Das Wort zum Sonntag

M e t a m o r p h o s e :

Für den Alltags-Christen bedeutet – wenn überhaupt – Ehrfurcht vor dem Leben nur Schonung und Nachsicht gegenüber menschlichen Tieren. Der Rest der Tierwelt erfüllt für ihn nur die Funktion der Nahrung und dient dem Gaumenkitzel. Damit wird sein Körper im Laufe seines Lebens zum Grab zahlloser Tiere. Er lebt schließlich konsequent nach seinem Glauben:

„Alles, was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nicht, auf dass ihr das Gewissen verschonet.“ (1Kor 10, 24-25)

Sein Körper wird ernährt von Tierleichen, zumeist ist er das Grab von Schweinen. Ist das „Ebenbild Gottes“ somit Synonym für einen Tierleichenfriedhof, für eine menschliche Ka-daververwertungsmaschinerie?

Ist die Verstoffwechselung des Fleisches im Menschenbauch die heimliche Metamorphose, die Verwandlung der Schweine in Menschenwesen oder bedeutet die Wandlung des Fleisches das Weiterleben, gar die Auferstehung der gemordeten Tiere? Oder ist die ganze Geschichte von der Auferstehung nur ein bizarres, skurriles Märchen? Oder wird der Mensch ein Schwein – ein seelenloses Wesen also – oder wird das Schwein Mensch und somit Ebenbild Gottes?

Aber die Glaubensbrüder wissen in der Regel nicht, was sie glauben und ignorieren konsequent die wenigen philosophischen Texte ihres heiligen Buches, denn sonst hätten sie folgendes begriffen:

Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes abwärts unter die Erde fahre?“ (Pred 3, 19-21)

Wort zum Sonntag

A u f e r s t e h u n g :

Fast zweitausend Jahre lehrte die Kirche die Auferstehung des Fleisches, eine Lehre, die dem Gläubigen verhieß, zu einem unbestimmten Zeitpunkt nach seinem Tod wieder auferweckt zu werden, das Grab zu verlassen, um dann körperlich weiterexistieren zu können. Ein Glaube übrigens, der auch schon in vergangenen Jahrhunderten eine konsequente Verleugnung der Vernunft bedeutete.

Im 5. Jahrhundert hatte Kirchenlehrer Augustinus eine konkrete Vorstellung von der Auferstehung des Fleisches und den Leibern im Jenseits entwickelt. „Wir dürfen keineswegs glauben, es seien bloße Geister, vielmehr sind es Leiber mit stofflichem Fleisch“. (Civ. Dei XIII. 22-23)

Die Vorstellung des Augustinus von der materiellen Auferstehung des Fleisches hat sich durch das ganze Mittelalter gezogen. Die Kirchenversammlung von Toledo (675 n. Chr.) erklärte: „Dieser Leib, in dem wir leben, wird auferstehen“.

Papst Leo IX (1053) spricht später von einer wahren Auferstehung „desselben Fleisches, welches ich jetzt trage“ und das Lateran-konzil (1215) von „denselben Leibern, die wir jetzt haben“.

Seit dem Vaticanum II (1962-1965) war dann aber das genaue Gegenteil von dem zu lesen, was Kirchenväter, Päpste und Konzilien bisher behauptet hatten. So heißt es in ‚Herders theologisches Taschenlexikon’: „So oft das Neue Testament von der Auferstehung spricht, redet es von der ‚Auferstehung der Toten‘, nie der des Fleisches …“

Auslöser dieser radikalen Kehrtwendung waren bohrend-süffisante Fragen der nicht vom Glauben infizierten kritischen Denker, welche die „Auferstehung des Fleisches“ einer genaueren Prüfung und Analyse unterzogen. Hinzu kam selbst für die Kirche die Unmöglichkeit, dauerhaft Absurditäten in der Neuzeit aufrecht halten zu können.

Die erste Frage lautete, in welchem Alter steht der gestorbene Mensch auf? Im Alter seines Todes, seiner Geburt, in einem Alter dazwischen?

Im Mittelalter war man der Ansicht, dass ein Lebensalter von rund 30 Jahren ideal wäre. Steht der Mensch allerdings im Alter seines Todes wieder auf, so war in dieser neuen Welt überwiegend nur mit Gebrechlichen zu rechnen, ergänzt allerdings durch die jung Verstorbenen wie Verkehrs- und Kriegsopfer, verhungerte Kinder, Ermordete, Verbrannte, Verschüttete, Ertrunkene.

Die zweite Frage war dann sofort die, wie die Körper aussehen werden, wenn sie auferstehen. Werden die Verkrüppelten, die von Krankheit entstellten, in ihren zerstörten Körpern weiterexistieren oder einen makellosen Leib erhalten?

Die dritte Frage aber, wie die Körper am Auferstehungstag wieder zusammengesetzt werden, ergab ein nicht ganz unerhebliches Problem bei der Rekonstruktion des Menschen. Wie hat man sich das wohl vorzustellen bei einem Körper, der beispielsweise im Atomsturm von Nagasaki verglüht ist?

