Wer sind wir? Bestien ohne Mitgefühl?!

Eine sehr realistische Antwort auf die Frage, wer und was wir Menschen letztlich sind, finden wir auch im nachfolgenden Tierrechtssong von Harry Harper, nämlich dass die grosse Mehrheit der Menschen Bestien sind, Bestien ohne Mitgefühl, Mörder-Marionetten in einer Horror-Show. Und um dieser Wahrheit willen haben wir auch allen Grund, uns unseres Menschseins in Grund und Boden zu schämen.

Nachfolgend erst einmal der Songtext dieses anklagenden Songs und anschließend der von mir eingebettete Song zum Anhören.

Songtext:  „Die Bestie ist der Mensch“

Sie killen kleine Robben ohne Mitleid schonungslos,
erschlagen die Delphine an den Stränden gnadenlos.
Marder, Fuchs und Nerze sterben nur für Pelz und Geld
und auch den letzten Tiger,
den schießt man von dieser Welt.
Das Nashorn wird für´s Elfenbein ganz einfach massakriert,
die Wale werden trotz Verbot auch weiter harpuniert.
Tausend Tode leiden alle Turtels nach dem Fang,
lebendig aufgeschnitten leiden sie oft tagelang.
Der Mensch ist eine Bestie, das war schon immer so,
die Mörder-Marionette in einer Horror-Show.

Die Bestie ist der Mensch,
die Bestie ist der Mensch allein,
die Bestie ist der Mensch,
und darum schäm´ich mich ein Mensch zu sein.
Die Bestie ist der Mensch …….

Sie töten kleine Vögel nur zum reinen Hochgenuss,
am Ende jedes Tiertransports, da steht der Exitus.
In den Todes-Plazas hat der Stier nie eine Chance,
der Matador als das Symbol von Blut und Arroganz.
Sie knallen in den Wäldern ab,
was vor die Flinten läuft und Katzenkinder tötet man,
indem man sie ersäuft.
Sie setzen ihre Hunde einfach aus zur Urlaubszeit,
sie fahren ins Vergnügen und es kümmert sie kein Leid.
Der Mensch – das ist die Bestie, ein Wesen affektiert,
im Heer der Mörderpuppen wird fleißig abserviert.

Die Bestie ist der Mensch …….

Sie fressen Leichenteile aus dem Supermarkt vor Ort
und fördern Schmerz und Qualen
bei dem Tier-Todestransport.
Vernichten täglich Regenwald allein für´s Kapital,
zerstören unsre Umwelt täglich viele tausendmal.
Dressieren viele Tiere nur zum reinen Gaudium
und wenn sie nicht mehr können,
dann bringt man sie einfach um.
Man richtet manche Hunde ab allein zum Kampfeszweck,
nun schreit man in Europa: „Diese Bestien müssen weg!“
Doch der Mensch, das ist die Bestie,
Geschöpfe ohne Glanz,
ein Tänzer ohne Skrupel in einem Todestanz.

Die Bestie ist der Mensch ………

Vielleicht ist diese Welt die Hölle eines anderen Planeten

Rebloggt von Bettina Schneider auf guteskarmatogoblog.wordpress com

Veröffentlicht am 23. Juli 2016

Tierschützerin Bettina Schneider schreibt:

Dieses Zitat aus einer fiktiven Geschichte geht mir die letzten Tage und Wochen immer und immer wieder durch den Kopf.

Ich denke es bei jedem neuen Horrorbild, bei dem Anblick geschundener, gequälter, gefolterter Tiere, das aufzeigt, welche Bestien in Menschengestalt unter uns leben. Ihre Anzahl ist Legion, nicht nur auf fernen Kontinenten. Sie leben Tür an Tür mit uns und ein Teil von ihnen hat diese Misshandlungen sogar zum Beruf erwählt.  Brutalität, Sadismus oder Dummheit, oft gepaart mit Bösartigkeit, sind überall anzutreffen.

Ich denke es bei jeder neuen Meldung, in der nüchtern aufgezählt wird, wo auf der Welt gerade wer wie viele Menschen verstümmelt, getötet, verletzt und traumatisiert hat. Wenn ich mir das lebenslange Leid der Verstümmelten und die unsägliche Trauer über den sinnlosen Verlust der Eltern, Kinder, Ehepartner vorstelle. Ein Schmerz der anhält, wenn alle Facebook Trauerbekundungen längst wieder aus dem Netz verschwunden sind, die Friedenskerzen abgebrannt und die Schlagzeilen vergessen.

