Das ist doch wohl immer noch allein meine Entscheidung!

Von Tierrechtler Armin Rohm

Man könnte darauf wetten und würde die Wette fast immer gewinnen. Wenn in zufällig gemischter Runde das Thema ‚Tiere essen‘ diskutiert wird, kommt irgendwann der magische Moment, in dem ein Omnivorer (manchmal auch ein Vegetarier) klarstellt: „Letztlich muss jeder selbst entscheiden, was er isst.“ In der Regel erntet der Sprecher breite Zustimmung für diese Aussage. Gleichzeitig wird die Diskussion mit diesem Statement de facto für beendet erklärt. Wer jetzt noch weiter für seine Meinung wirbt, gilt als unhöflich, intolerant, missionarisch.

Ich habe dieser Aussage selbst mehr als 50 Jahre meines Lebens reflexartig zugestimmt, auch in der Zeit, in der ich schon lange kein Fleisch mehr gegessen habe und mich zumindest vegetarisch ernährte. Vermutlich habe ich den Satz auch selbst gelegentlich ausgesprochen. Es hört sich einfach sehr tolerant und wertschätzend an, wenn mir jemand signalisiert, dass es für ihn völlig in Ordnung ist, wenn ich für mich eine Entscheidung treffe, die er für sich anders treffen würde.

Ich fühle mich in meiner Individualität, in meinen persönlichen Ansichten und in meiner Handlungsfreiheit respektiert. Dadurch bin ich auch geneigt, umgekehrt meinem Gegenüber diese Entscheidungsfreiheit ebenso zuzugestehen, was wiederum ein offenes Gesprächsklima und die gegenseitige Akzeptanz fördert. Es ist schließlich meine ganz persönliche Entscheidung, welches Leben ich führe, welche Prioritäten ich setze und wie ich mich dabei verhalte. Wie ich mich ernähre, geht schon gar niemand etwas an! Mir persönlich missfällt es fast immer, wenn sich jemand in mein Leben einmischt und mich belehren möchte, was für mich das Beste ist und ich seines Erachtens deshalb zu tun und zu lassen habe. Dieser Mensch braucht dann schon sehr überzeugende Gründe, um mein Gehör zu finden.

Wenn wir an dieser Stelle allerdings mal ganz bewusst unseren rationalen Verstand und unser Moralempfinden aktivieren und uns erlauben, die ‚Tatsache‘, dass Essen eine persönliche Entscheidung ist, einfach mal grundsätzlich anzuzweifeln, dann bemerken wir rasch, dass unser ‚Wissen‘ erstaunlich wenig Substanz hat. Wir erkennen, dass unsere bisherige ‚klare Meinung‘ nicht das Ergebnis einer sorgfältigen Prüfung der aktuell verfügbaren Fakten darstellt, sondern viel eher eine Ansammlung erlernter Kommentare unseres Autopiloten – hundertmal gehört, nachgeplappert, vom Umfeld bestätigt bekommen und irgendwann mit dem Vermerk „wahr“ im Gedächtnis abgelegt.

Zunächst sollten wir uns vor Augen halten: Wenn ich behaupte, dass die Wahl zwischen omnivorer Ernährung und veganer Ernährung jedem selbst überlassen werden sollte, dann unterstelle ich dabei unausgesprochen, dass es sich dabei um zwei moralisch weitgehend gleichwertige Alternativen handelt. Dies ist aber ganz und gar nicht der Fall. Wer Fleisch isst, verursacht unermessliches Leid und verantwortet immer die Ermordung unschuldiger Geschöpfe, während vegane Ernährung Leid, wo immer möglich, vermeidet. Die omnivore Ernährung erfordert also Opfer, und spätestens dann endet die persönliche Entscheidungsfreiheit. Wenn eine persönliche Präferenz, in diesem Fall meine kulinarischen Vorlieben, dazu führt, dass ein anderer dafür sterben muss, dann verletze ich automatisch in gravierender Weise andere Interessen, die bedeutend genug sind, um berücksichtigt und verteidigt zu werden.

