Kirche und Tierschützer – eine Gegnerschaft

Rebloggt von hubwen.wordpress.com

Statement von Tierfreund Hubert:
Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie man der Kirche wohlgewogen sein kann, wenn man Tierschützer ist. Denn die Kirche hat eine unüberwindliche Trennwand zwischen Menschen und Tiere geschoben. Sie spricht Tieren eine Würde und eine Seele ab, außerdem auch noch Gefühle. Sie beleidigt und verstößt damit auch noch ihren Gott, denn der hat ja nach ihrer Lehre und ihren Glauben Mensch UND Tier erschaffen.

„Und so, wie die Kirchen im 19. Jahrhundert bei der sozialen Frage versagten, und die Arbeiter aus der Kirche heraustrieben, so versagen sie heute im Tier- und Naturschutz und treiben die Tierschützer aus der Kirche heraus. „

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KIRCHE und TIERSCHUTZ

Von Herrn Prof. Dr. theol. Erich Grässer, Ordinarius für Neues Testament an der Universität Bonn:

Tierschutz ist kein Anlass zur Freude, sondern eine Aufforderung, sich zu schämen, dass wir ihn überhaupt brauchen.

Diese Scham wird von den christlichen Kirchen nicht geteilt. Diese unsere christliche Gesellschaft in diesem unserem christlichen Abendland lebt in einer beispiellosen Ehrfurchtslosigkeit vor der Schöpfung. Vom Robbenschlachten im hohen Norden bis zum Vogelmord im Süden, von der Vernichtung der Regenwälder im Westen bis zur Ausrottung der Wale in den fernöstlichen Meeren, auf der ganzen Linie liefert der Mensch den Beweis, dass es nie eine heuchlerischere Anmaßung gab als die, sich selbst “Krone der Schöpfung“ zu nennen. In Wahrheit ist der Mensch ihr gefährlichster Ausbeuter und ihr größter Zerstörer. Und der Würde des Menschen, diesem hohen Verfassungsgut, dessen Unantastbarkeit unsere Politiker so gerne betonen, schlägt die gigantische industrialisierte Massentierquälerei brutal ins Gesicht. Es ist kein Zeichen von Menschenwürde, schwächere Lebewesen auszubeuten und zu quälen. Tiere sind schwach. Wenn wir ihre Schwäche ausnutzen, wenn wir mit ihrem unnötigen Leiden und mit ihrem unnötigen Sterben unseren Wohlstand und unseren Luxus mehren, wenn wir für jeden beliebigen Nutzen jedes beliebige Tieropfer fordern, dann haben wir unsere Menschenwürde verspielt und verdienen es nicht, eine sittliche Rechtsgemeinschaft genannt zu werden.

Und die Kirchen? Was ist mit Kirche und Tierschutz? Ich muss an dieser Stelle deutlich werden:

Wenn einst die Geschichte unserer Kirche geschrieben wird, dann wird das Thema “Kirche und Tierschutz“ im 20. Jahrhundert darin ein ebenso schwarzes Kapitel darstellen wie einst das Thema “Kirche und Hexenverbrennung“ im Mittelalter. Und so, wie die Kirchen im 19. Jahrhundert bei der sozialen Frage versagten, und die Arbeiter aus der Kirche heraustrieben, so versagten sie heute im Tier- und Naturschutz und treiben die Tierschützer aus der Kirche heraus. Denn für Tierschutz hält sich die Kirche nicht für zuständig. Kirche sei für die Menschen da. Aber dieser Mensch ist doch gerade nach biblischer und kirchlicher Lehre ein Geschöpf Gottes inmitten anderer Geschöpfe Gottes. Er lebt als Geschöpf in der Schöpfung. Noch deutlicher: Er hat von Gott her das Amt Haushalter und nicht Ausbeuter der göttlichen Schöpfung zu sein. Allmählich gewinnt die Kirche diese Einsicht zurück wie das jüngst von beiden Kirchen herausgegebene Dokument “Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung“ beweist.

Aber viel zu lange hat auch die Kirche statt vom Heil der Schöpfung nur vom Heil des Menschen gesprochen, und damit jene Grundeinstellung gefördert, die da sagt: Wir Menschen sind alles, alles andere ist nichts. Die gnadenlosen Folgen dieser Einstellung, die den Menschen zum höchsten Wesen übersteigert, die Natur aber zum freidisponiblen Objekt entwertet, bekommen wir immer deutlicher zu spüren. Die Ressourcen schwinden, die Böden versauern, die Gewässer verfaulen, die Lüfte verpesten, die Wälder sterben, die Wüsten wachsen, die Äcker und Tierbestände schrumpfen, nur die Menschheit wächst und wächst. Ein globaler ökologischer Kollaps ist nicht mehr nur Alptraum ängstlicher Gemüter, er ist möglich.

Weltuntergang, na und? In unzähligen Dokumenten betonen die Kirchen ihre “Friedensverantwortung“, die allein auf den Menschen beschränkt bleibt. Auf dem Kriegsschauplatz Natur dagegen und in dem Verbrecherstück der industrialisierten Tierquälerei tritt die Kirche nicht einmal als Samariter auf. Da ist sie Priester und Levit. Da geht sie vorüber. Sie vergisst den Ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses, den Martin Luther mit den Worten erklärt hat: “Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen.“ Die hier noch gewahrte Ganzheit der Schöpfung ist kirchlich allenfalls Lippenbekenntnis. In der Ethik entspricht ihm jedenfalls nichts. Veruntreuung der Schöpfung aber ist heute jene Sünde wider den Heiligen Geist, die nach dem Markusevangelium (3.29) die unvergebbare heißt.

Die Ehrfurcht vor allem Lebendigen, diese im Namen des dreieinigen Gottes ureigenste Domäne, überlassen die christlichen Kirchen den Natur- und Tierschützern, die sich dafür von den Regierenden als Weltverbesserer und Phantasten im grünen Mäntelchen verspotten lassen müssen. Von der Kirche dürften sie jedoch unter keinen Umständen so behandelt werden. Vielmehr müsste diese hier selbst Partei ergreifen, und der stärkste Anwalt der Ehrfurcht vor allem Lebendigen sein. Dass man Franz von Assisi verehrt und Albert Schweitzer als Genie der Menschlichkeit feiert, genügt hier nicht!

Woher kommt diese Tiervergessenheit in der Kirche? Nun, es liegt daran, dass die Ethik, die theologische wie die philosophische, meint, sie habe es nur mit dem Verhalten des Menschen zum Menschen und zur Gesellschaft zu tun. Das von Albert Schweitzer gewählte Bild ist deutlich:

“Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht herein komme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen.“

Was sie sich an Torheiten leisten, um die überlieferte Engherzigkeit aufrechtzuerhalten und auf ein Prinzip zu bringen, grenzt ans Unglaubliche. Entweder lassen sie das Mitgefühl gegen Tiere ganz weg oder sie sorgen dafür, dass es zu einem nichts sagenden Rest zusammenschrumpft.

Was wir heute erleben, ist ein mit dem Rechenstift ausgeklügeltes schreckliches Höllenspiel, in dem wir unsere Nutztiere in der Massentierhaltung zu Tiermaschinen herabstufen. Die Übermenge an Eiern, Fleisch und Butter, die die westlichen Wohlstandsgesellschaften auf diese Weise produzieren, ist mit menschenunwürdiger Tierquälerei bezahlt. Gegenüber dieser überall straflos praktizierten Ungeheuerlichkeit liest sich Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wie eine Botschaft von einem anderen Stern. Und eine Kirche, die zu dem allem schweigt, erklärt damit den Bankrott ihrer Barmherzigkeitspredigt!

Jetzt will die Kirche den Menschen offenbar auch noch verbieten, um Tiere zu trauern. Mag sein, daß die ein- oder andere Reaktion bzgl. Knut´s Tod übertrieben scheint, zumal bei den meisten anderen Tieren, die auf dem Esstisch landen, solch eine Trauer überhaupt nicht zelebriert wird. Das gibt der Kirche aber noch lange nicht das Recht, von einer Vermenschlichung zu sprechen und daß Grenzen überschritten würden, wenn man um ein Tier wie um ein Kind trauert. Das sollte doch bitteschön jedem Menschen selbst überlassen werden, wie, wann und über wen er trauert. Alles andere kann ich nur als „Kirchendiktatur“ bezeichnen. Außerdem ist der Begriff Vermenschlichung schon an sich schwachsinnig, da Menschen auch nur Tiere sind, wenn teils vielleicht auch ein bisschen beschränkter, als der Rest der Tierwelt.

Quelle : tigerfreund.de

Die Gleichgültigkeit der Kirche gegenüber den Tieren erschüttert, macht fassungslos. Als eine große deutsche Tierschutzorganisation in jüngster Zeit den Papst und 16 Bistümer angeschrieben und um Mithilfe gebeten hatte, antworteten vier Bistümer, dass sie nicht in der Lage seien, den Tierschutz in der Kirche zu fördern, die anderen antworteten gar nicht und vom Vatikan kam die Antwort, dass „in der katholischen Kirche Tiere keinen Platz hätten“, dass “ die „Thematik Tierschutz viel zu weit entfernt von Radio Vatikan und den zentralen Aufgaben des Vatikans sei“. Genau diese gleichgültige und menschenverliebte Haltung der Kirche gegenüber unseren tierischen Mitgeschöpfen ist eine der Ursachen für millionenfache Tiermisshandlungen, die damit quasi legitimiert werden.

Sicherlich hat die Kirche keine politische Macht und kann keine Tierschutzgesetze erlassen, dennoch ist sie unglaublich mächtig. Mächtig hinsichtlich ihrer Möglichkeit, Menschen moralisch zu beeinflussen.

Ein kleines Beispiel :

Stellen Sie sich eine Großfamilie in Sizilien beim Mittagsessen vor. Da wird man davon ausgehen können, dass ein relativ hoher Lärmpegel herrscht. Alle reden durcheinander und der Fernseher läuft auch noch dabei. Wird dann aber eine Rede des Papstes übertragen, wird man in diesem Raum sofort eine Stecknadel fallen hören, denn alle werden gebannt auf das hören, was der „Papa“ zu sagen hat. Würde die Kirche sich endlich klar zu ihrer Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe bekennen, könnten gerade in Süd- und Osteuropa Millionen von Tieren vor Mißhandlung und Tötung gerettet werden. Denn in Ländern wie z.B. Italien „hört man auf das, was die Kirche zu sagen hat“.

Solange aber die Kirche den Tieren eine Seele abspricht, solange die Christen nicht klar und deutlich dazu aufgefordert werden, Verantwortung gegenüber den Tieren zu übernehmen und sie als Mitgeschöpfe zu respektieren, werden diese zu einer schmerzlosen Materie herabgestuft und entsprechend behandelt. Aber die Kirche schweigt.

Die Kirche ist für Menschen da. Das Thema wird ausgegrenzt. Kein Ton dazu seitens des Papstes im „Urbi et orbi“, kein Wort dazu seitens der Pfarrer, Kardinäle und Bischöfe in den Gottesdiensten.
Siehe hierzu auch: „Wie Christen mit Tieren umgehen – eine traurige Bilanz“
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Gruß Hubert

Quelle: hubwen.wordpress.com

Siehe auch Blog-Beitrag vom 21. Januar 2016: „Über Kirche und Tierschutz“

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Bericht von RespekTiere.at zum Fronteinsatz „Esel in Mauretanien“ (Teil 2)

Wir finden uns wieder in einem Verkehr, welcher jede/n EuropäerIn wohl in den Wahnsinn treiben würde. Eine Blechlawine bewegt sich in jede Richtung, ein unaufhaltbares Rollen, Hupen, Schreien, Stoßen. Ich habe es schon einmal in der Vergangenheit verglichen mit dem herrlichen Computerspiel ‚Tetris‘, aus den Anfangszeiten der computergesteuerten Spiele-Invasion, wo die SpielerInnen vom Himmel fallende Bauklötze in verschiedensten Formen auf einer Grundlinie ordnen müssen. Schafft man es, eine Reihe ohne Löcher zu bilden, dann bricht diese weg und es wird erneut Raum frei für unablässig hinzukommende Bausteine – genau so funktioniert das hier; ein Überholen links und rechts, ein dem Anschein nach völlig irres Einordnen, ein Überqueren gegen den Gegenverkehr – Chaos pur. Aber irgendwie löst sich dann doch immer alles auf, nebenbei, niemand verliert hier die Nerven. Es ist wie es ist, und die Menschen nehmen die Situation, und sei sie auch noch so prekär, äußerst gelassen.

Zappa und Mohammed arbeiten heute am Hühnermarkt. Einen Platz wie diesen hat die Welt noch nicht gesehen, so durch und durch afrikanisch, die bis in die letzte Pore prickelnde Anspannung befällt den überforderten Geist; eine unfassbar dichte Atmosphäre beherrscht des Geschehen, eine Stimmung, die uns so ordnungsgewohnte EuropäerInnen irgendwie brutal Angst macht, aber den Betrachter im selben Moment völlig in den Bann zieht, nicht mehr loslässt. Überall Menschen, überall Tiere, dazwischen tausende Autos, die allesamt im Abendland im selben Moment ob ihres teils unfassbaren Zustandes aus dem Verkehr gezogen werden würden, ebenso viele Esel, Zelte, Gewürze in allen Farben, laute Musik, dazwischen die Gebetsaufforderungen des Muezzins; orientalisches Flair breitet sich aus, ein ohrenbetäubender Lärm umgibt das Ambiente.

Hier ist der absolut richtige Platz für unser Team; mittendrinnen im Trubel, an einem Scheidepunkt zwischen zwei Hauptmärkten, hunderte Esel, die allesamt unsere Hilfe benötigen. Und sofort sind wir umringt von Eselhaltern, welche eine individuelle Betreuung für ihre Tiere haben möchten; manche deren sehen übrigens wirklich gut aus, für andere allerdings ist die Unterstützung durch das RespekTiere-Team mehr als essentiell. Bis weit nach Mittag arbeiten wir nun, die Handgriffe größtenteils bereits Routine, in Fleisch und Blut übergegangen. Unvorsichtig darf man dabei allerdings nie werden, ein besonders wütender Esel zeigt uns gerade im richtigen Moment: es gilt immer aufzupassen!!! Er steigt in die Höhe, beißt wild um sich, schlägt aus, und nur mit Müh und Not schaffen wir, fünf Männer, es schließlich, ihm die nötige Dosis an Vitaminen und Anti-Parasitenmittel zu verabreichen.

Auffällig ist, die Esel am Markt scheinen kleiner als anderswo; warum, wir wissen es nicht, aber manche davon wiegen ganz sicher unter 100 Kilogramm – und schleppen dennoch riesige Mengen an Gütern tagtäglich. Heute ist wieder Übersiedeln angesagt; wir verlassen Sidis Heim und ziehen in ein kleines Motel in der Nähe das Stadtzentrums, einfach, um schneller von einem Ort zum anderen zu kommen und so Zeit einzusparen. Das Motel ist hübsch und ruhig, aber leider gibt es schwere Probleme mit dem Internet – welches in unserer Zeit aber fast unerlässlich scheint um den Alltag in geordnete Bahne lenken zu können.

