Silke Ruthenberg von Animal Peace über Terror, Holocaust und Denkverbote

Foto: Jo Frederiks
Australische Tierrechtlerin und Künstlerin

Der Nichtrebell und kritische Systemphilosoph Richard David Precht hat es erst neulich getan, hat Schlachthöfe mit KZ-s verglichen und es als seinen Wunsch bezeichnet, dass seine Enkel ehemalige Schlachthöfe als Gedenkstätten besuchen werden wie heute Schulkinder die Konzentrationslager des Nationalsozialismus.

Im ganz unten eingebetteten Video bezeichnet der ehemalige Vize-Chef der Citi-Bank und Hauptgeschäftsführer von Citicorp Philip Wollen das Verhältnis der Menschen zu den anderen Arten als Terror.

Für viele gesellschaftliche Alfatiere ist es selbstverständlich, die systematische Gewalt gegen Tiere mit den deutlichsten Worten und Vergleichen auszudrücken, die unsere Sprache kennt. Wenn aber die Alfatiere es sich erlauben können, warum meinen dann immer noch so viele Tierrechtsdarsteller in unseren Reihen, sich von TÄTERN vorschreiben lassen zu müssen, wie die Vernichtung der anderen Tiere zu benennen ist und damit die Deutungshoheit der herrschenden Verhältnisse quasi übernehmen?

Vor einiger Zeit haben sich die „Antispeziesisten“ von den „Tierbefreiern e.V.“ langatmig und nach drei Wochen Grübelei darüber ausgelassen, warum unser Hinweis auf sechs Millionen Terroropfer unter den Gänsen anlässlich des Terroranschlags am Berliner Weihnachtsmarkt so verwerflich und warum der Vergleich falsch sei. Vergleiche sind freilich keine rationalen Argumente, sie dienen der Veranschaulichung. Sie hinken immer, natürlich, sie drücken die wesentliche Botschaft durch eine wertende Konnotation aus. Ausführungen, warum und aus welchen Gründen der Holocaustvergleich oder eben der Vergleich mit Terrorismus falsch seien, zielen immer auf Nebenschauplätze ab. TÄTER wollen Menschenopfer nicht mit den Opfern anderer Arten gleichgestellt sehen und TIERRECHTSDARSTELLER beziehen sich auf eine unterschiedliche Motivationslage der TÄTER.

Beide Argumentationsketten sind Nebelkerzen und dienen – gewollt oder ungewollt – der Systemstabilisierung, weil sie vom Eigentlichen ablenken: den Opfern. Für das Opfer ist im Angesicht von Folter, Mord und namlosen Erschrecken (Terror, lat. Angst, Schreck) die Motivation des Täters ebenso unerheblich wie sein eigenes explizites Sein. Das Opfer ist in diesem Moment nur ein überwältigendes Gefühl von Schmerz, Verzweiflung und Todesangst. Und nur darum geht es, weil alles andere in so einem Zusammenhang vollkommen unwesentlich ist und selbstverliebtes, moralisch blindes Argumentum ad Korinthenkackerei und Eitelkeit.

Der Vergleich ist natürlich auch nicht „relativierend“. Zwölf tote Terroropfer vom Weihnachtsmarkt mit sechs Millionen Terroropfer unter Gänsen in einem Atemzug zu nennen mag relativierend klingen, jedenfalls für jemanden mit dem Denkapparat eines Buchhalters. Wer jedoch den Geist des Menschenrechts wirklich begriffen hat (auf den sich ironischerweise gerade die Kleinkarrierten so gerne beziehen), der hat auch verstanden, dass es auf Anzahl nicht ankommt, wenn der Wert des einzelnen Lebens unendlich ist.

Dieses Argument ist ein gefährliches Verwirrspiel und unterminiert den wesentlichen Kern unserer Ethik. Es wird überall angewendet, wenn es darum geht, das Menschenrecht zu unterminieren und das Bewusstsein dafür zu verschleiern (siehe dazu auch den gehirnwaschenden Film TERROR (Ferdinand von Schirach) neulich in der ARD, perfide gemacht und die nachfolgende Diskussion auf Hart aber Fair mit versuchter hinterhältiger rhetorischer und sozialer Vernichtung des wahrhaft streitbaren Bürgerrechtlers Gerhart Baum). Das zu erkennen ist die wirklich wichtigere Basis der Verteidigung der Menschenrechte als lächerliche Anstandregularien, die in Wahrheit die Funktion haben, das Unrecht zu verschleiern und unsichtbar zu machen.

Jeder Vergleich ist eine Erinnerung an das Wesentliche, sie setzt Angst, Schmerz und Schrecken in einen Sinnbezug. Der Vergleich ist nicht nur richtig, sondern wichtig und er führt verlässlich zu einem Aufschrei, gerade weil er das Wesentliche, den schmerzhaften Punkt der Wahrheit, pfeilgenau trifft.

Der Vergleich ist nur eine Form, Unrecht zu benennen. Natürlich kann und darf und soll man ihn einsetzen, aber man muss es nicht. Es gibt viele weitere Möglichkeiten, den anderen Arten eine Stimme zu geben und ihren Schmerz öffentlich zu machen und auszudrücken. Keine Methodik ist besser oder schlechter als die andere, jede hat ihren speziellen Moment, an dem sie ihre innewohnende Kraft entfalten kann. Der Methodenstreit ist lächerlich!

Aber vor allem dürfen wir es niemals zulassen, dass uns die Sprache genommen wird durch willkürliche Tabus, denn unsere Sprache ist unsere wichtigste Waffe. Und lassen wir es vor allesamt nicht zu, dass wir uns selbst eine Schere im Kopf verordnen und uns die Freiheit zum Denken und Sprechen selbst beschneiden.

Silke Ruthenberg

Philip Wollen über die Notwendigkeit, auf Fleisch zu verzichten :

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