Für einen Bissen Fleisch (Teil 2)

Auszüge aus dem gleichnamigen Buch von Karlheinz Deschner

Fortsetzung vom 23.12.2018

Noch heute aber verdammen nur wenige christliche Theologen die kirchliche Blutschuld gegenüber dem Tier, allen voran Carl Anders Skriver (dessen verdienstliches Buch „Der Verrat der Kirchen an den Tieren“ freilich das „Christentum“ selber blamabel zu entlasten sucht): „Die Hauptschuld und die Hauptverantwortung für das Tierelend trägt nun einmal seit der Erscheinung Christi die christliche Kirche.“

Doch auch Katholik Joseph Bernhart bedauert in seiner Monographie „Die unbeweinte Kreatur“ das grundsätzliche Mißverhältnis der Theologie zum Tier, die Blindheit und Herzenshärte erster Kirchenlehrer wie Albert oder Thomas bei ihrer metaphysischen Behandlung des Themas, und den alten Apologetenkniff, tierisches Leben so tief wie möglich herunterzureißen, „um seine Qual als gar nicht zum Weltleid zählenden Posten aus der theologischen Rechnung hinauszubringen“.

Millionen Christen (und auch Nichtchristen) prügeln, töten, verzehren Tiere Tag für Tag, aber kein einziger Christ gefährdet dadurch sein Seelenheil! Im Gegenteil, erregt sich Voltaire:

Wir sehen in dieser oft geradezu bestialischen Abscheulichkeit einen Segen des Herrn, ja wir haben sogar Gebete, mit denen wir ihm für diese Mordtaten danken. Gibt es jedoch etwas Schändlicheres, als sich fortwährend von Aas zu ernähren?“

Viele Tiere, gewiß, vernichten selbst einander, natura contra naturam, Fressen und Gefressenwerden, ein ingeniöser Speiseplan. Charles Darwin wollte allerdings nicht glauben, ein gütiger Schöpfer habe die Maus zum Spiel für die Katze oder die Schlupfwespen mit der Absicht erdacht, sich im Körper lebender Raupen zu ernähren.

Ein Wesen, das so mächtig und kenntnisreich ist wie ein Gott, der das Universum erschaffen konnte, erscheint unserem begrenzten Geist allmächtig und allwissend, und es beleidigt unser Vertändnis, daß sein Wohlwollen nicht unbegrenzt sein soll, denn was für einen Vorteil könnte das Leiden von Millionen niederer Tiere durch fast endlose Zeiten hindurch haben?“

Schopenhauer, erschüttert davon wie kaum einer, bezieht das tat twam asi (das bist du) – es gibt kein gößeres Ethos – auch auf jedes Tier. Empört über die „Nullität“ des Tieres im „Juden-Christentum“, prangert er die „himmelschreiende Ruchlosigkeit“ an, „mit welcher unser christlicher Pöbel gegen die Tiere verfährt, sie völlig zwecklos und lachend tötet, oder verstümmelt, oder martert“, während der Brahmanist oder Buddhist bei jedem persönlichen Glück, jedem günstigen Ausgang „nicht etwa ein te Deum plärrt, sondern auf den Markt geht und Vögel kauft, um vor dem Stadttore ihre Käfige zu öffnen“. Unschwer erkennt Schopenhauer in der christlichen Tierverachtung „die Folgen jener Installations-Szene im Garten des Paradieses“ und behauptet, eine einzige Bibelstelle gefunden zu haben, die – schwächlich genug – für die Schonung der Tiere plädiere.

Dann geißelt Ludwig Klages die Ruinierung des Kosmos durch das Christentum, das mit „Humanität“ verschleiere, was es eigentlich meine: „daß alles übrige Leben wertlos sei, außer sofern es dem Menschen diene!“ „Senza anima“ und non e christiano“, antworte der Italiener, zur Rede gestellt, schinde er Tiere zu Tode. Schätzungsweise dreihundert Millionen Vögel fielen seinerzeit, Jahr für Jahr, allein der Frauenmode zum Opfer. Lebend riß man ihnen, zur Erhaltung des Glanzes, die Schwung- oder Flaumfedern aus, wonach die Gepeinigten unter krampfhaften Zuckungen starben.

