Wort zum Sonntag

Die Welt ist voller Propheten. Vor allem der Kosmos der monotheistischen Religionen. Zählt man alle Propheten der Juden, Christen und Muslime zusammen, erreicht man gut und gerne eine hohe zweistellige Zahl.

Allen Propheten der Monotono-Religionen ist darüber hinaus gemeinsam, dass ihr Ableben weit mehr als tausend Jahre, ja meist mehr als zweitausend Jahre zurückliegt und eine weitere Besonderheit ist das historische Faktum, dass völlig unklar und unbewiesen ist, wer sie waren und ob sie überhaupt jemals gelebt haben. Aber diese kleinen Nebensächlichkeiten sollen uns nicht weiter anfechten, der wahrhaft Gläubige lässt sich schließlich auch nicht beirren. Denn wo käme er hin, wenn er die Basis seines Glaubens rational, mit wissenschaftlicher Akribie, prüfen würde? Die Hölle wäre ihm gewiss. Zu Lebzeiten erlebt er schon die Hölle seiner intellektuellen Unbedarftheit, im Jenseits erwartet ihn die jeweilige Hades-Vorstellung seiner geglaubten Religionssparte, die er teilweise fürchtet und der er ängstlich entgegensieht.

Nun ist das Kennzeichen eines Propheten, sein Hauptberuf also – manche waren ja im Nebenberuf zusätzlich Fremdenführer, Zimmermann oder Kameltreiber – die Verkündigung von Botschaften, die ihnen ein Gott zukommen lässt. Hier muss bereits ein kleiner logischer Einwand angebracht werden. Da sich ihre Botschaften in Inhalt und Auftrag teilweise gravierend unterscheiden oder gar diametral entgegengesetzt lauten, weiß der Chef im Jenseits offensichtlich nicht so richtig was er will oder ändert ständig seine Meinung. Es könnte allerdings auch sein, dass von dort mehrere Gotteschefs ihre Weisheiten unkoordiniert an die Menschen übermitteln. Dies wiederum wäre ein Zeichen für eine desolate Organisationsform, eher einem Staatsbetrieb angemessen als einer göttlichen Institution. Und ist es nicht auffällig, dass in der modernen Zeit eigentlich nur Vorstadt- Propheten ohne durchschlagenden Erfolg die neusten Gotteserkenntnisse verkünden?

Wie erreicht nun die heilige Botschaft den armen Erdenwurm, der die ehrenvolle Aufgabe hat, den Text für die staunende Menschheit aufzubereiten oder mit dem Fachausdruck gesprochen: „die Offenbarung zu verkünden“? Kleiner Einschub an dieser Stelle: Für die denkende Minderheit der lauschenden Menschheit sind die Offenbarungen meist alles andere als eine intellektuelle Offenbarung, eher gleichen sie einer Vergewaltigung der Vernunft. Und welches die göttlichen Auswahlkriterien sind, genau diesen halbverdursteten Ziegenhirten und nicht jenen vom anderen Hügel zu nehmen, bleibt ebenfalls göttliches Geheimnis wie die Tatsache, warum Frauen als Propheten – Ausnahmen im Rahmen der Gleichberechtigung sind in moderner Zeit möglich – durch die Bank untauglich sind.

Aber auch das kümmert den Gläubigen herzlich wenig. Machen wir es kurz. Der Prophet erhält seinen Verkündigungsauftrag per Intuition oder Vision, in seltenen Fällen auch durch himmlisches Geflügel, also durch fliegende Engelsboten. Nun kann man in jedem Lexikon nachlesen, dass Intuition als die Einsicht in einen Sachverhalt ohne Gebrauch des Verstandes definiert wird. Dies kann wiederum zwei Ursachen haben:

Entweder hat der Verkünder keinen Verstand – was alle Gläubigen aber vehement bestreiten – oder es ist ein Mensch, der seinem Bauchgefühl mehr vertraut als seiner Vernunft. Halten wir ihm für diesen Fall zu gute, dass er sich offensichtlich selbst halbwegs kennt.

Ähnliches Bild bei der Vision. Die Vision bezeichnet übrigens der Psychiater als Halluzination; aber dazu später mehr.

Die Vision – so klärt uns Wikipedia auf – ist das bildhafte Erleben von etwas sinnlich nicht Wahrnehmbaren, das dem Visionär als real erscheint und auf das Einwirken einer jenseitigen Macht zurückzuführen ist. Große Worte.

Ersparen wir uns die Frage nach der jenseitigen Macht, deren Nachweis bisher noch keinem Menschen gelungen ist und empfinden auch nur klammheimlich Genugtuung, dass alle Gottesbeweise bisher kläglich gescheitert sind. Bedenklich und nachdenklich sollte uns aber die Tatsache stimmen, dass unser Verkünder etwas sieht und auch manchmal hört – dann nennt es der Fachjargon „Audition“ –, das real überhaupt nicht existiert. Nun kennt jeder solche Geschichten aus seiner Stadt und aus Erzählungen und hat schon gehört, dass so etwas vorkommen kann. Aber er weiß auch, dass diese Menschen heute durch die moderne Medizin meist in geschlossenen Anstalten intensiv therapiert werden.

