Vegan Italy Interview mit Helmut F. Kaplan

Herr Kaplan, Sie sind Vegetarier seit 1963. Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an mehr als 50 Jahre im Zeichen des Tierwohls? Gab es auch kritische Momente?

1963 war ich elf Jahre alt und mit der wirklichen Tierrechtsarbeit begann ich erst viele Jahre später – nach zwei Studien, die ich für diese Aufgabe gewählt hatte: Psychologie und Philosophie. In meinem Buch „Leichenschmaus“ beschreibe ich meine Situation vor dem Einstieg in die Tierrechtsarbeit so:

„Dem endgültigen Entschluß, kein Fleisch mehr zu essen, ging natürlich eine Entwicklung voraus: das Wissen um das unendliche Leiden der Tiere, die Erkenntnis, dass dieses Leiden ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen ist, und vor allem Trauer und Zorn über die eigene Ohnmacht … Das Schlimmste zu jener Zeit war aber … das Gefühl, der einzige zu sein, der diese Verbrechen überhaupt SIEHT. Ich kam mir vor wie der sprichwörtliche Rufer in der Wüste, mehr noch: wie der einzige Gesunde in einer Nervenheilanstalt, in der nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte geisteskrank sind.“

Als ich dann begann, mich systematisch in die Tierethik einzulesen, stellte ich zu meiner großen Überraschung fest, dass das, was ich bisher nur intuitiv und vage erfasst hatte, von Philosophen bereits theoretisch durchdrungen und ausformuliert worden war: von Peter Singer, Tom Regan und anderen. Das war eine große Freude und Erleichterung! In gewisser Weise aber auch eine Enttäuschung – darüber, nicht der Erste zu sein, der das immense Unrecht gegenüber Tieren erkennt, philosophisch einordnet und argumentativ auf den Punkt bringt. Immerhin kann ich mich damit trösten, wesentlich zur Einführung der englischsprachigen Tierrechtsphilosophie in den deutschen Sprachraum beigetragen und den Tierrechtsbegriff im Hinblick auf Nachvollziehbarkeit und Anwendbarkeit weiterentwickelt zu haben.

Buchstäblich kritisch war es, als ich mehrfach beschuldigt wurde, Gewalttaten gutzuheißen oder dazu aufzurufen, weil ich mich positiv im Hinblick auf Tierbefreiungen und dergleichen geäußert hatte. Noch belastender und für die Tierrechtsbewegung schädlicher sind aber die Selbstzerfleischungstendenzen in der Bewegung. So werde ich etwa von einigen als rechtsextrem verleumdet, weil ich den speziesistischen Terror gegen Tiere mit dem Nazi-Terror gegen Juden und andere „minderwertige“ Rassen oder Gruppen vergleiche. International sind solche Vergleiche absolut üblich. Man denke nur an das Diktum des jüdischen Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer: „Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi.“

2013 haben Sie „Vegan soll keine Religion sein“ veröffentlicht, ein Essay, das sich so kurzfassen lässt: Wer Tiere retten will, muss Realist werden. Glauben Sie also, einer der Gründe für die extreme Langsamkeit der Fortschritte in puncto Tierrechte sei die Tendenz der Aktivisten, sich in Schwärmereien zu ergehen statt pragmatische Strategien zu entfalten?

