Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen

A u f g a b e

Die Aufgabe der politischen Justiz – und sie ist in unserem Land erstarkt wie in den schwärzesten vergangenen Zeiten – besteht primär darin, Unrecht in staatskonformes „Recht“ zu verwandeln.

J e n s e i t s

Schlechte Nachricht: Das Jenseits mit all seinen Versprechungen und Drohungen endet bereits im Moment des Todes. Aber kein Gläubiger glaubt es.

I d e n t i s c h

Hoffnung und Furcht ist das, was man in der Wissenschaft mit „Wahrscheinlichkeit“ bezeichnet.

G a l g e n

Man stelle sich vor, die Römer hätten den Wanderprediger Jesus nicht ans Kreuz genagelt, sondern an einem Galgen aufgehängt. Auf jedem höheren Berg stünde dann ein Galgen und über den Altären in den Kirchen bedrohte er die Besucher. Zumindest wäre die Kirche dann gerüstet für alle Eventualitäten und Konflikte.

H o r i z o n t

Jedes Leben wird durch seine Erzeuger aus dem Nichts in die Nichtigkeit des Seins gezerrt, um dann nach einer erklecklichen Spanne der Leidenszeit wieder im Nichts zu verschwinden. Masochisten halten das sogar für den Sinn des Lebens, Sadisten muten das gleiche Procedere bewusst ihren Nachkommen zu. Anscheinend sind beide Gruppen unfähig, über den Horizont ihrer persönlichen Triebbefriedigung hinaus zu denken. Egoismus statt Empathie bestimmt ihr Handeln.

Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen

K l a r s t e l l u n g

Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? (Mt 6, 26)

Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? Seid ihr wirklich viel mehr denn sie? Warum meint ihr, dass ihr viel mehr seid? Und wo seid ihr viel mehr? In der Masse, in der Notwendigkeit eurer Existenz, in der Überheblichkeit, im Irrtum eurer Bedeutung? Seid ihr mehr, weil der Zufall euch in eine menschliche Form gepresst hat oder seid ihr nur mehr, weil euer Denken so dürftig ist, dass ihr es nötig habt, andere übertreffen zu wollen? Gibt es einen Beweis, dass ihr viel mehr seid? Oder gilt euch als Beweis, dass ihr alles andere, was nicht menschlich ist, mit dem Vorschlaghammer auf dem Amboss eurer Unzurechnungsfähigkeit zerschlagt, sobald sich Gelegenheit dazu bietet.

Und was wäre wirklich, wenn ihr irgendwo mehr wäret – außerhalb eurer subjektiven Phantasie? Was würde es ändern? Was seid ihr wirklich außerhalb eurer Gedankenwelt, außerhalb eurer Hybris, außerhalb eures Überheblichkeitswahns? Könntet ihr überhaupt so etwas denken und auch das Ergebnis verkraften? Oder brecht ihr dann verzweifelnd zusammen und flüchtet hinter die fiktiven Mauern einer Jenseitsreligion, einer dieser Glaubenskulte, die euch in eurer Jämmerlichkeit und Bedeutungslosigkeit über den Sinn und Wert eurer Existenz belügen, bis ihr endlich genau so verendet seid wie die Vögel, wie jedes Tier, wie jedes Leben schlechthin. Ausnahmslos, immer, gleichmachend, gerecht.

Wohlan, ertragt den Richterspruch des Universums, der euch eure Bedeutung lehren wird. Und was seid ihr wirklich?

Sub specie universi: eine Nichtigkeit, euer Planet ein nahezu nicht auffindbarer kleiner Punkt im Universum.

Sub specie vitae: eine Nichtigkeit, eine – möglicherweise gar singuläre – Marginalie im Riesenreich der unbelebten Materie.

Sub specie aeternitatis: eine Nichtigkeit, ein fast nicht ermittelbarer Zeitraum in der unendlichen Zeit.

Sub specie terrae: eine Nichtigkeit, ein belebtes Wesen unter zahllosen Milliarden anderer Lebewesen, ausgestattet mit einer begrenzten Zeitspanne an Lebenskraft, ein Wesen, das bei der Geburt bereits dem Tod, der endgültigen Vernichtung, entgegeneilt.

Dies ist der Rahmen, in dem sich eure vermeintliche Bedeutung, euer Leben, abspielt, das ist der Rahmen, der dem kleinsten Wurm die gleiche Notwendigkeit, aber auch die gleiche Vergeblichkeit, Bedeutungslosigkeit und Vergänglichkeit zuweist wie einem Menschenwesen. Vor dem Horizont des Universums hört hier jegliche Ungleichheit auf, denn alles ist gleich nichtig, beliebig, sinnlos.

Und eure kurze Lebenszeit? In der Vorausschau ein Wollen, in der Rückschau ein Vergessen, durchsetzt mit den Nebeln der Erinnerung. Die Ängste, die Hoffnungen, die glücklichen und die schrecklichen Momente versinken im Vergessen, versinken im Zeitablauf in der Nie-Gewesenheit. Warum war das alles und ist heute nicht mehr? Nur um zu dem heutigen Tag zu gelangen? Zu diesem Tag, der mit allen Ereignissen auch im Nichts versinkt? Leben ist etwas virtuelles, ein leerer Wahn, ein Taumeln zwischen Vergessen, Erleiden und Wollen, eine sadistische Quälerei des Seins gegenüber einer entarteten Materie, einer Materie, die mit mehr oder weniger Bewusstsein in die Form von Leben geknechtet wird.

