Dr. G. Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

L e h r e r

Ich lehre seit vielen Jahren Philosophie. Und wem? Mir! Wem denn sonst.

N e b u l ö s

Würde, Moral, Ethik“, nebulöse und schwammig definierte Worte und philosophisch-klerikale Kunstgebilde werden in zahllosen Kontexten inflationär gebraucht, missbraucht, verbraucht. Die Worte sind eine reine Erfindung der Menschenwelt, künstlich und naturfern, unterschiedlichst interpretiert und empfunden in den zurückliegenden Jahrhunderten.

Außerhalb der menschlichen Spezies haben diese Begriffe keinen Widerhall, kein Fundament und keine Berechtigung, denn die Natur unterscheidet nicht zwischen gut und böse, kennt kein gut oder böse, sondern handelt nur nach dem Willen zum Leben, dem Überlebensinstinkt und der Bestrebung, die Art zu erhalten.

Ein redlicher Gebrauch setzt deshalb voraus, diese Worthülsen nur in Bezug auf die menschliche Gattung zu verwenden, um Handlungen zwischen menschlichen Individuen zu kategorisieren und einer normativen Bewertung zu unterwerfen. Lediglich die Anwendung für Handlungen der Menschenspezies gegenüber der Tierwelt ist als Ausnahme zunehmend notwendig und dringend angezeigt, um den irrsinnigen Vernichtungskrieg der Menschheit gegen nahezu alle Tierpopulationen zu brandmarken.

Der Gebrauch als normatives Postulat innerhalb den Spezies Mensch krankt hingegen an einer entscheidenden Tatsache. Bedeutung, Sinn und Reichweite der Begriffe ist nur Wenigen, sehr Wenigen klar und in den seltensten Fällen als persönliche Handlungsleitlinie verinnerlicht. Und wenn diese Postulate Verwendung finden, dann als hohle, inhaltsleere Phrasen in Sonntagsreden, kaum aber im täglichen Denken und Handeln, denn die Auslegung dieses Begriffsfeldes variiert von Mensch zu Mensch, von Zeit zu Zeit, von Volk zu Volk.

Die Majorität aber, der Mensch in der Masse, der Massenmensch neuzeitlicher Minderbildung und anerzogener Empathieferne, kann mit den Begriffen nichts anfangen, hat und wird sie niemals in Denken und Handeln integrieren, so dass alle jemals daraus abgeleiteten philosophisch-theologischen Ansprüche wirkungslos im Nirgendwo verklingen, wie ein Flüstern im Herbststurm.

Klarstellungen aus der Gegensicht

W a r n u n g

Wer sich immer mit Geisteszwergen umgibt, sein Wissen und seinen Umgang im Gezwerge dieser Welt findet, muss entweder selbst ein Zwerg sein oder sich täglich tief bücken und dabei noch nach unten schauen. Zeitweise mag das angehen, aber auf Dauer verbiegt das Niederbeugen das Rückgrat, bis man so verkrümmt ist, dass man selbst die Kleinheit des Zwerges erreicht hat.

U n t r ü g l i c h

Es ist ein untrügliches Zeichen, wenn man ein Problem abstrakt und allgemeingültig erörtert, dass es völlig sinnlos ist das Gespräch fortzuführen, wenn der Gegenüber mit seinen persönlichen Erlebnissen und individuellen Empfindungen antwortet. Er zeigt damit, dass er unfähig zur Abstraktion ist und dass er, selbst wenn er weiter zuhört, nicht in der Lage sein wird, allgemeingültige Erkenntnisse auf seine persönliche Situation anzuwenden.

B e o b a c h t e r

Der Arzt weiß ziemlich sicher, welche Verlaufsform eine tödliche Krankheit nimmt. Er ist der Beobachter. Der Denker weiß ziemlich sicher, welche Verlaufsform die Menschheit in Zukunft nimmt. Er ist der Beobachter. Beide, Arzt und Denker, müssen trotzdem dem Sterben zusehen.