Fünfzigtausen Elefanten wurden jährlich abgeknallt, nur um die „Kulturmenschen“ mit Billardkugeln zu versehen, mit Stockknöpfen, Fächern und ähnlichen ungeheuer nützlichen Objekten. Klages brandmarkt das Niedermetzeln von Milliarden Pelztieren Nordamerikas und Sibiriens, die Abschlachtung von Antilopen, Nashörnern, Wildpferden, Eisbären, Walrossen, Seehunden … „die Zivilisation trägt die Züge entfesselter Mordsucht, und die Fülle der Erde verdorrt vor ihrem giftigen Anhauch“.

Und Tolstoi: „So lange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben!“ Ein tiefer Gedanke, analog auch anderwärts lebendig. Romain Rolland nennt Roheit gegen Tiere und Ungerührtheit durch ihre Qualen „eine der schwersten Sünden des Menschengeschlechts“, „die Grundlage der menschlichen Verderbtheit. Ich habe niemals an diese Millionen von still und geduldig ertragenden Leiden denken können, ohne von ihnen bedrückt zu werden. Wenn der Mensch so viel Leiden schafft, welches Recht hat er dann, sich zu beklagen, wenn er selbst leidet?“

Henry David Thoreau ist „der festen Überzeugung, daß die Überwindung des Fleischessens genau so zum graduellen Fortschritt der Menschheit gehört wie einst die Überwindung des Kannibalismus“.

Und Emile Zola bezeugt: „Die Sache der Tiere steht höher für mich als die Sorge, mich lächerlich zu machen; sie ist unlöslich verknüpft mit der Sache des Menschen, und zwar in einem Maße, daß jede Verbesserung in unserer Beziehung zur Tierwelt unfehlbar ein Fortschritt auf dem Wege zum menschlichen Glück bedeuten muß.“

Auch Bernard Shaw meint:

Solange die Menschen Tiere quälen, foltern und erschlagen, werden wir Krieg haben. Wie können wir irgendwelche idealen Zustände auf Erden erwarten, wenn wir die lebenden Gräber getöteter Tiere sind?“

Doch schon Leonardo da Vinci prophezeite den Tag, „an dem die Menschen über die Tötung eines Tieres genau so urteilen werden, wie sie heute die eines Menschen beurteilen.“ „Es wird die Zeit kommen, in welcher wir das Essen von Tieren ebenso verurteilen, wie wir heute das Essen von Unseresgleichen, die Menschenfresserei, verurteilen.“

(Fortsetzung folgt ….)

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Für einen Bissen Fleisch (Teil 1)

Auszüge aus dem gleichnamigen Buch von Karlheinz Deschner

Da die Krone der Schöpfung der Mensch, die Krone des Menschen der Pfaffe ist, lässt sich von ihm für das Tier am wenigsten erhoffen. Auch befiehlt auf der ersten Bibelseite Gott selber seinen Ebenbildern, zu „herrschen über die Fische im Meer und die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und alle Tiere des Feldes“. Um gleich abermals zu heischen: „ … und machet sie euch untertan und herrschet …“

Und dann noch einmal: „Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere … in eure Hände seien sie gegeben. Alles was sich regt und lebt, sei eure Speise – zwar ein „Kulturbefehl“ angeblich, ein „Imperativ der Freude und Fröhlichkeit“, tatsächlich aber das umfassenste Unterjochungs – und Todesverdikt der Geschichte, infernalischer Auftakt der Deformierung eines Sterns zum Schlachthaus.

Und dieselbe Bibel gebietet: „Ihr großen Fische … ihr Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel, lobet den Herrn!“ Doch auch das Neue Testament lehrt nirgends: Seid gut zu den Tieren!