Es nützt alles nichts; wir sortieren jetzt einmal all unsere mitgebrachten Dinge, vor allem jene, die als Geschenk für Eselhalter gedacht sind, nur für solche selbstredend, die ihre Tiere offensichtlich gut behandeln. Der große Koffer mit den Medikamenten, Sie werden es erraten, ist noch immer am Flughafen. Dr. Dieng hat die meiste Zeit des heutigen Tages genützt, um entsprechende Dokumente für seine Rückgabe zu bekommen – allerdings blieb sein Besterben weiter ohne Erfolg. Es wird immer unsicherer ob wir das so dringend Benötigte doch noch rechtzeitig zurück bekommen… Alle unsere diesbezüglichen Koordinierungsversuche sind bisher letztendlich im Sand verlaufen. Nun soll eine genaue Liste erstellt werden, welche speziellen Sachen im begehrten Reisegepäcksstück aufbewahrt sind; das machen wir, aus dem Gedächtnisprotokoll heraus, und mit diesem Dokument möchte der Veterinär morgen bei einer erneut anderen Stelle vorsprechen. Dies wird nun klappen, versichert er uns – Inshalla, so Gott will, muss einmal mehr die passende Antwort sein.

Am Abend bringt uns die herzensgute Houda ein selbstgekochtes Hirsemenü vorbei; dazu hat sie Teller und Tassen besorgt, im jetzigen Motel gibt es leider keine allgemein zugängliche Küche. Am späten Abend sitzen wir wieder im kleinen Cafe. Nicht um auszuspannen, ganz im Gegenteil; dort funktioniert das Netz und so können wir einen Teil der Arbeit erledigen. Die folgende Nacht war erneut eine kurze gewesen; früh läutet uns der Wecker aus den Betten, und schon sitzen wir wieder neben Houda und Achmed, ihrem Bruder, im Auto. Achmed ist ebenfalls jeden Tag mit dabei, er übernimmt das Fotografieren, und er macht seine Sache großartig! Erneut geht es also durch über weite Strecken stillstehen Verkehr, wie ein Wunder aber scheint es, dass wir letztendlich nicht so viel Zeit wie eingangs befürchtet verlieren.

Der heutige Einsatzort ist der Fischmarkt am endlosen Strand von Nouakchott. Auch dort schuften Esel, die aber dann nicht ganz so schwer arbeiten müssen wie ihre Brüder und Schwestern in der Stadt. Die aufgeladenen Gewichte sind wesentlich geringer, dafür gibt es in dieser individuellen Umgebung anderes, spezifisches, Problem. Dadurch, dass hier kein Asphalt existiert, die Esel über Pisten oder noch viel häufiger durch den Wüstensand laufen, bekommen ihre Hufe wenig Abrieb, ein Faktum, welches sich in nicht zu glaubende Verwachsungen auswirkt. Schwerarbeit also für Zappa! Doch der ist eine wahre Koryphäe auf seinem Gebiet und im Handumdrehen macht er aus der Katastrophe ein berechenbares Übel! Kaum ein Hufschmied im weiten Europa könnte das auch nur annähernd so erfolgreich und flink durchführen!

Unfälle bleiben beim harten Handwerk natürlich leider nie aus; so hat er sich heute mit den scharfen Hufmessern in einem unachtsamen Moment böse in den Finger geschnitten; aber tapfer macht er einfach weiter, der von uns angelegte Verband schützt die tiefe Wunde. Die große Anzahl der Esel sind in überwiegend gutem Zustand; einige sogar in derart gutem, dass wir gerne Warnwesten und dergleichen verteilen. Viele haben aber dennoch die typischen Wunden entlang der Wirbelsäule, welche von oft abenteuerlich gestaltetem Zuggeschirr stammen. Deshalb geben wir auch rund 30 Wundauflagen weiter, Sie wissen, solche, welche wir speziell von Näherinnen aus einem Armenviertel herstellen lassen! Diese kosten zwar im Endeffekt rund 4 Euro/Stk, aber sie bieten eine enorme Erleichterung für den Esel und rechtfertigen deshalb ihren Preis eindrucksvoll (wir dürfen nicht aufhören zu bitten: für eine Spende von 12 Euro können wir drei Eseln auf einfache, aber unfassbar wirkungsvolle Art und Weise helfen)!

Augensalben sind ebenfalls sehr wichtig in diesem Umfeld, und fast jeder der Vierbeiner bekommt zusätzlich eine Vitaminspritze verpasst – wer könnte die nicht gebrauchen? Das Fischmarkt-Umfeld von Nouakchott versinkt ebenfalls im Müll; verstärkt wird eine derartige Entwicklung durch den Umstand, dass der Umschlagplatz ein langsam in der Bedeutungslosigkeit verschwindender ist, hat doch das überall präsente China längst einen modernen Hafen finanziert – selbstverständlich nicht aus Uneigennützigkeit; die Verträge müssen, so das Vernehmen, mit vernichtenden Fischlizenzen abgegolten werden. So sind viele der Buden und Bretterverschläge bereits verlassen, die Elemente nagen an allem, was hier einst errichten worden war.

Zudem hat die Regierung den früher überall präsenten Fischern aus dem Senegal das Gewerbe untersagt; die Fischbestände stark rückgängig, so wurde die Notbremse gezogen; ob es nicht viel mehr helfen würde, die riesigen Fischkutter aus Asien und Europa an die Kandare zu nehmen? Was aber nicht passiert denn an jenen Genehmigungen verdienen wohl einige ranghohe Staatsdiener richtig Geld. Dennoch ist der Ort fortwährend einer jener, der von Leben wimmelt; überall gibt es Hunde, Katzen tummeln sich zwischen den verrottenden Booten, Ziegen, soweit das Auge reicht, Eselgespanne, beschäftige Menschen; es ist kein Ort des Friedens, Diebstahl ist hier höchstens ein Kavaliersdelikt, Gewalttaten stehen an der Tagesordnung. So darf es wenig wundern, dass die Security auf uns aufmerksam wird, und auch hier müssen wir unsere Daten lassen, unser Bemühen lang und breit erklären. Alles wird amtstechnisch schwieriger, nicht nur in Europa.

Leider gibt es zurück im Motel noch immer das Probleme mit dem Internet; irgendwie schafft es der Computer nicht sich zu verbinden, was dann eine große Schwierigkeit für unsere anderen Arbeiten darstellt. Auch mit dem Strom ist das so seine Sache, er fällt zeitweise aus, und es passiert, dass dann ein ganzer Stadtteil über Stunden hinweg ohne entsprechender elektrischer Versorgung auskommen muss. Was das zum Beispiel in Bezug auf Lebensmittel bedeutet, wenn bei derart hohen Temperaturen plötzlich der Kühlschrank abtaut, man kann es sich leicht vorstellen. Jedenfalls, wenigstens in diesem Punkt sorgen wir vor; immer sobald der Strom wieder durch die Leitungen fließt, stecken wir sämtliche Ladegeräte für Telefon, Computer, Kamera etc. an, um nicht im nächsten Moment ohne entsprechende elektrische Versorgung dazustehen.

Am späten Nachmittag gibt es heute Abwechslung; der so nette Achmed kommt mit zwei Freunden vorbei, gemeinsam fahren wir an den Stadtrand, von wo weg sich die Wüste über die nächsten hunderte Kilometer ins Landesinnere ausbreitet. Überhaupt, wir alle wissen, die Wüsten der Welt werden größer, angefacht durch die Windverwehungen und durch die Erosion; aber andererseits, auch Nouakchotts Hunger nach Land scheint ein unstillbarer, und so ist ein komplett neuer Stadtteil (passend ‚Sahara‘ genannt) in wenigen Jahren buchstäblich aus dem Nichts aus dem Boden gestampft worden. In Fakt, noch ist der Bezirk gar nicht bewohnt, doch schon jetzt gehen, wie in einem Ameisenhaufen gleich, aberhunderte Menschen, Esel und Maschinen ihren hektischen Tätigkeiten nach. Alles Land hier gehört übrigens einem ultrareichen Geschäftsmann, so hören wir, einem Milliardär, der dieses Mega-Bauvorhaben umsetzt. Als wir gegen 20 Uhr zurückfahren werden, es ist dann bereits stockdunkel, scheint der Bienenstock erst richtig zu erwachen. Ob der unerträglich heißen Tagestemperaturen wird ein Großteil der Arbeit wahrscheinlich auf die Abend- bzw. Nachtstunden verschoben, so zumindest macht es den Anschein!

Zuvor noch, am Weg in die Wüste, geht es an den Rändern der Großstadt vorbei; als alleiniger Vorbote der kommenden Zivilisation breitet sich der Müll schneller als die Menschen selbst aus, unfassbare Mengen links und rechts neben der Piste künden vom längst abhanden gekommenen Naturverständnis unserer Rasse. Jetzt aber beginnen die ersten Sanddünen; ein Meer aus kleinen Hügeln, wie Wogen im Ozean, breitet sich aus, einsam, wunderschön… endlos.

Die jungen Männer haben Tee mitgebracht, und Softdrinks, und es folgen zwei wirklich entspannende Stunden. Es wird erzählt und gelacht, gefragt und geantwortet. Über unser Tun in Nouakchott ist man sich nicht ganz einig; während einer der Jungs meint, man müsse den Menschen helfen, nicht den Eseln, sind die anderen beiden sehr aufgeschlossen und interessiert. Besonders Lemin zeigt großes Berührtheit und bietet für die Zukunft sogar seine Mithilfe in verschiedener Form an! Zurück in Nouakchott gilt es noch einige Erledigungen zu machen; es soll wieder Mitternacht werden, bis wir endlich in einen unruhigen Schlaf fallen.

Der Tag beginnt ein bisschen trüber als sonst. Mit müden Augen, geschuldet wohl den vielfachen Mückenstichen während der Nacht, blicken wir erneut in eine Welt, die so nicht sollte sein. Auf den Straßen herrscht das ortsübliche Chaos, vielleicht sogar stärker noch als sonst, vorbeiziehende Esel ziehen enorme Mengen an Gewichten hinter sich her. Wieder geht es entlang von Straßenzügen, wo Ziegen und Schafe, tausende, zum Verkauf angeboten werden, direkt dahinter erkennt man schemenhaft die Schlachtplätze, wo die eben erstandenen Tiere innerhalb von weniger als 30 Minuten in Fleischteile zerlegt, in Säcke gepackt und in die wartenden Autos verladen werden. Vor kurzem noch blühendes Leben, nun eine Masse blutiger Matsch, der bald schon über Stunden hinweg gekocht – anders wäre das Fleisch, schnellst verderbendes Etwas, wahrscheinlich ein gesundheitlicher Hochrisikofaktor – in den Mägen einer von fast ausschließlich tierlichen Produkten genährten Gesellschaft landet.

An der Wasserstelle arbeiten bereits Zappa und Mohammed; Dr. Dieng ist immer noch mit der Rückholaktion des Koffers beschäftigt, er wird auch heute – es sei vorweggenommen – den ganzen Tag am Amt verbringen, von einer Stelle zur anderen geschickt. Schon seit längerem betreuen wir jenen Platz; er ist geschickt gewählt, auf einer Verbindungsroute zwischen zwei großen Märkten, wo durch die Gegebenheiten immer hektischer Betrieb herrscht. Heute aber ist weniger los; Zappa meint, dies wäre dem Umstand geschuldet, dass so viele Esel für China geschlachtet werden – ein Beispiel: ein mutterseelenalleines Eselfohlen sucht nach ein bisschen Wärme, verbringt seit Tagen, seine gesamte Zeit, neben einen ihm ehemals fremden Artgenossen, der wiederum von seinem Halter an den seit Jahren vor sich hinrottenden Geländewagen gebunden wurde. Der erwachsene Esel schaut eigentlich ganz gut aus, obwohl auch sein Rücken mit alten Narben übersäht ist. Aber er bekommt Wasser, zu essen, den Rest des Tages verbringt er, ausgestattet mit nur wenig Bewegungsfreiheit, damit, der Sonne auszuweichen und den Sand nach Essbarem zu durchsuchen.

Aber zurück zur Geschichte: die Mutter des Fohlens wurde verkauft, an einen chinesischen Eselkäufer, das Baby einfach zurückgelassen. Es ist buchstäblich mutterseelenalleine, eigentlich frei, wird aber immer in der Umgebung bleiben, alleine um dem harten Alltag in gewohnter Umgebung Nahrhaftes abzuringen; solange, bis es groß genug ist, um dann von seinem Halter abgeholt und in den Arbeitsdienst eingewiesen zu werden. Wegnehmen kann man das Kleine nicht, es ‚gehört‘ ja jemanden. Würde man es tun, es würden ungeahnte Probleme für das Projekt selbst folgen; und selbst wenn es möglich wäre, wohin damit? Das Ganze ist todtraurig, sehr brutal, aber so ist das Leben hier an einem Ort der Tränen, und – zumindest im Moment – unabwendbar. Wir entwurmen den Kleinen, er bekommt Vitamine, vor allem Kalzium, und Zappa verspricht ständig nach ihm zu sehen. Schnell sind ein paar Warnwesten verteilt, Rückstrahler an die Karren montiert, und dann geht die Reise auch schon weiter.

Weil Dr. Dieng die Ämter abzuklappern gezwungen ist, muss Moussa alleine arbeiten. An ‚seiner‘ Wasserstelle sind wir jetzt besonders interessiert – es ist nämlich ein neuer Ort für uns, erst seit einigen Wochen von RespekTiere betreut. Nennen tut er sich Beka 7, die 7 steht für ‚7 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums‘. Es ist gut, dort zu sein, ein bisschen abseits, wo die Esel wohl zuvor noch kaum Behandlungen bekommen haben. Es gibt auch relativ viele Blessuren, meist geschuldet dem wirklich herzzerreißend schlechten Zaumzeug und der schweren Ladung, deren Gewicht genau auf die empfindlichen Druckpunkte am Rücken abzielt. So verteilen wir auch wieder viele Wundauflagen, die in der Vergangenheit so hervorragende Dienste getan haben. Alles in allem scheinen die Esel aber halbwegs gut behandelt, dennoch ist es keine Frage: hier wird das Team noch lange verweilen müssen!

Selbsterklärend ist auch, die neue RespekTiere-Tafel, an allen Einsatzorten aufgehängt (sie zeigt jene Tage an, wann das Team vor Ort sein wird), wurde vom Wasserstellenbetreiber verkehrt herum montiert. Ein Umstand, dessen Wurzeln in dem Fakt liegen, dass die meisten mit den Eseln arbeitenden Menschen aus der untersten Bevölkerungsschicht stammen (sie sind durchwegs Nachfahren früherer Sklaven) und nicht zuletzt deshalb sehr oft Analphabeten sind – so ist die verkehrte Schriftfolge unbemerkt geblieben.

Wir fahren zu dem Veterinäramt; ein fuchsteufelswilder Dr. Dieng erwartet uns dort, seine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Zu viert, Houda ist auch dabei, fordern wir nun ein klärendes Gespräch mit dem führenden Beamten. Es kommt sogar dazu, allerdings meint der Chef erneut: Ihr müsst noch zu dieser Stelle, einen abschließenden Stempel holen, dann ist alles ok… wie oft haben wir das nun schon gehört??? So fahren Houda, Dr. Facharani und ich nach einem Schnell-Entschluss zur deutschen Botschaft (sie ist auch für ÖsterreicherInnen zuständig); es gilt, eine Beschwerde einzulegen und Hilfe zu erbeten! Allerdings, auch dort werden wir auf den späteren Nachmittag vertröstet.

