Dr. G. Bleibohm: Aphorismen und Epigramme aus „Widerrede III“

Es bedarf schon einer permanenten Ausblendung und gedanklichen Selbstdisziplin, um unbeschadet durch den Tag zu kommen. Normalerweise müsste man sich bei klarem Verstand und normaler Denkfähigkeit bereits nach der morgendlichen Zeitungslektüre ins Delirium saufen oder alternativ vehement für die Wiedereinführung der Prügelstrafe stimmen. Letztere weniger für die Personen der beschriebenen Sachverhalte, sondern überwiegend für die Lohnschreiber der Zeitungen, deren interpretierende Borniertheit – in der Bandbreite von Stupidität und erbarmungswürdiger Mediokrität – auch noch gedruckt, vervielfältigt, verkauft und manchmal gar noch gelesen wird.

Von Friedrich II, König von Preußen, ist folgendes Zitat überliefert: „Es gibt nichts Ungereimteres als den Gedanken, den Aberglauben ausrotten zu wollen. Die Vorurteile sind die Vernunft des Volkes – und verdient dieses blöde Volk aufgeklärt zu werden?“

Lebenserfahrung, Weltgeschichte und grassierender Religionsmystizismus geben die Antwort vor: Nein, es verdient es nicht. Aber was das Schlimmste ist, es will nicht aufgeklärt werden, denn heute könnte man wissen, wenn man wissen wollte. Das Volk ist aufklärungsresistent, sein Erkenntniswille incorrigibel und es ist in Summe nahezu unfähig, sich vom Boden der Gewohnheiten zu erheben.

Es ist nicht lange her, dass dem ungebildetem Volk Meinungen, Glaubensdogmen sowie Art und Umfang des Wissens und Denkens von einigen wenigen Aristokraten und Pfaffen vorgegeben, meist jedoch aufgezwungen wurden. Die Dominanz dieser Minderheit gründete sich traditionell auf einer schmalen Kenntnis- und einer absoluten Machtüberlegenheit. Aber die Zeiten änderten sich, denn eine Waage neigt sich immer zu der Seite, auf der die größere Masse liegt. Doch wiegen bedeutet nicht wägen und Masse ist nicht gleich Qualität, so dass sich als Resultat ergibt, dass als inhärentes Wesen der Demokratie im heutigen Zeitgeschehen eine kenntnislose Mehrheit der intellektuellen Minderheit Meinung und Richtung vorgibt.

Es fehlt bis heute jeder Beweis für die Existenz eines Gottes, alle Gottesbeweise sind kläglich gescheitert.

Was wäre eigentlich, was würde geschehen, wenn es gelänge, den unangreifbaren Nachweis für eine Gottesunmöglichkeit, für die Gottes-Nicht-Existenz zu erbringen und alle Gottesvorstellungen nur eine Fiktion, eine Utopie, eine Fata Morgana wären? Was würde aus dem Glaubensbruder, wenn der Boden, das Fundament seiner Lebenshoffnung und Jenseitsperspektive schwände und sich als Sinnestäuschung, als Trugbild erweisen würde? Würde er dann erkennen, dass er gleich dem Tier, gleich jedem Lebewesen in seiner Erbärmlichkeit, in seiner Belanglosigkeit, in seiner Vergeblichkeit, Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit ist?

Man mache sich jedoch selbst bei Eintritt dieses spekulativen Falls keine Illusion. Schneller als man denken kann, würde ein neuer Ersatzpfeiler innerhalb der Menschheit zur Rechtfertigung ihrer anthropozentrischen Hybris errichtet, denn eines wird der Mensch, solange es ihn geben wird, intellektuell niemals verkraften: Die Erkenntnis seiner universellen Bedeutungslosigkeit, die Umsonstigkeit jedes und damit auch seines Lebens.

Nachtrag: Leider ist aber der Beweis einer Nichtexistenz aus logischen Gründen unmöglich.