Vorbildlicher dagegen der Buddhismus, der in sein Tötungsverbot die nichtmenschliche Welt einschließt. Bereits Buddha verlangt Glück und Frieden für jede Kreatur, darum Unterlassen jeder „Verletzung“ und „Tötung“, jeglicher „Gewalttätigkeit gegenüber allen Wesen“, die, ob Pflanze, Tier oder Mensch, „vor der Gewalt zittern“. Demgemäß hebt der Buddhismus das Tier auf die Stufe des Menschlichen, Göttlichen, billigt er ihm dieselbe Buddha-Wesenheit wie dem Gläubigen zu […]

Im Christentum aber ist das Tier eine Sache; bloßes Ausbeutungs-, Zucht-, Jagd- und Freßobjekt, der Mensch der Todfeind des Tieres, sein Teufel. Denn was immer die „Väter“ Platon entwendeten, seine Annahme tierischer Unsterblichkeit nicht! „Sorgt sich Gott etwa um die Ochsen? Oder redet er nicht allenthalben um unseretwillen?“ So im Krone-der-Schöpfung-Pathos schon Paulus. Alles dreht sich um sie selber.

Gewiß, auch Christen schätzen Tiere. Doch ändert´s die prinzipielle Wertung nicht, ihr Toto-coelo-Unterscheiden. Augustinus, der angeblich allen Weltruhm gelassen als eine Fliege getötet hätte, tat doch keinem Tier den Himmel auf. Der Luther unterstellte Satz, „daß auch die Belferlein und Hündlein in den Himmel kommen“ und jede Kreatur unsterblich sei, steht nicht bei ihm. Nach Thomas von Aquin interessiert das „animal brutum“ nur Fraß und Koitus, und noch Ende des 19. Jahrhunderts denkt so Papst Leo XIII., während heute kaum jemand das reiche Seelenleben der Tiere leugnet, ja bereits schon Darwin darlegt:

Die Tiere empfinden, wie der Mensch, Freude und Schmerz, Glück und Unglück; sie werden durch dieselben Gemütsbewegungen betroffen wie wir.“

Schreibt doch schon Plutarch:

Für einen Bissen Fleisch nehmen wir einem Tier die Sonne und das Licht und das bißchen Leben und Zeit, an dem sich zu freuen seine Bestimmung gewesen wäre.“

Und Plutarch ist nur einer von vielen Berühmten der Antike, die oft bewegt für das Tier, für den Vegetarismus eintreten, Pythagoras, Empedokles, später Ovid, Seneca oder der große Christengegner Porphyrios, der im 3. Jahrhundert erklärt:

Die Pflanzen zu genießen, Feuer und Wasser zu gebrauchen, zu unserem Nutzen und zu unserer Erhaltung die Wolle und die Milch der Herden zu verwenden, die Rinder zu zähmen und anzuschirren – dies hat die Gottheit gestattet: aber Tieren die Kehle durchzuschneiden, sich mit ihrem Mord zu besudeln und sie zu kochen, nicht etwa aus Not und um unser Leben zu erhalten; sondern aus Wollust und Genußsucht: das ist über alle Maßen schlecht und abscheulich.

Es ist schon genug, dass wir sie für uns arbeiten lassen, da sie keine Mühsal nötig hätten. Wollte man meinen, die Tiere wären geschaffen, uns zur Speise zu dienen, so müßten wir eher zugeben, daß wir selber um der reißenden Tiere willen geschaffen wären, etwa um der Krokodile, der Haifische oder Schlangen willen, denn diese Tiere nützen uns gar nichts, sondern wer in ihre Gewalt gerät, den verzehren sie. Damit tun sie nichts Schlimmeres als wir, nur mit dem Unterschied: sie tun es aus Not und Hunger, wir aber tun es aus Übermut und Schwelgerei, und die meisten Tiere töten wir zum Spiele in Theatern und auf der Jagd.

Eben dadurch sind wir so mörderisch, so wild und mitleidslos geworden und diejenigen, die es zuerst wagten, haben die Humanität am meisten stumpf gemacht. Die Pythagoreer aber erhoben die Sanftmut gegen die Tiere zu einem Hauptmerkmal der Menschenliebe und der Barmherzigkeit.“

Die Stimme eines Heiden!!!

Fortsetzung folgt ……

Karlheinz Deschner: Das schwärzeste aller Verbrechen


Rebloggt von Tierfreund Hubert auf hubwen.wordpress.com

Von Karlheinz Deschner (geboren 23. Mai 1924 in Bamberg; gestorben 8. April 2014 in Haßfurt)

Biblischer Tierschutz? Archaischer Respekt vor dem nicht-menschlichen Leben?

Der nackte Egoismus einer Viehzüchterreligion!

Das Elend der Tiere, dieser permanente Massenmord, der eigentlich jeden auch nur halbwegs Sensiblen sofort um den Verstand bringen müßte (und zwar ganz ungeachtet der tiefen Tolstoi-Sentenz: Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben), resultiert im jüdisch-christlichen Raum aus der ebenso albernen wie anmaßend aufgeblasenen Bibellehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen, der »Spitzenaussage alttestamentlicher Anthropologie« (Walter Gross), aus jenem arroganten Anthropozentrismus also, wonach dicht auf Gott der Mensch kommt und dann erst der Rest der Welt.

Während in der vorchristlichen Rangfolge des Heidentums, im Hellenismus, nach Gott der Makrokosmos rangierte und der Mensch in die Natur eingereiht, nicht über sie gestellt wurde, was für jede evolutive Sicht selbstverständlich ist. Doch für »die christliche Sicht des Verhältnisses von Mensch und Tier bleibt grundlegend, wie die Bibel … dieses Verhältnis bestimmt« (EKD Texte 41, 1991, S. 4).

Im Neuen Testament, in dem das Tier eine viel geringere Rolle spielt, ist ein Wort gleich des ersten Christen bezeichnend, dieses Abschreckungsobjektes kat exochen. Fragt Paulus doch nach dem zitierten Diktum des Deuteronomiums, dem dreschenden Ochsen nicht das Maul zu verbinden, im typischen Krone-der-Schöpfung-Pathos (nebenbei, trotz Bestreitung, seiner Entlohnung wegen): »Sorgt sich Gott etwa um die Ochsen? Oder redet er nicht allenthalben um unseretwillen?« Wie der Völkerverderber (Brief des Paulus an die Römer 1,22ff.) tiervergötternde Heiden ja auch »Narren« schmäht, weil sie »gedient dem Geschöpf statt dem Schöpfer«.

Und heute? Klipp und klar erklärt 1993 der »Katechismus der Katholischen Kirche«: »Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bilde geschaffen hat. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig …

Ja, hält dieser katholische Katechismus nicht weiter Tür und Tor offen für jede Scheußlichkeit gegenüber einer ganz und gar wehrlosen, ganz und gar schuldlosen, aber ganz und gar versklavten Kreatur? Gegenüber Geschöpfen, die oft in ihrem Erleben, Fühlen, wie Genetik, Biologie, Verhaltensforschung, wie ja auch alltägliche Erfahrungen zeigen, uns in vielem sehr ähnlich, uns nicht selten inniger, treuer zugetan sind selbst als menschliche Freunde?

Doch fort und fort darf das animal rationale mit (nicht nur) katholischem Plazet Leichen genießen; fort und fort darf es weiter sich vollstopfen mit Fleisch und Fisch bis zum Rande seines Fassungsvermögens, wofür Jahr um Jahr Milliarden »Mitgeschöpfe« verröcheln müssen, weit mehr als die Hälfte unbetäubt: ist ja auch nach den EKD Texten 41, 1991, das »Gewaltverhältnis« zwischen Mensch und Tier »grundsätzlich unaufhebbar«.

Und weiter darf der Mensch, laut »Weltkatechismus«, sich geschäftlich der Tiere bedienen. Und wie bedient er sich? Indem er Robben-Babys vor den Augen ihrer Mütter zu Tode knüttelt. Indem er Karakul-Lämmer gleichsam pränatal aus dem Mutterleib prügelt. Indem er in den Ferkel-und Hühnerbatterien, den Mastboxen und Dunkelställen die ihm rettungslos, ihm wie Sachen, nein, wie Dreck Ausgelieferten derart zusammenpfercht, daß sie in ihrer Not einander Schwänze und Ohren abbeißen oder die eigenen Jungen fressen.

Man bedient sich der ohnmächtigen Kreatur auch, der »Mitgeschöpfe«, indem man ungezählte Kälbchen auf qualvollstem Transport ihren Schlächtern lebend, sterbend, schon krepiert zukarrt, um die »Frühvermarktungs-«, die »Herodes-Prämie« zu kassieren, ein Schimpf-und-Schand-Geld sondergleichen, für das ich dem zuständigen Minister telegraphisch seinen eigenen Namen vorschlug – Deutschland ist führend!