Trotz des bewölkten Himmels ist es dennoch wieder brechend heiß geworden; so zollen wir der Hitze Tribut und fahren erst einmal in unsere Herbergen zurück. Dort kommt bald unser alter Freund Saleck vorbei, er, der immer schon als Notlöser für etwaige Probleme fungierte – und die gibt es in Mauretanien immer und überall – wird neben der Koffersache auch versuchen das Internet auf meinem Computer wiederherzustellen. Inzwischen sagen wir den Termin bei der Botschaft ab, Dr. Dieng hat sich gemeldet, er hat das entsprechende Papier endgültig erhalten!!!! Während also Saleck und ich am Computer arbeiten, fahren die beiden Veterinäre zum Flughafen, um vielleicht tatsächlich das langsam aber sicher für immer verloren geglaubte Gepäcksstück abzuholen.

Saleck schafft die Verbindung für das Mobiltelefon herzustellen, es empfängt wieder Nachrichten über WLAN! Man glaubt es kaum, aber alleine dieses Faktum stellt schon eine enorme Erleichterung dar, zu sehr hat man sich wohl schon an die dauernde Erreichbarkeit gewöhnt. Mit dem Laptop gestaltet sich die Sache dann leider schon schwieriger; letztendlich unterbrechen wir sämtliche WLAN-Verbindungen, dafür zaubert unser mauretanischer Freund ein Verbindungskabel zwischen Router und Rechner hervor – und siehe da, der Computer ist wieder online! Ich freue mich wirklich darüber, endlich kann ich nun jetzt auch die einkommenden E-Mails beantworten, sowie die neuesten Nachrichten vom Einsatz aussenden!

Kurz darauf kommt Dr. Facharani zurück – das nervenaufreibende Spiel geht weiter, wieder ist der Koffer am Flughafen geblieben; dieses Mal, weil der zuständige Beamte bereits nach Hause gegangen war! Fast 100 mauretanische Straßenkilometer Fahrt umsonst… aber die Hoffnung stirbt zuletzt, morgen um 8 soll der gute Mann vor Ort sein. So wird Dr. Dieng, sobald er seine Kinder zur Schule gebracht hat, wieder mit Dr. Facharani losfahren, dann hoffentlich zum letzten Mal – wie, zum Zeitpunkt schon überstrapaziert, sagt doch die arabische Welt? Ishalla, so Gott will.

Früh am folgenden Morgen sind wir also erneut unterwegs – Dr. Facharani und Dr. Dieng in Richtung Flughafen, um die ‚Mission Impossible‘ vielleicht doch noch erfolgreich abzuschließen; Houda, Achmed und ich werden uns mit Zappa und Mohammed treffen, um an den Wasserstellen zu arbeiten. Die Sonne zeigt sich heute eher verlegen, dennoch ist es, es wäre nicht Nouakchott, unverändert heiß. Anscheinend steigt die Hitze dann auch einigen Autofahrern zu Kopf, jedenfalls finden wir uns wieder in einem undurchdringlich scheinenden Verkehrsstau, der sich aber auf irgendeine fast magische Art und Weise dennoch immer wieder auflöst.

vHeute betreut das Team die Mali-Wasserstelle; diese war einst ein wahrer Schrecken, arbeiten hier doch – der Name verrät es – vorwiegend Gastarbeiter aus Mali. Und die haben keine eigenen Esel mit sich, wie auch, Mali ist weit entfernt: so leasen sie die Tiere, was sich auf deren Gesundheit selbstredend sehr ungünstig auswirkt; die Menschen haben ein 6-Monate-Visum, dann müssen sie zurück in ihr Land, und in diesen überschaubaren 180 Tagen versuchen sie den größtmöglichen Verdienst aus dem Auslandsaufenthalt herauszuschlagen: immer auf Kosten der Esel.

Aber die Situation hat sich geändert, gerade hier; vielleicht sind die Arbeiter zugänglicher als einheimische, ich weiß es nicht. Ebenfalls haben die andauernden Belehrungen sehr gefruchtet, und heute ist das Schicksal der Esel in Händen der Gastarbeiter kein automatisch umso furchtbareres mehr. Unglaublich, es kommen sogar mehrere Eselkarrenlenker an, mit einem Bündel Heu, dazu Körner, und diese Mischung füttern sie den Tieren! Derart ernährte Esel sehen tatsächlich viel, viel besser aus, fester, kräftiger. Natürlich belohnen wir später gerade jene Halter entsprechend – stolz zeigen sie dann ihre neuen Sonnenbrillen, Warnwesten und Baseball-Kappen!

Zusätzlich werden auch eine ganze Menge Rückstrahler an die Karren festgebunden, all das geschieht neben der regulären Arbeit. Das Umfeld ist kein sehr gastliches, schon die Zufahrtsstraßen – bei gelegentlichem Regen völlig unpassierbar – gleichen schlechtest vorstellbaren Wegen, immer unasphaltiert, aufgebrochen, mit tiefen Schlaglöchern übersäht, Müll so weit das Auge sieht. Dazu kommt ein weiteres Problem: an vielen Stellen steigt das Grundwasser – salziges – empor und hinterlässt große Pfützen, manchmal fast Seen. Etliche Häuser sind dadurch unbewohnbar geworden, die ehemaligen BewohnerInnen mussten sie zurücklassen und neue Behausungen aufsuchen. Selbstredend sind die Wasserflächen schrecklich verschmutzt, und in diesen unwirtlichen Becken gedeihen Mücken und andere Stechfliegen hervorragend; das ganze Gebiet ist höchst malariainfiziert, was ein dumpfes Gefühl in der Magengrube hinterlässt – aber es nützt nichts, die Esel brauchen doch unsere Hilfe!

Später wechseln wir zu einem zweiten Standplatz; dort wird nicht gearbeitet, es ist ein Ruheort für Esel. Gut 60 deren sind bei unserer Ankunft vor Ort, und schnell packen wir die Arzneien aus und beginnen zu behandeln. Einige der Esel scheinen tatsächlich todmüde, andere ausgelaugt, viele sind mit Wunden überhäuft. Aber dem Himmel sei Dank entdecken wir keine ganz furchtbaren Fälle, und so ziehen wir nach gut 1 Stunde doch einigermaßen zufrieden weiter.

Die dritte von RespekTiere betreute Wasserstelle in der Umgebung ist nicht weit; ich nehme am Sozius von Zappas Motorrad Platz und sehe nun einmal das Umfeld aus einer anderen Perspektive. Ein leichtes Wundern bleibt zurück, warum wohl nicht alle Menschen anstelle des Autos – bei an einer Hand abzuzählenden Regentagen – auf die Zweiräder umsteigen? Sie sind wesentlich mobiler, man kommt viel schneller von einem Ort zum nächsten und entgeht nebenbei noch der drückenden Hitze in den Wageninneren. Erwirbt man dann auch noch ein sogenanntes ‚Dirt Bike‘, also eine geländegängige Maschine, muss man sich sowieso als König der Welt fühlen!

Die dritte Wasserstelle ist zu diesem späteren Zeitpunkt kaum besucht; es ist nun fast 12 Uhr, dazu ist Freitag, der Gebetstag; vor kurzem noch als Wochenendtag gehandelt, wo dann der Sonntag zu den ‚normalen‘ Arbeitstagen zählte, zollte man internationalen Gegebenheiten Tribut und bettete ihn so in die Arbeitswoche ein. Doch althergebrachte Vorstellungen haften fest in den Köpfen der Menschen, sie tun es überall in der Welt, und so kann der Freitag bis heute seine Stellung als besonderer Tag behaupten. Nicht zuletzt deshalb kehrt an ihm, je näher man sich der Mittag-Marke nähert, langsam ein bisschen Ruhe ins Durcheinander ein.

Auffällig ist eine kleine Oase gleich hinter der Behandlungsstelle, ein Wald aus wunderschönen Palmen; allerdings, gepaart mit dem Fakt, dass hier kürzlich Feuer gewütet hat – somit die meisten der unfassbar großartigen Bäume bis unter das Blätterdach verkohlt sind – und den wirklich herzzerreißenden Mengen an herumliegenden Müll, erscheint der einst sicher geheimnisvolle Ort eher als ein Mahnmal dessen, was Mensch auf diesem Planeten verbrochen hat. Noch eine Aufgabe gilt es zu erledigen; Zappa und Mohammed wurden kürzlich zu einem Hund gerufen, der eine böse Wunde gleich unterhalb des Auges davongetragen hatte. Zappa konnte dem armen Tier helfen, nähte die Verletzung, doch nun sind wir gekommen um die Fäden zu entfernen.

Die Familie empfängt uns freudig, bietet später Tee und eine nette Unterhaltung an. Der Patient weiß wohl sofort dass es um ihn geht, ebenfalls zieht er sich mit bedrohlichem Knurren in eine Ecke zurück. Es gelingt uns jedoch ihn zu beruhigen, zur Sicherheit ziehen wir noch einen Strick um seine Schnauze – gebissen will, besonders in diesem Umfeld, wirklich niemand werden – und dann handeln wir schnell. Ehe es sich der Hund versieht sind die Fäden entfernt, und die folgenden Streicheleinheiten scheinen ihm gut zu gefallen.

In diesem Zusammenhang muss ich ein ganz großes Lob auf diese wunderbaren Mitarbeiter aussprechen; Sie wissen über den Stellenwert des Hundes in einem muslimischen Land, die fast groteske Angst so vieler Menschen vor den Vierbeinern, aber dennoch ist es dem Team noch immer gelungen, Hunde in Not zu betreuen. Sie zeigen keinerlei Scheu vor der Konfrontation, nicht mit dem Tier und nicht mit den Menschen, die doch des Öfteren eine Handlung am Hund als ‚unrein‘ empfinden, sie helfen einfach nur. Und das Beispiel macht Schule; ich sehe es an der verunsicherten, aber durchaus bestätigenden Reaktion, als ich den Süßen zu Ende einen Kuss auf die Schnauze drücke und verabschiede mich in der Hoffnung, besonders die Kinder werden eines Tages dem Beispiel folgen.

Jetzt geht es zurück zum Motel; nach wenigen Minuten erscheinen auch die beiden Veterinäre. Sie haben den Koffer mit – aber wiederum ist die endlich, endlich erfolgreiche Rückführung nicht ohne eine zusätzliche Tortur vonstattengegangen. Zum einen mussten wir eine kleinere Summe als ‚Entschädigung‘ bezahlen, zum anderen, als die beiden Veterinäre den Flughafen verlassen wollten, kollidierte Dr. Dieng auch noch mit einem Absperrschranken – was wiederum die Polizei erneut auf den Plan rief: geschlagene weitere 2 Stunden mussten Dr. Dieng und Dr. Facharani am Amt verbringen, um den winzigen Unfall zu erklären… so viel wissen wir jetzt: Behördengänge in Mauretanien sind mit Marter gleichzusetzen, vielleicht sogar noch schlimmer, als im amtshandelnden Österreich!!! Jedenfalls, ein Anruf ‚unseres‘ Salecks bei einem Beamten, einem Mann, den er persönlich kennt, hat wohl sehr mitgeholfen, die Geschichte mit einem zeitlich erträglichen Rahmen zu begrenzen.

Wir gönnen uns heute keine Ruhe; so geht der Einsatz schon bald weiter, dieses Mal werden nur Dr. Facharani, Houda, Achmed und ich ‚zur Arbeit fahren‘. Wir möchten nochmals den so schwer verletzten Esel bei seiner ‚Privatadresse‘ besuchen und nachbehandeln. Wieder geht es durch die gespenstisch überfüllte Stadt, bis an deren Ränder, dort wo sich die Sahara auszubreiten beginnt, und dann sind wir auch schon am Zielort. Der Arme liegt, was kein gutes Zeichen ist. Er hat Fieber, bei den Verletzungen ist das auch wenig verwunderlich. Weil der Halter leider nicht daheim ist, müssen wir improvisieren. Schnell hat sich wieder eine große Zuseherschaft gebildet, und so fragen wir einige Jungs aus der Reihe, ob sie denn beim Halten des Esels helfen könnten. Sofort willigen sie ein, allerdings, Erfahrung im Umgang mit den Tieren haben sie nicht. So gestaltet sich die intravenöse Antibiotikaspritze doch etwas kompliziert, letztendlich aber schaffen wir es dennoch. Eine erweiterte Parasitenkur wird verabreicht, sowie Schmerzstiller. Dann säubern wir die Wunden und geben dick Jod auf die verletzten Stellen.

Zu guter Letzt bitte ich noch um Wasser, und dann trinkt der Esel aus der PVC-Flasche gut 1,5 Liter! Dieser Schritt soll nicht nur dem Durst des Esels zugutekommen, sondern ganz nebenbei auch dazu dienen, den jungen Leuten zu zeigen wie schön und erfüllend die Bereitschaft ist, für Tiere einzustehen. Die Kinder müssen verstehen lernen, Nächstenliebe ist ein Grundpfeiler der Menschlichkeit; ohne sie sind wir alle verdammt, ist Homo Sapiens nur ein bloßer Irrtum der Natur, ein in die Sackgasse geleiteter Error, von der Bestimmung schneller aus dem natürlichen Kreislauf ausgeschieden als er einst von einer gütigen Macht über unserem Horizont aus der Asche der Vergangenheit emporgehoben. Dennoch, die versammelten Mädchen können dem Tun, wie fast überall in der Welt, wohl mehr abgewinnen, während die pubertierenden Jungs trotz des so offensichtlichen Leides lieber ihre Späße treiben und in grotesken Posen vor dem schwer Verletzten herumalbern. Aber, die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht bleibt an beiden Geschlechtern der jungen Generation ein Funke hängen.

Schon steht auch die Nachbarsfrau wieder vor uns; ihre Ziege müssen wir noch behandeln; wir hätten es versprochen, ermahnt sie uns, mit den Armen dramatisch gestikulierend! Wie recht sie doch hat, aber vergessen hätten wir ohnehin nicht. Bald ist auch das passiert, und als wir losfahren möchten, bittet ein weiterer Mann um Hilfe für seinen Esel. Er wohnt nicht weit, meint er; wir befürchten Schlimmes, aber zur allgemeinen Überraschung schaut der Patient dann doch ganz gut aus! Zur Beruhigung des Halters verabreichen wir eine einfache Wurmkur – die kann nie schaden – und geben Vitamine.

Letztendlich stoppen wir noch an einer zufällig auftauchenden Wasserstelle. Da haben wir nie behandelt, aber sie oft schon im Augenwinkel gehabt! Es wird nun bereits recht dunkel, und so gehen wir bald dazu über, die mitgebrachten Rückstrahler – soooo wichtig – zu montieren. Für medizinische Eingriffe reicht das Licht kaum mehr aus. Die Eselhalter freuen sich dennoch, wir haben mit dieser recht simplen Maßnahme die ihre und die ihrer Esel Sicherheit sehr erhöht! Jetzt müssen wir aber abbrechen, die Schatten der Nacht haben uns eingeholt. Houda lässt uns bei Saleck aussteigen, wo wir noch einige Fragen zu klären haben – und ‚Danke‘ sagen können, denn sein Anruf heute am Flughafen hat die schlimme Sache mit der Polizei letztendlich vielleicht entscheidend entschärft!

