Dr. G. Bleibohm: Aphorismen und Epigramme aus „Widerrede III“

G e s p i n s t :

Ob die Welt wohl von einem Gespinst gedachter, dann aber vergessener und verlorener Gedanken durchzogen ist? Realisierte Gedanken sieht man als Produkte. Gedachtes, das vergessen wurde, wo ist es, gibt es einen Friedhof, eine Müllhalde, einen Speicher? Alles im Nichts? Egal wie eine mögliche Antwort lautet, sie ist gleichgültig, wertlos, bedeutungslos.

N a c h r u f :

Leider allzu früh verstorben …“, ein Standardsatz in vielen Todesanzeigen. Ein Bedauern also, dass man dem Verstorbenen noch gerne weitere Lebensjahre ge-wünscht hätte.

Ist man hingegen von der Philosophie Schopenhauers durchdrungen und hat die Erkenntnis verinnerlicht, dass Leben in letzter Konsequenz Leiden bedeutet, dass jedes Leben unabänderlich irgendwann in der Katastrophe des Untergangs, der totalen, endgültigen Vernichtung endet, enden muss, bekommt der Eingangssatz einen bitteren Nachgeschmack.

Unter dieser Prämisse kann vorstehender Nachruf auch als Bosheit, Gemeinheit, als Niedertracht, bestenfalls als Dummheit gewertet werden, denn das geheuchelte Bedauern verkörpert nichts anderes, als den Wunsch nach längerer, ausgedehnterer und intensiverer Leidenszeit für den „bedauerlicherweise“ schon so früh Verstorbenen. John Fante drückte es in „Little Italy“ wie folgt aus: „Es tat ihm zwar leid, dass er tot war, aber es tat ihm nur leid, weil sich das so gehörte, ihr Schmerz war das Zeichen an gutem Benehmen, es kam aber nicht aus ihrem Herzen.“

Merke: Äußerer Schein verdeckt oftmals innere Gesinnung.

Z e r f l i e s s e n :

Die Tage füllen sich mit Nichtigkeiten, Ängstigungen, Beeinträchtigungen und Ärgernissen. Die Lebenszeit zerfließt – mit wenigen Ausnahmen – im Bemühen, diese tragische Komödie zu verkraften, durchzustehen, sie mehr schlecht als recht auszublenden und in dem sich endlos wiederholenden Versuch, dieser Absurdität doch einen halbwegs normalen Tag hinzuzufügen. Nur Lügner und Heuchler verkünden Gegenteiliges.

G a r t e n s c h e r e :

Logik und Vernunft, hochverehrt und tief gehasst. Schneidet man damit, wie mit einer Gartenschere, das schützende, selbstbelügende Gebüsch zahlloser Gedankenwelten, hinter denen sich Mensch und Menschheit verbergen, weg, also all das, was Schutz vor ungeschminkter Erkenntnis gibt und erlaubt, sich jenseits von Logik und Vernunft zu bewegen, sieht man den Mensch in seiner erbärmlichen Nacktheit. Der Hass der Entblößten trifft die Gartenschere, aber insbesondere den Gärtner!

J u g e n d :

In jungen Jahren hatte ich oftmals die Vision, dass man jährlich einen gewissen Prozentsatz bebauter Natur wieder in ihren Urzustand zurückführen müsse, um natürliche Lebensräume für Natur und Tierwelt auszuweiten, um unsere Welt für jegliches Leben lebenswert zu erhalten. Aber es war eine Vision, eine Verkennung der globalen menschlichen Denkschwäche. Ich habe den Fortpflanzungstrieb des homo genitalis, die vernichtende Weltdominanz der Ökonomie und die erneut auflodernde Kraft der Religiotie unterschätzt. Die Natur liegt inzwischen im Todeskampf.

Dr. G. Bleibohm: Aphorismen und Epigramme aus „Widerrede III“

Es bedarf schon einer permanenten Ausblendung und gedanklichen Selbstdisziplin, um unbeschadet durch den Tag zu kommen. Normalerweise müsste man sich bei klarem Verstand und normaler Denkfähigkeit bereits nach der morgendlichen Zeitungslektüre ins Delirium saufen oder alternativ vehement für die Wiedereinführung der Prügelstrafe stimmen. Letztere weniger für die Personen der beschriebenen Sachverhalte, sondern überwiegend für die Lohnschreiber der Zeitungen, deren interpretierende Borniertheit – in der Bandbreite von Stupidität und erbarmungswürdiger Mediokrität – auch noch gedruckt, vervielfältigt, verkauft und manchmal gar noch gelesen wird.