Weiter darf das Monster der Schöpfung Tiere zum Amüsement gebrauchen. Und wie gebraucht es sie? Indem es zum Beispiel Enten, Gänsen, Hühnern um die Wette die Köpfe abreißt. Indem es beim »Steer Busting« die Tiere mit dem Lasso an den Hinterläufen fängt und herumschleift, bis sie sterben. Indem es Stieren, vor ihrem Todeskampf in der Arena, die Nase mit Watte verstopft, die Augen mit Vaseline verkleistert. Indem es an gewissen Heiligenfesten in Spanien mit pfarrherrlichem Beistand Ziegen und ihre Jungen lebend vom Kirchturm stürzt.

Und »natürlich« darf der Mensch auch künftig seine »Mitgeschöpfe« kaum vorstellbar gräßlich zu Tode schinden. Zwar sollen Tierversuche für die Medizin heute wissenschaftlich wertlos sein – doch auch andernfalls wäre ich ausnahmslos dagegen.

Ihr Wert für die Wirtschaft aber ist unbestritten. Und liest man, »daß der Vatikan einer der größten Aktionäre einer bekannten Pharma-Firma« sei, »welche Vivisektion betreibt«, so wird wohl deutlich, warum noch die fürchterlichste Tortur der Welt, diese gesammelte immerwährende Grausamkeit bis zum Tod, für das Papstgeschäft »sittlich zulässig« ist, warum auch und gerade für Seine Heiligkeit Johannes Paul II. Tiere »natürlich … Gegenstand (! ) von Experimenten sein« können (23. 10. 1982) – von Experimenten, die der Hindu Gandhi »das schwärzeste aller Verbrechen« nennt. (Diesem Verbrechen fielen 1989 allein in Deutschland – nach einem allerdings sehr unvollständigen Regierungsbericht – 2,64 Millionen Tiere zum Opfer.)

Freilich, wie sollte die Gemeinschaft der Heiligen (und Scheinheiligen), wie sollte eine monopolistische Marktform im Mantel der Religion, die jahrhundertelang auch »Ebenbilder Gottes« unbarmherzig peinvoll-böse mund- und mausetot machte, deren phänomenalster Werbeautor Augustin, angeblich »umflossen vom milden Glanze unbegrenzter Güte« (Martin Grabmann), in Wirklichkeit Urvater aller mittelalterlichen Henkersknechte, schon um 400 sogar das Foltern – selbst von (schismatischen) Christen – nicht nur eine Bagatelle im Vergleich zur Hölle nennen, sondern geradezu als »Kur« (emendatio) heils- und inquisitionsgeschichtlich etablieren konnte, wie sollte eine Kirche, die unmittelbare und mittelbare Mörderin von Hunderten von Millionen schuldloser Menschen, tierisches Leben nicht nur verbal, nicht nur sub specie momenti und sei es mit noch so sonorer Phraseologie in Sonntagsreden, Tiergottesdiensten, durch Tiersegnen, Weihwasserbespritzen et cetera, sondern tatsächlich schützen? Wie sollte sie Tieren eine »Seele« zugestehen, die sie, beim Rauben fremder Länder, noch Menschen anderer Rasse und Lebensart absprach!

Auch viele Rom-Katholiken empörte dieser »Weltkatechismus«. Renato Moretti, der wackere Franziskaner, schrie gar: »Satan ist im Vatikan eingezogen!« – und irrte nur in der Zeitform, dem Präsens, allerdings um Jahrhunderte.

Immerhin gibt es Gottesdiener, beschämend wenige, die nicht bloß moderat für die »unbeweinte Kreatur« streiten (Joseph Bernhart), sondern die auch den »Verrat der Kirchen an den Tieren« geißeln (Carl Anders Skriver), dabei aber das Christentum rechtfertigen, reinwaschen wollen oder, wie der sicher meritenreiche Oxforder Theologe und Tierethiker Andrew Linzey, wenigstens den »Geist des Evangeliums«, das doch ohne jeden bestimmten Anhalt dafür ist. Nirgends lehrt der evangelische Jesus: Schützt die Tiere – nach dem Zeugnis der Evangelisten hat er vielmehr »bei zweitausend« getötet.