Bei anderen, aus moralischer Sicht, ähnlich gelagerten Themen herrscht innerhalb unserer Gesellschaft interessanter Weise breiter Konsens, wie weit die Freiheit des Einzelnen geht, wo genau sie endet und was im Falle einer Grenzüberschreitung die Konsequenz sein soll. Wir sind uns beispielsweise weitgehend einig darüber, dass es die persönliche Entscheidung der Eltern ist, wie sie ihre Kinder erziehen. Es steht grundsätzlich niemandem zu, sich da offensiv einzumischen. In welchen Situationen aber ist es vielleicht doch erlaubt, vielleicht sogar nötig, sich einzumischen, wenn es Opfer gibt? (Vielleicht auch schon, wenn es Opfer geben könnte, zum Beispiel weil die Eltern selbst noch Kinder sind und mit dem Erziehungsauftrag überfordert wären.)

Wenn Eltern ihre Kinder verprügeln oder sonst wie misshandeln, dann bewertet unser kollektives gesellschaftliches Moralverständnis das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes höher als die erzieherische Freiheit der Eltern. Deshalb wurde die Prügelstrafe durch eine Änderung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahr 2000 ersatzlos abgeschafft. §1631 BGB spricht den Kindern sogar ein ausdrückliches „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ zu. In vielen Ländern dieser Welt gibt es die Prügelstrafe jedoch noch immer, und wir sind oftmals empört über deren Rückständigkeit und ihre antiquierte Haltung, Erziehung sei Privatsache und erlaube deshalb allen Ernstes auch körperliche Züchtigung.

Ein zweites Beispiel. Wie Ehepaare ihre Beziehung leben, ist ein sehr privates, intimes Thema. Es ist allein ihre Sache. Eine Einmischung Dritter ist auch hier nur in besonderen Situationen legitim, nämlich, wenn jemand Leid zugefügt wird – also erneut, wenn es Opfer gibt. Uns erscheint es heute selbstverständlich, dass Vergewaltigung in der Ehe ein Verbrechen darstellt. Wieso sollte die Tatsache, dass zwei Menschen miteinander verheiratet sind, eine derartig abscheuliche Gewalttat erlauben? Das Unrecht ist so offensichtlich, dass es uns erstaunt, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 überhaupt ein Straftatbestand ist. Noch irritierender ist es, dass das Thema 25 Jahre immer wieder in unterschiedlichen Parlamenten diskutiert werden musste, bevor es endlich zu dieser Entscheidung kam.

Man könnte die Liste der Beispiele beliebig erweitern und würde immer zu dem Ergebnis kommen: „Sie können tun, was Sie wollen, solange dabei niemand in unangemessener Weise Schaden nimmt.“ Es ist allein Ihre Sache, ob Sie Alkohol trinken. Es ist sogar weitgehend Ihre Privatsache, ob Sie sich jeden Tag bis zum Vollrausch betrinken. Wenn Sie sich allerdings betrunken ans Steuer Ihres Wagens setzen, dann kommen die anderen ins Spiel, die ein Recht darauf haben, vor Ihnen beschützt zu werden.

Die Tiere sind keineswegs die einzigen Opfer omnivorer Ernährung. Letztlich sind auch unsere eigenen Kinder und Enkel Opfer, weil wir durch unser Verhalten ihre Lebensgrundlage in erheblichem Umfang zerstören. Fleischkonsum hat verheerende Folgen für unser gesamtes Ökosystem. Die Massentierhaltung ist der mit Abstand größte Verursacher von Treibhausgasen und damit in hohem Maße verantwortlich für den weltweiten Klimawandel. Auch die Tatsache, dass die Nutztiere der reichen Länder den größten Teil der Weltsoja- und Weltgetreidernte fressen, während täglich tausende Menschen auf diesem Planeten verhungern, sollte unsere Gewissheit erschüttern, dass jeder angeblich selbst wissen muss, was er isst und was nicht. Ja, es sollte eigentlich jeder informierte und verantwortungsvolle Mensch inzwischen wissen. Denen jedoch, die es nicht wissen oder nicht wissen wollen, sollten wir es unbedingt sagen. Wieder und wieder.

