Hat sich die Gesellschaft verändert? Die Form der Berichterstattung? Oder ich?

Veröffentlicht von Bettina Schneider am 13. Juni 2017 auf guteskarmatogoblog.wordpress.com

Früher war alles besser, hat meine Großmutter immer gesagt. Und ich nickte dann stets diplomatisch zu dieser Binsenweisheit und dachte…“Red du nur! Alles ist wunderbar, so wie es jetzt ist und es wird immer besser!“

Das war irgendwann in den 80ern und ich stelle mir in letzter Zeit öfter die Frage, woran es liegen könnte, dass ich mittlerweile nicht mehr so denke. Ist es nur mein fortgeschrittenes Alter oder hat sich tatsächlich unmerklich irgendetwas verschoben, „verrückt“ in unserer Gesellschaft? Also dachte ich darüber nach, einfach einmal alles aufzuschreiben, von dem ich meine, es wäre seit den 80ern schlechter geworden, neben meinem Sehvermögen und meiner Geduld…

Bei der Aufzählung all dieser Dinge, wusste ich dann gar nicht, wo anfangen und wo aufhören. Wow, da kam schon eine Menge zusammen!

Ist es der Absturz in der Rentenerwartung, eine Rente, die mir nach fast 50 Jahren ununterbrochener Anstellung (und nicht schlecht bezahlt), wenig mehr zugestehen wird, als die Grundversorgung?

Ist es der mangelnde Respekt, die Missachtung die man heute einigen Berufsgruppen entgegen bringt, die alles in allem um unser Gemeinwohl bemüht sind und die Ordnung aufrecht erhalten? Sei es ein Bahnschaffner, ein Polizist, ein Rettungshelfer, sie sind zunehmend mit tätlichen Angriffen, Beleidigungen und Respektlosigkeit konfrontiert, die es in diesem Ausmaß nie gab.

Sind es die Lügen seitens der Regierenden? All die gebrochenen Wahlversprechen? Die Arroganz, mit der sie die Wünsche und Nöte ihrer Wähler ignorieren und wie wir uns bereits daran gewöhnt haben?

Sind es die Schlagzeilen, die Zeitungsartikel, die als Nachrichten daher kommen aber sehr oft Meinungen sind, und erschreckend gleichgeschaltet?

Ist es die leise Demontage unseres Grundgesetzes, dessen eindeutige Formulierungen heute nicht mehr von jedem verstanden oder angezweifelt werden?

Ist es die gesellschaftliche Verrohung, das Hetzen, das Einprügeln auf bestimmte Ethnien, Berufsgruppen, Ideologien und Meinungen, die bei mir auf vielen Ebenen die Erinnerung an den Geschichtsunterricht auffrischt? An die Zeit, wo man Menschen wegen ihres Aussehens oder religiöser Zugehörigkeit verfolgte und verurteilte, wo man denunzierte, Häuser beschmierte, politische Gegner verprügelte und dafür Beifall erhielt?

Ist es das beklemmende Gefühl, dass Gewalt , Gesetzesbrüche en gros und Respektlosigkeit mittlerweile Normalität sind in unserem Alltag? Kavaliersdelikte, quasi, die niemand mehr groß beachtet?

Ist es allgemein die erschreckende Zunahme von Gewalt? Gegen Kinder, gegen Alte, gegen Schwache, gegen Frauen, gegen jeden, der sich nicht besonders gut wehren kann…besonders auch Tiere?

Ist es die unglaubliche Ignoranz, in der Tiere in unsere Gesellschaft weiterhin konsumiert, geschlachtet, getestet, gequält werden dürfen? Eine gesellschaft, die trotz neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Empfindungen dieser Lebewesen einfach leugnet, dass all dies ein Verbrechen ist und die eher neue Qualen hinzufügt als bestehende zu verringern?

Ist es meine Wahrnehmung, einfach immer weniger „frei“ zu sein? Dass alles, was ich äußere, wie ich lebe, was ich tue, wohin ich reise, dass so viel Wissen über mich und meine Person irgendwo offiziell gespeichert, registriert und unter Beobachtung ist wie nie zuvor, wie ich mir das in meinen kühnsten (1984 Alb)-Träumen nicht vorstellen konnte?

Irritiert mich, dass ich meine Ausdrucksweise vermehrt kontrollieren und auf political correctness überprüfen muss, wenn ich über Tierschutzthemen referiere, ein Thema, bei dem leider sehr vieles, alles andere als „political correct “ ist?

Beunruhigt mich, dass ich tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben vorher überlege, wohin und um welche Uhrzeit ich in diesem Land gehe und ob der Aufenthalt an diesem Ort vielleicht unangenehme Konsequenzen haben könnte?

Oder vielleicht nervt mich auch nur der Schönheitswahn? Dass sich flächendeckend gefühlt jeder mit der Frage beschäftigt, ob er zu dick zu dünn, zu unattraktiv oder zu alt aussieht und all diese existentiell wichtigen Fragen jeden Tag von den Medien befeuert werden?

Könnte es daran liegen, dass ich zunehmend gefühlt überall nur Ungerechtigkeit wahrnehme, in unseren sozialen Systemen, in der Rechtssprechung, in der Entlohnung einzelner Berufsgruppen, in der Verteilung öffentlicher Gelder?

Ob sich wirklich alles so zum Nachteil verändert hat? Lese ich vielleicht nur die falschen Magazine, wird nur medial aufgepusht, was in Wirklichkeit gar nicht so stattfindet? Hat nicht die Gesellschaft sich verändert sondern wurde einfach nur mein Radar für Bullshit über die Jahre leistungsfähiger??

An dieser Stelle höre ich dann meist auf zu sinnieren. Nutzt ja doch nichts. Wahrscheinlich hatte meine Oma einfach recht. Früher war alles besser! Aber Oma wußte noch mehr : „Jammer nicht rum, sondern tu was!“ Das hat sie auch immer gesagt.

Tiere haben Rechte!!!

Erik Gottwald über sich selbst:

Was wir Menschen Tieren täglich in den Schlachthäusern, den Milch – und Eierfarmen, Pelzfarmen, Versuchslaboren, Zirkussen, Zoos, in der Jagd und Fischerei antun, ist das mit Abstand größte Verbrechen unserer gesamten Geschichte. Keine weiteren Verharmlosungen, Ausreden oder Entschuldigungen.

Wie die meisten Menschen dachte ich “so schlimm kann es nicht sein”, es gibt Gesetze, und natürlich hatte ich eine ganze Reihe Vorurteile. Aber als ich über die Grausamkeit und das Unrecht aufgeklärt wurde, welches wir Tieren gegenüber praktizieren und mein Mitgefühl auf alle Tiere erweiterte und daraufhin vegan wurde, verstand ich wie wichtig Aufklärung wirklich war. Ich finde es erstaunlich, dass immer eine Handvoll klardenkender Menschen damit beschäftigt ist, allen anderen die eigentlich offensichtlichsten Missstände erklären zu müssen.

Natürlich wünschte ich mir, ich hätte das alles früher erkannt. Wie viele Tierleben hatte ich auf dem Gewissen? Schnell war nur noch ein Gedanke in meinem Kopf: Wie werde ich aktiv? Was könnte ich tun? Was ist am effektivsten? Vegan zu werden war nicht genug. Die Antwort war simpel. So wie ich aufgeweckt wurde, müsste ich andere aufwecken. So wie ich bewegt wurde, müsste ich andere bewegen. Die Wahrheit, die man mir erklärte, könnte ich anderen erklären. Wir müssen mehr werden und aktiver, für die Rechte und Freiheit aller Tiere.

Wenn Sie sich selbst mal in die Position eines versklavten Tieres aus der Fleischindustrie versetzen, begrenzt auf eine künstliche Welt, der Chance verweigert, ein langes, gesundes Leben zu leben, sogar Sonnenlicht wird die meiste Zeit verwehrt, und dann stellen Sie sich vor, kopfüber angekettet an ihren Beinen im Schlachthof zu hängen, wenn ihnen jemand die Kehle durchschneidet und ihren Körper zerstückelt, würden Sie verstehen, warum die gewissenlose Tradition des Fleischessens abgeschafft werden muss. Mitgefühl sollte die treibende Kraft der Evolution sein, nicht Arroganz, Gier und Unersättlichkeit.


Und hier seine absolut bewegende und sehr beeindruckende Rede vor dem Schlachthof Mannheim:

Meine persönliche Meinung zu dieser Rede:
Wen solche Worte immer noch kalt lassen, der sollte besser von diesem Planeten verschwinden!

Victor Hugo erkannte: “Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.” Eine einzige Idee erschafft Kunstwerke, errichtet ganze Städte oder befreit Nationen. Tierrechte sind heute die größte soziale Gerechtigkeitsbewegung der Welt. Hundert Tausende Menschen in allen Ländern sind bereit sich für die Rechte der Tiere einzusetzen. Niemand weiß, wie viele Tonnen Blut unschuldiger Lebewesen noch den Boden von Schlachthäusern bedecken werden und wie viele Tränen unsere Gesichter. Aber was wir wissen ist, dass wir nicht ein Herz für Menschen haben und eines für Tiere. Entweder haben wir eins oder wir haben keins. Deswegen werden wir nie echten Frieden haben, solange wir im Krieg gegen die Tierwelt sind.

Aber dieser Krieg wird nicht mit Sturmgewehren, Handgranaten, Panzern und Bomben geführt. Messer und Gabel sind die Massenvernichtungswaffen der Gegenwart. Fleisch tötet uns, tötet die Tiere, tötet die Natur. Falls meine Worte für manche extrem erscheinen, möchte ich zu bedenken geben: 60 Milliarden Landtiere und 90 Milliarden Meerestiere werden jedes Jahr nicht zum Überleben getötet, sondern für einen Gaumenkitzel. Manche würden das extrem nennen.

Fleisch verschwendet mehr Nahrungsmittel als es liefert. Man muss große Mengen pflanzlicher Lebensmittel verfüttern, um kleine Mengen Fleisch zu erhalten. Mehr als ein Drittel der Weltgetreideernte gehen so als Futter in die Tierindustrie. Arme Länder verkaufen ihr Getreide an den Westen, während die eigene Bevölkerung verhungert. Nur damit wir Burger essen können. Wenn das kein Verbrechen ist, dann möchte ich wissen, was ist die Definition. Wie Philip Wollen sagte: “Jedes Stück Fleisch, das wir essen, ist ein Schlag in das verweinte Gesicht eines verhungernden Kindes.”

Wir sind nicht zuviele, wir sind nur zu blöd. Diese Erde könnte ein vielfaches an Menschen ernähren, wenn wir die Lebensmittel direkt essen würden, und nicht über den Umweg durch den Körper eines anderen Tieres. Diese Welt hat genug für unser aller Bedürfnisse, aber nicht für unser aller Gier. Und diese Gier endet damit, dass sie uns selbst tötet. Krebs, Herz und Schlaganfälle sind Todesursache Nummer 1. Broccoli und Blumenkohl zählen allerdings nicht zu den Auslösern, Fleischkonsum schon. Und Studien der Cornell und Harvard Universität kommen zu dem Ergebnis, dass die Menge an Fleisch in einer gesunden menschlichen Ernährung exakt 0 ist.

Wir können diese Krankheiten wieder zu einer Seltenheit machen, indem wir uns gesund ernähren und Tiere von der Speisekarte streichen. Aber warum wird das nicht gewollt? Weil verdammt viel Geld damit gemacht wird. Und die Umsätze der Pharmaindustrie werden ins Bruttoinlandsprodukt eingerechnet. Wenn wir also alle eine Chemotherapie bekommen, dann haben wir noch ein paar Jahre Wachstum. Aber verbuchen wir die Reperaturkosten unserer Autos als Gewinn?

Und warum ist Fleisch eigentlich so billig? Weil die ermordeten Rinder, Schweine und Hühner nicht bezahlt werden. Wir halten uns Sklaven. Man braucht keine 2 Beine um ein Sklave zu sein und man muss auch nicht schwarz sein. Ein Sklave ist jedes fühlende Lebewesen, welches den Unterschied zwischen Freude und Schmerz kennt, zwischen Freiheit und Unterdrückung und gegen seinen Willen gefangen gehalten wird. Und wie viele Beispiele könnte ich bringen, dass sie diesen Willen besitzen. Wie viele Affen, Tiger, Elefanten, Bären, Nerze, Rinder, Schweine und Hühner warten nur auf den einen richtigen Moment, um auszubrechen. Sklaverei begann nicht in Ägypten und endete nicht in Amerika. Sklaverei begann mit der Haltung von Tieren zu unserem Nutzen und dauert bis heute an.

Wir haben erkannt, dass Geschlecht, Religion oder die Farbe der Haut keine Gründe sind, jemanden zu diskriminieren oder zu töten. Die Zeit ist reif, endlich auch zu erkennen, dass auch die Anzahl der Beine, die Behaarung, die Sprache, die körperliche Stärke oder Intelligenz genauso bedeutungslos sind. Bedeutend ist die Fähigkeit zu leiden. Und sie erleiden Höllenqualen, genau jetzt, an Orten wie diesen hier. Orte des Grauens, die wir Tierfabriken und Schlachthäuser nennen. Und wofür?