Auf alle Fälle! Der Vegetarierbund Deutschlands veröffentlicht seit Jahrzehnten sagenhafte Vegetarier-Zuwachsraten, in den letzten Jahren auch Veganer-Zuwachsraten. Würden die auch nur ansatzweise stimmen, gäbe es längst 150 Prozent Vegetarier bzw. Veganer! Die Medien beschwören seit Jahren einen Veggie-Boom und Vegan-Hype. Kein Wunder, dass es mittlerweile ein geflügeltes Wort ist, dass der Veganismus endlich „mitten in der Gesellschaft angekommen“ sei. Tatsächlich ist der Pro-Kopf-Fleisch-Verzehr in Deutschland aber seit 20 Jahren konstant! Irgendetwas stimmt hier also nicht. Dennoch hat diese Euphorie die Aktivisten dazu verführt, nur mehr auf Mode, Spaß und Coolness zu setzen und sich das aufwendige ethische Argumentieren zu ersparen. Und das hat – Stichwort: Politik; wir kommen darauf zurück – fatale Folgen. Außerdem sollten sich diejenigen, denen die „Veganisierung der Gesellschaft“ am Herzen liegt, anstatt über die Abweichler in den eigenen Reihen herzufallen, weil sie „nur“ zu 99 Prozent vegan sind, lieber um die überwiegende Mehrheit der Fleischesser kümmern!

Das Internet ist eine wichtige Quelle für Ihr Buch, sowie ein Ort, den Sie schon lange frequentieren. Vor der Zeit der sozialen Netzwerke haben Sie zum Beispiel eine sehr lebhafte Yahoo-Gruppe gegründet und moderiert. Heutzutage scheint das Internet mehr ein Ort des Streitens zu sein (Trolling usw.) als eine produktive, politische Plattform. Wie kann man dieses Phänomen strategisch umkehren?

In diesem Fall bildet das Internet wohl lediglich die „analoge Wirklichkeit“ ab. In der gibt es ja auch kaum konstruktive, substantielle Diskussionen über Tierrechte – sondern v.a. Angriff und Ausgrenzung. Andererseits ist das Internet heute natürlich so etwas wie das Leitmedium – das sowohl virtuelle als auch reale Entwicklungen anstoßen kann. In diese Richtung gehen auch meine Bemühungen. Freilich ist es schwierig, mit sehr kurzen Texten und bei geringer Aufmerksamkeitsspanne der Leser komplexe Zusammenhänge zu diskutieren. Deshalb versuche ich, mit pointierten Überschriften und Zitaten die Menschen dazu „zu verführen“, sich umfassender zu informieren, z.B. in Büchern.

Zwei Punkte gelten als Basis Ihrer „realpolitischen“ Tierschutzphilosophie:

a) Ganz konsequent vegan leben, also ohne jegliche Tierausbeutung, ist unmöglich.
b) Beim Versuch, möglichst konsequent vegan zu leben, gerät man notwendig in paradoxe, ja absurde Situationen.

Daraus stammt sowohl ein intimes Dilemma („Wie viel Leiden können wir akzeptieren?“) als auch eine politische Aufforderung, deren Kern vegetarisch ist: „Eine vegetarische Politik zum jetzigen Zeitpunkt schafft Vegetarier und (spätere) Veganer“.

Finden Sie diese Analyse immer noch aktuell? Und was ist Ihre Grenze, was die Konsequenz vs. Paradox‘-Spagat angeht?

Die vegane Konsequenz ist in der Tat ein Problem – u.a. deshalb: Erstens wird das „Reinheitsbestreben“ ab einem bestimmten Punkt – siehe etwa „Kann Spuren von Milch enthalten“ – kontraproduktiv. Zweitens befinden sich tierliche Substanzen nicht nur in Lebensmitteln, sondern auch in vielen anderen Produkten, etwa in Farben, Medikamenten, Waschmitteln und Bildschirmen. Und drittens gibt es neben dem Verzehr tierlicher Produkte viele andere tierschädliche Praktiken: Eine Welt, in der alle Veganer wären, aber Pelzmäntel trügen und die Labors voller Versuchstiere wären, wäre auch kein Fortschritt!

Wenn man, dies berücksichtigend, eine breitere Perspektive einnnimmt, erkennt man, daß es letztlich nur einen vernünftigen Orientierungspunkt bzw. Konsequenzmaßstab gibt: TIERRECHTE! Die Frage lautet dann schlicht: Welches Verhalten dient der Verwirklichung von Tierrechten? Welches Verhalten dient der Verwirklichung einer Welt, in der Tiere ein ihren Interessen gemäßes Leben führen können? Eine solche Welt wäre dann gewiss eine vegane Welt, aber auch eine Welt, in der viele andere Dinge, die Tiere schädigen, nicht mehr stattfinden.