Ich denke es bei allen Hasskommentaren und Falschmeldungen auf Facebook und anderen Medien, die neuen Pranger, wo jeder ungestraft Lügen, Verleumdungen, Hasstiraden und Boshaftigkeit ungebremst in die Welt schreiben darf. Wo Leben zerstört und Existenzen vernichtet werden. Seriöse Meldungen und Richtigstellungen gehen unter. Das Volk, wer immer das auch ist, möchte seine tägliche Hinrichtung und wenn kein geeigneter Deliquent zur Hand ist, dann wird eine Person, eine Gruppe, eine Nation an den medialen Pranger gestellt.

Ich denke es, wenn ich verstört feststelle, dass die meisten Menschen, die aktiv an unserem täglichen Leben teilnehmen, wählen und entscheiden, nur allzu oft nicht die leiseste Ahnung haben, worüber gerade diskutiert, abgestimmt, gewählt oder geurteilt wird. Je weniger Ahnung, desto lauter!

Ich denke es, wenn ich sehe, wie durch Hetze, Gleichgültigkeit, Korruption, Gewinnmaximierung  oder Fanatismus, wichtige und richtige Entscheidungen für die Generationen nach uns, nie getroffen werden.

Ich denke es, wenn ich sehe, wie alle Werte leise an Bedeutung verlieren, die viele Generationen als Leitstern gut und sicher in eine bessere Zukunft gebracht haben.

Ich denke es, wenn ich sehe, dass Gewalt mit Phrasen, Armut mit Kriegen und Krankheiten, entstanden durch Gift, mit Giften bekämpft werden.

Ich denke es, wenn ich allein gelassene und ausgebrannte Helfer sehe, die für ihre Leistung für Staat und Soziales oft noch Kritik und Häme erhalten.

Ich denke es, wenn ich erkenne, dass nur die Personen weltweit Führungsrollen übernehmen können, die innerlich  abgebrüht genug sind, an denen Hass, Häme, Mobbing und Anfeindungen abprallen. Was zur Folge hat, dass alle unsere Führer Persönlichkeitsstrukturen besitzen (müssen), die wichtige menschliche Qualitäten missen lassen oder sie gehen selbst zugrunde. Wir haben die (demokratisch gewählten) Führungspersönlichkeiten, die wir verdienen. Nach welchen Kriterien wir sie erwählen und wie wir mit ihnen umgehen, wird sich in deren Politik spiegeln.

Ich denke es viel zu oft die letzte Zeit und auch, ja besonders, wenn mir jemand versichert, ich würde schwarz malen und Gott (welcher auch immer), hätte einen Plan, den wir Menschen nur nicht verstehen.

Wenn es einen Gott gibt, dann ist er mir zutiefst suspekt und ich hasse seinen Sinn für Humor, hinterfrage sein Gerechtigkeitsempfinden und besonders sein Mitgefühl.

Wenn es einen allmächtigen Gott gibt und einen göttlichen Plan, der so viel Leid, Krankheit, Verlust, Armut, Hass und Gewalt enthält , nicht nur für die Menschen (mit freiem Willen ?!) sondern besonders für alle unschuldigen Kreaturen der Schöpfung  …dann ist es nicht mein Gott, nicht mein Plan.

Aber vielleicht ist diese Erde ja wirklich nur die Hölle eines anderen Planeten. Im Bezug auf religiöse Fragen, auf das Verhalten vieler Menschen und die Entwicklung weltweit, erscheint mir dieser Satz als die stimmigste aller Erklärungen…

Quelle:  guteskarmatogoblog.wordpress.com

Film im ZDF am 12.April 2017: Freistatt

Habe mir gestern Abend im Fernsehen den deutschen Film „Freistatt“ von Marc Brummund aus dem Jahr 2015 angesehen, welcher mich sehr bewegt hat, da er auf wahren Begebenheiten beruht und den unzähligen Kindern eine Stimme verleiht, die in Freistatt und ähnlichen kirchlichen Einrichtungen seelisch und körperlich misshandelt wurden. Dieser Film klärt auf, welch eine unmenschliche „Erziehung“ Jugendliche, die von ihren Eltern in kirchliche Erziehungsanstalten abgeschoben wurden,  „im Namen des Herrn“ erdulden und über sich ergehen lassen mussten.