Tiere haben Rechte. Sie sind keine gefühlslosen Maschinen. Und es ist nicht unsere Freiheit, sie wie Ressourcen zu benutzen. Die eigene Freiheit sollte dort enden, wo die Freiheit eines anderen beginnt. Das zu respektieren ist Gerechtigkeit. Wir brauchen keine größeren Käfige, wir brauchen leere Käfige. Artgerecht kann nur die Freiheit sein. Und freundliches töten bei Tieren exisitert genausowenig wie freundliches töten bei Menschen. Deswegen müssen Tiere von unseren Tellern verschwinden.

Und ich denke an unsere Kinder und die noch nicht gezeugten Generationen. Welche Welt wollen wir ihnen hinterlassen? Wenn wir so weiter machen, sind die Meere 2050 leergefischt. Mehr als ein Drittel des Fischfangs gehen direkt in die Tierindustrie. Schweine und Hühner konsumieren 6 mal mehr Fische wie die gesamten USA. Unvorstellbare Mengen Gülle verschmutzen Gewässer und Böden. Große Teile des Regenwaldes werden zerstört um Futtermittel anzubauen. Wenn wir die Erde in ein paar Jahren aufgegessen haben, was antworten wir unseren Kindern, wenn sie nach dem warum fragen? Weils eben so gut geschmeckt hat?
Wir denken zu viel und fühlen zu wenig. Wir sind überheblich geworden, nur weil wir Autos bauen und Computer benutzen können und haben dabei verlernt, wie wir unsere Herzen benutzen.

Lassen wir Landwirte wieder Landwirte sein. Geben wir ihnen die Möglichkeit, Qualität statt Quantität zu produzieren und sie werden soviel Geld verdienen, dass sie extra Leute einstellen, nur um es zu zählen. Die Wirtschaft wird nicht zusammenbrechen. Die Produktionen werden einfach umgestellt. Niemand will diesen genmanipulierten Müll. Wir können uns unsere Gesundheit wieder zurückholen, sich die Natur erholen lassen und aufhören Tiere zu töten. Dafür muss man kein Präsident, Rockstar, Astronaut oder Professsor sein. Wir müssen nur aufhören, ihre Produkte zu kaufen. Ich weiß, einige finden es schwierig, ihre Gewohnheiten umzustellen, aber bitte denkt an die Schwierigkeiten, die die Tiere in ihren Kerkern durchstehen. Und an die Schwierigkeiten, welche zukünftige Generationen haben werden.

Aber es gibt Hoffnung und Fortschritt. Über 600 Millionen Menschen auf dieser Welt sind bereits Vegetarier. Jeden Tag entscheiden sich mehr Menschen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren oder ganz aufzugeben. Noch vor 2 Jahren habe ich selbst Tiere gegessen. Ich streichelte Hunde und aß Schweine, weil ich es nicht besser wusste. Tief in unserem Herzen sind wir gut. Wir brauchen keinen Mord. Wir brauchen Familie, liebende Partnerinnen und Partner, Freunde, gute Gespräche, ein warmes Zuhause, sauberes Wasser, frische Luft, natürliche Lebensmittel, Sport, Musik. Eine bessere Welt ist möglich. Ich weiß wir können mehr. Lasst uns Tiere von den Speisekarten streichen und aus diesen Folterkammern holen!

Der Mensch in der Masse und Tierschutz

Von Dr. Gunter Bleibohm
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Liebe Freunde der Tiere,

der Mensch in der Masse, der Mensch in der heutigen Massengesellschaft, verhält sich als Individuum regelmäßig völlig anders, entwickelt andere Eigenschaften und Einsichten als wenn er Teil einer kollektiven Massenströmung wird. Dieses Phänomen ist die Ursache, auf denen Moden, Ansichten, Meinungen aber auch allgemeine Denkströmungen und Politikvorlieben basieren. Für den Tierschutz ist dieses Wissen eminent wichtig, erklärt es doch zum großen Teil, warum Tierschutz immer noch und auch weiterhin ein Stiefkind der öffentlichen Wahrnehmung ist und Verbesserungen für die Tierwelt kaum oder nur schleppend stattfinden. Die Moral der kollektiven Massenseele hat den Anthropozentrismus verinnerlicht und damit die Tierwelt aus der herrschenden Moral und Ethik weitgehend eliminiert.