Am Nachhauseweg kaufen wir schnell Brot und Wasser; denn gegessen haben wir an diesem ereignisreichen Tag praktisch nichts. Samstag, heute soll es ein langer Einsatztag werden; pünktlich holen uns Houda und Achmed ab, das Ziel ist es, eine eventuelle neue Wasserstelle zu finden, irgendwo dort, wo Esel bisher kaum oder überhaupt noch nie behandelt worden waren. Zappa wird wieder mitkommen, ein so fantastischer Mitarbeiter, dass sich wohl jede NGO mehr als nur stolz wähnen könnte, diesen Mann in ihren Reihen zu haben! Der Gute fährt mit dem Motorrad vor, wir passieren einige wirklich ärmlichste Stadteile, und schließlich hält der kleine Konvoi. Eigentlich war es die Absicht gewesen noch weiter an die Stadtränder zu gehen, aber schon zu diesem früheren Zeitpunkt wird klar – es gibt hier unglaublich viele Esel, die Wasserstellen sind trotz des Samstages, Wochenende, voll besetzt und auf den ersten Blick hat eine medizinische Versorgung diese Ecke bisher noch nicht erreicht. Als wir unsere Sachen auszupacken beginnen, wird das Gedränge schnell sogar noch größer, noch unübersichtlicher; von überall her werden Esel ohne Karren gebracht, was dann heißt, die Menschen wohnen in der Gegend. Ein Einsatz eines Teams wie des unseren spricht sich unfassbar schnell herum, und jeder möchte gerne diese oft überlebenswichtige Unterstützung in Anspruch nehmen. Wer mag es verdenken? Vielleicht, in einem Land wie Mauretanien, tut sich für Mensch und Tier nie wieder so eine Gelegenheit auf!

Unter solchen Gesichtspunkten geraten wir selbstredend schnell an unsere Grenzen. Es entwickelt sich ein Gezerre, jeder möchte als Erster an der Reihe sein, und das ab und an leider wirklich herrische Gehabe einiger Eselhalter mag schon so manche Nervengänge überdurchschnittlich strapazieren – aber es gelingt uns Ordnung in die Masse zu bringen, und letztendlich behandeln wir mindestens 70 Esel, wahrscheinlich noch mehr. Die Verletzungen sind mannigfaltig, beschränken sich nicht nur auf die üblichen Abriebwunden; auch Hufe gilt es zu schneiden, Blessuren an allen möglichen Körperteilen abzuklären und entsprechen zu handeln, Entwurmungen durchzuführen, usw. Auch sehr viele Baby-Esel werden gebracht, allesamt leiden sie deutlich an schlechter Ernährung. Ein Fall erregt schließlich besondere Aufmerksamkeit – ein Esel wird gebracht, mit einer riesigen Beule an der Seite. Zappa prüft, er saugt mit seiner Spritze eine Mischung aus Blut und Eiter aus der kleinen, notwendigen Einstichwunde. Letztlich muss die Schwellung geöffnet werden, und ein wahrer Blutschwall spritzt in hohem Bogen aus dem Inneren, über gefühlte Minuten hinweg… Damit ist dem armen Tier zwar Erleichterung verschafft, aber eine Nachbehandlung mit Antibiotika ist unerlässlich. Zappa schreibt die Nummer des Halters auf, er wird am Montag wieder vor Ort sein.

Ein junger Mann, keine 20, beobachtet die Szenerie mit offensichtlichem Wohlwollen – er fragt mich auf Französisch, woher wir denn kommen. Ich antworte auf Englisch, wobei er die Unterhaltung schnell in dieser Sprache fortsetzt. Schließlich hört er Austria, und grüßt in bestem Deutsch! Nun sind wir alle verwundert; tatsächlich erklärt der Student, er hätte sich unsere Sprache ganz alleine am Computer beigebracht, weil ‚hier ja niemand Deutsch kann, um zu lernen‘! Nebenbei, er würde sich auch auf Spanisch unterhalten können, auf Türkisch sowieso, weil ihn diese Sprache schon von Kindestagen an irgendwie fasziniert. Die Faszination liegt jetzt ganz auf unserer Seite; es werden Fotos gemacht, die der junge Mann verspricht via WhattsApp weiterzusenden, er nimmt unsere Flyer auf Französisch und Deutsch entgegen und verabschiedet sich schließlich höflich. Welch ein bewundernswerter Zeitgenosse!!! Noch einmal wird es richtig hektisch, als wir ein paar Warnwesten verteilen wollen; schließlich müssen wir uns fast ins Auto retten, so bedrängt finden wir uns wieder.

Jetzt sind wir, nach stundenlanger Arbeit in der brütenden Hitze, wirklich müde. Wir fahren zurück in die Herberge, wo Zappa mit uns ins Zimmer kommt, um seine ihm mitgebrachten Arbeitsgeräte zu übernehmen. Neue Hufzangen, Spritzen, Kanülen, Hufwerkzeuge, Entwurmungsmittel, Arbeitskleidung und diverseste andere Dinge wechseln den Besitzer.

Nach einer Tasse duftenden Kaffees gibt es noch etwas zu tun: Dr. Facharani wird sich ein bisschen erholen, während Zappa und ich mit seinem Motorrad zu Sidis Haus fahren. Wir haben dem guten Freund doch versprochen, uns um seine Hunde zu kümmern! Er, der eigentlich gar keine Hunde anschaffen wollte, weil er doch ständig und dann immer über Tage hinweg unterwegs sein muss um ein Einkommen zu sichern, hat sie auf Umwegen in sein Leben integriert; ja, manchmal geht die Bestimmung seltsame Schritte! Nun aber hat er die Verantwortung, und der stellt er sich – was dann für mauretansiche Gepflogenheiten auch wieder sehr bemerkenswert ist, denn ein Mensch mit weniger Herz, der hätte – wie hunderttausende andere vor ihm – nicht gezögert, die unfreiwillig Angedachten einfach ihrem Schicksal in der Freiheit zu überlassen. Niemand würde hier ein solche Vorgehen auch nur im geringsten ächten… Sidi schon, denn wie gesagt, er ist ein besonderer Mensch! Gemeinsam mit Zappa kürzen wir nun die überlangen Krallen an den Beinen, die mitgebrachten und bei den Zwischenübernachtungen in Sidis Haus gelassen Floh- und Zeckenschutzmittel finden wir leider nicht. Den Hunden ist die Situation zwar nicht ganz geheuer, aber sie lassen die Prozedur einigermaßen willig über sich ergehen – und danach fühlen sie sich bestimmt besser, waren die Krallen doch schon derart lang, dass sie beim Gehen störten.

Eine unfassbare Episode am Rande: gestern, am Nachhauseweg von den Wasserstellen, ist uns aufgefallen, dass sich die Polizei mit schwerem Geschütz auf einen angekündigten Protest vorbereitet; warum es dabei ging? Ein Mann sitzt im Gefängnis, er soll den Propheten beleidigt haben. Er, ein Ingenieur, hatte das Verhalten des Heiligen in einer bestimmten Geschichte in Frage gestellt, als ‚unfair‘ bezeichnet. Sie werden es nicht glauben, er wurde nun vom Gericht freigesprochen, aber die Menschen auf der Straße fordern für das ‚schwere Vergehen‘ die Todesstrafe – und protestieren seit Wochen vehement gegen seine vom Gericht angeordnete Freilassung! Aktuell sitzt der Gefangene in der Zelle, und er kann diese auch gar nicht verlassen, denn seine Präsenz außerhalb der Gefängnismauern würde unweigerlich in eine Ermordung seiner Person münden (später erfahren wir, er hätte sich in den Senegal abgesetzt und von dort wird seine Flucht weitergehen nach Italien, wo ihm politisches Asyl versprochen worden war)

Den Nachmittag verbringe ich mit Schreibarbeiten; ich darf wieder den Zugang zum Hotelcomputer benutzen, so komme ich schnell voran und bin danach einigermaßen zufrieden mit dem erzielten Fortschritt! Die Zeit drängt, heute haben wir noch ein nettes Zusammentreffen geplant – Lemin und Achmed erwarten uns in einem kleinen Kaffee. Die beiden interessieren sich wirklich für die Tiere, so schön zu wissen!!! Und sie sind nicht alleine gekommen, ein junger, aber erfolgreicher Filmemacher aus Mauretanien wohnt der Runde bei. Er hat schon Dokus für BBC gemacht, Al Jazeera und andere große Sender, und: er ist sehr interessiert, bei unserem nächsten Vor-Ort-Aufenthalt über das Projekt zu berichten! Super! Die folgende Unterhaltung ist eine sehr interessante; es geht um Politik, Tiere in Mauretanien, um die Wasserversorgung in einem der ärmsten Länder der Welt, usw.; Achmed und Lemin haben sogar Geschenke mitgebracht – für Dr. Facharani ein Kopftuch, für mich ein wunderschönes afrikanisches Hemd! Und Schuhe, original mauretanische… wir sind tief beschämt, und das mindeste, was wir tun können, ist die drei auf die bestellten Getränke einzuladen (welche sich in Mauretanien als Gesamtes mit nicht mehr als einigen Euros zu Buche schlagen).

So sitzen wir bis 10, so lange wie nie zuvor, doch dann übermannt alle Beteiligten ein steigendes Schlafbedürfnis. Wir verabschieden uns mit innigen Umarmungen, treten den Nachhauseweg an. Allerdings, im Hotel fällt mir ein, ich habe nichts mehr zu trinken, doch der Durst ist ein quälender. Also gehe ich nochmals los, auf der Suche nach einer Flasche Wasser durchschreite ich mit müden Schritten die finstere Nacht – Laternen gibt es hier nur an den ganz großen Straßenzügen, auch andere Lichtquellen bilden die Ausnahme.

Jetzt wird erst richtig bewusst – es ist unfassbar, wie tief die Misere in diesem Land um sich greift; ich sehe überall Menschen schlafen, auf Asphalt, neben dem Müll, in Geschäftseingängen; Hunde bevölkern die Wege, manche so ausgehungert, dass sie lebenden Toten gleichen. Schnell verteile ich ein bisschen gekauftes Brot, mehr habe ich leider nicht. Sie werden wohl bald sterben müssen, denke ich bei mir, und sie werden so sterben wie sie gelebt haben – unbeweint, und unbemerkt von einer Gesellschaft, die sie geschlossen übersieht. Mulmig ist die Situation ohnehin; so viel Armut, es ist wirklich kaum auszuhalten. Jetzt verstehe ich die vielen ausländischen Angestellten an den Botschaften bzw. in den vor Ort agierenden NGO’s ein bisschen mehr – wahrlich, oft ist es besser, sich im eigenen kleinen Schloss einzubunkern, finanziert aus manchmal überbezahlt wirkenden Jobs, und über die Schlechtigkeit der Welt zu philosophieren, als sich diesen Eindrücken auszusetzen. Tatsächliche verlassen viele der hier tätigen EuropäerInnen ihre Wohn- und Arbeitsstäten fast nie.Ja, die Realität ist eine schmerzhafte, tut bis in die Seele weh. Und irgendwie ist nichts mehr so wie es vorher einmal war.

Heute ist der letzte Tag in Nouakchott. Die Sonne setzt sich langsam gegen den zuerst noch wolkenverhangenen Himmel, doch schon bald ist sie wieder die Herrin über diese Welt. So wie fast jeden anderen Tag auch. Die Temperaturen gingen des Nachts kaum zurück, und bereits am frühen Vormittag erreichen sie wieder die 35 Grad Marke. Mohamed kommt bei uns im Motel vorbei, wir verteilen die mitgebrachten Sachen, endlich. Im Normalfall erhält das Team die Geschenke, Arbeitshosen, T-Shirts, Warnwesten, Sonnenbrillen und selbstredend jede Menge an Medikamenten für den so schweren Job, schon am 2. oder 3. Tag nach unserer Ankunft. Dieses Mal hat sich die Prozedur durch das ewige Zurückhalten des Koffers sehr verlangsamt, aber letztendlich ist doch wieder alles gut geworden.

Dann kommen Moussa und Dr. Dieng, alle zusammen fahren wir einmal noch zum Strand – so wie wir es jedes Jahr machen, zur Stärkung des Team-Geistes. Am Weg nehmen wir noch Achmed und Lemin mit, die beiden müssen im Kofferraum Platz nehmen, was bestimmt extrem unbequem ist – geht es doch durchwegs über Pisten, noch dazu mit Dr. Dieng-gewohnter hoher Geschwindigkeit! Als kleine Aufmerksamkeit für die gestrigen Geschenke haben wir den beiden jungen Männern jeweils ein RespekTiere-T-Shirt mitgebracht, was sie offensichtlich sehr freut.

Der Platz am Meer ist ein gut gewählter; abseits der Stadt, in völliger Ruhe – in Fakt ist nur ein Wächter beim Zugang, ein Nomade, der dort in einem Zelt lebt und von Dr. Dieng ein bisschen Körbchengeld für das Aufpassen auf das im Nirgendwo geparkte Fahrzeug erhält. Dann wandern wir durch die Dünen, wunderschön, begrenzt nur von einigen Naturzäunen aus irgendeinem sehr stacheligen Gewächs. Der Strand ist endlos, soweit das Auge blickt und extrem breit. Tatsächlich ist er ganze 1000 km breit, geht er doch schnell und ansatzlos in die Sahara über!

Sofort gehen wir ins Wasser, wie magisch ziehen uns die Wellen an; Achmed bereitet inzwischen die typisch mauretanische Tee-Zeremonie vor und bald genießen wir das stark zuckerhaltige Grün-Tee-Getränk. Dann wird Fußball gespielt, ein echtes Abenteuer am Strand. Gut sind sie, die Jungs, doch gegen die geballte Austrian-Germany-Power haben sie wenig entgegenzusetzen (tatsächlich verhält sich die Sachlage aber eigentlich völlig umgekehrt)!

Das Meer ist noch immer sehr warm, unfassbar hohe, kräftige Welle klatschen mit großer Kraft auf uns nieder. Welch ein wunderbarer Ort, ein Platz, der die Nähe zum Universum spüren lässt, die Suche nach einer allwissenden Macht über uns mit der Gewissheit, dass es ‚da noch etwas geben muss‘, nährt. Es sind nur ganz wenige Hotels entlang des Strandes errichtet worden; und selbst die handvoll sind bereits wieder teilweise verlassen. Sonst ist der Ort völlig frei von menschlichen Spuren, bis vielleicht auf die wenigen aus natürlichen Materialen zusammengezimmerten Hütten. Wäre dies hier ein Teil Europas, die gesamte Länge wäre wohl seit Jahrzehnten mit Hotelburgen überzogen, die Idylle jeglicher Natürlichkeit längst beraubt. Der Grund dafür, dass der Strand in seinem jetzigen Zustand verharren darf, liegt aber leider nicht in der besonderen Naturbezogenheit der Menschen hier, sondern am Herr der Meere, dem Atlantik. Die Küste ist rau, die Wellen sind kräftig, ja, sogar ziemlich gefährlich. Schon nach wenigen Metern im Wasser hat man das Gefühl, der Ozean greift nach den Füßen, versucht, ‚Mensch‘ tief in sein Reich zu ziehen.. und das ist wohl gut so!!!