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass eine notwendige Operation möglicherwesie nicht „vegan“ ist, weil der Chirurg an einem Tier geübt hat, dass ein notwendiges Medikament mit Sicherheit nicht vegan ist, weil es im Tierversuch getestet wurde, und dass der eigene Computer höchstwahrscheinlich auch nicht „vegan“ ist, relativiert sich die Konsequenzfrage rationalerweise. Man erkennt, dass man in einer völlig speziesistischen Welt seine Energie sinnvollerweise nicht primär darauf konzentrieren sollte, persönlich möglichst hundertprozentig antispeziesistisch zu sein, sondern darauf, dazu beizutragen, dass diese Welt weniger speziesistisch bzw. Tierrechts-konformer wird.

Ob ich meine Analyse betreffend primärer VEGETARISMUS-Forderung aufrecht erhalte? Nein. Momentan ist zuviel im Fluss, als dass man gültige Strategieempfehlungen geben könnte. Entscheidend wird zum Beispiel sein, ob sich der gegenwärtige Vegan-Hype letztlich als Modeerscheinung oder als nachhaltige Entwicklung erweisen wird. Eines hat sich allerdings mit Sicherheit nicht geändert: Für die allermeisten Menschen ist selbst der VEGETARISMUS nach wie vor eine völlig exotische Sache. Andererseits ist heute die Chance, junge, gebildete und v.a. weibliche Menschen ohne vegetarischen Zwischenschritt für den Veganismus zu gewinnen ungleich größer als noch vor wenigen Jahren.

Sie leben in Österreich. Wie geht die Politik mit solchen Themen um? Und wie ist die Atmosphäre innerhalb der Gesellschaft?

In diesem Bereich gibt es zwischen Österreich und Deutschland wohl keinen großen Unterschied: Politik und Gesellschaft laufen zuverlässig synchron. Im Hinblick auf mögliche künftige positive Entwicklungen hat sich die Situation in der Bevölkerung allerdings in den letzten Jahren m.E. verschlechtert: Mit zwei selbstbetrügerischen Behauptungen betreibt man gleichzeitig Realitätsverleugnung und Gewissensberuhigung: Man esse weniger Fleisch, das aber „bewusster“. Und: Man esse v.a. Bio-Fleisch. Beides ist nachweislich falsch: Der Pro-Kopf-Fleisch-Verzehr liegt in Deutschland seit 20 Jahren bei etwa 60 Kilogramm. Und der Bio-Fleisch-Anteil liegt unter zwei Prozent.

Was ist, Ihrer Meinung nach, die dringendste Aufgabe eines Tierrechtlers im Jahre 2017? Sollen Philosophie und Vor-Ort-Aktivismus unterschiedliche Agenden haben?

Nein, denn es gibt nur EIN Anti-Fleisch-Argument, das nicht unterlaufen werden kann: das ethische, genauer: das tierethische: Tiere sollen nicht für unsere Geschmackserlebnisse leiden und sterben müssen. Alle anderen Anti-Fleisch-Argumente lassen sich leicht aushebeln: Das ökologische: Dann fahre ich halt mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto zum Metzger – und schon passt die CO2-Bilanz wieder! Das gesundheitliche: Dann esse ich halt weniger Fleisch, weniger rotes Fleisch oder mehr Fisch! Die Botschaft muss lauten: Es gibt keine ethische Rechtfertigung dafür, Tiere zu quälen und zu töten, damit wir sie essen können!