Das Thema ist vielschichtig, ist komplex und kann im Rahmen eines kurzen Textes nur schlaglichtartig beleuchtet werden. Dennoch lohnt der Versuch einer Präzisierung und Klarstellung und was böte sich besser an, einem derartigen Text die mahnenden und eindringlichen Worte Immanuel Kants aus seiner Schrift „Was ist Aufklärung“ voranzustellen.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache desselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

 

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen […] gerne zeitlebens unmündig bleiben[…] Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“


Der nachfolgende Text von Dr. Gunter Bleibohm ist aus seinem Buch „Widerrede III“ entnommen :

Der Begriff der „Masse“ kennzeichnet immer ein quantitatives und/oder qualitatives Geschehen und beschreibt eine Summe von Einzelindividuen, deren persönliche Charakter-, Körper-, und Verhaltensausprägungen sich statistisch um markante Werte gruppieren, die als repräsentativ für das Gesamtbild stehen. Abweichende Einzelfälle vom Zentralwert der Ausprägungen decken im Rahmen einer Normalverteilung die ganze Bandbreite des betrachteten Merkmals ab.

Masse entsteht quantitativ durch exponentielles Bevölkerungswachstum, durch Konzentration der Menschen in Megastädten, in Großunternehmen, Armeen etc., kurzum in allen Strukturen, die eine große Menschenmenge zur Voraussetzung haben, deren Steuerung Regeln, Gesetze, Verordnungen erfordert.

Die qualitative Masse bezeichnet das Phänomen, dass allgemeine Meinungen, Verhaltensweisen, Ansichten, Glaubensvorstellungen, Lebensgewohnheiten, Vorurteile, Konsumverhalten etc. regelmäßig Bestandteil der eigenen, der individuellen Meinung geworden sind und lebensbestimmend für den einzelnen Menschen sind.

Charakteristika

1. Die Ent-Individualisierung des Menschen erfolgt durch seine grenzenlose Vermehrung in der Neuzeit. Der Weg führt vom Individuum zur menschlichen Fabrikware – genormt, unselbständig, bis zur Rechtlosigkeit verwaltet und überwacht. Das Individuum hört auf, ein selbständiges, autonomes Wesen zu sein; es mutiert zum Gattungsexemplar, tauscht individuelles Bewusstsein zugunsten des Kollektiven.

2. Die Masse ist egozentriert, in allen Gedanken und Handlungen nur auf das momentane Wohlbefinden ausgerichtet, ein Paradebeispiel für kollektiven Solipsismus. Nichts beschäftigt sie so sehr wie ihr Wohlbefinden, und zugleich arbeiten sie den Ursachen dieses Wohlbefindens entgegen*. Nur noch Wenige wollen wissen, nur noch Wenige wollen lernen, nur noch Wenige wollen sich ändern. Man umgibt sich lieber mit den dumpfen Emotionen aus der trüben Quelle des Nichtwissens in einem stumpf-trägen Menschenmassenbrei der ent-individualisierten Gesellschaft.

3. Die Masse denkt nicht antizipativ. Persönliche Einschränkungen für Verbesserungen jenseits des eigenen Lebenshorizonts lehnt sie ab.

4. Die Masse erdrückt jede Vernunft. Masse ist das Synonym für Beliebigkeit mit der Folge der Sinnlosigkeit von jedwedem moralisch-vernunftgesteuertem Verhalten. Nicht, dass der gewöhnliche Mensch glaubt, er sei außerordentlich und nicht gewöhnlich, sondern dass er das Recht auf Gewöhnlichkeit und die Gewöhnlichkeit als Recht proklamiert und durchsetzt*.

5. Die Masse kennt keine Empathie. Ethische, moralische, philosophische Gedanken und Richtwerte gelten nur, solange sie das unmittelbare Umfeld betreffen. Andere Lebensformen fallen der Ausbeutung, Versklavung und Vernichtung anheim. Besonders gegenüber der Tierwelt ist die Masse von außergewöhnlich konsequenter Grausamkeit.