Jedes Lebewesen wird durch seine Geburt in die Einsamkeit katapultiert, denn es lebt auf seiner ganz individuellen Insel im Meer des Seins. Diese Insel bildet sich durch seine Erfahrung, sein Wissen, seine Umgebung, seine Gedanken, seine Gefühle, Ängste und Hoffnungen und ist die Heimat seiner Innenwelt. Verbindungen zu Nachbarinseln, zur Außenwelt, können das eigene Robinsonleben zwar sporadisch beeinflussen, anregen, erregen, narkotisieren, aber in letzter Konsequenz gibt es niemals ein Entkommen vom einsamen Eiland des individuellen Seins. Nur der Tod hebt diese grausame Verbannung in die Isolation auf, eine Verbannung, zu welcher der Gefangene schuldlos, von seinen Richtern aber vorsätzlich und arglistig, verurteilt wurde.

Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Wind treibt“ schreibt Ortega y Gasset im „Aufstand der Massen“. Der Mensch in der Masse gleicht täglich mehr einem träge und schmutzig dahinfließenden Strom. Es ist nur noch entscheidend, wohin und vor allem wie man die Flut lenkt, bevor sie das letzte Grünland überschwemmt hat.

 

Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

Jedes Leben ist produktiv, denn es produziert täglich, stündlich, unentwegt Vergangenheit. Lebensvergangenheit gehört aber immer dem Tod.

Seit man dem Christentum sein wichtigstes Argument – den Scheiterhaufen, die ultima ratio theologorum – genommen hat, ist es querschnittsgelähmt. Es lebt noch, ist aber ein Pflegefall, um den sich die Angehörigen nur noch aus Gewohnheit bemühen.

Wenn ich doch auf der Treppe der Empfindungen doch nach unten steigen könnte! Vom Mensch, zum Tier, zur Pflanze und als Krönung ins Mineralische. Die Last des Denkens und Fühlens wäre verschwunden, das Sein wäre wieder genießbar.

Eigentlich wollte er die Felstürme und Eiswände dieses riesigen Gebirges erklimmen, in den Gipfelbüchern einen Vermerk seines Sieges hinterlassen. Er kannte die Wege hinauf – theoretisch – hatte sich gut vorbereitet, war sich seiner Sache sicher, siegessicher, und nun die Ernüchterung. Im Vorgebirge, mehr Hügellandschaft als Gebirge, hatte er sich bereits verlaufen. Vor ihm der Abstieg in eine tiefe, steinige Schlucht, hinter ihm der undurchdringliche, dunkle Bergwald. Spontan kamen ihm die Worte von Nietzsche in den Sinn: „Kein Pfad mehr! Abgrund rings und Totenstille! – So wolltest dus! Vom Pfade wich dein Wille! Nun, Wandrer, gilts! Nun blicke kalt und klar! Verloren bist du, glaubst du – an Gefahr.“

Er blickte hektisch, vor Angst nervös, um sich, als das Brummen einer kräftigen, starken Hummel ihn aus seiner Lähmung riss. Er hörte genauer hin und das Brummen formte sich in seinem Kopf zu Worten. „Hab ich dich nicht bis hierher wohlbehalten geführt, dich genährt, auf dich geachtet, dich geschützt? Was willst du mehr? Willst du deine zukünftige Zeit , deinen weiteren Weg wissen? Auch den hab ich dir gezeigt“, hörte er, „nur du hast mich nicht verstanden, weil du nicht sehen wolltest.

Schau vor deine Füße, siehst du die Käfer, die Würmer, die Schnecken, schau in die Luft, siehst du die Mücken, die Wespen, die Vögel, schau auf das Wasser, siehst du den See mit seinen Fischen, den Biber und die Enten, schau auf die Wiese, siehst du die Blumen, die Kühe und Pferde, schau auf den Wald, siehst du die Bäume, die Rehe, die Füchse, schau hin, wohin du willst, überall zeigte ich dir auch deine Zukunft, deinen Weg, den gleichen Weg, den du wie alles Leben gehen musst. Wie die Maus geboren wurde und durch ihr Leben sich kämpfen muss, bist du auch durch deine Geburt auf diese Reise geschickt worden.