Und Albert Schweitzer? Der hoch zu schätzende Lehrer der »Ehrfurcht vor dem Leben«? Aber war er überhaupt, in letzter Konsequenz, Christ? Der exzellente Kenner der Leben-Jesu-Forschung, der resümiert: »Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, das Gottesreich verkündete und starb, um seinem Werk die Weihe zu geben, hat nie existiert«? Der redliche Denker, der noch drei Jahre vor seinem Tod schwarz auf weiß beteuert, »daß die ethische Religion der Liebe bestehen kann, ohne den Glauben an eine ihr entsprechende, die Welt leitende Gottespersönlichkeit«? Es ist nicht mein Problem.

Mit Vorliebe sucht man heute das Alte Testament zu salvieren. Ungeachtet duzendweiser wutschäumender Ausrottungsdirektiven seines Götzen betont man die angebliche Achtung der »Schrift« vor dem Leben, ihr altes Schöpfungswissen, die Schöpfungsgemeinschaft von Mensch und Tier und so weiter – nichts als vages, sich auch schnell in Widersprüche verhaspelndes Gestammel oder glatte Heuchelei; ein blamabler Bankrott. In aller Regel nämlich ist aus der Bibel ganz klar das Gegenteil herauszulesen und deshalb auch ganz klar das Gegenteil hervorgegangen. Und zu dem Auftrag, der ihr so fatal voransteht und unserer Historie geradezu posaunenhaft präludiert, gehört nun einmal untrennbar der Nachhall, die Wirkung.

Wie erbärmlich jedoch, die Wurzeln des Unheils im Alten Testament, im Christentum zu ignorieren und die Schuld dafür besonders und immer wieder auf das entchristlichte (gewiß nicht zu entlastende, hemmungslos entfesselte, nichts als profitgeile) Wirtschaftssystem der Moderne zu schieben. Denn wie Hitlers Ermordung der Juden die Konsequenz ihrer fast zweitausendjährigen blutrünstigen Verfolgung durch die Kirchen ist, so ist die jeder Beschreibung spottende moderne Vermarktung des Tieres nichts als die technisch forcierte und »perfektionierte« Fortsetzung einer nie abreißenden Total-Verbrennung* durch alle christlichen Zeiten, das Resultat letztlich des Anfangsschreis: »Machet sie euch untertan.« Seit zwei Jahrtausenden brüstet sich die Christenheit, das Tieropfer von Anfang an abgeschafft zu haben; stimmt. Und doch hat sie mehr Tiere geopfert als jede andere Religion – nur nicht mehr Gott, sondern dem eigenen Bauch.“

* Hier stand ursprünglich das Wort »Holocaust«. Doch PC – die herrschende political correctness – verbietet es, zumal seit der Walser-Bubis-Debatte im Winter 1998/1999, das Wort »Holokaust« oder englisch holocaust mißbräuchlich zu verwenden.

Einzig und allein die rassistisch motivierte Ermordung von Millionen europäischer Juden durch Nazis in Hitlers Machtbereich dürfe Holokaust genannt werden. Eine Inflationierung des Begriffs sei es, wenn alle möglichen anderen Völker- und Massenmorde als »Holokaust« bezeichnet würden. Und wenn auch noch, so verfügen die Wächter der political correctness, im hysterischen Jargon der Tierschützer von einem »Holokaust der Tiere« gesprochen werde, dann liege die latent judenfeindliche Entwertungsstrategie klar zutage. Ich halte dagegen: Umgekehrt wird ein Schuh draus! Das altgriechische Wort holokaustos bedeutet »ganz und gar verbrannt«: ein Brandopfer zur Verehrung der Toten und der Götter, bei dem alle opferbaren Teile des Opfertieres auf dem Altar verbrannt wurden. Also waren es amerikanische Marketing-Designer, die den Begriff holocaust von den auf Götteraltären geopferten Tieren auf die industriell vernichteten Juden übertrugen – was eigentlich politisch höchst inkorrekt ist, ein Euphemismus.

Quelle: Aus dem Buch von Karlheinz Deschner »Für einen Bissen Fleisch«