6. Masse ist die Beibehaltung triebhafter Vernichtungsinstinkte, Masse ist das Virus für einen radikalen Globocids, Masse ist der Suizid früherer Kultur und Tugend. Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht „wie alle“ ist, wer nicht „wie alle“ denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden. Die Masse- wer würde es denken beim Anblick ihrer Dichte und Zahl- wünscht keine Gemeinschaft mit dem, was nicht zu ihr gehört; sie hat einen tödlichen Hass auf alles, was nicht zu ihr gehört*.

7. Die Masse zeigt wissens- und bildungsmäßig zweierlei Ausprägungen. In der überwiegenden Mehrheit begnügt sie sich mit unterstem Standard, einem Standard, der gerade die alltäglichen Lebensbedürfnisse abdeckt.

Spezialisten zeigen hingegen mehr oder weniger fundiertes Expertenwissen, selten jedoch breitgefächert ein globales Überblickswissen. Gelehrte und weise Menschen werden zur raren Ausnahme. Die direkte Folge des einseitigen Spezialistentums ist es, dass heute, obwohl es mehr „Gelehrte“ gibt als je, die Anzahl der „Gebildeten“ viel kleiner ist als zum Beispiel um 1750*.

Steuerung der Masse

1. Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Wind treibt. Und dieser Typus Mensch entscheidet in unserer Zeit*.

2. Die Masse ist der Idealfall für Regierende und Führende, wenn die gesetzlichen und medialen Manipulationsinstrumente klug und skrupellos eingesetzt werden. Wie sollte man nicht fürchten, dass der Staat unter der Herrschaft der Massen alle unabhängigen Individuen und Gruppen erdrückt und so die Zukunft zu einer Wüste machen wird!*

3. Demokratische geführte Massen haben – im Gegensatz zu Diktaturen – den grundlegenden Systemvorteil, dass abweichende Meinungen – und seien sie noch so bedeutsam – sowie intellektuelle Ansprüche durch Mehrheitsvotum friedlich eliminiert werden können. Auf der anderen Seite folgen aus der zunehmenden Teilnehmer- bzw. Bevölkerungsgröße in einer Einheit das Gefühl und die Tatsächlichkeit der Anonymisierung und die reale Unwichtigkeit der einzelnen Person. Die persönliche Meinung wird bedeutungslos, es zählt ausschließlich die Massenmeinung.

4. Anonyme Massen tendieren zur Schaffung von eigenen Regeln, zur sozialen Separierung bis hin zur Ghettoisierung. Politische und gesellschaftliche Funktionen – einst mal das Ideal einer mündigen Demokratie – werden zunehmend weniger wahrgenommen. Das Gesamtsystem lässt sich durch politische Abstinenz und Desinteresse leichter durch die Regierung steuern, die lokalen Probleme durch die Verweigerung demokratischer, gesetzlicher Normen nehmen hingegen zu.

5. Die Masse wird im Normalfall über kollektive Abhängigkeiten gesteuert. Die Abhängigkeiten werden von Systemkomponenten erzeugt, die quasi-diktatorische Wirkung haben, denen das Individuum nicht ausweichen kann und deren Rahmenbedingungen von einer Führungselite gestaltet werden (Kranken- und Rentenversicherung, Kitas, Schulen, Universitäten, Behörden mit allen Melde- und Steuersystemen). Das allgemeine Stimmrecht gab der Masse nicht das Recht zu entscheiden, sondern die Entscheidung der einen oder anderen Elite gutzuheißen.*

6. Die Masse erhält ein manipuliertes Bewusstsein. Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Meinungsbildung. Die Bevölkerung wird durch folgende Methoden manipuliert: gleichgeschaltete Medien, Desinformation, Geschichtsfälschung und Geschichtslosigkeit, Überfremdung, Neusprache, Vernichtung der Identität des Volkes, Abschaffung typischer Wertvorstellungen, Gedankenpolizei und Denkverbote.

7. Die Masse ist per definitionem massig und träge, tendenziell zunehmend körperlich und schon immer geistig. Erst wenn es gelingt mit kollektiver Emotion die Trägheit aufzubrechen, kann sich das Meinungsschiff in eine veränderte Richtung drehen. In Wahrheit wusste man sehr wenig über die Proles. Man brauchte nicht viel zu wissen. Solange sie nur arbeiteten und sich fortpflanzten, waren ihre übrigen Lebensäußerungen unwichtig… Schwere körperliche Arbeit, die Sorge um Heim und Kinder, kleinliche Streitigkeiten mit Nachbarn, Kino, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiele füllten den Rahmen ihres Denkens aus. Es war nicht schwer sie unter Kontrolle zu halten… Und sogar, wenn sie einmal unzufrieden wurden, führte ihre Unzufriedenheit zu nichts, denn da sie ganz ohne einen leitenden Gedanken waren, richtete sich diese Unzufriedenheit nur auf belanglose jeweilige Übelstände.(George Orwell, 1984)