Nun müssen wir aber weiter; wir verabschieden uns in aller Form von Zappa und Lemin, der mit dem Motorradfahrer zurück in die Metropole fährt. Jetzt sitzen wir zu sechst im Auto, die kurze Reise ist dennoch eine äußerst angenehme, denn zum einen unterhalten wir uns prächtig, zum anderen kreuzen am Wüstenweg große Herden von Kamelen unseren Weg, fordern unsere ungeteilte Aufmerksamkeit! Leider sind wir dann auch schon wieder zurück im Motel. Dr. Dieng und die anderen erhalten ihre Sachen, jetzt ist der Zeitpunkt des Abschiedes endgültig gekommen. Es bleibt zu sagen, wir freuen uns riesig auf das Wiedersehen mit diesen so tollen Menschen!!!

Das Motel kommt uns sehr entgegen; Check-Out-Time wäre schon um 12, man lässt uns aber anstandslos bis halb 3 gewähren. Auch die RespekTiere-Eselflyer auf Französisch dürfen wir noch gut präsentiert auflegen. Gegen halb vier kommen Houda, die uns so fantastische Dienste geleistet hatte, und Achmed vorbei; die beiden unfassbar gastfreundlichen Menschen haben erneut Geschenke mitgebracht, Gewürze, Kopftücher und typisch mauretanisches Kunsthandwerk – fast beschämt nehmen wir die Gaben an, was wir verteilen können, von ganzem Herzen, sind RespekTiere-Shirts und die berühmten RespekTiere-Gemüseschäler, die wir extra für einen solchen Anlass mitgebracht hatten.

Es folgt eine ungeheuer nette Unterhaltung, dann wird es Zeit. Houda fährt uns zu unserem Ausgangspunkt, Saleck’s Hotel, wo wir uns innig verabschieden (selbstredend ohne Handschlag oder Umarmung, in der mauretanischen Gesellschaft sind diese freundschaftlichen Gesten gegenüber Frauen mit einem absolutes Tabu belegt – aber nicht nur männerseits, auch das ‚schöne Geschlecht‘ empfindet einen ‚direkten Kontakt‘ als wenig passend. Eigentlich, nach der aktuellen Belästigungswelle, nicht unverständlich; bestimmt würden sich einige Frauen im Westen ähnliches Verhaltensformen in unserer Mitte wünschen).

Jetzt fehlt nur noch die letzte Aktion, nämlich eine kleine Botschaft an das Land bezüglich des Umganges mit den Hunden. Also nehme ich ein mitgebrachtes Transparent, es verrät ‚Mauretania – Stop Killing Stray Dogs‘ und stelle mich an einer Weggabelung auf. Die aufgesetzte Hundemaske erregt schnell Aufsehen, und schon in der nächsten Minute umringen mich einige Kinder. Lange darf so ein Protest selbstredend nicht dauern, hier, wenn es den Beamten nicht gefällt, geht man für viel weniger ins Gefängnis! Aber im Internet werden vielleicht dann doch noch einige Menschen mehr aufmerksam und können über die Mitteilung nachdenken!

Nun können wir tatsächlich ein erstes Mal seit 10 Tagen ein bisschen ausspannen. Das Hotel hat eine offene Küche, so landet auch noch das letzte mitgebrachte Fertigsuppenpäckchen in unseren Mägen. Der Computer wird ausgepackt, Schreibarbeiten warten, die ich, wenn erst wieder zu Hause, froh sein werden, heute noch erledigt zu haben.

Ein deutsch-US-Pärchen übernachtet in der Motelanlage, sie fahren die inzwischen sehr bekannte und bereits zum 24. Mal durchgeführte Rally Dresden-Dakar-Banjul, wobei es um den guten Zweck geht; die teilnehmenden Teams, gut 50, allesamt sind die dafür verwendeten Autos bereits nahe dem Oldtimerstatus, werden im eigenen Land gekauft, ein bisschen hergerichtet, und dann fährt man sie gemeinsam nach Afrika, wo sie am Zielort versteigert werden. Mit dem aus der Aktion erzielten Gewinn werden karitative Einrichtungen unterstützt – eine wunderbare Sache!

Gegen halb 9 holt uns Saleck’s Flughafenshuttle ab; ein sehr netter Taxifahrer – im Gegensatz zu den allermeisten im selben Gewerbe schaltet er das Licht bei Nacht ein, stellt den Motor während des Tankens ab, hält das Auto in perfektem Zustand und bleibt bei roten Ampeln tatsächlich stehen – befördert uns in schnellen Tempo zu dem gut 40 Kilometer vom Stadtzentrum entfernten neuen Flughafen.

Dort passieren die Kontrollen relativ störungsfrei; früher war der ‚letzte Gang‘ immer ein wahrer Spießrutenlauf, wo jedermann, mit dem man es zu tun bekam – vom Gepäckträger (noch sehr verständlich) bis hin zu den Polizisten (eher nicht mit dem Rechtssystem vereinbar) – Geld für seinen Dienst haben wollte. Die kleine Kammer ist aber noch geblieben, wo ein Polizist dem Fluggast in einem Raum von der Größe einer Telefonzelle gegenübersteht und nochmals – zum nun bereits gefühlten fünften Male – das Handgepäck kontrolliert. Immer kommt zu Ende die Frage: Haben Sie Euros, Dollars? Beantwortet man mit ‚ja‘, dann verlangt der Beamte recht forsch ein kleines Bakschisch.

Es ist noch Zeit bis zum Abflug, über 1 Stunde, so wird der Computer einmal mehr ausgepackt. Dann versinken wir in den Gedanken, lassen die so anstrengende Einsatz-Reise Revue passieren. Mauretanien ist ein Land, welches selbst jenen, die auf der Butterseite des Lebens gelandete sind, alles abverlangt. Wie schrecklich ist die Situation erst, wenn man nicht zu den wenigstens etwas Bemittelten zählt, die Chancen, sich aus dem furchtbaren Kreislauf zu befreien, sind denkbar schlecht. Das wissen die Menschen, und vielleicht genau darum tun sie die Dinge, die sie eben tun. Es gibt kaum das berühmte Denken an das Morgen, das ist ein Luxus des Westens, so weit weg, wenn es gilt im Heute dem Dasein wenigstens ein klein wenig Wohlfühlen abzuringen. Dass darunter besonders die Schwächsten der Gesellschaft – und das sind wie überall sonst auch die Tiere – entsetzlich leiden, wird als gegeben angesehen. Und meist nicht einmal das – man verschwendet viel zu oft gar keinen Gedanken an deren Schicksal, solange man die eigenen Kinder nicht satt kriegt. Diesen Zustand gilt es zu ändern, geschieht es nicht, hat Afrika als Kontinent keine Chance, nicht für Mensch und schon gar nicht für das Tier. Es wird immer mehr versinken in der Misere, eine Misere, die zum allergrößten Teil die Kolonialmächte ausgelöst haben. Auch daran sollten wir bei jedweder Beurteilung denken.

Quelle: respektiere.at (mit sehr vielen Fotos über diesen Einsatz)

Umfangreicher Bericht von RespekTiere.at zum Fronteinsatz „Esel in Mauretanien“

Die Nacht war eine kurze gewesen. Schon knapp nach 2 Uhr morgens holte uns das unnachgiebige Klingeln des Mobiltelefon-Weckers aus den ohnehin unruhigen Schlaf; der eingestellte Handy-Ton, ein hartnäckiges Hundegebell, gebot Eile, hatten wir die Aufsteh-Uhrzeit doch bewusst knapp gewählt, um davor wenigstens noch ein paar wenige Stunden Ruhe zu finden. Schnell sollte nun die schlimmste Müdigkeit aus den alten Knochen geschüttelt sein, ein heißer Kaffee noch im Stehen, und dann schnurrte der Motor des orangen RespekTiere-Mobils auch schon in der eiskalten Nachtluft – seine Fronthaube immer in Richtung Nord-Westen gestreckt, befanden wir uns am Weg zum Flughafen München, von wo aus dem neuerlichen Mauretanien-Einsatz dann nichts mehr im Wege stehen sollte!

Müde sind wir, keine Frage, Dr. Matthais Facharani, der diese den Körper und Geist sehr fordernden Front-Aufenthalte nun auch schon zum wiederholten Male mitmacht, und ich, angespannt ob der Dinge, die da auf uns warten sollten! Das Aufgabengebiet solcher Direkt-Aktionen vor Ort ist ein überwältigendes, gilt es doch den Team-Spirit zu ergründen und – wenn nötig – zu heben, neue Einsatzplätze zu finden, verschiedenste Abläufe zu optimieren und koordinieren, neue Verbindungen zu knüpfen, zusätzliche Ideen zu erarbeiten, und, und, und.. nicht umsonst ist ‚Esel in Mauretanien‘ das größte RespekTiere-Projekt, ein Projekt, welches wir nun schon seit 12 Jahren aufbauen und welches so viel Kraft und Zeit in sich bindet. Aber es ist jede Sekunde der Anstrengung wert, mehr als wert – rund 1100 Esel behandeln wir jeden Monat, um wieviel schlimmer wäre deren Situation, würden wir nicht vor Ort sein?

Seit 2012 begleitet uns Dr. Facharani nun schon einmal im Jahr, der ausgebildete Tropentierarzt ist wahrlich eine große Bereicherung für RespekTiere; neben seinem Wissen und seiner beispielhaften Tierliebe spricht er, sein Vater war Ägypter, hervorragend Arabisch, was die Akzeptanz der Eselhalter deutlich erhöht! Wir können es nicht oft genug betonen, wie froh wir darüber sind, den so engagierten Veterinär, der in Bayerisch Gmain, hart an der Grenze zu Österreich, eine beispielhafte Tierklinik führt (www.tierarzt-facharani.de), als ‚unseren‘ beratenden Tierarzt in das Projekt miteingebunden zu sehen!

Wir sind guter Dinge, wie immer, im Wissen, wir werden unser Bestes geben, und am Ende dann sehen was dabei rauskommt; es geht wie bei allem im Leben schließlich hauptsächlich darum, sich nach der Rückkehr – und selbst dann wenn nicht immer alles was vorgenommen worden war auch wirklich zu 100 % so geklappt hatte – nichts vorzuwerfen zu haben, im Bewusstsein, egal was immer auch passiert, man war vorbereitet und hat nach gelernter Erfahrung, nach angeeignetem Wissen und, vielleicht als wichtigstes Attribut überhaupt, nach ehrlichstem Gewissen gehandelt. Wenn es so trotzdem nicht reichen sollte, ist es zwar natürlich sehr schade, aber zumindest braucht man in gegebenem Falle nicht mit dem Schicksal zu hadern. Nebenbei, grundlegend sollte ohnehin immer der pure Optimismus vorherrschend sein, und der gebietet mit einem Schwellen in der Brust davon auszugehen, wir werden in gut 10 Tagen zurückkehren mit dem großartigen Gefühl, einen weiteren Schritt nach vorne gesetzt zu haben im ehrgeizigen Projekt ‚Tierschutz in Mauretanien‘!

Die Straßen sind dem Himmel sei Dank frei und auch die Niederschläge der letzten Tage haben endlich aufgehört – ein gutes Omen? Bestimmt sollte es das sein! Jedenfalls legen wir den Weg zum Flughafen, gut 160 Kilometer von der deutsch-österreichischen Grenze entfernt, ohne jede Probleme zurück. Sanfte Musik aus dem Radio berieselt uns, wir, gefangen in frühmorgendlicher Unterhaltung, gewinnen dem Moment ein erstes kleines Glücksgefühl ab.

Nun, da wir den weiten Weg nach Mauretanien schon so oft bewältigt haben, gibt es zwar eine gewisse Vorfreude auf den neuerlichen Front-Einsatz, aber ein bisschen wird diese doch getrübt von einem bleiernen Gefühl in der Magengrube; sicher, wir sind froh endlich mal unser Team wiederzusehen, der direkte Kontakt mit Tieren, die unsere Hilfe benötigen, ringt uns ebenfalls eine hohe Erwartungshaltung ab, die, als Kehrseite der Medaille, aber nur ganz schwer zur völligsten Zufriedenheit umzusetzen sein wird – der eigene Maßstab ist doch immer jener am härtesten angelegt, und genau diese Tatsache lässt uns etwas unruhig zurück; ansonsten haben die wiederholten Eindrücke purster Armut und furchtbaren Leides aber offensichtlich bereits ebenfalls einen tiefen Eindruck auf unsere Seelen hinterlassen. Wir harren dem was kommen soll, nicht mehr und nicht weniger, und nicht mehr und nicht weniger soll es dann auch sein! Irgendwann muss man einen sehr vernünftigen, realistischen Zugang zu einer derart schlimmen Konstellation wählen, denn würde man das nicht, man würde unweigerlich eines Tages an den immer wieder auf ein Neues bezeugten Tragödien, welche sich so sicher wie das Amen in Gebet ereignen werden, zerbrechen.

Bald erreichen wir unser erstes Ziel – den Parkplatz in der Nähe des Münchener Flughafens, wo wir bereits erwartet werden; nach den üblichen Formalitäten nehmen wir auch schon im firmeneigenen Transferbus Platz und halbwegs stressfrei sind wir dann auch schon, nur etwa 15 Minuten später und gut in der Zeit, am Abflugort selbst angekommen. Die Nacht war keine wirklich kalte gewesen, was uns wenigstens das Enteisen der Autoscheiben erspart hatte, aber nach dem ruhigen und entspannten eineinhalbstündigen Flug von München nach Paris präsentiert sich die Situation doch etwas anders; nun, am ehrwürdigen ‚Paris Charles De Gaulle‘, wo nur das Heizsystem ein bisschen Gemütlichkeit verspricht, sind die Temperaturen außerhalb des riesigen Komplexes sehr bescheiden, das Wetter zeigt uns die buchstäbliche kalte Schulter; gegen die Verglasung des Gebäudes prasselt unablässig der Regen, knapp davor in ein Schneetreiben überzugehen. Wäre man nicht ein Wintermensch, so wie ich es nun mal bin, man könnte dem anstehenden langen Flug in die permanente Wärme des Südens vielleicht sogar schon aus diesem einen Grunde noch viel mehr abgewinnen.

Die Hektik am Pariser Flughafen ist wie immer eine große; endlose Menschenschlangen aus aller Herren Länder, den Schlaf aus den müden Augen reibend, stehen an jedem Schalter an, das Gewühle bewegt sich letztendlich in Richtung ‚unorganisiertes Chaos‘. So werden die fast zwei Stunden, welche wir eigentlich erwartet hätten Zeit zur Verfügung zu haben, sogar sehr knapp; tatsächlich, nur mit Müh und Not erreichen wir den benötigten Schalter, zwar rechtzeitig, aber wenige Augenblicke bevor dem ‚Last Boarding‘!

