben geradezu heraus.  (Martin Neuffer, Nein zum Leben)

Wer aber vollends die Lehre meiner Philosophie in sich aufgenommen hat und daher weiß, dass unser ganzes Dasein etwas ist, das besser nicht wäre, und welches zu verneinen und abzuweisen die größte Weisheit ist, der wird auch von keinem Dinge, oder Zustand, große Erwartungen hegen, nach nichts auf der Welt mit Leidenschaft streben, noch große Klagen erheben über sein Verfehlen irgend einer Sache; sondern er wird von Plato‘s „Auch ist keine menschliche Angelegenheit es wert, dass man sich sehr darum bemüht“ durchdrungen sein.  (Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, S. 110)

D a n a e r g e s c h e n k . — Jeder von uns ist hinausgejagt worden in das Leben mit der stillen Maßgabe der Eltern: „Jetzt bist du da, du kannst nicht mehr zurück, sieh zu, wie du klar kommst, wie du die Aufgaben löst, die dich erwarten. Wir haben dich am Ufer des Lebens ausgesetzt, wie du zurückkommst aus diesem Leben, das alles geht uns nichts mehr an, das ist dein Problem.“ Das Ganze nennt man das Geschenk des Lebens, ein Danaergeschenk der bösartigsten Sorte, ein Geschenk, auf das so mancher hätte gut verzichten wollen.  (Gunter Bleibohm, Widerrede II, S. 56)

Wir schonen die Eltern, anstatt sie anzuklagen lebenslänglich des Verbrechens der Menschenzeugung, sagte er gestern. … sie haben mich, ohne mich zu fragen, erzeugt und sie haben mich, wie sie mich erzeugt und in die Welt gestürzt hatten, unterdrückt, sie haben das Erzeugungsverbrechen an mir begangen und das Unterdrückungsverbrechen.  (Thomas Bernhard, Alte Meister)

Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben!  (Lk 23, 28-29)

W e l t . — Ich bin in eine andere Welt hineingeboren worden. Die Welt, die ich demnächst verlassen werde, ist verändert, ist nicht mehr meine Welt. Was einst groß war, ist klein geworden, was einst schön war, ist hässlich geworden, was einst Geist war, ist Stumpfsinn geworden, was einst Individualität war, ist Masse geworden, was einst Natur war, ist Müll geworden, was einst Freiheit war, ist demokratische Diktatur geworden. Was ich zurücklassen werde, ist ein stinkender, versinkender Planet, ist eine Erde, von der ich rechtzeitig fliehen konnte, bevor mir die Verzweiflung den Atem nimmt. (Gunter Bleibohm, Widerrede I, S. 158)

Es ist wichtig, die Fortpflanzung zu entmutigen, denn die Furcht, dass die Menschheit erlösche, hat keine Grundlage: was auch geschieht, es wird immer genug Blöde geben, die nichts besseres wünschen, als sich fortzusetzen, und wenn selbst sie sich schließlich entziehen, so wird sich immer irgendein widerliches Paar finden, das sich dafür opfert. Es geht nicht so sehr darum, den Hunger aufs Leben zu bekämpfen, als die Lust auf „Nachkommenschaft“. Die Eltern, die Erzeuger, sind Provokateure oder Irre. Dass noch die letzte Missgeburt die Gabe besitzt, Leben zu geben, „auf die Welt zu bringen“ – gibt es Demoralisierenderes? Die kriminelle Aufforderung der Genesis: „Wachset und mehret euch“, konnte nicht aus dem Munde des guten Gottes gekommen sein. Seid selten, hätte er vermutlich empfohlen, wenn er mitzureden gehabt hätte. Niemals hätte er ferner jene unheilvollen Worte hinzufügen können: „Und macht euch die Erde untertan“. Man sollte sie sogleich ausmerzen, um die Bibel von der Schmach zu reinigen, sie aufgenommen zu haben. Das Fleisch wuchert immer mehr wie ein Ganggrän auf der Erdkruste. Es vermag sich keine Grenzen zu setzen, es wütet trotz allen üblen Erfahrungen, es hält seine Niederlagen für Eroberungen, es hat niemals etwas gelernt.  (Emil Cioran, Die verfehlte Schöpfung)