Kommen wir deshalb wie angekündigt auf die Halluzination zurück und machen uns als Nicht-Mediziner nochmal bei Wikipedia sachkundig. Und dort lesen wir zu unserem großen Schrecken, dass die Ursache von Halluzinationen tiefe psychische Störungen sind, die beispielsweise als Delirium tremens bei Alkoholentzug auftreten oder durch andere krankhafte Veränderungen des Gehirns bedingt sind. Halluzinogene, also chemische Verbindungen wie Psychedelika oder ein Wegfall/ Ausfall der Reizgrundlage werden als weitere Ursachen gelistet. Akustische Halluzinationen, das häufigste Empfangssignal der Propheten, treten häufig in Verbindung mit Schizophrenie auf. Ein Zusammenhang, auf den man als Laie spontan tippt, liest man zum ersten Mal manche „heilige“ Bücher oder hört deren heutige Interpretationen.

„Hm, bedenklich, keine erfreuliche Erkenntnis und schlechteste Prognose für eine fundamentale Wahrheit“ würde der vernunftgesteuerte Analytiker sagen. „ Nein, ganz im Gegenteil, die Wege des Herrn sind wunderbar, denn Kinder und Narren sagen die Wahrheit“ antwortet der Glaubensbruder. Und an dieser Stelle wird es dann Zeit für uns, den Rückzug anzutreten und unser Seelenheil bei dem alten lateinischen Spruch des Erasmus Zuflucht suchen lassen „Asinus asino pulcherrimus – der Esel findet den Esel am schönsten“. Nur schade, dass die einstmals hoffnungsvoll begonnene Entwicklung der Menschheit in der Neuzeit so kläglich enden muss – in der Verherrlichung und Umdeutung des Irrsinns in Wahrheit.

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Wort zum Sonntag


Nur noch Wenige wollen wissen, nur noch Wenige wollen lernen, nur noch Wenige wollen sich ändern. Man umgibt sich lieber mit den dumpfen Emotionen aus der trüben Quelle des Nichtwissens in einem stumpfträgen Menschenmassenbrei der entindividualisierten Gesellschaft.

Die wenigsten Priester sind gläubig, denn wie könnten sie sonst so lebensverachtend, arrogant, machtbesessen und anmassend auftreten, wenn sie die Lehre ihres Urhebers verinnerlicht hätten?

Existierendes Leben – egal ob es sich in Mensch oder Tier manifestiert hat – verkörpert die Einmaligkeit dieser und nur dieser Individualität. Das Recht auf Leben, so hat es der Mensch für seine Spezies definiert, beruht allein auf der Tatsache, dass das individuelle Leben für die Kreatur die alles umfassende existenzielle Bedeutung hat und Voraussetzung für die Fortdauer der Existenz ist.
Es ist für das Individuum das instinktive Wissen um die Einzigartigkeit und die Unwiederbringlichkeit des persönlichen Seins, das seinen Lebenswillen, seinen kompromisslosen Über-Lebenskampf, antreibt. Es ist der Wert für jegliche Kreatur und für Mensch und Tier damit existenziell gleichrangig. Es ist das höchste Gut jeder Kreatur. Diese permanent durch den Lebenswillen umkämpfte irreversible Einmaligkeit der individuellen Existenz von Mensch und Tier definiert somit erst das Feld, auf dem weitere Aspekte wie Menschen – und Tierrechte betrachtet werden können. Mensch und Tier streben danach, frei und unbeschadet innerhalb des artgemäßen sozialen Gefüges in Frieden zu leben. Erst Schmerz und die Gefahr der körperlichen Vernichtung gefährden für die Kreatur das Unwiederbringliche der persönlichen Existenz.
Für Menschen ist der grundlegende Schutz der individuellen Existenz nahezu weltweit in den Menschenrechten und Gesetzen verankert, für Tiere hingegen nirgends, ausser in mehr oder weniger schwachen Tierschutzgesetzen, die sich grundsätzlich immer der ökonomischen Notwendigkeit, nicht aber der Ethik unterordnen. Der Tierwelt, den Mitlebewesen, gesteht die Spezies „Mensch“ genau das nicht zu, was die kulturelle Entwicklung für die Menschheit als höchstes Gut hervorgebracht hat. Nur auf Grund einer willkürlich herausgegriffenen Wesenskomponente, nämlich der partiellen Denk – und Vernunftfähigkeit menschlicher Wesen, der daraus erlangten absoluten Macht über die Tierwelt und ihrer Wehrlosigkeit, gelangen alle nicht-menschlichen Mitlebewesen in den Strudel ökonomischer Nutzenbetrachtung und beliebiger Verfügbarkeit durch die Menschheit. Das absolut höchste Gut der Einzigartigkeit und der Unwiederbringlichkeit der individuellen Existenz wird, wenn überhaupt, mit philosophisch-politisch-religiösen Argumenten auf Grund einer je nach Lebensform anders strukturierten Denkfähigkeit der Tierwelt verwehrt.
Es kommt aber am Wenigsten bei der Betrachtung der Fähigkeiten eines Lebewesens darauf an, ob Tiere die gleiche Intelligenz des Menschen haben, sondern einzig, ob sie die gleiche Leidensfähigkeit haben. Dieser Kernsatz der Tierrechtstheorie, der das Tierindividuum aus menschlicher Denkweise, aus einem humanen Wertegefüge und darauf aufbauenden ethischen Vorstellungen beschreibt, ist somit nur eine Teilmenge der übergeordneten Einmaligkeits – und Unwiederbringlichkeitspostulate. Erst wenn ethisch-moralische Grundsätze diese Postulate in verbindliche Handlungsmaxime für jegliche Lebensform wandeln, gelangen wir zu einer absoluten Unverletzlichkeit, zu einer wirklichen Heiligkeit bestehenden Lebens. Frühestens dann hätte die Menschheit den ersten Schritt zur ethisch-moralischen Höherentwicklung gemacht, einen Schritt, auf den die gesamte Tierwelt und eine verschwindende Minderheit von Menschen bis zum endgültigen Weltenende vergeblich warten werden.