Der riesige Airbus 340 ist brechend gefüllt mit Menschen verschiedenster ethischer und religiöser Herkunft; unsere Sitzplätze sollen dann auch nicht solche sein, welche ein bisschen Ruhe und Entspannung versprechen, ganz im Gegenteil – die inzwischen standardmäßige, fast quälende Enge, dazu ist unsere Reihe die erste ‚vierer‘, was heißt, die Menschen drängen sich über eine regelrechte Ecke der davor liegenden Sitzbank an uns vorbei; fortwährend steigen fremde Füße auf die eigenen, stoßen verschiedenste Körperteile auf Hand und Schulter. Aber ein heißer Kaffee vertreibt schließlich die Anspannung, dazu liefert der kleine ausklappbare Sitzfernseher abenteuerliches Kino: ich sehe den neuesten Streifen der Serie ‚Planet der Affen‘, ein Film, der mich dann sogar sehr überrascht; gleitet er doch zwischenzeitlich sogar ins philosophische ab, entführt in die unnachahmlichen Gefühlswelten von Freundschaft, Liebe, Verrat, Hass und bitterste Feindschaft, manchmal allesamt gleichzeitig und, wie spannend, noch dazu zwischen den Arten!

Jetzt gilt es erste Schreibarbeiten zu erledigen, dann fallen mir nach den bloß 3 Stunden Nachtschlaf für kurze Augenblicke die Augen zu; auch Dr. Facharani neben mir nickt immer wieder ein, nur um vom allgemeinen Lärmpegel sowie von den tobenden Kindern vor uns wieder und wieder geweckt zu werden.

Schließlich erreichen wir Nouakchott-Airport; der ist nicht mehr zu vergleichen mit jenem aus früheren Tagen, völlig neu gebaut ist der Komplex und nun gut 40 Kilometer außerhalb der Stadt gelegen. Früher war er mitten in der Stadt, eigentlich ein absoluter Wahnsinn, die Maschine streifte im Landeanflug fast die Häuser. Erloschen mit dem alten Standort ist aber das einstige unvergleichliche ‚Indiana Jones‘-Flair, wo riesige an der Decke montierte Ventilatoren die Klimaanlage ersetzten, wo Menschen rauchten, wo immer sie sich gerade aufhielten, umgeben von Soldaten, welche ungeachtet der Uniform ebenfalls an den Glimmstengeln zogen. Fast unwirklich wirkte die Szenerie, noch dazu wo die vielen Soldaten sehr herrisch agierten, ganz so, wie man es von einem diktatorisch regierten Staat erwartet – dabei ist der Präsident eigentlich ein vom Volk gewählter, aber nur deshalb, weil er als führender Militärmann einst den Putsch durchführte und dann die Konstitution ganz nach seinem Begehren richtete. Wie auch immer, zurück zur Thematik; jetzt ist der Flughafen deutlich moderner, straffer, aber dennoch bleibt jener mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachtete Dilettantismus vergangener Jahre eindrucksvoll erhalten. Nur ein Beispiel: die Ausgüsse der Waschbecken in der Toilettenanlage sind fast durchwegs verstopft – mit abgebrannte Zigarettenresten, obwohl eigentlich überall das ‚Nicht rauchen‘-Schild montiert ist; wenn kümmerts, denn selbst die Security gibt bei Nachfrage nach einem Raucherzimmer die Auskunft: ‚Geh in die Toilette‘ (und beachte dabei nicht die dort montierten Rauchmelder)!

Leider erwartet uns eine böse Überraschung – aus irgendeinem Grunde sind wir schließlich die letzten, welche für das Visum anstehen – der Klebestreifen im Pass kostet völlig unnötige und unverständliche 55 Euro pro Person – und diese Tatsache bringt mit sich, dass das Personal – Großteils Polizisten und Soldaten – ‚Innen‘ findet man hier übrigens kaum – plötzlich wie auf uns gewartet zu haben scheint. Jedenfalls gönnt es sich für uns alle Zeit der Welt. Und diese offensichtliche Langeweile hat es in sich: unsere Koffer fallen ins Auge, haben wir doch unfassbare 116 Kilo, das erlaubte Gewicht ausgereizt bis auf das letzte Gramm, mit uns mitgebracht. Eine solche Menge geht nicht unbeachtet an den eifrigen Staatsdienern vorüber, dazu kommen dann noch die wiederholten Einträge in den Pässen (wer bitte besucht derart oft in ein Land wie Mauretanien, wo Leid und Elend, Armut und Triste die Säulen der Gesellschaft darstellen, scheint in den Gesichtern der Beamten ablesbar), und schon finden wir uns wieder mit geöffneten Gepäckstücken und jeder Menge wichtige Persönlichkeiten um uns.

Diese haben dann auch noch jeweils eine andere Meinung, schließlich muss ein ‚Oberboss‘ gerufen werden, der dann wieder bei einem Ober-Oberboss anläutet – so geht es Stunde um Stunde, bei nunmehr langsam überhand nehmender Müdigkeit und gut 30 Grad im Gebäude.

Schließlich rufen wir unsere rechte Hand in Mauretanien, Saleck, den ehemaligen Koordinator unseres Teams vor Ort, und der schafft es wirklich, das Schlimmste gerade noch abzuwenden – eine Beschlagnahmung sämtlicher Gepäcksstücke stand nämlich lange Zeit im Raum! Letztendlich müssen wir einen Koffer bei den Uniformierten lassen, jenen mit den meisten Medikamenten – dass in den anderen aber fast ebenso viele sind und diese im krassen Gegensatz dazu völlig unbeachtet bleiben, ist wohl ein großes Glück und so beißt sich die Katze in den Schwanz; wir sind wieder beim Thema: Dilettantismus… ich wage es an dieser Stelle kaum auszusprechen!

Am Montag müssen wir auf ein Amt, entsprechende Anträge einbringen und dann sehen wir weiter – wir dürfen gehen, allerdings nicht ohne auch noch ein sündteures, aber überlebensnotwendiges Hufzangenset in einem unbeachteten Moment aus dem beschlagnahmten Koffer zu ‚retten‘!

Ein Freund holt uns vom Flughafen – er hatte drei volle Stunden auf uns warten müssen… jetzt sind wir wirklich zutiefst froh, endlich aus dem Gebäude zu entfliehen! Nun ist es bereits dunkel, der Weg in die Stadt führt über neue Straße, die sogar teilweise beleuchtet und mit Ampeln versehen sind! Anfangs gleichen die Asphaltwege tatsächlich Autobahnen, vierspurig und breit, später gehen sie in die gewohnten ‚Pisten‘ über. Zumindest jetzt in der Nacht wirkt die Stadt wie erneuert, überall leuchten uns Reklametafeln nach US-Muster entgegen. Ein Laufschrift-Schild sagt sogar ‚Thank you for Shopping‘ – so etwas wäre noch vor drei Jahren regelrecht unmöglich gewesen.

Der Fahrer sollte uns eigentlich zu unserem Freund Sidi bringen; er, der Touristenführer, ist aber nicht zu Hause, und so landen wir in einem kleinen Motel; wir sträuben uns jetzt nicht dagegen, müde wie wir sind, ist jeder Weg recht! Dennoch wird es dann wieder 1 Uhr nachts, bis wir Schlaf finden sollen; zuerst ein bisschen essen, sich saubermachen, ein bisschen besprechen, die letzten Notizen machen, doch dann plötzlich ist das Schlafbedürfnis übermächtig.

vDer Tag beginnt, wie könnte es anders sein, mit strahlendem Sonnenschein; die Temperaturen werden auch heute wieder auf weit über 30 Grad klettern, schon der frühe Morgen gibt dieses Versprechen ab. Zum Frühstück sitzen wir in einem Zelt unter freiem Himmel; eine Gruppe junger Russen hat sich zu uns gesellt, sie brechen auf eine Tour durch die Sahara auf – per Kamel! Ihr Führer ist ein sehr liebenswerter älterer Mann, in deutschen Bundeswehrtarnhemd und weiter Stoffhose gekleidet, mit einem Aussehen in die Welt geschickt, welches sehr an Che Guevara erinnert. Er erzählt über seine Mission, all die uralten Pfade durch die Wüsten Afrikas mit seinen Kamelen zu durchqueren, so wie es schon seit Vater getan hatte. Für eine Tour verlangt er 45 Euro pro Tag, inklusive der Verpflegung; Abenteuer pur, all das für eine Summe, wo ein europäischer Reiseveranstalter wohl das fünffache nehmen würde.

Dann kommt Houda, die Schwester ‚unseres‘ Daouda, der wiederum das Verbindungsglied zwischen Team und NGO darstellt. Daouda ist auf Englischkurs in den Staaten, aber seine Blutsverwandte vertritt in bestens, zudem spricht sie, anders als er im Moment, perfektes Englisch – was die Kommunikation um ein Vielfaches erleichtert. So sitzen wir einige Stunden und legen die Abläufe für die nächsten Tage fest; dazwischen kommt noch Saleck, vielleicht erinnern Sie sich, er hatte früher unsere Agenden in Mauretanien geführt, bevor er ins Hotelgewerbe eingestiegen ist. Jetzt bleibt dafür keine Zeit, und schon nach einigen Minuten verabschiedet er sich auch schon wieder. Allerdings hat der Gute zuvor die erhoffte, aber leider nur vermeintliche, Aushändigung des gestern konfiszierten Koffers in die Wege geleitet, das Prozedere müsste am kommenden Montag mit dem Ausfüllen verschiedener Formalitäten relativ einfach zu erledigen sein.

Am Nachmittag wagen wir einen ersten Blick ins Stadtzentrum, dieses Mal auf der Suche nach einer Herberge – in der unseren wurde uns mitgeteilt, wir könnten nur bis Morgen, Sonntag, bleiben. Fast keine Esel sind unterwegs; hier in der Innenstadt gibt es ja eigentlich auch ein Verbot für die Vierbeiner, aber in der Vergangenheit hatte sich daran niemand gehalten. Jetzt dürfte dies anders sein; auch Hunde sieht man selten, zumindest bei der Hitze des Tages (ein Eindruck, der sich später leider nicht bestätigen sollte), Katzen jedoch tauchen vorsichtig aus allen Ecken auf – nur um dann sofort wieder in der Unzugänglichkeit ihrer abertausenden Verstecke zu verschwinden.

Es ist sauberer geworden in Nouakchott, ein Prozess, der nun schon über mehrere Jahre hinweg zu beobachten ist. Selbstredend, nicht ‚sauber‘ im westeuropäischen Sinne, aber dennoch bemerkenswert ‚aufgeräumt‘ im direkten Vergleich zu den Jahren zuvor. Auch motorisierte dreirädrige Lastenfahrzeuge sind in Massen zugegen, angeblich stammen die aus einem Hilfsprogramm Chinas, welche Nouakchott dem Vernehmen nach in den nächsten Jahren mit hunderttausend solcher Gefährte mobil machen möchte. Was zumindest für die Esel einen unfassbaren Unterschied ausmachen könnte – denn gedacht, so der Präsident, sind die ‚Tuktuks‘ vor allen als Ersatz für die Eselkarren. Bisher hat das Programm nicht wirklich gegriffen; die Esellenker sollten ihre Tiere abgeben, dazu 40 000 Ouigia (in etwa 100 Euro), dafür erhalten sie das Motorgefährt; viele sind dem Ansinnen nicht nachgekommen; zum einen ist die Summe für diese Ärmsten der Armen zu hoch, zum anderen braucht das Tuk-Tuk Benzin – und der Esel – im Verständnis der Tierhalter – nur Pappe… Aber lassen wir uns überraschen was die Zukunft bringt!

Zurück geht es zur Unterkunft, teils über fast unpassierbare Wege, bis über die Knöchel versinken die Füße dabei im Sand; vorbei an den unfassbar riesigen Botschaften, jene von China und Frankreich gleichen Festungen, kleine Staaten im Staat, völlig autark von ihrer Umwelt. Kolosse aus Beton, umgeben von hunderten Metern von Nato-Draht, beherbergen sie eine Vielzahl von Menschen aus anderen Kulturkreisen, strikt getrennt von der einheimischen Bevölkerung; es sind vielmehr Gefängnisse, die BewohnerInnen wollen sich dem Anschein nach von allem von Außen kommenden absichern, schützen, und haben sich dabei ohne es zu merken längst zu Gefangenen ihrer selbst gemacht.

Die Sonne beginnt sich nun schon wieder hinter dem Horizont zurückzuziehen, für das Heute sind die Aufgaben fast erledigt; nur noch die Herberge unseres alten Freundes Sidi gilt es anzusehen – dort könnten wir umsonst übernachten, er, der sein Haus gleichzeitig als das unsere bezeichnet – für zwei oder drei Tage werden wir das Geschenk auch annehmen, aber wohl nicht länger, denn jede noch so gütige Gastfreundschaft sollte letztendlich nicht überstrapaziert werden. Am Weg zurück zu unserem kleinen Hotel begegnen wir erstmals mehreren Hunden, dann gleich ganzen Rudeln. Wild bellend markieren sie ihr zu Hause, dass hier aber nur ein entsetzlicher Müllplatz ist.

Am Abend sitzen wir noch zusammen, verarbeiten die Eindrücke des Tages bei einer Tasse schwarzen Tee. Später lädt uns ein junger Mann auf den speziellen Pfefferminztee Mauretaniens ein, ein stark zuckerhaltiges Heissgetränk, welches seinen landestypischen Geschmack durch dutzendfach wiederholtes Aus- und Rückgießen aus relativ großer Höhe in die kleinen Gläser erhält. Wir unterhalten uns lange mit dem Mann, er ist sehr gebildet und erzählt von afrikanischen Philosophen, welche regelmäßig daran scheitern, die so zerrissene afrikanische Seele ergründen zu wollen.

Die Nacht ist eine ruhige; tief und fest schlafen wir, nur gelegentlich geweckt durch den Muezzin oder das Schreien der Esel und Bellen der Hunde in den umliegenden Armenviertel. Houda, die Schwester unseres Organisators vor Ort – Daouda, der im Moment aber für einige Wochen in den USA weilt, weil er die nicht wiederkehrende Chance bekommen hatte, dort ein Sprachstudium zu betreiben – holt uns früh morgens ab; wir werden heute gleich als ersten direkten Einsatz einen der vielleicht schrecklichsten Orte dieser Welt ansteuern – den Eselmarkt Nouakchotts…. So viel haben wir hierüber schon berichtet, aber keine noch so sorgsam gewählten Worte der Welt können auch nur annähernd die unfassbare, atemberaubende Triste dieser Hölle auf Erden wiedergeben. Schon am Weg dahin verfällt der Geist langsam aber sicher in eine Agonie, werden doch alle paar Meter – es ist das Gebiet der allgemeinen Tiermärkte – Schafe oder Ziegen von Menschen an den Beinen weggeschleift und in wartende Kofferräume verladen. Ihr Schicksal ist ein unausweichliches, und solange ‚Mensch‘ am Fleischessen festhält, wird sich daran nichts ändern. Hunderte, Tausende, Abertausende Tierseelen harren entlang der Verkehrswege dem, was unweigerlich und unabwendbar auf sie zukommen wird – ein schrecklicher Tod gewiss, unbetäubt, durch den Kehlschnitt.