Zur Handlung des Films:

Während für viele in Deutschland eine neue Ära der Freiheit anbricht, wird der 14-jährige Wolfgang von seinem Stiefvater in die kirchliche Fürsorgeanstalt „Freistatt“ abgeschoben. Dort ist es wie im Knast: Die Türen sind verschlossen, die Fenster vergittert, Briefe werden abgefangen. Die Jungen werden mit militärischem Drill zum Torfstechen ins Moor geschickt und als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. Von ihren Familien vergessen, verrohen sie als Opfer eines körperlichen und psychischen Gewaltsystems, von dem man draußen nichts mitbekommen darf. Wolfgang widersetzt sich und plant seine Flucht: Ihr kriegt mich nicht – niemals! Denn seine Sehnsucht nach Freiheit will er keineswegs im Moor begraben.

Im Sommer 1968 ist der 14-jährige Wolfgang aus Osnabrück, der gern an Mofas „rumschraubt“, aufmüpfig gegenüber seinem Stiefvater. Als Wolfgang seinen Freunden die väterlichen Pornohefte zeigt, lässt dieser ihn durch eine Mitarbeiterin des Jugendamts Osnabrück in ein christliches Erziehungsheim in Freistatt bringen. Seine Mutter tröstet ihn und verspricht ihm, ihn zu Weihnachten wieder zu holen. Er nimmt ein Bild seiner Mutter nach Freistatt mit und wird im Heim vom Hausvater Brockmann in dessen Garten scheinbar freundlich empfangen. Dieser unterbricht seine Gartenarbeit und liest aus Wolfgangs Jugendamtsakte laut vor. Daraus ergibt sich, dass Wolfgang dem Amt als „aggressiv“, „renitent“ und „ungehorsam“ aufgefallen ist und nach drei Monaten Aufenthalt aus dem Erziehungsheim Heidequell bei Bielefeld geflohen sei. Dieser verteidigt sich damit, er habe sich immer nur gewehrt und sei nie gewalttätig geworden.

Das Leben im Heim gleicht entgegen dem ersten Anschein dem in einer Kaserne. Die Leiter werden, wie unter „guten Christen“ üblich, als „Bruder“ bzw. „Oberbruder“ angeredet. Der Hausvater, der durchaus Härte im Umgang mit seinen Zöglingen befürwortet, leitet die Einrichtung nach eigenen Angaben seit 25 Jahren, also seit 1943.

Als Wolfgang sich für den schwächlichen Zögling Mattis einsetzt, der von Bernd, dem „Ranghöchsten“ der Gruppe, eine Bestrafung erhalten soll, wird er von diesem selbst bestraft. Der afrodeutsche Anton nimmt mit Wolfgang Kontakt auf und erzählt ihm, dass er auch aus Osnabrück sei.

Wolfgang muss mit den anderen Zöglingen zur harten Arbeit ins Moor zum Torfstechen. Als er sich beschwert, dass er erst in zwei Monaten Stiefel bekommen soll, wird er von Bruder Wilde, einem der zwei Aufseher, robust mit dem Spaten zu Boden geschlagen. Ein erster Fluchtversuch misslingt im unübersichtlichen Moorgebiet. Der Hausvater lässt bei Fehlverhalten Einzelner die Gruppe kollektiv bestrafen, z. B. durch Rationierung des Essens oder Rauchverbot. Er überlässt es den Zöglingen, den „Schuldigen“ persönlich zu bestrafen, und tröstet diesen dann hinterher. Da Wolfgang sich nichts gefallen lässt, hat er deswegen weiterhin Konflikte mit Bernd, der von ihm verlangt, sich zum Wohle der Gruppe an die Regeln zu halten.

Wolfgang übergibt Angelika, der Tochter des Hausvaters, einen Brief an seine Mutter, in dem er diese bittet, ihn aus dem Heim zu holen, da er es nicht mehr aushalte. Sie behauptet gegenüber ihrem Vater, Wolfgang habe sich an sie rangemacht, nimmt den Brief aber an sich. Später findet der Hausvater den Brief und die Gruppe wird mit Essensentzug bestraft. Wolfgang versucht deswegen, Tomaten aus dem Garten des Hausvaters zu stehlen, wird aber von diesem entdeckt und in einem Wasserfass bis kurz vor dem Ertrinken untergetaucht. Da er Bruder Wilde brüskiert, indem er trotzdem weiter Tomaten erntet und isst, wird er mit dem Schlagstock misshandelt, imponiert jedoch durch seine Ungebrochenheit der Gruppe.