Kennen Sie das Werk des italienischen Philosophen Leonardo Caffo, den “antispecismo debole” (‘schwachen Antispeziesismus’)? Caffo konzentriert sich auf die Befreiung der Tiere und hält es für unnötig, sogar schädlich angesichts dieses Ziels, breitere politische Implikationen bzw. Vergleiche mit der menschlichen Befreiung gleichzeitig im Visier zu halten. Die Befreiung der Tiere soll als „Zweck an sich“ gelten. Was halten Sie davon?

Da ich Caffos Philosophie nicht kenne, kann ich mich dazu nur generell äußern: Ich sehe nur ein Szenario, Tierrechte zu verwirklichen und den Speziesismus zu überwinden: eine Tierrechtsbewegung als deklarierte und konsequente Fortsetzung der Befreiung der Sklaven und der Emanzipation der Frauen. Oder genereller: die Tierrechtsbewegung als logische Fortsetzung der Menschenrechtsbewegung. Rassismus, Sexismus und Speziesismus müssen gleichermaßen als Verstöße gegen das moralische Gleichheitsptinzip erkannt, verurteilt und überwunden werden. In meinem jüngsten Buch „Tierrechte: Wider den Speziesismus“ habe ich diese philosophische, politische und historische Perspektive noch einmal erläutert.

Eine letzte, leichtere Frage, die wir all unseren Gästen stellen: Was ist Ihr Lieblings-Vegangericht?

Für mich ist das gar keine einfache Frage! Ich kann nicht kochen und will nicht kochen und erhitze mir abends daher einfach ein Stück Tofu oder ein veganes Fertiggericht. Um aber nicht gar so prosaisch zu enden: In einem Lokal, das bis jetzt gar nichts Veganes auf der Karte hatte – und ich mir daher bisher einfach einen Salat und die Beilage Pommes frites bestellte -, gibt es neuerdings gleich mehrere vegane Gerichte. Auf die freue ich mich!

Quelle: fellbeisser.net

Die Barmherzigkeit der Bombe

Von Tierrechtler Helmut F. Kaplan

Angesichts der aberwitzigen Überrüstung ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis wir uns aus Dummheit, Bösartigkeit oder Versehen selbst in die Luft jagen. Und was bedeutet dies für die Tiere und für die Tierrechtsbewegung? Nüchtern betrachtet ist die Chance, dass die Tierrechtsbewegung in absehbarer Zukunft einen substantiellen Durchbruch erlebt, ebenso gering wie die Chance, dass wir aus dem Rüstungswahn noch einmal herauskommen. Deshalb wäre der Weltuntergang für die Tiere eigentlich ein Segen. Denn damit fände das grauenhafte Leben und Leiden, das wir ihnen bereiten, ein Ende.

Das muss man sich veranschaulichen und vergegenwärtigen: Wir bereiten den Tieren eine so elende Existenz, dass die ultimative Katastrophe für sie eine Erlösung wäre.

Und was bedeutet dies ganz konkret für moralisch denkende Menschen im allgemeinen und für Tierrechtler im besonderen? Wenn wir hochfliegende Hoffnungen auf eine „Verbesserung der Welt“ zeitlich und zahlenmäßig auf ein realistisches Maß reduzieren, so erscheinen Bemühungen zur Mehrung des Glücks und zur Verringerung des Leidens nach wie vor sinnvoll. Denn wenn wir auch nicht die Menschen oder die Tiere retten können, so können wir einzelnen Menschen und einzelnen Tieren sehr wohl helfen, sie glücklich machen – oder zumindest weniger unglücklich machen. Leiden lindern und Glück fördern sind Werte an sich. Letztlich vielleicht die einzigen Werte überhaupt.

http://www.tierrechte-kaplan.de


Alt werden und gesund bleiben dank veganer Lebensweise

Hier auf veggieradio.de  erzählt ein ganz besonderen Mensch, wie er zu einem Veganer wurde. Er ist vielleicht einer der ältesten vegan lebenden Menschen in Deutschland, denn seit 57 Jahren lebt der 81 jährige Friedhelm Wegner nunmehr vegan.


Landwirtschaftsminister kritisiert Tierrechtsaktivisten

PETA und andere Aktivisten machen heimliche Filmaufnahmen in Ställen und „manipulieren“ sie, um die Tierhalter zu diffamieren – so die Kritik von Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer an die Tierrechtsorganisationen. Desweiteren sagte der Vorsitzende der Agrarministerkonferenz der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Die Kontrolle von tierhaltenden Betrieben ist Sache des Staates und nicht von jedermann“. Ist das nicht lachhaft? Sind es nicht gerade die Bilder, Dokumentationen und Recherchen von Peta, Animal Equality und anderen Tierrechtsaktivisten, denen es zu verdanken ist, dass sich in den vergangenen Jahren überhaupt und minimal in der Tierquäler-Industrie zumindest ein klein wenig verbessert hat? Von sogenannten „staatlichen Kontrollbehörden“ bekommen wir alle ganz gewiss keine derartigen Fakten geliefert, wie sie uns im nachfolgenden Video von Animal Equality unmissverständlich klar und deutlich auf den Tisch gelegt werden:

Zum Tode von Edgar Guhde am 14.02.2017 in Düsseldorf

Von Prof. Dr. W. Karnowsky

Statt eines an sich so sehr verdienten längeren Nachrufes auf Edgar Guhde, den unermüdlichen Tierrechtler des Politischen Arbeitskreises Tierrechte in Europa e. V., Hamburg/Düsseldorf und den sensiblen Tierschützer in dem Amt eines ideenreichen Kuratoriumsvorsitzenden der Hans-Rönn- Stiftung – Menschen für Tierechte in Düsseldorf  möchten wir den letzten, eindeutig formulierten Willen des lieben Verstorbenen respektieren:

Es sei von einer irgendwie gearteten Trauerfeier oder Zusammenkunft mit Würdigung für ihn abzusehen. Das fällt uns sehr schwer. Edgar Guhde wurde völlig anonym beerdigt. Niemand erfuhr etwas davon. Lediglich der von Edgar Guhde zur völlig Verschwiegenheit auch gegenüber Freunden verpflichtete Bestatter wusste Ort und Zeit des Verstreuens seiner Asche auf einer dafür zugelassenen Rasenfläche irgendwo in Düsseldorf.

Wir sind der Ansicht, dass wir den lieben Verstorbenen besonders ehren, wenn wir alle seine nachfolgend ungekürzten „Erinnerungen an Kindheit und Jugend“ einmal oder mehrmals sehr aufmerksam lesen und auf uns wirken lassen. Dies spricht fast mehr für Edgar Guhde als es jede externe Laudatio vermag. Viele kennen diesen Text von 2007 noch nicht.

Nicht vertraulich ist die Anmerkung, dass Edgar Guhde das Komitee gegen den Vogelmord in Bonn besonders in seinem Testament bedacht hat. Er war immer wieder bis zuletzt erschüttert über die vielen aktuellen  Zeugen-Berichte von Tierschützern zu diesen unglaublichen Verbrechen.

Auch auf den Wikipedia Artikel „ Edgar Guhde“ (insb. Publikationen neben der einprägsamem Biografie) seien hiermit alle Leser besonders hingewiesen.

Politischer Arbeitskreis Tierrechte in Europa e. V. , Elisabeth Petras, 1. Vorsitzende
Prof. Dr. W. Karnowsky, Hans-Rönn-Stiftung – Menschen für Tiere