Von Friedrich II, König von Preußen, ist folgendes Zitat überliefert: „Es gibt nichts Ungereimteres als den Gedanken, den Aberglauben ausrotten zu wollen. Die Vorurteile sind die Vernunft des Volkes – und verdient dieses blöde Volk aufgeklärt zu werden?“

Lebenserfahrung, Weltgeschichte und grassierender Religionsmystizismus geben die Antwort vor: Nein, es verdient es nicht. Aber was das Schlimmste ist, es will nicht aufgeklärt werden, denn heute könnte man wissen, wenn man wissen wollte. Das Volk ist aufklärungsresistent, sein Erkenntniswille incorrigibel und es ist in Summe nahezu unfähig, sich vom Boden der Gewohnheiten zu erheben.

Es ist nicht lange her, dass dem ungebildetem Volk Meinungen, Glaubensdogmen sowie Art und Umfang des Wissens und Denkens von einigen wenigen Aristokraten und Pfaffen vorgegeben, meist jedoch aufgezwungen wurden. Die Dominanz dieser Minderheit gründete sich traditionell auf einer schmalen Kenntnis- und einer absoluten Machtüberlegenheit. Aber die Zeiten änderten sich, denn eine Waage neigt sich immer zu der Seite, auf der die größere Masse liegt. Doch wiegen bedeutet nicht wägen und Masse ist nicht gleich Qualität, so dass sich als Resultat ergibt, dass als inhärentes Wesen der Demokratie im heutigen Zeitgeschehen eine kenntnislose Mehrheit der intellektuellen Minderheit Meinung und Richtung vorgibt.

Es fehlt bis heute jeder Beweis für die Existenz eines Gottes, alle Gottesbeweise sind kläglich gescheitert.

Was wäre eigentlich, was würde geschehen, wenn es gelänge, den unangreifbaren Nachweis für eine Gottesunmöglichkeit, für die Gottes-Nicht-Existenz zu erbringen und alle Gottesvorstellungen nur eine Fiktion, eine Utopie, eine Fata Morgana wären? Was würde aus dem Glaubensbruder, wenn der Boden, das Fundament seiner Lebenshoffnung und Jenseitsperspektive schwände und sich als Sinnestäuschung, als Trugbild erweisen würde? Würde er dann erkennen, dass er gleich dem Tier, gleich jedem Lebewesen in seiner Erbärmlichkeit, in seiner Belanglosigkeit, in seiner Vergeblichkeit, Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit ist?

Man mache sich jedoch selbst bei Eintritt dieses spekulativen Falls keine Illusion. Schneller als man denken kann, würde ein neuer Ersatzpfeiler innerhalb der Menschheit zur Rechtfertigung ihrer anthropozentrischen Hybris errichtet, denn eines wird der Mensch, solange es ihn geben wird, intellektuell niemals verkraften: Die Erkenntnis seiner universellen Bedeutungslosigkeit, die Umsonstigkeit jedes und damit auch seines Lebens.

Nachtrag: Leider ist aber der Beweis einer Nichtexistenz aus logischen Gründen unmöglich.

Jedes Lebewesen wird durch seine Geburt in die Einsamkeit katapultiert, denn es lebt auf seiner ganz individuellen Insel im Meer des Seins. Diese Insel bildet sich durch seine Erfahrung, sein Wissen, seine Umgebung, seine Gedanken, seine Gefühle, Ängste und Hoffnungen und ist die Heimat seiner Innenwelt. Verbindungen zu Nachbarinseln, zur Außenwelt, können das eigene Robinsonleben zwar sporadisch beeinflussen, anregen, erregen, narkotisieren, aber in letzter Konsequenz gibt es niemals ein Entkommen vom einsamen Eiland des individuellen Seins. Nur der Tod hebt diese grausame Verbannung in die Isolation auf, eine Verbannung, zu welcher der Gefangene schuldlos, von seinen Richtern aber vorsätzlich und arglistig, verurteilt wurde.

Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Wind treibt“ schreibt Ortega y Gasset im „Aufstand der Massen“. Der Mensch in der Masse gleicht täglich mehr einem träge und schmutzig dahinfließenden Strom. Es ist nur noch entscheidend, wohin und vor allem wie man die Flut lenkt, bevor sie das letzte Grünland überschwemmt hat.