G l u t

Mein Nihilismus ist für die meisten Menschen wie ein Kohlebecken mit glühenden Briketts. Sie lieben die Wärme, erfreuen sich am Flackern der Glut und an dem Widerschein an den Wänden, aber sie fürchten auch die unbändige Hitze der glühenden Kohle. Sie haben Angst, sich die Finger zu verbrennen. Sollen sie einzelnen Gedanken näher treten, empfinden sie es wie eine Aufforderung, mit bloßen Fingern einen glühenden Kohlebrocken aus dem Becken zu nehmen. Dabei habe ich ihnen das unverwüstliche Werkzeug der Gedankenfreiheit bereitgelegt, aber sie können es nicht handhaben. Es fehlt ihnen an Übung; sie bleiben lieber Zuschauer.

Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

D e r  N a c h b a r

Wie kann man seinen Nachbarn noch freundlich grüßen, mit ihm plaudern und lachen, wenn man andererseits weiß, dass er ein gewohnheitsmäßiger Fleischesser ist und für diese vermeintliche Lust ohne geringste Empathie und Nachdenken die Tiere von der benachbarten Weide ermorden lässt, die Tiere, die wir täglich sehen, deren Blicken wir täglich begegnen?

Verstellung wird zur Notwendigkeit, Heuchelei zur Regel, Lüge zur Gewohnheit. Für ein Quäntchen eigenen Friedens im Ozean der Erkenntnis, dass es nahezu aussichtslos ist, menschliches Verhalten durch Vernunft zu ändern, gießt man Schande über Redlichkeit und Aufrichtigkeit. „Niemand pfeift gegen den Ozean an“ formuliert es Kurt Tucholsky. Der Ozean übertönt mit seinem Brüllen immer das Lied der Vernunft und die Melodie des Geistes.

A n m e r k u n g

Eine Wertung historischer Personen muss immer aus Gründen der Redlichkeit und aus dem Streben nach unverbogener Erkenntnis aus der jeweiligen Zeit heraus erfolgen und darf niemals mit Wissen belastet werden, dass der damalige Verfasser nicht hatte, nicht haben konnte, will man sich nicht der Geschichtsfälschung schuldig machen. Quellen aus der Geschichte sind das Fundament, auf dem unser Denken beruht und aus denen es sich entwickelt hat. Es ist ein Trugschluss zu meinen, dass diese Quellen uns heute nichts mehr zu sagen haben. Wir müssen, wenn wir einen Weg gehen, wissen, woher wir kommen, wie wir zu unserem heutigen Erkenntnisstand gelangt sind und wohin wir wollen. Je besser die Information, je präziser die Wegbeschreibung. Nur dem unmündigen Menschen muss ein Weg vorgegeben werden, der Mündige bildet sich seine Weltsicht selbst.

Für den Historiker und erst recht für den Philosophen kann es bei der Betrachtung historischer Personen nur den wissenschaftlichen Blickwinkel geben, nämlich das Bemühen, historische Zusammenhänge, geschichtliche Quellen und Funde nach bestem Wissen und Gewissen wertfrei darzustellen. Wertungen im Nachhinein sind immer Ausfluss einer persönlichen Meinung und haben beim Quellenstudium keinen Platz.

Es ist ein brandgefährlicher Weg, wenn man Aussagen geschichtlicher Personen nach Belieben und eigenem Gusto filtert. Denn wer definiert den Maßstab? Jeder selbst, der Zeitgeist? Der Weg zur politischen Zensur ist dann nicht fern, genormtes Denken die Folge.

Gefährlicher aber ist das Filtern von Fakten für das Individuum persönlich. Durch Denkbeschränkungen beraubt man sich selbst der Möglichkeit, zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen, seine Meinung zu prüfen, zu hinterfragen und zu erweitern. Denkbeschränkungen sind eine geistige Fessel, welche die eigene Freiheit beschränkt. Freiheit im Denken, Freiheit in der Erkenntnis ist aber das höchste Gut, das ein philosophisch-wissenschaftlicher Mensch anstreben kann.

B i s s i g

Die vielgepriesene Altersmilde hat sich bei mir nicht eingestellt; sie hat bisher einen großen Bogen um mich herum gemacht. Dafür hat sich aber eine rasierklingenscharfe Altersbissigkeit eingenistet. Dieser Wesenszug gefällt mir weitaus besser, entspricht er doch meinem Charakter.