Ein Vorort im Norden Berlins: Frühjahr 1945. Auf der Reichsstraße 96 nicht enden wollende Flüchtlingstrecks, oft mit ausgemergelten Pferden vor den überfüllten Elends-Wagen. Als Neunjähriger sah ich mir das oft mit an, denn wir wohnten ganz in der Nähe. Bei all dem Schrecklichen der Kriegs- und Nachkriegszeit hat sich mir der Anblick dieser Pferde (von denen im 2. Weltkrieg etwa viereinhalb Millionen (!) allein auf deutscher Seite an den Fronten schwer verletzt umkamen), besonders eingeprägt und bedrückt. Einmal schlug ein Mann mit den Fäusten auf das Maul eines stehen gebliebenen Pferdes ein. Es brach zusammen. Der Mann prügelte weiter, woraufhin ich den nahegelegenen Schlachter herbeiholte, der dem Tier ein, wie ich meinte, kürzeres Sterben verschaffen sollte. Das geschah, aber hinsehen vermochte ich nicht.
Auch der Anblick liegen gebliebener Pferdekadaver (aus denen sich einige Menschen Teile heraus schnitten) prägte sich mir dauerhaft ein.

Mein Vater und ich gingen in verlassene Häuser, wo wir oft verhungerte Haustiere vorfanden – ein schmerzlich-bewegender Anblick, eine Seite des Krieges, die ich später in der zeitgeschichtlichen Literatur nie behandelt fand, so wenig wie all die anderen Heimsuchungen der Tierwelt in jener Zeit. In jenen Tagen beobachtete ich einen umher irrenden Schäferhund mit nur drei Beinen. Mitleid und Hilflosigkeit drückten mich gleichermaßen erneut nieder. Ich wusste nicht, was tun. Kurz darauf lief mir ein Terrier zu, den ich aber nur einige Tage in der Obhut hatte, wurde er doch von einem russischen Militärlaster auf dieser Reichsstraße angefahren. Er starb in meinen Armen. Bei meinen Berlin-Aufenthalten suche ich noch heute die Stelle auf, wo ich ihn begrub. Der Gram, die Niedergeschlagenheit, die ich damals empfand, haben mich im Unterbewusstsein bis heute nicht verlassen.

Mich an die Ferien 1944 in Hinterpommern erinnernd, fallen mir die feuchten, engen und dunklen  Verliese mit den verdreckten kleinen Fenstern ein, in denen Schweine und Kühe ihr Dasein fristeten. Sie taten mir einfach leid. Zu Hause hatten wir eine Hühnerschar im großen Garten, immer mit einem stolzen Hahn dabei. Ihr Herumlaufen und Scharren und ihr Gackern nach dem Eierlegen erfreute mich jeden Tag.

Seit den dreißiger Jahren hatten wir zu Hause eine Blaustirnamazone. Wie ich heute weiß, leider nur eine, denn Papageien sind zumindest paarweise zu halten. Das Tier hatte es zwar gut bei uns, war zutraulich und anhänglich, und es sang von sich aus etliche Lieder, war auch meistens nicht im relativ großen Käfig eingesperrt. Trotzdem tat es mir immer leid, konnten wir doch nicht immer das erforderliche artgemäße Futter besorgen und ihm die Angst ersparen, die es bei jedem Fliegeralarm mit Sirenengeheul und Flakgeschütz-Donner zitternd erlitt.

So waren meine ersten Begegnungen mit Tieren, darunter die zur Bewegungslosigkeit verdammten Kaninchen in den Stallboxen der Nachbarschaft, keineswegs immer ein freudiges Ereignis. Deren Dasein machte mich nachdenklich, warum sie von den Menschen so ausgenutzt und herablassend behandelt werden. Dazu kam das mich ratlos machende Unverständnis der meisten Erwachsenen, wenn ich meinen Kummer über das triste, unfreie Dasein der sogenannten Heim- und Nutztiere äußerte. Warum „sehen“, „erkennen“ manche die Tiere, viele aber nicht? Die verbreiteten materialistischen Einstellungen degradieren die Tiere und sehen in der Rücksichtnahme auf sie nur einen unnötigen Kostenfaktor. Ich glaube, dass diese und ähnliche Erlebnisse wesentlich zu meiner melancholischen Grundstimmung und zum skeptischen, illusionslosen Menschenbild beitrugen. Sind Tierrechte nicht auch ein Menschenrecht?