Wort zum Sonntag


Den Tagesbeginn stelle man sich immer wie ein römischer Gladiator vor, der in einem dunklen Gang unter dem Amphitheater auf seinen tödlichen Auftritt in der Arena wartet. Er sieht nicht, was im Circus geschieht, hört nur das Gejohle der Menge, fiebert dem Augenblick entgegen, dass sich die Tür öffnet, damit die lähmende Ungewissheit des Kommenden der konkreten Gewissheit über die Art seines persönlichen Kampfes weicht.
Meist verläßt man täglich die Arena verwundet, selten unversehrt, manchmal sogar siegreich, aber es wird der Tag kommen, da schleift man dich leblos an den Füßen heraus. Du hast deinen Kampf verloren, du hast dafür die Freiheit des Nichts gewonnen. Mehr konntest du nicht erwarten – that´s all!


Sonnenspaziergang im November. Die Felder sind abgeerntet. Einige sind noch grün, aus anderen ragen die Reihen der abgeschnittenen Maispflanzen ihrer kommenden Verwesung entgegen. Todesruhe, Totenstille, Friedhofsgefühl. Kein Tier zu sehen, weder Reh noch Hase, erst recht kein Fuchs. Vereinzelt eine Amsel, gelegentlich ein Spatz, sonst nichts. Der Mensch war hier. Hat alles, so sagt er, kultiviert, hat Ackerland für seine Ernährung geschaffen und eine ökologische Wüste hinterlassen. Gewiss, Pflanzen gedeihen noch im Frühling, mit Pestiziden und Dünger vollgepumpt, zu kräftigstem Wachstum gezüchtet. Aber die Tiere sind verschwunden, die Igel, die Hamster und selbst die Maulwürfe werden durch den Pflug dezimiert.

Endzeit in dieser Landschaft, das Leichentuch über die Tierwelt breitet sich weltweit aus und niemand, fast niemand, vermisst sie, die Tiere, denen das Land von Anbeginn an gehörte. Man spürt den Selbstmord der Natur, man fühlt das Unvorstellbare und es wird wahr, eine schreckliche Wahrheit. Es bleiben nur Menschenmassen, zunehmende, ins uferlose anwachsende Menschenmassen auf einem Planeten, der von der größten Artenvielfalt durch menschliche Einfalt zur Eintönigkeit, zum Monotono-Planeten verändert wurde. Die Vision, die gefürchtet, aber nicht für möglich gehalten wurde, ist zur realen Apokalypse, ist Wahrheit geworden. Vae victis, wehe den kommenden Generationen!


Nicht mehr lange und die Natur wandelt mich. Vielleicht werden meine Atome Teil eines Lufthauchs, der sanft einen Vogel streichelt, zart durch sein Gefieder streicht. Möglicherweise aber auch ein Sturmwind, ein Orkan, der Dächer abdeckt, Landschaften verwüstet, Blätter durch Ruinen treibt. Oder der letzte Atemzug eines Rindes, dem man mit dem Bolzenschuß gerade den Schädel zertrümmert?


„Nutztiere“ existieren ohne Jenseitsangst, denn sie werden bereits in der Hölle geboren, sie leben in der Hölle und sie sterben in der Hölle, in der erbarmungslosen Produktionshölle des Menschen. Des Menschen übrigens, der für sich niemals die Hölle erwartet, dem man himmlischen Frieden verspricht und der wegen seiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit diesen Unsinn für wahr und sein Handeln für anständig hält.


Eher geht ein Pfaffe durch ein Nadelöhr, als dass die Kirche die Tierwelt achtet.


Wandere durch Wald und Feld und alle Tiere fliehen vor dir. Gibt es überhaupt ein stärkeres, ein besseres Zeichen für die Abscheu der Natur vor der Menschenbrut, diesem Selbstmordattentat der Evolution auf alle Kreatur? Und wenn Bäume und Büsche laufen könnten, auch sie würden vor dem Menschen fliehen!