Dann biegen wir endlich ein in den Eselmarkt selbst; auch hier hat sich einiges verändert, aber leider nicht zum besseren; es scheint, als ob die Innenstadt, sauberer als je zuvor, all ihren Müll genau hier entlädt, zwischen Plastikresten und Metallabfällen häufen sich die Leiber toter Tiere. Wie kleine Hügel erscheinen sie, oft halb zugedeckt vom Sand, dann wieder völlig offen, verrotten die Ausgestoßenen der Gesellschaft vor sich hin, unbemerkt, unbeweint. Nur der beißende Geruch verrät die Stille, die so schwer am Gemüt nagt, dass man meinen möchte, der Geist hält der Belastung nicht länger stand. Ja, sie alle sind hier gefallen, Opfer eines Krieges, den ‚Mensch‘ gegen das Tier führt, nach einem Inferno von Leben, welches nur aus endloser Arbeit, aus Angst und Leid bestanden hat. Wie Mahnmäler ragen blanke Gerippe aus dem Sand, hier und da blickt noch ein Auge aus dem zerfallenden Kopf, der Wind summt dazu sein eigenes Klagelied. Es ist wie eine Anklage an die Täter, an uns alle, wir, die wir solche Zustände zulassen, ein solches Verbrechen an der Tierseele müde geworden sind zu geißeln. So fern, so weit weg von allem, was man in Europa als Bedrohung wahrnimmt, dass die Szenerie fast surreal wirkt. Wahrlich, dies hier ist ein Ort der Demut, des Kniefalls vor dem Gehörnten, den nur ihm kann es möglich gewesen sein, sich derartigen Wahnsinn auszudenken – die Menschen längst seine Sklaven, Menschen, die Unrecht nicht mehr sehen können, ja in dieser Form nicht einmal als Delikt begreifen. Wie aber kann man die Realität abändern, wie sie umgestalten, wenn die Gedankengänge so gar keinen Ansatz bieten, die so offensichtliche Sünde überhaupt nur wahrnehmen?!

2 Pferde, in schlimmen Zustand, leben ebenfalls beim Eselmarkt; warum sie dort sind, wir wissen es nicht. Wahrscheinlich sind sie sogenannte Prestige-Objekte für den Halter, der sie aus persönlichen Gründen diesem Leben – es ist viel mehr ein bloßes Vegetieren – ausliefert. Eines der Tiere hat eine böse Verletzung am Knie, das Gelenk auf das doppelte der normalen Größe angeschwollen. Wir entwurmen die Armen zumindest, verabreichen Schmerzmittel, mehr können wir leider nicht tun.

Eine Gruppe Jugendlicher beobachtet unsere Arbeit; erst später erkennen wir, sie führen ein Äffchen mit sich, an einem Seil gefangen. Das kleine Tierchen scheint allerdings in guter Verfassung, er nimmt von uns mitgebrachte Leckereien zu gerne an, bekommt von der Gruppe auch Milch aus einer Flasche. Wie ein kleine Mensch hält er das Gefäß, trinkt alles leer, schaut vier-, fünfmal nach ob denn nicht doch noch ein paar Tropen der kostbaren Flüssigkeit übrig geblieben wären… wie interessant wäre wohl seine Geschichte dahinter? Wie ist dieses kleine Wesen hier gelandet, in einer Welt, wo es so überhaupt nicht hingehört? Wie ist es zu den Kindern gekommen, wie mag wohl seine Zukunft aussehen?

2 Männer kommen mit einem Pickup in für die Gegebenheiten viel zu schnellem Tempo auf uns zugerast; auf der Ladefläche befindet sich allerlei Gerümpel – und mittendrinnen zwei Esel! Zuerst denken wir, die beiden müssen tot sein, völlig bewegungslos, die Köpfe in PVC-Säcke und unter Müll gesteckt; dann aber werden sie entladen, unsanft von der Ladekante geschmissen, jeglicher Bewegungsfreiheit durch festgezurrte Stricke beraubt. Sie klatschen im Wüstensand auf, die Fahrer beginnen die Fessel zu lösen – und siehe da, erste Bewegungen verraten, sie sind tatsächlich am Leben! Sofort helfen wir die Bänder zu lösen, was sich als Schwerarbeit herausstellt – so eng sind sie festgezogen, dass jede Blutzirkulation unterbrochen war, tiefe Einschnitte an den Gelenken zurückbleiben.

Ein totes Eselchen liegt am Gelände, bei all dem Elend ringsum scheint es gar niemanden aufzufallen; man wird den Körper später auf die freie Fläche hinter dem Markt schleifen, da, wo schon dutzende in der Wüstensonne verrotten, wo wohl viele tausende bereits vom Sand zugedeckt, erneut von Mutter Erde aufgesogen und in eine andere Welt geleitet wurden. Wieviel furchtbares Leid der Boden in sich birgt, es wird bei jedem Schritt mehr und mehr bewusst. Soweit das Auge reicht, überall liegen die Leichname verstreut, Myriaden vom heißen Wind bewegter Sandkörner bilden langsam ein überdimensionales Leichentuch, decken den Wahnsinn zu und kaschieren so wenigstens ein klein bisschen die Szenerie, welche dennoch kaum auszuhalten und noch weniger begreifbar ist.

Kinder suchen im Inferno aus Müll nach Verwertbarem, hier und dort brennt ein Feuer, die Flammen scheinen ohnmächtig gegen die Menge an Abfall; weiter hinter befindet sich der wohl schlimmst vorstellbare Arbeitsplatz für Menschen – eine Gerberei unter offenem Himmel! Die Gerbstoffe haben längst die Umgebung verändert, tauchen das Land, die Erde, in geisselndes Weiß. Die Luft ist zum Schneiden dick, ein furchtbarer Gestank liegt über der unwirtlichen Landschaft. Menschen, in tief gebückter Haltung, gehen ihrem Tun nach, inmitten von blutigen Tierhäuten, Bottiche mit übelriechender Substanz köcheln vor sich hin. Die ArbeiterInnen scheinen längst von der allgemeinen Triste aufgesogen, beachten uns kaum, mit leeren Augen starren sie in eine Welt, die so gar nichts für sie zu bieten hat. Ringsum tritt Meerwasser aus dem Boden – geschuldet der allgemeinen Unterminierung der Stadtränder, lässt es hässliche kleine Seen zurück, Seen gebildet aus durch verschiedenste Flüssigkeiten undefinierbarer Herkunft schwer verunreinigtes Salzwasser. Ein Schluck davon, er würde ein menschliches Leben wohl im Handumdrehen auslöschen. Dazwischen liegen die Leichen der Esel, nebenan suchen Kinderscharen nach einem Auskommen im Zivilisationsmüll – einfach nur herzzerreißend! Was muss Gott, was muss Allah, der Allmächtige, denken, beobachtet er diese so irreale Szenerie? Stolz kann es wohl nicht sein, was ihn bewegt, im Angesicht dessen, was wir Mutter Erde angetan haben – und uns selbst.

Noch ein besonders zu Herz gehender Fall passiert; ein Eseltransport aus dem Landesinneren, er war ganze 500 mauretanische Straßenkilometer, gefahren in größt vorstellbarer Hitze, unterwegs, hat junge Tiere vom Land zum Markt gebracht. Ein Esel zollt den unfassbaren Strapazen Tribut, er bricht zusammen, bleibt regungslos im Wüstensand liegen.

Dr. Facharani und ich sind sofort zur Stelle, wenige Augenblicke später steht uns auch Dr. Dieng zur Seite. Zuerst geben wir dem Armen Wasser, er kann aber kaum den Kopf heben. Sein Kreislauf setzt aus; so flöße ich ihm die lebensrettende Flüssigkeit mittels eine Gießkanne ein, den Kopf auf den Schoß gestützt. Dr. Dieng setzt die Erstbehandlung fort, immer wieder übergießt er den Esel mit Wasser, reibt seinen Kopf damit ab. Dann verabreichen die beiden Veterinäre entsprechende Medikamente; langsam kehrt Leben in den malträtierten Körper zurück! Nun helfen wir ihm alle zusammen auf die Beine und führen ihn in den Schatten. Houda fährt indessen in ein Geschäft, sie kommt mit tiefgefrorenen Eisbeuteln zurück. Woher sie die hat? Wir haben keine Ahnung, auf jeden Fall dachten wir bisher nicht, dass man hier irgendwo tatsächlich gefrorenes Wasser kaufen kann! Moussa nimmt die Beutel und reibt den Esel damit ab, immer wieder, am ganzen Körper. Der Arme wird es schaffen, was allerdings die Zukunft für ihn bereit hält, ist ein ganz anderes Thema.

Letztendlich sind wir heilfroh, unsere Arbeit getan, als wir wieder im Auto sitzen. Zurück geht es durch Berge von Abfall an den Wegrändern, sterbende Tiere pflastern die unergründlichen Pfade nebenan der Verkehrsverbindung. Menschen in bitterster Armut, Tiere ausgeliefert denen, die selbst nach einem kleinen bisschen Sinn in der absoluten Hoffnungslosigkeit suchen. Was muss passiert sein, dass aus diesen einst so stolzen Nomadenvölkern lebende Tote geworden sind, und wieviel Schuld daran hat die ultrabrutale Dominanz und Schreckensherrschaft westeuropäischer Wirtschaftsinteressen?

Dr. Dieng, unser Chefarzt vor Ort, will uns noch einen Platz zeigen – nach wenigen Minuten Fahrt stehen wir vor einer großen Ummauerung, das Tor ist verschlossen, ein gelangweilter Wächter sitzt in seinem Häuschen. Dr. Dieng meint, er würde ihn ablenken, wir sollten durch die teilweise zerbrochenen Ziegel hindurch einige Fotos zu schießen versuchen: vor uns befindet sich nämlich ein Schlachthof für Esel, für jene Tiere, welche von chinesischen Investoren aufgekauft wurden, nur um deren Fleisch später ins Reich des Roten Drachens zu verschiffen. Wir hatten in früheren Newslettern bereits davon berichtet: der Hunger nach Eselfleisch ist groß in Asien, so groß, dass manche Länder Afrikas den Export bereits verboten haben, in Angst, die Eselpopulationen im Land könnte daran zugrunde gehen. Tatsächlich sind viele Tiere hinter den Mauern, auf kahlem Boden, verwirrt starren sie uns entgegen. Ob sie wissen, was mit ihnen passiert? Ganz bestimmt sind sie angsterfüllt, von einer bößen Vorahnung befallen.

Eine Folge des Fleischhungers des ‚Roten Drachens‘ ist vermehrter Eseldiebstahl, einfach, weil sich ein zusätzlicher breiter Absatzmarkt aufgetan hat; viele der Esel an den Ruhe- und Arbeitsplätzen sind deshalb jetzt mit Ketten und Vorhangschloß gesichert! Am späteren Nachmittag gibt es erste Mannschaftsgespräche; geladen haben wir für heute Zappa, den von uns ausgebildeten und nunmehrigen einzigen echten Hufschmied Mauretaniens, sowie seinen Arbeitskollegen Mohamed. Mohamed ist einst zu unserem Team gestoßen, nun auch schon wieder vor einigen Jahren, völlig aus eigenem Antrieb. Er hatte uns arbeiten beobachtet und fragte einfach nach ob wir ihn nicht brauchen könnten; des Öfteren war er zuvor schon im staatlichen Dienst unterwegs gewesen, um Rinderherden tief im Landesinneren die nötigen Impfungen zu verabreichen. Es war, so viel steht fest, eine gute Entscheidung ihn einzubinden! Der Gute ist ein überaus treuer und begeisterter Mitarbeiter – so haben er und Zappa zum Beispiel ein eigenes RespekTiere-T-Shirt entworfen, welches sie mit großen Stolz zur Schau tragen!

Überhaupt, nach den anfänglichen Jahren, wo wir immer wieder Mitarbeiter austauschen musste, weil die Arbeitsmoral eine trügerische war, besteht das Team nun schon mehrere Jahre hindurch aus denselben Mitglieder; eine längst zusammengeschweißte Einheit, die sich des in sie gesetzten Vertrauens mehr als würdig erweist. Was uns Zappa und Mohamed im Laufe der Unterredung erzählen, stimmt uns sehr hoffnungsvoll! Sie schwärmen darüber, wie deutlich sich die Situation für die Esel nun verbessert, wie viel die Eselhalter dazugelernt hätten; wohl nur durch das unentwegte Aufklären unseres Teams, aber nun haben sie zu einem großen Teil endlich eingesehen: es geht ihnen selbst besser, wenn es den Tieren gut geht! Noch vor zwei, drei Jahren waren diesbezügliche Gespräche in der Regel so verlaufen: ‚Schlagt den Esel nicht, dann wird er es Euch mit Gesundheit und Willen 100fach danken!‘ Antwort: ‚Gib ihm die benötigten Medikamente, der Rest ist nicht deine Angelegenheit!‘

Heute sieht die Situation Gott sei es gedankt völlig anders aus; die Menschen kommen oft von weit her – manchmal über dutzende Kilometer hinweg, denn der Ruf des Teams fegt durch die einstige Leere – und fragen nach Rat. Sie behandeln die Tiere wesentlich menschlicher, viele bauen eine echte Beziehung zu ihren vierbeinigen Arbeitskräften auf, und selbst die Fütterung ist vielseitiger geworden.

Es gibt, wie Sie bestimmt wissen, eine zweite NGO in Nouakchott, eine aus England stammende, welche sich den Eseln verschrieben hat; diese arbeitet jedoch vorwiegend in einem festen Zentrum, welches für sehr viele Eselhalter ob den großen Entfernungen nicht zu erreichen ist. Zappa meint deshalb, der allgemeine Tenor lautet: geh zu RespekTiere, da wirst Du bestens betreut. Das Ansehen des Teams ist ein großes geworden, wir dürfen es jeden Tag auf ein Neues an den Einsatzorten bezeugen! Denn im Gegensatz zu anderen ist unser Team in der ganzen Stadt unterwegs, betreiben wir die einzige echte mobile Klinik; und genau eine solche ist es, die die Esel – es ist überhaupt keine Frage – so dringend gebraucht haben!

Der kommende Tag beginnt, wenig überraschend, mir purem Sonnenschein; die Nacht war eine relativ frische gewesen, doch hunderte Moskitos machten sie dennoch zu einem kleinen Martyrium. So sind wir am Morgen etwas müde, kratzen vorsichtig an den Einstichstellen, reiben uns den Schlaf aus den Augen; nichtsdestotrotz, es gibt unendlich viel zu tun! Dr. Dieng holt uns ab, wir fahren als erstes gleich zu einem zuständigen Ministerium, um dort die Erlaubnis zu erhalten, die es benötigt, um unsere beanstandeten Medikamente ‚frei zu bekommen‘. Natürlich klappt das Vorhaben nicht wie geplant; zuerst werden wir herumgeschickt, dann scheint für Momente ein Durchbruch, möglich. Jetzt wollen Dr. Dieng und Dr. Facharani die Formalitäten ausarbeiten, wofür die beiden keine zusätzliche Hilfe benötigen. Deshalb fahre ich mit Houda weiter zu einem unserer Einsatzorte an den Wasserstellen, dort wo Zappa und Mohammed zugegen sind. Der Platz ist etwas außerhalb, von den Eselhaltern gut besucht. Was aber vielleicht sogar noch wichtiger ist – dadurch, dass sich eine Schule im Hintergrund befindet, beobachten uns dort immer besonders viele Kinder – wie große deshalb die Aussicht ist, hier vor allem die zukünftige Generation zu erreichen, wer mag es erahnen?! Deshalb gilt, wie überall, aber ganz besonders hier, ein Hauptaugenmerk der Aufklärung; immer wieder halten wir in diesem Ansinnen von der Arbeit inne, um der Jugend die übergeordnete Wichtigkeit im Umgang mit Tieren zu erklären. Und die Bemühungen fruchten, man kann einen einsetzenden Wandel regelrecht erspüren!