Armin Rohm, Tierrechtler

Vegan nützt nicht nur Tieren

Von Dr. Helmut F. Kaplan

Welternährung

Ein Argument gegen den Fleischverzicht, also gegen den Vegetarismus, lautet: Ohne Fleisch könnten wir die stets wachsende Weltbevölkerung nicht ernähren. Die diesbezüglich relevanten biologischen Zusammenhänge weisen allerdings in die entgegengesetzte Richtung: Die Fleischproduktion verschärft die Hungerproblematik:

Wenn Getreide und Soja nicht direkt, sondern über den Umweg über den Tierkörper konsumiert werden, gehen etwa 90 Prozent der Kalorien verloren. Und selbst dieser prekäre Wirkungsgrad wird nur errreicht, weil die Tiere kurz vor dem Erreichen des Erwachsenenalters getötet werden. Danach wäre das Verhältnis noch desaströser. Mit anderen Worten: Die Umwandlung pflanzlicher Lebensmittel in Fleisch stellt eine gigantische Verschwendung von Nahrungsmittelressourcen dar. (Swissveg 2013, 2.1., 2.2.; Peta 2014; Peta 2013)

Generell gilt: Je mehr tierliche Produkte wir essen, desto weniger Menschen können wir ernähren, da Ressourcen und Anbauflächen begrenzt sind. Es gibt einen Konkurrenzkampf zwischen Tierindustrie und Hungernden, ein Ungleichgewicht zwischen Wohlstands- und Entwicklungsländern, das durch den Konsum von Fleisch und anderen tierlichen Produkten aufrechterhalten wird. In der EU werden so große Mengen an Fleisch produziert und konsumiert, dass die benötigten Futtermittel nicht nur in der EU angebaut werden, sondern zu einem großen Teil importiert werden müssen – auch aus Regionen, in denen Menschen hungern. ,Das Vieh der Reichen frißt das Brot der Armen‘ bringt diese Problematik auf den Punkt. (Peta 2014)

Umweltschutz

Nutztiere verbrauchen rund acht Prozent des globalen Trinkwassers. Zum Vergleich: Der direkte menschliche Verbrauch (Trinkwasser, Duschen, Industrie usw.) beläuft sich auf etwa ein Prozent. Für die Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch werden 15500 Liter Wasser benötigt! Diese gigantische Menge ergibt sich aus dem Wasser, das die Tiere selbst brauchen, sowie aus dem für den Futtermittelanbau benötigten Wasser. Außerdem sind Stallreinigung und ,Weiterverarbeitung‘ der Tiere im Schlachthof äußerst wasserintensiv. Durch den steigenden Konsum von tierlichen Produkten benötigt die Landwirtschaft weltweit immer mehr Wasser. In Indien muss in manchen Regionen das Wasser bereits aus über 1000 Metern Tiefe gepumpt werden. Auch in den USA trocknen immer größere Gebiete aus, weil die Böden für den Futtermittelanbau sowie die Weideflächen oft künstlich bewässert werden müssen und dadurch der Grundwasserspiegel ständig sinkt. (Swissveg 2013, 1.2., 1.8.; Peta 2013)

Tierwirtschaft bedeutet aber nicht nur Wasserverschwendung, sondern auch Wasserverschmutzung, etwa durch Pestizide, Herbizide und Medikamente beim Anbau von Futtermitteln und bei der Aufzucht der Tiere. Auch die ,normale‘ Wasserverschmutzung durch die Ausscheidungen der Tiere wirkt sich negativ auf Qualität und Menge des Trinkwassers aus. Zur Veranschaulichung: die Schweinepopulation in Deutschland erzeugt doppelt so viele Abwässer wie die menschliche Population – obwohl es weniger Schweine als Menschen gibt. (Peta 2013)

Die Gewinnung von Land für die Viehzucht ist eine der Hauptursachen für die Regenwaldzerstörung: Allein in Südamerika fielen in den letzten vier Jahrzehnten 40 Prozent des Regenwaldes Weideflächen oder Anbauflächen für die Futterproduktion zum Opfer. 70 Prozent des abgeholzten Amazonas-Regenwaldes werden für Rinderweiden verwendet und ein Großteil der restlichen 30 Prozent dient dem Futtermittelanbau. Die Regenwaldzerstörung gehört ihrerseits zu den Ursachen für eine weitere ökologisch bedenkliche Folge des Fleischkonsums: den Klimawandel. (Peta 2013; Swissveg 2013, 1.2., 1.9.)