Unberührt von diesen Fragestellungen blieb, wo die „Seelen“ bis zur Auferstehung zwischengelagert werden, wo und wie nach vielen tausend Jahren und milliardenfachem Menschentod das Mengenproblem der „Auferstandenen“ gelöst wird. Der katholische Katechismus liefert zumindest für den ersten Teil der Frage spekulative Erklärungsversuche, schweigt allerdings zu dem tiefergehenden Problem des Auferstehungsortes.

So weiß der katholische Katechismus von Papst Benedikt XII., der in einem Lehrentscheid von 1336 feierlich erklärt, dass die Seelen der Heiligen sofort nach ihrem Tod, jedoch die Seelen derjenigen, die noch der Reinigung bedürfen, erst nach ihrer Reinigung in den Himmel eingehen.

Es ist für Außenstehende schon beeindruckend, was ein Papst für tiefe Erkenntnisse hat, aber „Jesus sagte: Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen sie beide hinunter in eine Grube“ (Thomasevangelium, 34)!

Aber warum überhaupt Auferstehung, warum überhaupt ewiges Leben? Wozu? Wofür? Nur um den Priestern Arbeit und Brot zu sichern? Um die metaphysischen Bedürfnisse des Pöbels zu befriedigen? Um Bedeutungslosigkeit des Menschen auf ewig zu manifestieren? Und wenn Auferstehung, warum nur der Mensch und das Tier nicht, obwohl ebenfalls angeblich ein Geschöpf Gottes?

Schopenhauer sprach von der unendlichen Variation der immer gleichen Belanglosigkeit. Da der Alltagsmensch beim kritischen Denker schnell nervöse Ermattung hervorruft, ist es eine bösartige Drohung des Christentums für Klarsichtige, die „Ewigkeit“ in solcher Gesellschaft verbringen zu müssen.

Lieber im Nichts nicht mehr sein, als im Jenseits mit der Masse. Dieser Wunsch hat keine Alternative.

Wort zum Sonntag

H y p o t h e s e

Jedes Ding, jedes Dasein, jedes Streben und Bemühen unterliegt einem stetigen Wandel und mündet notwendigerweise in Auflösung, Nichtigkeit, Vergessen und Tod und ist vor dem kosmischen Hintergrund immer eine absolute Sinnlosigkeit, eine unbedeutende Marginalie. Bestimmende Faktoren einer universellen Betrachtungsweise sind Raum und erkennbare Zeitstrecke.

Das Wesen der Zeit ist Veränderung, an den Wandel gebunden. Ein Seiendes, das sich nicht wandelt, unterliegt nicht der Zeit. Hieraus folgt, dass Zeit eine Veränderung, einen wie auch immer gestalteten Wandel, beschreibt. Ein Wandel ist immer ein Fließprozess („panta rhei – alles fließt“, Heraklit).

Die Veränderung wiederum ist von der Entstehung bis zur endgültigen Auflösung Variation der Form. Variation der Form ist in letzter Konsequenz Bewegung.

Jede Form, die einer Veränderung unterliegt, ist notwendigerweise endlich. Somit hat jede Form einen Beginn und ein Ende, was die Endlichkeit bedingt.

Jedes Seiende hat eine individuelle Veränderungsgeschwindigkeit und seine ihm eigene Zeit, seinen individuellen Zeitmaßstab. Erklärung: Alle individuellen Zeitbegriffe sind lediglich in der Menschenwelt auf ihre Zeitdefinition normiert und damit auf die menschliche Veränderungsgeschwindigkeit abgestimmt.

Da jedes Seiende eine ihm eigene Veränderungsgeschwindigkeit hat und alles Seiende sich in einem stetigen Wandlungsprozess befindet, kann für den Betrachter real kein Fixpunkt, keine Konstanz entstehen. Erklärung: Jede veränderliche Existenz setzt sich aus infinitesimalen Momentaufnahmen zusammen, die nur in der Summe und Rückschau dem Menschen eine Konstanz suggerieren und ihn dadurch über die wahre Struktur des Seins hinwegtäuschen.

Fehlende Konstanz und Dauerhaftigkeit hat aber zur Folge, dass die Betrachtung alles Seienden der Betrachtung eines nicht greifbaren virtuellen Bildes vergleichbar ist und real – trotz fehlender Konstanz – nur in der Rückschau, in der Gesamtbetrachtung der infinitesimalen Änderungen, erscheint.

Da die Veränderung der Form teilweise sehr langsam abläuft, glaubt der Mensch ständig etwas Feststehendes, stabil Konstantes zu betrachten. Real ist aber alles fließend und nichts ist konstant, alles ist permanenter Wandel. Dies bedeutet, betrachten wir beispielsweise einen Tag als Zeiteinheit, dass wir niemals irgendwo das Gleiche sehen, sehen können („Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu“, Heraklit).

Hat man diese Abfolge verinnerlicht, gar verdaut, die Wirklichkeit als nicht fixierbare Chimäre akzeptiert, das Verwischen allen Seins in Scheinvorstellungen erkannt, bleibt nur noch die demütige Zustimmung zu der frühen fundamentalen Erkenntnis des genialen Stoikers Marc Aurel:

Mundus mutatio, vita opinio – die Welt ist ein stetiger Wandel, das Leben ein leerer Wahn“ (Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen).