Wort zum Sonntag


Die meisten Menschen sind ja Dutzendware, Groschenstücke, die sich nur durch das Jahr der Prägung unterscheiden. Der eine ist etwas abgegriffener, der andere noch blank, aber sie gelten alle dasselbe, sind aus demselben Stoff gemacht, sind sich alle zum Übelwerden ähnlich.
Maxim Gorki, Der Landstreicher

Dass die Menschheit doch rebelliere gegen die sich Fortpflanzenden! Stattdessen aber pflegt die Menschheit das Verbrechen der Fortzeugung! Sie reden von Liebe und es ist der Fortpflanzungstrieb.
Philippe Annaba, CRIS, SANS TITRE, SANS MUSIQUE, SANS
RIEN…, Editions Pierre Jean Oswald, Paris 1973, S. 16

Wort zum Sonntag

S u p e r m a r k t :

In der Kleinstadt wird noch ein vierter Supermarkt gebaut, genauso überflüssig wie schon der Dritte. Gemeinderat und ökologische Vernunft sind unvereinbare Begriffe in diesem Städtchen, hingegen harmoniert Gemeinderat mit kleinbürgerlichem Geltungswahn perfekt. Für den Supermarkt wird ein Baugelände erschlossen, das seit Anbeginn der Zeit der Natur gehörte. Brombeerhecken boten Kaninchen und Vögeln Schutz, wilde Blumen erfreuten den Spaziergänger und dienten Bienen und Schmetterlingen als Nahrung. Eines Morgens ist alles vorbei. Bagger planieren das Gelände, statt Gräser wächst der Supermarkt jetzt in den trüben Himmel. Kaninchen, Vögel, Bienen und Schmetterlinge sind vertrieben, Blumen und Büsche sind vernichtet- der Tod hat sich ausgebreitet, zahlreiche Lebenswelten sind spurlos verschwunden und für immer vertrieben.
Könnte man noch über ökologische Dummheit und ökonomische Unkenntnis kopfschüttelnd  hinwegsehen, treibt den Denker ein anderer Umstand in die Revolte.

Der Umstand nämlich, dass für einen vermeintlich momentanen Vorteil nur begrenzt vorhandene Natur unwiederbringlich zerstört wird, der Umstand, dass derartige Gimpel nicht nur heutiges Leben vernichten, sondern selbst ihren Kindern Lebensraum vorenthalten und der Umstand, dass diesen Denkzwergen sogar das geringste Gespür für ihr schändliches Tun fehlt. Sie fühlen sich in ihrer Beschränktheit großartig, sind voller Stolz auf das Vollbrachte und merken nicht, dass sie Totengräber künftigen Lebens sind; aus der Selbstzufriedenheit und Froschperspektive der Biedermänner dieser Welt wachsen die Metastasen des Untergangkarzinoms.

A r t e n s t e r b e n :

Tierarten sterben mit rasender Geschwindigkeit aus, Pflanzenarten sterben mit rasender Geschwindigkeit aus. Die Menschheit wächst mit rasender Geschwindigkeit und frisst sich in den Raum der ausgestorbenen Arten. Aber wer vermisst überhaupt ausgestorbene, vernichtete Arten? Arten, von denen uns unsere philosophische Überzeugung doch lehrt, dass all das, was nicht existiert, auch nicht leiden kann.

Nur das Erinnerungsvermögen des Menschen, das sich beim Blättern in den Büchern der Historie auf vergangene Vielfalt besinnt, denkt an vernichtete Arten zurück – aber emotionslos, sowenig wie das Fehlen der Saurier heute bedauert wird. Man ist soweit im Denken, im Fühlen und Empfinden verkommen, dass die eigene Art als ausreichende Vielfalt genommen wird. Was wird in Zukunft sein?

Die Menschheit wird in kurzer Zeit sich selber allein auf einer zementierten Erde gegenüberstehen und alle Gnadenlosigkeit und Brutalität am eigenen Leib erleben, nämlich die gleiche Brutalität, mit der die Vielfalt des Lebens der Hybris der menschlichen Dummheit geopfert wurde. Die Natur hat sich aber in Wartestellung zurückgezogen und beobachtet mit kosmischem Gelächter den Untergang einer Mörderspezies, die eigene Versklavung der Krone der Idiotie. Der Mensch als Witz der Evolution, als schlechte Komödie auf der Bühne des Universums – so wird es im Feuilleton der Götter zu lesen sein.


 

Wort zum Sonntag


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Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der »Fortschritt« ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Werte tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgendwelcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.
Friedrich Nietzsche: Der Antichrist, 4