Zuerst beginnt der Einsatz eher langsam, fast gemütlich. Es sind heute weniger Esel unterwegs, im Prinzip ist ja Winter, und trotz der weit über 30 Grad empfinden die Menschen diese Temperaturen als eher gedämpft. So geht auch der Trinkwasserverbrauch zurück, was wiederum den Eseln zugutekommt. Wie auch immer, es gibt für uns selbstredend dennoch jede Menge zu tun. Esel werden entwurmt, kleinere Blessuren behandelt, Vitamine verabreicht. Zappa schneidet Hufe, wie wunderbar er das macht. Im persönlichen Gespräch hat er dann auch gemeint, er, der nunmehr seit mehreren Jahren dieser immens anstrengenden Arbeit nachgeht, hätte nun schon merklich weniger auf diesem Gebiet zu leisten, könne sich langsam verstärkt der medizinischen Aufgabe widmen – ein riesiges Plus für seine Passion, heißt es doch, die Eselhufe sind jetzt wesentlich gesünder, nun, nachdem er die meisten der Tiere an diesem Ort schon einmal ‚grundbehandelt‘ hatte. Voller Stolz erkennen wir einmal mehr die Wichtigkeit des Tuns hier – das so ehrgeizige Projekt, es wird uns wohl ein Leben lang begleiten, gar keine Frage! Den Unterschied, welchen der Einsatz hier bringt, der ist das Salz in der Suppe des Lebens eines tierschutzbegeisterten Menschens!!!!

Einige der dieses Mal wiederum mitgebrachten dreieckigen Rückstrahler sind schnell montiert; auch reflektierende Folien haben wir zur Genüge eingepackt, auf das Gestänge der Karren geklebt werden sie in Zukunft vielleicht das eine oder Leben retten! Vergessen wir nicht, die Eselkarren sind durchwegs völlig unbeleuchtet, in einer Großteils unbeleuchteten Umgebung werden sie des Nachts ganz schnell zur tödlichen Gefahr für Mensch und Tier. Wie viele Esel an Kollisionen im teilweise wirklich höllischen Verkehr elendiglich verstorben – vielleicht noch schlimmer in dieser so gnadenlosen Umgebung, verkrüppelt zurückblieben – sind, es ist Legende. Und immer, ganz egal wie sich die Tragödie auch ereignet hat, sind die Eselkarrenlenker Schuld – ja, weil nämlich Autos werden dabei auch zerkratzt, und in unserer verschrobenen Welt ist deren Wert in den Köpfen der Menschen leider ein Vielfaches gemessen am tierlichen Leben!

Ja, der Tag hatte eher behaglich begonnen, doch schon in der nächsten Sekunde bereitet sich der furchtbare Wahnsinn ein weiteres Mal vor unseren Augen aus, mit einer Wucht, welche den Boden unter den Füßen wegzuziehen imstande ist – ein Mann bringt einen Esel, und im ersten Augenblick gibt sich das beständige Gräuel gar nicht so klar zu erkennen; aber beim zweiten Blick erstarrt die Seele, ein tiefer Atemzug, der im Inneren brennt, man kann es kaum glauben – das arme Tier war von einem Irren angegriffen und malträtiert worden, mit einem Messer auf schlimmste Art und Weise, und es wurde ihm gar furchtbare Wunden zugefügt. Tiefe Stiche im Rückenbereich, die Haut klafft über gut 20 Zentimeter hinweg weit auseinander, der unfassbare Riss mit Kieselsteinen übersät (wahrscheinlich ist der Arme nach dem Attentat zusammengebrochen, gefallen in den von Steinchen durchsiebten Sand); ein weiterer Schnitt oder Stich an der Seite, ebenso tief, ebenfalls gut 20 Zentimeter lang. Das Kniegelenk ist offen, Blut läuft in dicken Strömen vom Bein. Dazu eine klaffende, grauenhafte Schnittwunde am Oberschenkel, welch ein Irrsinn.

Jetzt gilt es schnell zu handeln; auch Dr. Facharani ist inzwischen zurückgekehrt, leider war der Behördenausflug letztendlich erfolglos geblieben – der Koffer ist noch immer am Flughafen, nächster Anlauf 16 Uhr, dann bei einer anderen Behörde. Zappa trägt Lokal-Anästhesie auf, dann wird die erste Wunde genäht. Der Esel hält sich unglaublich tapfer, ein paar Mal erträgt er allerdings den trotz des Wirkens des Medikamentes ganz sicher schrecklichen Schmerz nicht mehr, muss zwischenzeitlich immer wieder beruhigt werden. Es vergehen quälende 20 Minuten, während der Faden zugezogen wird, bis der Nähgarn die Wunde schließlich gänzlich verschließt.

Das Halten des Tieres stellt sich zwischenzeitlich als wahre Schwerstarbeit heraus; hat man den Esel in möglichst sicherem Griff, ist es damit nämlich noch lange nicht getan. Nun muss man erst recht jeden Augenblick voll konzentriert bleiben, höllisch aufpassen, um nicht gebissen oder von den Hufen verletzt zu werden. Welche Kraft so ein Eselchen hat, man glaubt es kaum. Noch dazu, und das darf man nie vergessen, ist ihm die Situation völlig fremd, er hat Angst und Schmerzen sowieso; natürlich wehrt er sich gegen die Behandlung, weiß das arme Tier doch nicht, dass ausgerechnet jetzt ihm Gutes getan werden soll.

Der zweite Schnitt ist nun an der Reihe, und hier gestaltet sich der Eingriff noch schwieriger; letztendlich entscheiden wir, in einer Feldarbeit ist die Möglichkeit leider sehr begrenzt, den Esel auszuhebeln und am Boden zu fixieren – ansonsten würden wir die Wunde nicht vernähen können. Es ist für einen empathischen Menschen wirklich kaum aushaltbar, das absolute Wissen, dass das Tier im Staub und im Sand gerade jeden verdammten Moment durch die Hölle geht – und warum nur? Bloß weil ein Verrückter seine eigene Belanglosigkeit mit dem verheerenden Gefühl, Macht über andere zu haben, aufzubessern versucht, seinem Irrsinn, seiner Leere in einem von Wut und Hass zerfressenen, armseligen Gehirn freien Lauf lässt! Dass völlig Unschuldige durch diese Konstellation ein derartiges Martyrium durchleben müssen, es ist ihm gewiss völlig egal – im Gegenteil sogar, diese Tatsache ist vielleicht Teil seiner durch die furchtbare Tat erlangte Befriedigung, lässt die Stimmen im Kopf für kurze Zeit verstummen. Ja, es ist längst an der Zeit solch kranke Täter endlich zur Rechenschaft zu ziehen, wo immer auf Erden sie sich schuldig machen, und zwar im selben Maße, als wenn das Leid einem anderen Menschen zugefügt worden wäre. Ich schäme mich für solche Täter zutiefst, schäme mich in jenen Momenten derselbsen Art wie sie anzugehören; und ich wünsche in diesem Augenblick, tief in mich gekehrt, dieser Mann würde heute sterben und seien Seele würde in einer anderen Welt abgeurteilt werden: vor einem Gericht, wo einzig und alleine misshandelte Tiere ihre Stimmen zum Strafmaß erheben.

Es gilt kurz durchzuatmen, denn muss der Eingriff fortgeführt werden; mit derartig großen offenen Wunden, die kaum verheilen könnten, ist die Gefahr an Tetanus zu erkranken eine allgegenwärtige. Noch extremer als zuvor wird die ärztliche Intervention an den Beinen des schwer Verletzten; der Esel ist schließlich nahe dem Zusammenbruch, so laufe ich schnell Wasser kaufen und lasse ihm immer wieder aus der Flasche trinken. Letztendlich dauert die OP fast eine Stunde; 60 qualvolle Minuten, die sich anfühlten wie ein ganzer langer Tag. Wie die Esel den bestimmt unbändigen Schmerz, die Angst, den Druck, aushalten, es ist immer wieder ein Wunder. Unfassbare Tiere sind es, gesegnet mit nicht zu vergleichender Würde, viel menschlicher als ‚Mensch‘, viel mutiger, tapferer, stärker, besonnener als der/die mutigste, tapferste, stärkste, besonnenste ErdenbürgerIn, der/die je gelebt.

Schön zu sehen, sobald einer der umstehenden Helfer – wirklich jedermann an den Wasserstellen, ganz egal wie eilig es die Eselhalter dann auch immer haben, hilft bei den Eingriffen an Eseln ihrer Kollegen ohne zu fragen mit – beim Festhalten der Patienten zu fest zudrückt, wird er von Zappa oder Mohamed sofort in die Schranken gewiesen. Die beiden haben ‚Mitleid‘ wahrlich gelernt, in sich aufgesogen – aufgewachsen in einer Kultur, die so sehr in eigene Probleme verwoben ist, dass keine Zeit zu bleiben scheint, auf andere – und noch weniger auf andere einer anderen Art – Acht zu geben, haben sie dennoch schnell den Wert alles Lebens erkannt und handeln nun auch danach. Wenn sich Menschen, welche unter derart schwierigen Bedingungen ein Auskommen finden müssen, so grundlegend neue Wege aneignen, dann muss das doch für alle möglich sein – bitte denken Sie daran, wenn Sie zum Beispiel noch immer Fleisch essen!

Endlich ist das Notwendige getan, der Esel darf aufspringen; noch bekommt er eine Entwurmung verpasst, natürlich Antibiotikum und Schmerzmittel, dann nehmen wir den Halter in die Pflicht; wir werden morgen wiederkommen, extra für den einen Esel, und ihn nochmals nachbehandeln. Schnell sind Telefonnummern ausgetauscht, dann entflieht Mensch und sein humpelndes Tier in die Anonymität der Masse, wird verschluckt von der ob der Hitze langsam flirrenden Luft. Wir verarzten noch einige andere Esel, aber in Gedanken sind wir bei diesem einen Opfer; wie kann ein Mensch einem anderen Wesen derartiges antun? So viel unnötiger Schmerz, so viel unfassbares Leid. Gott möge ihn strafen für seine Taten, und irgendwie hoffe ich, das Getane wird ihn noch zu Lebzeiten einholen – in welcher Form auch immer.

Am Nachhause-Weg herrscht Stille; wir nehmen das Gedränge im explodierenden Verkehr kaum wahr, in Gedanken gefangen, nach einem Ausweg aus den eigenen trüben Überlegungen suchend. Nur, es gibt keinen, so viel steht fest, denn das Gesehene verkriecht sich in den hintersten Winkeln des Gehirns und wird dort auf ewige Zeiten als unauslöschliche Erinnerung versteckt bleiben. Und wieder eine Rebe abtöten, eine Rebe, die erst kürzlich erneut Triebe gesetzt hätte, zuständig für das Vertrauen in die Menschlichkeit. Am späten Nachmittag starten wir den nächsten Versuch in der Mission ‚Kofferrückholung‘; zusammen mit Houda und Dr. Dieng sprechen wir bei jener Behörde vor, von welcher uns am Vormittag gesagt wurde, dort erhalten wir die Bestätigung für die Rückgabe des konfiszierten Gepäcks. Leider stellt sich schnell heraus, das wird auch heute nichts. Nun sollen wir eine komplette Liste erstellen, welche Dr. Dieng als leitender Veterinär unterschreiben muss und mit welcher er von der Veterinärbehörde dann die Zustimmung für die Übergabe bekommen soll – oder besser ‚bekommen sollte‘. Inshalla, so Gott will! Morgen ist ein neues Spiel, das hoffentlich neues Glück verspricht.

Schon in aller Früh fegt ein heißer Wind über die Stadt; er verspricht wieder extreme Temperaturen und bereits als wir im Auto von Houda sitzen, brennt die Sonne schon erbarmungslos auf diese unwirtliche Welt nieder. Wir werden heute zuerst zu dem so schrecklich misshandelten Esel von gestern fahren, in sozusagen zu Hause besuchen, um ihm weitere überlebenswichtige Medikamente zu verabreichen. In der Zwischenzeit wird Dr. Dieng sein Glück auf der Behörde suchen. Schnell findet Houda im Wirrwarr der Straßen den richtigen Weg durch zerberstende Häuserreihen; zwischen den Niederlassungen hindurch ist es manchmal derart eng, dass man wohl immer mit einer Kollision rechnen muss; deshalb betätigt die gute Autofahrerin die Hupe, bevor sie eine Kurve anvisiert. Deshalb also das ständige Tuten, welches die Geräuschkulisse in diesem Molloch zusätzlich anheizt!

Dann steht das arme Tier vor uns, angebunden in praller Sonne. Der Eselhalter wird uns später versprechen, er bewegt den Verletzten im Laufe des Tages immer wieder in den Schatten, und wir glauben ihn. Er ist sehr bekümmert, leidet mit seinem Gefährten merklich mit; der Tierhalter ist mit einem zweiten Esel gekommen, mit jenem, der nun die ganze Arbeit verrichten muss, und der sieht sehr gut und gepflegt aus. Nicht zuletzt deshalb sind wir von seiner Redlichkeit überzeugt, und nicht zuletzt deshalb überreichen wir ihm eine Warnweste sowie eine Sonnenbrille.

Schnell säubern wir zuerst einmal die Wunden, besonders jene an den Beinen sind doch infiziert. Später werden wir sie vorsichtig bandagieren, es soll auf keinen Fall Sand auf die offenen Stellen kommen. Dann bekommt er mehrere Spritzen, was ihm gar nicht gefällt – wahrscheinlich werden Erinnerungen wach an das Gestern, welches ja so furchtbar für ihn gewesen sein muss! Dass er heute überhaupt so vor uns steht, es grenzt an ein Wunder und unterstreicht eindrucksvoll die unfassbare Regenerations- bzw. Leidensfähigkeit dieser Tiere.

Einige Karotten haben wir mitgebracht, die nimmt der Liebe dankbar an. Sein Halter bringt schließlich den eigenen Umhang, mit welchem wir den Esel umwickeln. So kann er sich jetzt auch halbwegs gefahrlos in den Sand legen; er wird schließlich sogar freigelassen, wird nun in der Gasse und am kleinen Platz mit der Sonne mitwandern! Noch ein Rückstrahler wollen wir auf den Eselkarren montieren, und dann geht es wieder los. Kaum läuft der Motor allerdings, stoppt uns eine Frau; sie hätten eine Ziege, die nicht mehr essen wolle; ob wir die nicht ebenfalls ansehen können? Natürlich können wir, und vor versammelter Familie bekommt sie auch gleich eine Anti-Parasitenkur! Gegen ihre eigentlichen Probleme, eine Entzündung der Zitzen, können wir aber im Augenblick wenig tun – wir haben nicht die nötigen Medikamente mit uns. So folgt das Ehrenwort, wir werden diese Woche nochmals nach dem Esel sehen und dann auch Entsprechendes für die Ziege einpacken.

Fortsetzung folgt heute Nachmittag ……