Laut FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, werden 18 Prozent der globalen vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen von der Nutztierhaltung verursacht. Das Worldwatch Institute beziffert diesen Anteil – alle Faktoren miteingerechnet – sogar mit 51 Prozent! Der Nutztiersektor erzeugt mehr Treibhausgase als der gesamte weltweite Verkehr. Die klimaschädlichen Emissionen entstehen u.a. durch die Verdauung der Tiere und die Abholzung von Wäldern für Weide- oder Futteranbauflächen. (Swissveg 2013, 1.2.; Peta 2013)

Gesundheit

Dass sich die ökologischen Schäden, die die Nutztierwirtschaft im Allgemeinen und die Fleischproduktion im Besonderen verursachen, auch nachteilig auf die menschliche Gesundheit auswirken, liegt auf der Hand. Darüber hinaus belegen zahlreiche Studien, dass der Konsum von Fleisch und anderen tierlichen Produkten auch direkte negative gesundheitliche Folgen hat. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf Krebs, Herzkreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Generell attestiert die Academy of Nutrition and Dietetics, der weltweit größte Zusammenschluss professioneller Ernährungsexperten, dem Vegetarismus und dem Veganismus, gut geplant, physiologisch bedarfsgerechte und gesundheitlich vorteilhafte Ernährungsformen zu sein. (Swissveg 2013, 3.3.; Peta, 2010; Peta 2012 / 2013)

Ein ernsthaftes medizinisches Problem der Nutztierhaltung stellt der massive Einsatz von Antibiotika zur Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten dar. Die unnatürlichen Haltungsbedingungen machen dies notwendig, weil das Immunsystem der Tiere durch diverse Stressfaktoren, etwa Trennung von der Mutter, Transport und Zusammenführung mit fremden Artgenossen, extrem geschwächt wird. Durch diesen Medikamenteneinsatz werden immer mehr Bakterien resistent gegen die Behandlung mit den eingesetzten Antibiotika. Die Übertragung von Antibiotikaresistenzen vom Tier auf den Menschen gehört zu den größten Gesundheitsrisken der Nutztierhaltung. (Swissveg 2013, 2.3.)

Helmut Kaplan
(16.09.2017)

Quellen :

Peta: Positionspapier der AND (Academy of Nutrition and Dietetics)
Peta: Prävention von Krankheiten
Peta: Umweltschutz
Peta: Vegane Lebensweise bekämpft Welthunger
Swissveg: Argumente für eine vegetarische Ernährung

Vegan Italy Interview mit Helmut F. Kaplan

Herr Kaplan, Sie sind Vegetarier seit 1963. Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an mehr als 50 Jahre im Zeichen des Tierwohls? Gab es auch kritische Momente?

1963 war ich elf Jahre alt und mit der wirklichen Tierrechtsarbeit begann ich erst viele Jahre später – nach zwei Studien, die ich für diese Aufgabe gewählt hatte: Psychologie und Philosophie. In meinem Buch „Leichenschmaus“ beschreibe ich meine Situation vor dem Einstieg in die Tierrechtsarbeit so:

„Dem endgültigen Entschluß, kein Fleisch mehr zu essen, ging natürlich eine Entwicklung voraus: das Wissen um das unendliche Leiden der Tiere, die Erkenntnis, dass dieses Leiden ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen ist, und vor allem Trauer und Zorn über die eigene Ohnmacht … Das Schlimmste zu jener Zeit war aber … das Gefühl, der einzige zu sein, der diese Verbrechen überhaupt SIEHT. Ich kam mir vor wie der sprichwörtliche Rufer in der Wüste, mehr noch: wie der einzige Gesunde in einer Nervenheilanstalt, in der nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte geisteskrank sind.“