Wolfgang bekommt von seiner Mutter zum Geburtstag einen Kuchen geschickt, einen „Kalten Hund“. Schon bei seiner Abholung durch das Jugendamt hatte sie ihm als Wegzehrung einen mitgegeben. Der Hausvater behält ihn für sich und isst davon, was der Junge jedoch entdeckt. Bernd versucht Wolfgang die Hoffnung auf Rückkehr ins Elternhaus zu nehmen und zündet das Foto von Wolfgangs Mutter an.

Bei der Freizeitgestaltung kommt es zu einem Aufstand gegen Bruder Wilde, als er versucht den Jugendlichen das Kofferradio wegzunehmen. Anton singt aus dem Gospel Sometimes I Feel Like a Motherless Child, der zuvor in der Version von Richie Havens im Radio lief, und die Gruppe stimmt bei den „Freedom“-Rufen mit ein.

An Heiligabend kommt es zum Eklat: Bruder Krapp, der Aufseher, der scheinbar für die Zöglinge viel Verständnis gezeigt hat, verlässt das Heim. Offenbar hat er Mattis, der das nicht wahrhaben will, sexuell missbraucht. Beim Gottesdienst davor bekam Wolfgang von Angelika im Klingelbeutel den Hausschlüssel zugesteckt. Damit öffnet er die Tür, wird aber vom Heimvater gestellt. Daraufhin hängt Wolfgang an Ketten von der Decke; kaum noch bei Bewusstsein und hat Visionen.

Bei einem Konflikt im Moor verletzt Wolfgang Bruder Wilde mit dem Spaten schwer am Auge. Er nutzt die Situation, um mit Anton zu fliehen. Sie finden aus dem Moor, und kommen in einem Pferdetransporter bis nach Osnabrück. Es stellt sich heraus, dass Anton gar nicht von dort stammt und auch keine Eltern mehr hat; Wolfgang nimmt ihn aber dennoch nicht mit sich nach Hause. Inzwischen hat seine Mutter mit seinem Stiefvater ein Kind bekommen. Bald taucht Brockmann auf, um Wolfgang wieder nach Freistatt mitzunehmen; Anton hat er bereits aufgegriffen. Wolfgangs Mutter besteht darauf, sich das Heim selbst anzusehen. In Freistatt angekommen, verriegelt der Stiefvater aber das Auto, nachdem Wolfgang ausgestiegen ist. Obwohl Wolfgang seine Wunden zeigt und fleht, ihn nicht dazulassen, fahren die Eltern im Auto davon.

Bruder Wilde rächt sich an Wolfgang, indem er ihn mit Hilfe von Bernd vermeintlich lebendig begräbt. Der Hausvater Brockmann taucht unerwartet auf und holt den Bewusstlosen wieder aus dem „Grab“. Als sich Anton schliesslich erhängt, attackieren die Zöglinge Bruder Wilde, der gleich wieder zur Tagesordnung übergehen will. Als er am Boden liegt, fliehen die Heiminsassen in ihren Nachthemden – bis auf Wolfgang, der bei Anton bleibt. Sein Wille scheint gebrochen, er passt sich an und darf z. B. morgens zum Appell aufrufen. Eines Tages wird er entlassen, weil sein Stiefvater tödlich verunglückt ist. Als er daheim ankommt und auf der Terrasse das Kind seines Stiefvaters sieht, geht er, ohne seine Mutter zu sehen, mit einem Stück kalten Hundes vom Empfangstisch in der Hand, zurück auf die Straße. Er leiht sich von einem früheren Freund Geld und schlägt ihn nieder, als dieser seinen Kuchen anfassen will. Im Reisezug mit unklarem Ziel rattert er an Freistatt vorbei und beobachtet, von oben, die Zöglinge auf ihrer Draisine bei der Fahrt zum Moor.

Kurzum: Die grausame Situation der Protagonisten, die starken Hauptdarsteller, allen voran der bärenstarke Louis Hofmann als Wolfgang sowie dessen Gegenspieler Alexander Held als ‚Hausvater‘, lassen keinen Zweifel daran, dass Freistatt für alle einst dort eingekerkerten Jugendlichen nicht weniger als eine Hölle auf Erden war.

Hier ein Trailer zu diesem Film:

Und wer ihn sich in ganzer Länge anschauen möchte : „Freistatt“ hier in der ARD-Mediathek (Verfügbar bis 19.04.2017)


Und hier noch der nicht weniger bewegende Lebensbericht des damaligen Heim-Insassen Wolfgang Rosenkötter :

Meine Damen und meine Herren,

Sie haben in den letzten Minuten Berichte gehört, die sich in den 50er und 60er Jahren abgespielt haben, in einer Zeit, in der die Bundesrepublik Deutschland Wirtschaftswunderland war, in einer Zeit, in der viel von Aufbau, von Entwicklung in die Zukunft, von Familiensinn und anderen Dingen gesprochen wurde, in der Werte etwas galten und in der man stolz auf seine deutsche Identität war. Auch in meiner Familie sprach man von diesen Werten, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon keine Familie im herkömmlichen Sinne für mich gab. Meine Eltern trennten sich, als ich 5 Jahre alt war. Meine Mutter war von diesem Zeitpunkt an damit beschäftigt, weit weg in Bayern mit einem anderen Mann ihr Leben zu genießen. Mein Vater, Rechtsanwalt und Notar, musste die Restfamilie ( seine Mutter, also meine Großmutter und mich) ernähren und war mit meiner Erziehung total überfordert. Diese Erziehungsfunktion übernahm meine Großmutter, die aber zu diesem Zeitpunkt schon 70 Jahre alt und ebenfalls total überfordert war. Fazit: Als ich schließlich nach ständigem Schulwechsel mit Mühe und Not den Hauptschulabschluß geschafft hatte und in die Pupertät kam, wurde ich „lästig“. Ich schwänzte eine angefangene kaufmännische Lehre, trieb mich mit Gleichaltrigen herum und revoltierte gegen das Torsoelternhaus. Mein Vater wusste mit mir nichts weiter anzufangen und ließ sich vom Jugendamt dazu überreden, mich in „Freiwillige Erziehungshilfe“ zu geben. Dass bedeutete, mein Vater stimmte einer Heimunterbringung zu.

Zunächst einmal kam ich in das Heim „Heidequell“ des Johanniswerkes Bielefeld. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich eingesperrt und das schlimmste daran war, dass ich nicht einmal wusste warum. Also lief ich von dort weg zurück nach Hause. Aber mein Vater brachte mich zurück mit der Begründung, es wäre für mein weiteres Leben besser, wenn ich etwas „Zucht und Ordnung“ lernen würde. Außerdem seien dort im Heim alle sehr nett und auf mein Wohlergehen bedacht. Das merkte ich nachdem mein Vater fort war. Essensentzug und Freizeitverbot war die Folge der „Fürsorge“. Ich lief kurze Zeit später wieder weg nach Hause, wurde wiedergebracht, die Strafen verschärften sich und das ging mehrere Male so. Mir wollte nicht in den Sinn, dass mein Vater und meine Großmutter mich nicht haben wollten. Schließlich wurde die „Fürsorge“ verstärkt und mit Einwilligung meines Vaters kam ich in das Heim „Eckardsheim“, ein geschlossenes Heim der Bethelschen Anstalten, in dem man im Straßenbau arbeiten musste und drakonische Strafen (Prügel, Essensentzug, Schlafentzug etc) an der Tagesordnung waren. Für mich war noch unverständlicher, warum ich jetzt in ein solches Heim musste. Also lief ich wieder von dort weg nach Hause, wurde zurückgebracht und erfuhr entsprechende „Fürsorge“. Auch hier geschah das mehrmals, bis mit Einverständnis meines Vaters entschieden wurde, dass ich jetzt in ein Heim müsse, aus dem ich nicht mehr weglaufen könne und das mir arbeiten beibringen solle. Ich kam nach Freistatt im Teufelsmoor, einer weiteren Einrichtung der Bethelschen Anstalten, der in den anderen Heimen immer wieder angedrohten „Endstation“. Wenn ich geglaubt hatte, viel schlimmer als in Eckardtsheim könne es dort nicht sein, hatte ich mich sehr getäuscht. Es folgte ein Jahr unsäglicher körperlicher und seelischer Qualen, Erniedrigungen, Schläge und Folterungen. Kein Tag, an dem ich nicht mit Angst ins Bett ging und mit Angst Aufstand. – Kurze Schilderung eines Tagesablaufes –

Trotz der Abgeschiedenheit gelang es mir nach drei Monaten von dort mit blutigen Füßen und wund geschlagenem Rücken nach Hause zu fliehen. Mein Vater und das Jugendamt glaubten meine Schilderungen nicht, es war doch eine christliche Anstalt, dort kam so etwas nicht vor. Also wurde ich zurück gebracht, mit verheerenden Folgen für mich selber und meine Kameraden. (Schilderung)

Nach knapp drei Jahren ständiger Angst vor christlicher „Fürsorge“ in christlichen Heimen, nach drei Jahren verlorener Kindheit, nach drei Jahren christlichen Arbeitslagers ohne Lohn und Perspektive wurde ich 1964 nach Hause entlassen, weil mein Vater nun glaubte, ich hätte jetzt das nötige Rüstzeug für das Leben und könne nun wieder zu Hause sein. Als ich aus dem Heim entlassen wurde, war ich körperlich und seelisch ein Wrack. Ich war verängstigt, unselbständig und konnte niemandem in die Augen schauen.