So wie die Blume aufgeblüht ist und nun verwelkt, hast auch du deine Blüte gehabt. Warum glaubst du, dass ich mit dir anders umgehen sollte, als mit jedem anderen Leben? Du bist entstanden, hast viele Wandlungen durchlebt und dieser Wandel führt dich auch zu mir zurück. Du wirst zu mir, deiner wahren Mutter, zurückkehren, zu mir, die dich einstmals geboren hat; ich werde dich dann wieder in meine Arme schließen, dich bergen und in meinen Leib aufnehmen. Du kehrst zu mir zurück. Was dachtest du denn? Dass ich dich verstoße oder dich gar bevorzuge, dass ich dich anders behandeln soll, wie all meine anderen Kinder?

Ihr seid alle gleich für mich, ich hänge an dir nicht stärker als an dem Käfer, ich schätze das Blatt genauso wie die Kuh, den Vogel wie den Fisch. Befreie dich von dem Wahn, dass meine Liebe zu dir stärker sein soll als die zu irgend einem anderen Lebewesen. Dies ist deshalb mein Hinweis an dich für deinen weiteren Lebensweg und vergiss ihn niemals: vor mir ist jedes Leben gleich, gleich wichtig, gleich nichtig, denn mein Name ist Natur und mein Wesen ist absolute Gerechtigkeit.“ Ein Knirschen, die Felsnase, auf der er stand, stürzte abrupt, ihn mitreißend, in die schwarze Tiefe der Schlucht. Tage später fand man ihn völlig zertrümmert zwischen den Felsbrocken des tosenden Gebirgsbachs. Die Raben hatten ihm schon die Augen herausgepickt.

Eine nichtheilbare Krankheit bedeutet nicht zwangsläufig eine tödliche Krankheit. Der Todeskeim steckt allein im Leben, denn man stirbt nicht, weil man krank ist, sondern weil man lebt.

Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

 

U n e n d l i c h :

Nach der Endlichkeit des Lebens kommt die Unendlichkeit des Todes, die Ewigkeit des Nicht-Seins.

G e b u r t s t a g :

Jede Geburtstagsfeier ist die Verherrlichung der näherkommenden Zerstörung. Man feiert, dass man bald untergehen wird.

G e g e n s a t z :

Erkenntnis gewinnen und nach Zufriedenheit streben – gibt es größere Gegensätze?

T o d e s e n g e l :

Die Genesung von der Krankheit rettet dich nicht vom Tod. Der Tanz geht trotzdem weiter. Du wirst durch dein Leben bis zum Untergang solange weiter tanzen müssen, bis du entweder erschöpft bist oder die Musik endet. Nach der Krankheit ist vor der nächsten Krankheit, nach der Krankheit ist vor deiner Vernichtung. Bei deiner Geburt hat dich der Todesengel bereits zu diesem Tanz aufgefordert und nun wirbelt er dich über das Parkett der Zeit, über das Parkett deiner Endzeit.

F r a g m e n t e :

Es ist ein Zeichen tiefsten geistigen und moralischen Niedergangs, Wahrheiten solange zu bearbeiten, bis sie wie ein Fähnchen im Wind in jede gewünschte Richtung flattern können. Historiker im Auftrag der herrschenden Politkaste gelten als Meister der Bearbeitung. Sie beurteilen aus Relikten und Fragmenten ein Geschehen und bewerten es durch die Brille ihrer speziellen Unwissenheit und Unkenntnis, denn sie sind eigentlich nie Zeitzeugen. Ihre Betrachtungen können niemals den Gesamtrahmen, die damals bestimmende Lebenssituation erfassen, denn sie hüpfen wie auf Trittsteinen durchs Moor ihrer Fragmente. Oder könnte jemand von ihnen selbst sein eigenes Leben wiedergeben, wie er es durchlebt hat, wenn er heute nur noch seine verbliebenen Erinnerungsbruchstücke zur Verfügung hat?

S t o l z :

Die europäischen Völker waren jahrhundertelang groß, weil sie eigenständig waren, die Menschen einen speziellen Stolz auf ihr Land hatten und in eine reine, unvermischte Kultur eingebunden waren, die den Menschen gemäß war. Nun sind es keine Völker mehr, der Stolz ist verschwunden, die Kultur ins Museum gewandert. Geblieben ist ein Einheitsbrei entwurzelter, richtungsloser Menschenmassen.