Als ich dann begann, mich systematisch in die Tierethik einzulesen, stellte ich zu meiner großen Überraschung fest, dass das, was ich bisher nur intuitiv und vage erfasst hatte, von Philosophen bereits theoretisch durchdrungen und ausformuliert worden war: von Peter Singer, Tom Regan und anderen. Das war eine große Freude und Erleichterung! In gewisser Weise aber auch eine Enttäuschung – darüber, nicht der Erste zu sein, der das immense Unrecht gegenüber Tieren erkennt, philosophisch einordnet und argumentativ auf den Punkt bringt. Immerhin kann ich mich damit trösten, wesentlich zur Einführung der englischsprachigen Tierrechtsphilosophie in den deutschen Sprachraum beigetragen und den Tierrechtsbegriff im Hinblick auf Nachvollziehbarkeit und Anwendbarkeit weiterentwickelt zu haben.

Buchstäblich kritisch war es, als ich mehrfach beschuldigt wurde, Gewalttaten gutzuheißen oder dazu aufzurufen, weil ich mich positiv im Hinblick auf Tierbefreiungen und dergleichen geäußert hatte. Noch belastender und für die Tierrechtsbewegung schädlicher sind aber die Selbstzerfleischungstendenzen in der Bewegung. So werde ich etwa von einigen als rechtsextrem verleumdet, weil ich den speziesistischen Terror gegen Tiere mit dem Nazi-Terror gegen Juden und andere „minderwertige“ Rassen oder Gruppen vergleiche. International sind solche Vergleiche absolut üblich. Man denke nur an das Diktum des jüdischen Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer: „Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi.“

2013 haben Sie „Vegan soll keine Religion sein“ veröffentlicht, ein Essay, das sich so kurzfassen lässt: Wer Tiere retten will, muss Realist werden. Glauben Sie also, einer der Gründe für die extreme Langsamkeit der Fortschritte in puncto Tierrechte sei die Tendenz der Aktivisten, sich in Schwärmereien zu ergehen statt pragmatische Strategien zu entfalten?

Auf alle Fälle! Der Vegetarierbund Deutschlands veröffentlicht seit Jahrzehnten sagenhafte Vegetarier-Zuwachsraten, in den letzten Jahren auch Veganer-Zuwachsraten. Würden die auch nur ansatzweise stimmen, gäbe es längst 150 Prozent Vegetarier bzw. Veganer! Die Medien beschwören seit Jahren einen Veggie-Boom und Vegan-Hype. Kein Wunder, dass es mittlerweile ein geflügeltes Wort ist, dass der Veganismus endlich „mitten in der Gesellschaft angekommen“ sei. Tatsächlich ist der Pro-Kopf-Fleisch-Verzehr in Deutschland aber seit 20 Jahren konstant! Irgendetwas stimmt hier also nicht. Dennoch hat diese Euphorie die Aktivisten dazu verführt, nur mehr auf Mode, Spaß und Coolness zu setzen und sich das aufwendige ethische Argumentieren zu ersparen. Und das hat – Stichwort: Politik; wir kommen darauf zurück – fatale Folgen. Außerdem sollten sich diejenigen, denen die „Veganisierung der Gesellschaft“ am Herzen liegt, anstatt über die Abweichler in den eigenen Reihen herzufallen, weil sie „nur“ zu 99 Prozent vegan sind, lieber um die überwiegende Mehrheit der Fleischesser kümmern!

Das Internet ist eine wichtige Quelle für Ihr Buch, sowie ein Ort, den Sie schon lange frequentieren. Vor der Zeit der sozialen Netzwerke haben Sie zum Beispiel eine sehr lebhafte Yahoo-Gruppe gegründet und moderiert. Heutzutage scheint das Internet mehr ein Ort des Streitens zu sein (Trolling usw.) als eine produktive, politische Plattform. Wie kann man dieses Phänomen strategisch umkehren?