Im östlichen Teil Deutschlands löste dann eine neue Diktatur die vorangegangene ab. In den fünfziger Jahren wurde mir dort nach und nach bewusst, dass auch die Tiere weiterhin rechtlos waren. Nachfragen, wie es denn wohl in den Tierhaltungen auf dem Land und in den Schlachthäusern zugehe oder wie Tierversuche gemacht würden, stießen auf allgemeines Unverständnis, bei den Regimeleuten sofort auf Misstrauen. Zeitungs- oder Zeitschriftenberichte darüber gab es nicht, weil es sie nicht geben durfte, selbstverständlich auch keine Tierschutzorganisationen, Zeitschriften, gar Bücher zum Tierschutz. Die wenigen Menschen, die sich ebenso wie ich  über dieses Thema Gedanken machten, waren schon deshalb im Nachteil, weil sie sich nicht auf die „Klassiker“ des Marxismus-Leninismus, der alles beherrschenden Staatsideologie, berufen konnten. Im Gegenteil: Hatte doch Karl Marx in Briefen an Friedrich Engels die ersten englischen Tierschützer als „Philister“ verspottet, und Engels hatte die “Demokratisierung des Fleischgenusses“ gefordert.

Ein Arzt berichtete mir damals von seinem Versuch, in einer medizinischen Zeitschrift einen Beitrag zu veröffentlichen, in dem er vorsichtig die besonders grausamen Tierversuche an der Universität problematisierte. Der Text wurde nicht nur abgelehnt – als SED-Mitglied wurde er in seiner Parteigruppe deshalb zur Rede gestellt und mit einer Parteirüge bedacht.

1957 verfasste ich einen regimekritischen Text (in drei Exemplaren) mit Forderung nach einem demokratischen und rechtsstaatlichen Sozialismus, u.a. mit der Forderung nach einem Tierschutzgesetz. Im Geheimverfahren wurde ich dafür zu neun Jahren Zuchthaus wegen „Untergrabung der Staatsordnung“ verurteilt. Das Eintreten für den Tierschutz „bürgerlich-reaktionäre Ideologie“) wurde mir als „Wirtschaftssabotage“ ausgelegt.

In den vielen Veröffentlichungen der DDR-Forscher vor und nach dem Zusammenbruch 1989 blieb der Tierschutz unberücksichtigt. So kommt er selbst in dem verbreiteten Nachschlagewerk „DDR-Handbuch“, hg. vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, trotz seiner 1.280 Seiten der 2. Aufl. 1979 nicht vor. Noch immer spielt diese Seite der SED-Diktatur in der – ohnehin gehemmten  – Aufarbeitung dieser Zeit keine Rolle. Ende

Ulrich Dittmann über Edgar Guhde:

Dipl. Pol. Edgar Guhde  musste sechs Jahre seiner Verurteilung, von 1957 bis 1963, im Zuchthaus „absitzen“. Mehrere Jahre davon in furchtbarer Isolationshaft, ohne irgendwelchen Kontakt zur Außenwelt, in einer winzigen Einzelzelle. „Tierschutz war ein blinder Fleck in der DDR“. Es galt nur die Effizienz, auch bei der „Tierproduktion“.

Wer die totale Ausbeutung der Tiere in Frage stellte, betrieb – laut der Aussage von  Edgar Guhde in seinem vorstehenden und 2007 geschriebenen Beitrag – Wirtschaftssabotage. Die DDR kannte kein Tierschutzgesetz. Tierversuche z. B. waren ohne jede Einschränkung erlaubt. Um so mehr große Hochachtung vor seinem Engagement. Sein ganzes Leben war der Mitgeschöpflichkeit, insbesondere den Ärmsten der Armen, den Tieren, gewidmet.

Ulrich Dittmann (ehemaliger) Arbeitskreis humaner Tierschutz e.V.