Vor allem stellt die grandiose Lebensverschwendung der Natur das in unserer Sittlichkeit tief verankerte Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben oder gar der Heiligkeit des Lebens von Grund auf in Frage. Eine Schöpfung, die ihren „Betrieb“ und ihre evolutionäre Weiterentwicklung ausschließlich über den Weg einer permanenten Massenvernichtung aller ihrer lebenden Geschöpfe betreibt, lässt nicht gerade darauf schließen, dass sie dem einzelnen Lebewesen – und sei es vernunft – und empfindungsbegabt – irgendeinen Eigenwert zuerkennt.

Wenn Rückschlüsse vom Verhalten eines Systems auf die Intentionen seines Urhebers, in welchem Maße auch immer, überhaupt Aufschluss geben können, so lässt sich für unseren Kosmos daraus nur die Hypothese gewinnen, dass sein Schöpfer dem individuellen Leben keinen besonderen Rang, sondern im Gegenteil völlige Gleichgültigkeit hat zuteil werden lassen. (Martin Neuffer, Nein zum Leben)

Herzliche Grüße

für pro iure animalis

Dr. Gunter Bleibohm und Harald Hoos

Kirchliches Wort im Flensburger Tageblatt


Rebloggt von hubwen.wordpress.com

Hubert:
Gunter Bleibohm antwortet einem Herrn Aue zur Liebe Gottes. Ich kann ihm nur in allen Punkten zustimmen. Aue ist Pastor in der Kirchengemeinde Nübel. Von der angeblichen Liebe Gottes ist nichts zu spüren – außer bei denen, die sich das einbilden und hunderte Dinge verdrängen und nicht wahrhaben wollen.

Zum Vergrössern bitte anklicken!

Sehr geehrter Herr Aue,
nachdem ich Ihr kirchliches Wort im Flensburger Tageblatt „Jemand, der mich liebt“ vom 24.9. Anno Diaboli 2016 intensiv durchgelesen habe, bleiben für mich Fragen und offene Punkte, für die ich keine Hinweise und Erklärungen in Ihrem Text gefunden habe. Ich erlaube mir daher, die wesentlichen Stellen kurz anzureißen.

Zuerst taucht die Behauptung auf, dass Gott die Liebe verkörpert. Diese Behauptung weist allerdings den Mangel – oder präziser- die wissenschaftliche Todsünde auf, dass der Beweis für die Existenz Gottes bis heute fehlt, denn alle Gottesbeweise sind kläglich gescheitert.

Diesen Punkt hat Sam Harris in seinem „Brief an ein christliches Land“ wunderbar formuliert: „Es ist an der Zeit, dass wir uns zu einem ganz grundlegenden Wesensmerkmal des menschlichen Diskurses bekennen: Wenn man über die Wahrheit einer Behauptung nachdenkt, dann befasst man sich entweder mit einer aufrichtigen Bewertung der vorliegenden Evidenz, oder man tut es nicht. Religion ist der einzige Lebensbereich, in dem Menschen glauben, irgendeine andere Norm als intellektuelle Integrität anwenden zu können.“

Er fährt fort: „Während ein unbeugsamer und von keinerlei Evidenz gestützter Glaube in jedem anderen Bereich des Lebens als ein Merkmal von Irrsinn oder Dummheit gälte, genießt der Glaube an Gott in unserer Gesellschaft noch immer höchstes Ansehen. Religion ist das Gebiet im Diskurs der Menschen, auf dem es als edel gilt, vorzugeben, sich über Dinge gewiss zu sein, die kein Mensch je mit Gewissheit wissen kann. Bezeichnenderweise erstreckt sich diese Aura des Edelmuts jedoch nur auf die Glaubensweisen, denen sich gegenwärtig viele Menschen verschrieben haben. Jeder Mensch, der dabei ertappt würde, wie er Poseidon verehrt – und sei es, er täte es auf hoher See -, würde für verrückt erklärt.“

Verlassen wir Sam Harris und wenden uns der „Liebe“ Gottes zu. Zum einen scheinen Ihnen völlig die Passagen des AT entfallen zu sein, in denen der „liebe Gott“ zu Mord, Totschlag, ja gar zum Genozid aufruft.

Und sind Sie wirklich der Meinung, dass bei täglich ca. 20.000 verhungernden Kindern die „Liebe“ Gottes für diese unschuldigen Wesen tief ausgeprägt ist? Es scheint ihm egal zu sein, er zeigt sich als der Mördergott, den das AT so treffend charakterisiert. Gänzlich unverständlich wird aber Ihre Behauptung, wo denn die Liebe – bleiben wir nur in der Neuzeit – in Auschwitz, Nagasaki und Hiroshima, im Vietnamkrieg und in den heutigen Religionskriegen des IS zu suchen war und zu suchen ist. Hier von „Seht doch, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns schenkt!“ zu sprechen, ist eine bösartige Verhöhnung der Opfer.

Ihre Ethik erscheint als ein Wunschdenken, ein irreales Phantasiegebilde und – was das Schlimmste ist und intellektuell unredlich – es ist ein perfides anthropozentrisches Konstrukt, das alle nichtmenschlichen Lebewesen konsequent ausklammert und damit deren Leiden zu Gunsten einer Spezies manifestiert. Ihre Ethik ist somit fragmentarisch, rudimentär und als isoliert stehendes Gebilde nahezu unbrauchbar.

Formuliert man die Worte von Günther Anders aus seinen „Ketzereien“ etwas um, ergeben sich Fragen, auf welche die christliche Ethik – wohl mangels Interesse oder Kompetenz – beharrlich schweigt, immer geschwiegen hat:

Wenn es ihn gibt, dann ist er einer, der die Massentierqual, der die Schlachthäuser nicht verhindert. Er ist also einer, der – die Hände im Schoß – diese Ereignisse zulässt?

Er ist also einer, der einer einzigen Spezies seine ganze Schöpfung zum Fraß, zur Vernichtung vorwirft?

Ist ein solcher Gott ein gerechter Gott? Ein liebender Gott? Ein barmherziger Gott? Einer, zu dem wir beten dürfen, ohne uns zu entwürdigen? Einer, den wir anbeten dürfen, ohne uns zu schämen?

Findet ihr nicht, dann schon besser kein Gott, als ein bluttriefendes Monster?

Empört euch nicht die Würdelosigkeit derer, die einem, der dies zulässt, sich noch im Gebet nähern, ihn noch als liebenden Gott umlügen?

Meinen Sie wirklich, das Schwein im Kastenstand, das Huhn in der Legebatterie und das Kalb, das wegen und im Religionswahn geschächtet wird, spüren auch nur das geringste von der „Liebe Gottes“ oder empfinden es im Gegenteil als teuflischste Ausgeburt eines anthropozentrischen Wahns, mit welchem sich die menschliche Spezies – mit Hilfe der Religionen – zur „Dornenkrone der Schöpfung“ entwickelt hat? Vielleicht können Sie in diesem Punkt mein Wissen aus theologischer Sicht erweitern und mir zeigen, wie sich die christliche Theologie der geschundenen Tierwelt nachhaltig zuwendet.

Sehr geehrter Herr Aue, ich würde mir wünschen, dass Sie den Weg zu einer tiefen, ehrlichen Ethik für a l l e Lebewesen finden, denn nichts wäre notwendiger in einer Welt, die zusehends trotz und beschleunigt wegen der Religionen ins Chaos trudelt.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Gunter Bleibohm