In diesem Fall bildet das Internet wohl lediglich die „analoge Wirklichkeit“ ab. In der gibt es ja auch kaum konstruktive, substantielle Diskussionen über Tierrechte – sondern v.a. Angriff und Ausgrenzung. Andererseits ist das Internet heute natürlich so etwas wie das Leitmedium – das sowohl virtuelle als auch reale Entwicklungen anstoßen kann. In diese Richtung gehen auch meine Bemühungen. Freilich ist es schwierig, mit sehr kurzen Texten und bei geringer Aufmerksamkeitsspanne der Leser komplexe Zusammenhänge zu diskutieren. Deshalb versuche ich, mit pointierten Überschriften und Zitaten die Menschen dazu „zu verführen“, sich umfassender zu informieren, z.B. in Büchern.

Zwei Punkte gelten als Basis Ihrer „realpolitischen“ Tierschutzphilosophie:

a) Ganz konsequent vegan leben, also ohne jegliche Tierausbeutung, ist unmöglich.
b) Beim Versuch, möglichst konsequent vegan zu leben, gerät man notwendig in paradoxe, ja absurde Situationen.

Daraus stammt sowohl ein intimes Dilemma („Wie viel Leiden können wir akzeptieren?“) als auch eine politische Aufforderung, deren Kern vegetarisch ist: „Eine vegetarische Politik zum jetzigen Zeitpunkt schafft Vegetarier und (spätere) Veganer“.

Finden Sie diese Analyse immer noch aktuell? Und was ist Ihre Grenze, was die Konsequenz vs. Paradox‘-Spagat angeht?

Die vegane Konsequenz ist in der Tat ein Problem – u.a. deshalb: Erstens wird das „Reinheitsbestreben“ ab einem bestimmten Punkt – siehe etwa „Kann Spuren von Milch enthalten“ – kontraproduktiv. Zweitens befinden sich tierliche Substanzen nicht nur in Lebensmitteln, sondern auch in vielen anderen Produkten, etwa in Farben, Medikamenten, Waschmitteln und Bildschirmen. Und drittens gibt es neben dem Verzehr tierlicher Produkte viele andere tierschädliche Praktiken: Eine Welt, in der alle Veganer wären, aber Pelzmäntel trügen und die Labors voller Versuchstiere wären, wäre auch kein Fortschritt!

Wenn man, dies berücksichtigend, eine breitere Perspektive einnnimmt, erkennt man, daß es letztlich nur einen vernünftigen Orientierungspunkt bzw. Konsequenzmaßstab gibt: TIERRECHTE! Die Frage lautet dann schlicht: Welches Verhalten dient der Verwirklichung von Tierrechten? Welches Verhalten dient der Verwirklichung einer Welt, in der Tiere ein ihren Interessen gemäßes Leben führen können? Eine solche Welt wäre dann gewiss eine vegane Welt, aber auch eine Welt, in der viele andere Dinge, die Tiere schädigen, nicht mehr stattfinden.

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass eine notwendige Operation möglicherwesie nicht „vegan“ ist, weil der Chirurg an einem Tier geübt hat, dass ein notwendiges Medikament mit Sicherheit nicht vegan ist, weil es im Tierversuch getestet wurde, und dass der eigene Computer höchstwahrscheinlich auch nicht „vegan“ ist, relativiert sich die Konsequenzfrage rationalerweise. Man erkennt, dass man in einer völlig speziesistischen Welt seine Energie sinnvollerweise nicht primär darauf konzentrieren sollte, persönlich möglichst hundertprozentig antispeziesistisch zu sein, sondern darauf, dazu beizutragen, dass diese Welt weniger speziesistisch bzw. Tierrechts-konformer wird.

Ob ich meine Analyse betreffend primärer VEGETARISMUS-Forderung aufrecht erhalte? Nein. Momentan ist zuviel im Fluss, als dass man gültige Strategieempfehlungen geben könnte. Entscheidend wird zum Beispiel sein, ob sich der gegenwärtige Vegan-Hype letztlich als Modeerscheinung oder als nachhaltige Entwicklung erweisen wird. Eines hat sich allerdings mit Sicherheit nicht geändert: Für die allermeisten Menschen ist selbst der VEGETARISMUS nach wie vor eine völlig exotische Sache. Andererseits ist heute die Chance, junge, gebildete und v.a. weibliche Menschen ohne vegetarischen Zwischenschritt für den Veganismus zu gewinnen ungleich größer als noch vor wenigen Jahren.