8. Die Masse vernichtet Freiheit, denn die Masse muss mit Gesetzen und Verordnungen gesteuert werden. Um zielgerichtet zu lenken, sind Informationen erforderlich. Konsequente Überwachung und Informationsbeschaffung sowie deren Verdichtung an zentraler Stelle ist die Folge. Die Schraube der Rechtsbeschneidung dreht sich unaufhörlich, langsam aber stetig und irreversibel.

Konsequenz

Die Negation des Individuellen bewahrt den Massenmensch vor der Qual, Persönlichkeit wahren zu müssen, verschont vor der Anstrengung, selbst aufrecht zu stehen, denn die Herde hält ihn aufrecht. Um ein vorbildliches Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein (Einstein). Sic est!

Die gefühlte und gefürchtete Nichtigkeit des Seins bekämpft der Gattungsmensch durch Täuschung.

Die Täuschung zeigt sich in verschiedensten Facetten. Im täglichen Leben lässt sich die Erkenntnis der Nichtigkeit durch eine künstliche Sinngebung kaschieren. Das Spektrum reicht von der Arbeitssucht bis zu Spaß und Spiel bei zahlreichen sozialen Kontakten, vom Alkohol- bis zum TV- bzw. PC-Süchtigen. Allen Ausprägungen ist gemeinsam, dass der Betroffene, ist er seinem eigenen Wesen ohne Fremdeinfluss ausgesetzt, auf das Wissen um seine Erbärmlichkeit zurückgeworfen wird, dem er intellektuell nicht gewachsen ist; er zerbricht an seiner geistigen Leere. Der Ausweg der Täuschung ist der Ausweg der Angst, ist der Ausweg derjenigen, die ohne die Schutzwand der Täuschung zermalmt und vernichtet würden.

Die Demütigung der Vernunft kann aber noch weiter getrieben werden, indem das „Sein“ auf ein imaginäres Jenseits gelogen wird. Das Leben wird von der Hoffnung getrieben, im Jenseits die Erfüllung all dessen zu finden, das die Realität nicht bereithält. Der Esel, dem man das Heubündel vors Maul hält, damit er zügig den Wagen zieht, ist das tierische Pendant solcher Glaubensautisten.

„War ich doch zum Glauben gekommen, weil ich außerhalb des Glaubens nichts, gar nichts gefunden hatte außer Vernichtung“ charakterisiert Leo Tolstoi die bösartigste, die hinterhältigste, aber auch die dümmste Selbsttäuschung der Menschen.

Es entfallen die Pflichten für das Massenwesen, eigene Maxime, eigene Regeln und Postulate für das Leben zu finden, sie zu verfolgen und umzusetzen. Die ganze Palette sittlicher und geistiger Qual der denkenden, der abwägenden und der frei entscheidenden Persönlichkeit ist für den Gattungsmensch, den kritiklosen und widerspruchsmeidenden Vorurteils-Mensch – besser den hörig nachplappernden Fremdurteils-Mensch – drastisch zusammengeschmolzen. Er hat die herrschende Meinung, die Meinung der Herrschenden, als neue Freiheit entdeckt im Tausch gegen eine dauerhafte intellektuelle Unfreiheit. Er bedarf nun nicht mehr der Gedankenfreiheit, denn seine innere Leere füllt das Smart-Phone, das Staatsfernsehen, die Gruppenmeinung, die Religion.

Denken ist nur systemkonform erlaubt, Unterwerfung gefordert. Wer anders denkt, darf nicht laut denken, will er nicht in die Fänge der allgegenwärtigen Gedankenpolizei geraten. Das diktatorische Regime mit seiner Wirklichkeitskontrolle ist am Ziel. Der Massenmensch ist durch die jahrelange Gehirnwäsche denkamputiert und will freiwillig das tun, was er – aus Sicht der herrschenden Kaste – tun soll. Die einstige Helligkeit des Verstandes ist durch völlige Stumpfheit ersetzt worden.

Schöne neue Zukunft!

(*Zitat aus: Ortega y Gasset, Aufstand der Massen)

Herzliche Grüße
für pro iure animalis