 

Dr.Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

Die Intensität, die Erfahrung des Leidens, hängt von der Ausstattung des Bewusstseins ab, von dem darin vorkommenden Wissen, der Sensibilität und der Denkfähigkeit. Körperlichen Schmerz wird der Dumme und der Kluge gleichermaßen erleben. Geistige Leiden hingegen sind dem Flachkopf naturgemäß weniger vertraut, so dass er hierin einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Geistesmenschen genießt. Wie sagte Pittigrilli so treffend: „Dummheit ist ein Zustand der Gnade.“

Die Menge war in die Arena geströmt. Sie stand Fuß an Fuß, Kopf an Kopf und gaffte nach oben. Man war gekommen, um ihn zu sehen, den Seiltänzer, der hoch droben, unvorstellbar hoch für die Masse, wie selbstverständlich über ihnen auf dem schmalen, schwingenden Seil hin und her lief. Aber er lief nicht nur auf dem Seil, er bewegte sich dort mit traumwandlerischer Sicherheit, er lebte gar dort oben, einsam, seine Liebe galt der Einsamkeit, er schlief auch dort, er aß auf dem Seil, ungestört, unbehelligt von der Menge.

Die Vögel des Wissens umflatterten ihn, setzten sich manchmal auf seine Schultern, brachten ihm Nahrung, geistige Anregungen, waren seine Gefährten, immer, bei jeder Wetterlage, bei Sonnenschein sowie bei Blitz und Donner. Sie waren seine Gesprächspartner und Freunde.

Das Seil war seine Heimat, denn es war ein ungewöhnliches Seil, kein gewöhnliches, kein der Menge vertrautes Seil, das Seil, dieses besondere Seil, war seine zweite Natur, sein Lebenselixier geworden. Es war das Seil der grenzenlosen Freiheit, gedreht aus der Erkenntnis über die wahre Natur des Seins, das er zwischen den Pfosten der Sinnlosigkeit und der Vergeblichkeit jeglicher Existenz gespannt hatte.

Von den Pfosten, an denen das Seil aufgehängt war, hielt sich die Masse mehr ängstlich denn respektvoll fern, weil die Masten aus einem Material gebaut waren, das sie bisher nicht kannten, noch nie gesehen, geschweige denn jemals berührt hatten.

Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit als tragende Säulen des Seins, das wollte, das konnte nicht in ihren Kopf. Die Pfosten wirkten auf sie wie zerstörende Glutsäulen, strahlten ihrer Meinung nach, so empfanden sie es, eine versengende Hitze aus, geeignet zur endgültigen Vernichtung ihrer herkömmlichen Werte.

Man war darüber erstaunt, fassungslos, verwundert oder auch abgestoßen. Das ist wider alles, was wir bisher gehört, gelernt haben, das ist wider die Lehre des Seins, wider die Hoheit und Unantastbarkeit des Lebens, sprachen einige. Andere waren gekommen, weil sie seinen Mut bewunderten, andere wiederum wollten ihn hinabstürzen sehen und wieder andere wollten es ihm gleich tun.

Der Seiltänzer hatte versprochen, für heute angekündigt, ein Experiment mit den Zuschauern, die es ihm gleich tun wollten, zu wagen, ihnen die Kunst des Seiltanzes zu lehren, damit auch sie auf dem Seil der Erkenntnis balancieren, die Klarsicht der Höhe genießen, das Wesen der Masse von oben erkennen können.

Er ließ ein Seil auf den Boden der Arena legen und forderte die Lernwilligen auf, auf diesem Seil zu laufen, frei von jeder Gefahr, denn das Seil war eins mit dem Boden. Jeder konnte es nachmachen, wenn auch der eine oder andere strauchelte und sich mit einem Fuß auf den Boden der Arena abstützen musste. Da es so leicht war, schöpfte die Menge Mut und wollte es schwieriger.

Nun ließ er das Seil fünf Zentimeter über dem Boden zwischen den Pfosten von Hoffnung und Furcht spannen, gefahrlos, aber es war trotzdem ein kleiner Drahtseilakt. Wenige konnten jetzt noch zwischen Hoffnung und Furcht ohne zu straucheln, ohne Hilfestellung des Bodens, hin und her laufen, aber immerhin, es gelang einigen. In der nächsten Runde wurde das Seil auf fünfzig Zentimeter Höhe gelegt und auch hier liefen noch eine Handvoll Schüler von Hoffnung nach Furcht und zurück.

Als dann aber das Seil in einer Höhe von zwei Metern befestigt wurde, gespannt zwischen den Pfosten der Nichtigkeit jeden Seins und der Einsamkeit, der Einsamkeit der Erkenntnis, da versagten auch dem letzten Lernwilligen die Knie. Die Höhe war ihnen zu groß, sie bekamen Angst, die Beine zitterten, der Schweiß stand auf der Stirn, der Blick nach unten lähmte sie.

Das Experiment war damit frühzeitig beendet, der Seiltänzer verabschiedete sie alle, ermahnte seine Schüler, die wirklich den Seiltanz erlernen wollten, zu täglichen Übungen, zu Übungen über viele, viele Jahre, damit jeder, der wollte, sich etwas aus dem Staub der Arena erheben könne.