Sie leben in Österreich. Wie geht die Politik mit solchen Themen um? Und wie ist die Atmosphäre innerhalb der Gesellschaft?

In diesem Bereich gibt es zwischen Österreich und Deutschland wohl keinen großen Unterschied: Politik und Gesellschaft laufen zuverlässig synchron. Im Hinblick auf mögliche künftige positive Entwicklungen hat sich die Situation in der Bevölkerung allerdings in den letzten Jahren m.E. verschlechtert: Mit zwei selbstbetrügerischen Behauptungen betreibt man gleichzeitig Realitätsverleugnung und Gewissensberuhigung: Man esse weniger Fleisch, das aber „bewusster“. Und: Man esse v.a. Bio-Fleisch. Beides ist nachweislich falsch: Der Pro-Kopf-Fleisch-Verzehr liegt in Deutschland seit 20 Jahren bei etwa 60 Kilogramm. Und der Bio-Fleisch-Anteil liegt unter zwei Prozent.

Was ist, Ihrer Meinung nach, die dringendste Aufgabe eines Tierrechtlers im Jahre 2017? Sollen Philosophie und Vor-Ort-Aktivismus unterschiedliche Agenden haben?

Nein, denn es gibt nur EIN Anti-Fleisch-Argument, das nicht unterlaufen werden kann: das ethische, genauer: das tierethische: Tiere sollen nicht für unsere Geschmackserlebnisse leiden und sterben müssen. Alle anderen Anti-Fleisch-Argumente lassen sich leicht aushebeln: Das ökologische: Dann fahre ich halt mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto zum Metzger – und schon passt die CO2-Bilanz wieder! Das gesundheitliche: Dann esse ich halt weniger Fleisch, weniger rotes Fleisch oder mehr Fisch! Die Botschaft muss lauten: Es gibt keine ethische Rechtfertigung dafür, Tiere zu quälen und zu töten, damit wir sie essen können!

Kennen Sie das Werk des italienischen Philosophen Leonardo Caffo, den “antispecismo debole” (‘schwachen Antispeziesismus’)? Caffo konzentriert sich auf die Befreiung der Tiere und hält es für unnötig, sogar schädlich angesichts dieses Ziels, breitere politische Implikationen bzw. Vergleiche mit der menschlichen Befreiung gleichzeitig im Visier zu halten. Die Befreiung der Tiere soll als „Zweck an sich“ gelten. Was halten Sie davon?

Da ich Caffos Philosophie nicht kenne, kann ich mich dazu nur generell äußern: Ich sehe nur ein Szenario, Tierrechte zu verwirklichen und den Speziesismus zu überwinden: eine Tierrechtsbewegung als deklarierte und konsequente Fortsetzung der Befreiung der Sklaven und der Emanzipation der Frauen. Oder genereller: die Tierrechtsbewegung als logische Fortsetzung der Menschenrechtsbewegung. Rassismus, Sexismus und Speziesismus müssen gleichermaßen als Verstöße gegen das moralische Gleichheitsptinzip erkannt, verurteilt und überwunden werden. In meinem jüngsten Buch „Tierrechte: Wider den Speziesismus“ habe ich diese philosophische, politische und historische Perspektive noch einmal erläutert.

Eine letzte, leichtere Frage, die wir all unseren Gästen stellen: Was ist Ihr Lieblings-Vegangericht?

Für mich ist das gar keine einfache Frage! Ich kann nicht kochen und will nicht kochen und erhitze mir abends daher einfach ein Stück Tofu oder ein veganes Fertiggericht. Um aber nicht gar so prosaisch zu enden: In einem Lokal, das bis jetzt gar nichts Veganes auf der Karte hatte – und ich mir daher bisher einfach einen Salat und die Beilage Pommes frites bestellte -, gibt es neuerdings gleich mehrere vegane Gerichte. Auf die freue ich mich!

Quelle: fellbeisser.net