Zu Hause blieb ich nur noch Monate. Ich nahm mein Leben in die eigenen Hände und absolvierte ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ in Hamburg und danach eine Krankenpflegeausbildung. Nach 15 Jahren Krankenhaus hatte ich das Bedürfnis, mehr aus meinem Leben zu machen. Über den 2. Bildungsweg machte ich Abitur nach und studierte anschließend Sozialwissenschaften und Psychologie. 10 Jahre arbeitete ich nach Abschluß des Studiums als Gesundheitswissenschaftler bei der AOK, machte mich anschließend im Gesundheits- und Bildungsbereich selbständig, beriet Firmen und Weiterbildungsinstitutionen und trainierte Führungskräfte in Kommunikation, Personalmanagement und Verkaufspsychologie. Meine Kunden waren Firmen wie Kraft, VW, Bertelsmann, Siemens, SAP und andere.

Persönliche Schicksalsschläge veränderten vor einigen Jahren mein Leben, Scheidung und Schulden machten aus mir einen Hartz IV Empfänger. Mein ganzes Leben lang hat mich die Angst aus Freistatt begleitet, Fluchtverhalten in bestimmten Situationen, Aggressionen gegen mich selber und Andere waren die Folge. Daraus resultierend auch oft Ortswechsel und innere Unruhe. Tiefergehende persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, lernte ich erst sehr spät in meinem Leben.

Die Zeit im Heim habe ich 40 Jahre verdrängt, erst durch das Buch von Peter Wensierski wurde diese Zeit wieder schmerzhaft bewusst und plötzlich waren alle diese schrecklichen Erlebnisse wieder präsent. Eine Einladung der Diakonie Freistatt, sich der Vergangenheit zu stellen und diese Heimstätte heute zu besuchen, nahm ich an, einmal weil ich endlich innere Ruhe erreichen wollte, aber auch, weil mich die sozialwissenschaftliche Seite interessierte.

Warum hat es 40 Jahre gedauert, bis dieses Kapitel in der Öffentlichkeit eine Rolle gespielt hat? Warum haben die Opfer 40 Jahre geschwiegen? Wie konnten solche menschenverachtenden Geschehnisse in christlichen Institutionen vorkommen? Warum fällt es den Entscheidungsträgern aus Politik und Kirche heute so schwer, dieses geschehene Unrecht an Tausenden von ehemaligen Heimkindern zuzugeben und die Opfer für diese Zeit zu entschädigen?

Viele meiner Leidensgenossen aus dieser Zeit wurden in den Heimen wesentlich schwerer traumatisiert und geschädigt als ich. Ihnen und mir kann diese verlorene Jugendzeit nicht wiedergegeben werden. Aber ich stehe heute hier vor Ihnen, weil ich meinen wissenschaftlichen Sachverstand und meine persönliche Betroffenheit dazu nutzen möchte, dass die Opfer dieser Zeit das Unrecht anerkannt bekommen und Entschädigung erhalten und dass so etwas wie in den 50er und 60er Jahren in Heimen nie wieder passiert. Ich steuere mein Teil dazu bei, indem ich mich im Verein ehemaliger Heimkinder engagiere, indem ich in Freistatt mit Unterstützung der heutigen Leitung dort ein Dokumentationszentrum aufbaue und indem ich helfe in den heutigen Kinder- und Jugendheimen Möglichkeiten der Selbstbeteiligung von Jugendlichen wie etwa Jugendparlamente einzurichten.

Und Sie, meine Damen und Herren Politiker möchte ich bitten, sich ebenfalls dafür einzusetzen, dass die Opfer von damals Wiedergutmachung erlangen, damit sie ihren Lebensabend in Ruhe und Würde erleben können. In anderen Ländern Europas ist diese Wiedergutmachung erfolgt, in Deutschland warten die Opfer von damals auf ein Zeichen von Ihnen. Danke dass Sie mir zugehört haben.

Quelle: http://www.vehev.org/Lebensberichte