Der Seiltänzer aber lief weiter zufrieden in Begleitung der Raben, Möwen und Bussarde in so großer Höhe hin und her, dass gelegentliche Wolkenfetzen ihn sogar umhüllten, ihn der Sicht der Menge entzogen. Den Menschen in der Arena erschien er wegen der enormen Höhe sehr klein, ein Wesen, das mit ihnen dort unten auf Grund seiner andersartigen Gewohnheiten und Einsichten nichts gemeinsam hatte.

Plötzlich, für die Menge völlig unerwartet, für den Seiltänzer jedoch als Bestätigung seines Wissens, seiner Erwartungen vorausgeahnt, erschütterte ein furchtbares Erdbeben die Arena, ein schreckliches Grollen aus der Tiefe begleitete das Zittern, das Aufbäumen des Bodens. Der dünne Boden des Vertrauten, des Geglaubten, brach ein. Es zeigte sich, dass er in Wirklichkeit nicht stärker war als Sperrholz, verrottetes Sperrholz, das mit den Illusionsfarben des Glaubens, des Gewöhnlichen, der Heuchelei und der gegenseitigen Lüge bemalt war.

Seine Festigkeit war nur Täuschung, arglistige Täuschung, gewohnheitsmäßige Lebenstäuschung seit Jahrhunderten, brutalste Täuschung über die wahre Natur des Lebens und des Seins schlechthin. Ihr bisheriges Vertrauen in ihre Auffassung und Vorstellung vom Sein, so zeigte sich, war auf verwesenden, zerfallenen Werten gegründet.

Ein Riss lief durch die Arena, verbreiterte sich, gleichzeitig wurde es dunkel, fast schwarze Nacht, eine Orkanböe wirbelte die dünne Sandschicht des Hochmuts, des Hochmuts über die Besonderheit menschlichen Seins, in alle Winde. Die Menge, die nicht ausweichen, sich gegenseitig nicht stützen und schützen konnte, stürzte schreiend, haltlos, kopflos nach unten in einen bisher ungesehenen Abgrund.

Ein Abgrund ohne Boden, ein unendlicher Abgrund. Zwei oder drei von ihnen, die nicht in die Tiefe hinabgestürzt waren, weil sie sich reflexhaft an die Pfosten des Hochseils geklammert hatten, schauten hinab, in eine unendliche Tiefe, eine schreckliche und doch gleichzeitig befreiende, friedliche Tiefe, in die Tiefe des Nichts.

Es war dort unten nichts mehr, kein Boden, nichts, das reine Nichtsein, das Ende, die spurenlose Auflösung jeden Seins. Unten und oben war auf einmal nicht mehr unterscheidbar, die Zeit hatte aufgehört, es gab kein vorher und nachher mehr, es gab keine Existenz, kein Sein mehr.

Lediglich die Fundamente der Pfosten des Hochseils, die Sinnlosigkeit und die Vergeblichkeit, verblieb den Überlebenden noch, sie krabbelten daran höher und höher und spürten auf einmal, wie sie durch das Sein selbst zu perfekten Seiltänzern wurden.

Deine Mutter hat dich geboren und damit auf eine Reise in den Tod geschickt. Gewiss – wenn du viel Glück hast – erlebst du vor Reiseende einige erfreuliche, vielleicht sogar beglückende Momente. Aber die Endstation heißt Tod, der Weg dahin führt zumeist über die Stationen Schmerz, Pein und Qual.

Können, wollen, dürfen Mütter nicht vorausschauend denken? Verstellt der Naturtrieb den Blick für Zukünftiges? Oder sind sie gar nur an deinem Anfang interessiert, ist dein Ende ihnen aber gleichgültig? Der Trieb zur Erhaltung der Art dominiert die Vernunft, der Ruf der Natur übertönt das Flüstern des Intellekts. Ehernes Naturgesetz – die Fackel des Elends kann und darf nicht verlöschen!

Leben an sich ist die größte Absurdität im Universum. Trotzdem gibt es seltene Momente, da ist man von der Schönheit dieser Absurdität überwältigt.

Die Antike war in ihrem ontologischen Denken unserem Zeitalter weit voraus, denn der Mensch wurde als Bestandteil, fast als Kind, der ihn umgebenden Natur, von Mutter Natur, gesehen. Er ordnete sich akzeptierend und demutsvoll als einer von vielen Bausteinen in das Weltgeschehen, in das übergeordnete Systems des Seins ein, bis sein Hochmut – ernährt, geradezu gemästet von Religion, Technik und Wissenschaft – die Demut vor der Gesamtnatur wegfraß.

Heute hält er sich in seinem Wahn selbst für das übergeordnete System und ist doch tatsächlich nur dessen unnötigste Komponente, die überflüssigste überhaupt. Der fatale Irrtum eines Kretins.