Jagt die Lügenpfaffen endlich vom Hof, hetzt die bissigen Hunde der Vernunft auf sie, bringt ihnen bei, dass ihr endlich aus dem Schlaf der Glaubensumnachtung erwacht seid und euer kurzes Leben, dieses zufällige Aufflackern der Materie, der Erkenntnis widmen wollt, der Erkenntnis, von der Gleichwertigkeit jeglichen Lebens. Zwingt die Narrengilde der Jenseitsprediger ihrem unsinnigen Anthropozentrismus abzuschwören, bringt ihnen Demut vor der real existierenden, belebten Materie bei, beendet endlich die Blutspur ihrer Glaubenshalluzinationen auf diesem Planeten und findet euch damit ab, dass kein Gebet hilft, kein Gott existiert und das am Ende eurer Tage sich euer Sein in Nichts wandelt.

Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?

Nein und nochmal nein, denn alles Leben ist sub specie universi gleich, so wie ein Wassertropfen im Meer dem anderen gleicht, gleich wertvoll, gleich sinnlos, gleich vergeblich.

Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen!!!

G e s p r ä c h

In einem Gespräch (Gespräche, ed. Biedermann VI, Leipzig 1890, 286) mit Eckermann meinte Goethe: „Jeder außerordentliche Mensch hat eine gewisse Sendung, die er zu vollführen berufen ist. Hat er sie vollbracht, so ist er auf Erden in dieser Gestalt nicht weiter von Nöten.“

Seien wir redlich, unbarmherzig aufrichtig und schauen uns um. Nahezu alle, die wir sehen, sind nicht von Nöten, da ohne Sendung, eine „unnütze Bürde dieser Erde“, wie Homer schon verkündete. Es ist die Missachtung beider Botschaften, die den Brennstoff für die Endzeit-Maschinerie dieser Welt liefert.

B r e n n s t o f f

Der Philosoph ist der Bergmann, der in den tiefen, unterirdischen Flözen ungedachter Gedankenschichten seine einsame Arbeit verrichtet, immer in Gefahr, verschüttet zu werden oder an Staublunge kläglich zu verenden. Seine Erkenntnisbrocken, mühsam herausgebrochen aus dem harten Sediment, wandern in Loren, deren Inhalt von Dichtern und Künstlern ans Tageslicht gefördert wird. Dort oben zerkleinern Intellektuelle die großen Gedankenbrocken in handliche Portionen, mit denen die Feuerstellen der Masse versorgt werden. Die Menge aber wirft den kostbaren Brennstoff achtlos in ihre Öfen, denn er vermittelt ihnen nur kurzfristig, wie jeder andere gewöhnliche Brennstoff auch, ein wärmendes Gefühl und verflüchtigt sich dann als Rauch im Äther.

Wollte jemand den Werdegang großer Gedanken beschreiben, dann wäre wohl durch die Parabel genau die Zwecklosigkeit des Versuchs umrissen, Geist in  die Masse zu bringen. Ein sinnloses Unterfangen – in der Vergangenheit, in der Ge-genwart und erst recht in der Zukunft.

T u n n e l

Stelle dir die kafkaeske Situation vor, dass du zufällig, völlig unvorbereitet und ungeplant, ein riesiges Tunnelsystem betrittst und sofort nach deinem Eintritt fällt die Tür, unüberwindlich wie bei einem massiven Tresor, hinter dir ins Schloss. Du bist gefangen, isoliert, du bist allein, du kannst nicht zurück. Jahrelang, jahrzehntelang irrst du vorwärts durch Tunnelröhren, die mal sehr eng, dann wieder weit, mal steil ansteigend, manchmal waagrecht, oft auch abfallend, sind.

Die Gänge sind wie mit einem grauen Nebel gefüllt, du siehst den Weg voraus nur schemenhaft, nur Umrisse, das Licht ist fahl. Selten ist der Weg hell erleuchtet, klar zu erkennen, andererseits versinkt er oft in Dunkelheit. Dein Schritt wird unsicher, du siehst nicht, wohin du trittst. Du kommst an Weggabelungen ohne Beschilderung, musst dich entscheiden, wohin du gehst weißt du schon lange nicht mehr, du läufst immer weiter, musst vorwärts, immer weiter und weiter, Umkehr ist nicht möglich, ist dir dauerhaft verwehrt, denn wenn du zurückschaust, ist immer hinter dir eine undurchdringliche Wand, auf der Vergangenheit steht.

Die Wand begleitet jeden deiner Schritte, schneidet den Rückweg ab. Lediglich kleine Löcher in der Wand erlauben dir einen Rückblick auf den zurückgelegten Weg, aber du siehst nur noch Ausschnitte, nur bruchstückhaft, was einstmals dein Pfad war. Du wirst müde im Lauf der Jahre, die Ausweglosigkeit , die Unentrinnbarkeit aus dem Tunnel lässt dich manchmal verzweifeln, halluzinieren, auch euphorisch werden, wenn du meinst, du hättest einen Ausgang gefunden, einen Erkenntnisweg aus der Gefangenschaft heraus und du fluchst, wenn du merkst, dass du dich wieder getäuscht, geirrt und vergeblich gehofft hast. Nie wirst du entkommen, dem Tunnel entfliehen, das weißt du inzwischen, zumindest so viel hast du dazugelernt auf deiner Wanderung.

In irgendeiner Ecke wirst du kläglich liegen bleiben, kraftlos, eingesperrt zwischen der Vergangenheitswand und einer Mauer, auf der Tunnelende steht. Die Vergangenheitswand schiebt dich unerbittlich an die Wand des Tunnelendes, nimmt dir das Bewusstsein und zerquetscht dich. Die Wände haben dich zerrieben, es gibt dich nicht mehr, du hast aufgehört zu existieren und genau in diesem Moment hat auch das ganze Tunnelsystem sich aufgelöst, ist verschwunden, war nie existent, alles war Nichts.

So könnte jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt. Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben.“ (Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn)