Ergänzungen von Dr. Bleibohm zur Thematik „Menschenrechte und Tierrechte“

Von Dr. Gunter Bleibohm

Zur weiteren Abrundung der Thematik „Menschenrechte und Tierrechte“, welche Silke Ruthenberg aufgegriffen hat, anbei zwei exemplarische Aphorismen von Gunter Bleibohm, die ergänzende Aspekte und Klarstellungen hinzufügen.

(Siehe Blogartikel vom 27.03.2018: Menschenrechte und Tierrechte)

E r g ä n z u n g :

Existierendes Leben – egal ob es sich in Mensch oder Tier manifestiert hat – verkörpert die Einmaligkeit dieser und nur dieser Individualität.

Das Recht auf Leben, so hat es der Mensch für seine Spezies definiert, beruht allein auf der Tatsache, dass das individuelle Leben für die Kreatur die alles umfassende existenzielle Bedeutung hat und Voraussetzung für die Fortdauer der Existenz ist.

Es ist für das Individuum das instinktive Wissen um die Einzigartigkeit und die Unwiederbringlichkeit des persönlichen Seins, das seinen Lebenswillen, seinen kompromisslosen Über-Lebenskampf, antreibt. Es ist der Wert für jegliche Kreatur und für Mensch und Tier damit existenziell gleichrangig. Es ist das höchste Gut jeder Kreatur.

Diese permanent durch den Lebenswillen umkämpfte irreversible Einmaligkeit der individuellen Existenz von Mensch und Tier definiert somit erst das Feld, auf dem weitere Aspekte wie Menschen- und Tierrechte betrachtet werden können. Mensch und Tier streben danach, frei und unbeschadet innerhalb des artgemäßen sozialen Gefüges in Frieden zu leben. Erst Schmerz und die Gefahr der körperlichen Vernichtung gefährden für die Kreatur das Unwiederbringliche der persönlichen Existenz.

Für Menschen ist der grundlegende Schutz der individuellen Existenz nahezu weltweit in den Menschenrechten und Gesetzen verankert, für Tiere hingegen nirgends, ausser in mehr oder weniger schwachen Tierschutzgesetzen, die sich grundsätzlich immer der ökonomischen Notwendigkeit, nicht aber der Ethik unterordnen. Der Tierwelt, den Mitlebewesen, gesteht die Spezies „Mensch“ genau das nicht zu, was die kulturelle Entwicklung für die Menschheit als höchstes Gut hervorgebracht hat.

Nur auf Grund einer willkürlich herausgegriffenen Wesenskomponente, nämlich der partiellen Denk- und Vernunftfähigkeit menschlicher Wesen, der daraus erlangten absoluten Macht über die Tierwelt und ihrer Wehrlosigkeit, gelangen alle nicht-menschlichen Mitlebewesen in den Strudel ökonomischer Nutzenbetrachtung und beliebiger Verfügbarkeit durch die Menschheit. Das absolut höchste Gut der Einzigartigkeit und der Unwiederbringlichkeit der individuellen Existenz wird, wenn überhaupt, mit philosophisch-politisch-religiösen Argumenten auf Grund einer je nach Lebensform anders strukturierten Denkfähigkeit der Tierwelt verwehrt.

Es kommt aber am Wenigsten bei der Betrachtung der Fähigkeiten eines Lebewesens darauf an, ob Tiere die gleiche Intelligenz des Menschen haben, sondern einzig, ob sie die gleiche Leidensfähigkeit haben. Dieser Kernsatz der Tierrechtstheorie, der das Tierindividuum aus menschlicher Denkweise, aus einem humanen Wertegefüge und darauf aufbauenden ethischen Vorstellungen beschreibt, ist somit nur eine Teilmenge der übergeordneten Einmaligkeits- und Unwiederbringlichkeitspostulate.

Erst wenn ethisch-moralische Grundsätze diese Postulate in verbindliche Handlungsmaxime für jegliche Lebensform wandeln, gelangen wir zu einer absoluten Unverletzlichkeit, zu einer wirklichen Heiligkeit bestehenden Lebens. Frühestens dann hätte die Menschheit den ersten Schritt zur ethisch-moralschen Höherentwicklung gemacht, einen Schritt, auf den die gesamte Tierwelt und eine verschwindende Minderheit von Menschen bis zum endgültigen Weltenende vergeblich warten werden.

(aus: Gunter Bleibohm: WIDERREDE II, S. 34
http://www.gegensicht.de/themes/kategorie/detail.php?artikelid=32&kategorieid=20&source=2&refertype=1&referid=20)

K l u f t :

Menschenrecht und Menschenwürde sind nebulöse, spukhafte Gebilde, die ihren Ursprung nicht verleugnen können. Sie sind ein Höllenextrakt aus der Alchimistenküche des Humanismus, ein magisches Elixier, das in Maßen genossen heilsam wirken kann, übermäßig dosiert hingegen tödlich wirkt. Es ist eine Ideologie, welche die Überheblichkeit religiöser Weltbilder, nämlich die der menschlichen Sonderstellung in der Welt, in das profane Tagesgeschehen transformiert. Zu den tragenden Säulen heutiger Weltsicht wurde Speziesismus und Anthropozentrismus auserkoren, beides Denkmuster, welche die höchste Lebensverachtung der nicht-menschlichen Welt gegenüber durchgesetzt und manifestiert haben.

Allein durch die Wortwahl Menschenrecht, Menschenwürde wird die Kluft zu anderen Lebensformen unüberbrückbar aufgerissen, Recht und Würde stillschweigend exklusiv für den Menschen reserviert und nicht-menschlichen Lebensformen kaum zugestanden oder gar völlig abgesprochen. Alle Träger menschlicher Gene – unabhängig von ihren Denk- und Verhaltensweisen – genießen demgegenüber den Schutzstatus von Menschenrecht und Menschenwürde, durch welchen sie in der Wertescala aller Lebewesen nachweislich immer im Rang höher stehen als alle Leiden, welche die Menschheit andersartigen Wesen und der Biosphäre insgesamt zufügt.

Tierversuche sind nur eins der üblen Resultate aus dieser künstlich erzeugten Kluft der Rechte, sind das Ergebnis aus dem gezielten Missbrauch des Begriffes Würde. Menschenrecht und Menschenwürde sind zu Markenzeichen eines international streng geschützten Gutes mutiert, welches für das reibungslose Funktionieren der humanoiden Naturvernichtungsmaschinerie unverzichtbar ist. Die Maschinerie bezieht ihre Energie aus den Großkraftwerken von Wirtschaft, Presse, Religion und Politik, die Energie selbst wird jedoch gefördert in den tiefen, dunklen Stollen der Gedankenbergwerke menschlicher Dummheit.

(aus: Gunter Bleibohm: WIDERREDE I, S. 135
http://www.gegensicht.de/themes/kategorie/detail.php?artikelid=31&kategorieid=20&source=2&refertype=1&referid=20)

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Wort zum Sonntag

Die Welt ist voller Propheten. Vor allem der Kosmos der monotheistischen Religionen. Zählt man alle Propheten der Juden, Christen und Muslime zusammen, erreicht man gut und gerne eine hohe zweistellige Zahl.

Allen Propheten der Monotono-Religionen ist darüber hinaus gemeinsam, dass ihr Ableben weit mehr als tausend Jahre, ja meist mehr als zweitausend Jahre zurückliegt und eine weitere Besonderheit ist das historische Faktum, dass völlig unklar und unbewiesen ist, wer sie waren und ob sie überhaupt jemals gelebt haben. Aber diese kleinen Nebensächlichkeiten sollen uns nicht weiter anfechten, der wahrhaft Gläubige lässt sich schließlich auch nicht beirren. Denn wo käme er hin, wenn er die Basis seines Glaubens rational, mit wissenschaftlicher Akribie, prüfen würde? Die Hölle wäre ihm gewiss. Zu Lebzeiten erlebt er schon die Hölle seiner intellektuellen Unbedarftheit, im Jenseits erwartet ihn die jeweilige Hades-Vorstellung seiner geglaubten Religionssparte, die er teilweise fürchtet und der er ängstlich entgegensieht.

Nun ist das Kennzeichen eines Propheten, sein Hauptberuf also – manche waren ja im Nebenberuf zusätzlich Fremdenführer, Zimmermann oder Kameltreiber – die Verkündigung von Botschaften, die ihnen ein Gott zukommen lässt. Hier muss bereits ein kleiner logischer Einwand angebracht werden. Da sich ihre Botschaften in Inhalt und Auftrag teilweise gravierend unterscheiden oder gar diametral entgegengesetzt lauten, weiß der Chef im Jenseits offensichtlich nicht so richtig was er will oder ändert ständig seine Meinung. Es könnte allerdings auch sein, dass von dort mehrere Gotteschefs ihre Weisheiten unkoordiniert an die Menschen übermitteln. Dies wiederum wäre ein Zeichen für eine desolate Organisationsform, eher einem Staatsbetrieb angemessen als einer göttlichen Institution. Und ist es nicht auffällig, dass in der modernen Zeit eigentlich nur Vorstadt- Propheten ohne durchschlagenden Erfolg die neusten Gotteserkenntnisse verkünden?

Wie erreicht nun die heilige Botschaft den armen Erdenwurm, der die ehrenvolle Aufgabe hat, den Text für die staunende Menschheit aufzubereiten oder mit dem Fachausdruck gesprochen: „die Offenbarung zu verkünden“? Kleiner Einschub an dieser Stelle: Für die denkende Minderheit der lauschenden Menschheit sind die Offenbarungen meist alles andere als eine intellektuelle Offenbarung, eher gleichen sie einer Vergewaltigung der Vernunft. Und welches die göttlichen Auswahlkriterien sind, genau diesen halbverdursteten Ziegenhirten und nicht jenen vom anderen Hügel zu nehmen, bleibt ebenfalls göttliches Geheimnis wie die Tatsache, warum Frauen als Propheten – Ausnahmen im Rahmen der Gleichberechtigung sind in moderner Zeit möglich – durch die Bank untauglich sind.

Aber auch das kümmert den Gläubigen herzlich wenig. Machen wir es kurz. Der Prophet erhält seinen Verkündigungsauftrag per Intuition oder Vision, in seltenen Fällen auch durch himmlisches Geflügel, also durch fliegende Engelsboten. Nun kann man in jedem Lexikon nachlesen, dass Intuition als die Einsicht in einen Sachverhalt ohne Gebrauch des Verstandes definiert wird. Dies kann wiederum zwei Ursachen haben:

Entweder hat der Verkünder keinen Verstand – was alle Gläubigen aber vehement bestreiten – oder es ist ein Mensch, der seinem Bauchgefühl mehr vertraut als seiner Vernunft. Halten wir ihm für diesen Fall zu gute, dass er sich offensichtlich selbst halbwegs kennt.

Ähnliches Bild bei der Vision. Die Vision bezeichnet übrigens der Psychiater als Halluzination; aber dazu später mehr.

Die Vision – so klärt uns Wikipedia auf – ist das bildhafte Erleben von etwas sinnlich nicht Wahrnehmbaren, das dem Visionär als real erscheint und auf das Einwirken einer jenseitigen Macht zurückzuführen ist. Große Worte.

Ersparen wir uns die Frage nach der jenseitigen Macht, deren Nachweis bisher noch keinem Menschen gelungen ist und empfinden auch nur klammheimlich Genugtuung, dass alle Gottesbeweise bisher kläglich gescheitert sind. Bedenklich und nachdenklich sollte uns aber die Tatsache stimmen, dass unser Verkünder etwas sieht und auch manchmal hört – dann nennt es der Fachjargon „Audition“ –, das real überhaupt nicht existiert. Nun kennt jeder solche Geschichten aus seiner Stadt und aus Erzählungen und hat schon gehört, dass so etwas vorkommen kann. Aber er weiß auch, dass diese Menschen heute durch die moderne Medizin meist in geschlossenen Anstalten intensiv therapiert werden.

Kommen wir deshalb wie angekündigt auf die Halluzination zurück und machen uns als Nicht-Mediziner nochmal bei Wikipedia sachkundig. Und dort lesen wir zu unserem großen Schrecken, dass die Ursache von Halluzinationen tiefe psychische Störungen sind, die beispielsweise als Delirium tremens bei Alkoholentzug auftreten oder durch andere krankhafte Veränderungen des Gehirns bedingt sind. Halluzinogene, also chemische Verbindungen wie Psychedelika oder ein Wegfall/ Ausfall der Reizgrundlage werden als weitere Ursachen gelistet. Akustische Halluzinationen, das häufigste Empfangssignal der Propheten, treten häufig in Verbindung mit Schizophrenie auf. Ein Zusammenhang, auf den man als Laie spontan tippt, liest man zum ersten Mal manche „heilige“ Bücher oder hört deren heutige Interpretationen.

„Hm, bedenklich, keine erfreuliche Erkenntnis und schlechteste Prognose für eine fundamentale Wahrheit“ würde der vernunftgesteuerte Analytiker sagen. „ Nein, ganz im Gegenteil, die Wege des Herrn sind wunderbar, denn Kinder und Narren sagen die Wahrheit“ antwortet der Glaubensbruder. Und an dieser Stelle wird es dann Zeit für uns, den Rückzug anzutreten und unser Seelenheil bei dem alten lateinischen Spruch des Erasmus Zuflucht suchen lassen „Asinus asino pulcherrimus – der Esel findet den Esel am schönsten“. Nur schade, dass die einstmals hoffnungsvoll begonnene Entwicklung der Menschheit in der Neuzeit so kläglich enden muss – in der Verherrlichung und Umdeutung des Irrsinns in Wahrheit.

Wort zum Sonntag


Der Massenmensch ist einem Großsystem wie beispielsweise einer Telefongesellschaft, einer Versicherung, einer Bank usw. beigetreten. Dieser Beitritt war seine letzte Handlung in selbstbestimmter Autonomie, denn diese Systeme degradieren den Anwender vom handelnden Subjekt zum akzeptierenden Objekt (übrigens gilt im Analogieschluss das Gleiche für „demokratische Wahlen“).

Der Einfluss des Benutzers auf das System geht gegen Null, er ist ausgeliefert, er hat Handlungsfreiheit verloren, er hat die Entscheidungen des Systems im Grundsätzlichen hinzunehmen.

Je komplexer und umfangreicher die Massenwelt des Individuums wird, desto mehr ist es in derartige Systeme eingebunden und von ihnen abhängig. Seine Entscheidungen sind nicht mehr selbstbestimmt, sondern systemkonform und das einstmals freie Individuum ist zu einem verwalteten und unbedeutenden Partikel der Systemlandschaft mutiert.

Aber er merkt es nicht, er fühlt es nicht, er hat keine Sensibilität für die Gefahr. Im Gegenteil. Freudig preist er die Errungenschaften der modernen Welt, möchte nicht darauf verzichten, kann ohne Abhängigkeit nicht leben und ist gar für die Sklavenkette dankbar, die ihm kontinuierlich kürzer geschlossen wird.

Denn sie bietet ihm größten Schutz, nämlich Schutz vor sich selbst, wäre er doch sonst auf die Jämmerlichkeit seines leeren Wesens und bedeutungslosen Daseins zurückgeworfen und er würde in der Welt stehen, wie der Nackte im Schneesturm.

Aber wie erbärmlich muss ein Wesen nur sein, das freiwillig Freiheit gegen Sklaverei tauscht? Tiere muss man zur Gefangenschaft zwingen, nur der Mensch geht freiwillig in den Kerker der Abhängigkeit.


In welch schlimmer Täuschung nähert sich der Mensch, insbesondere der jüngere Mensch, seinem Daseinsende! Träumt er doch von der sanftesten Form des Sterbens, dem klaglosen und zufriedenen Einschlafen bei bester Verfassung im höchsten Alter.

Aber die Realität holt ihn ein, der Lebensweg belehrt ihn über die anderen Möglichkeiten des Sterbens. Er wird erkennen, dass seine Todesvorstellung der absolute Ausnahmefall ist und seinem Ende im Regelfall eine teilweise sehr lange Zeit voller Angst, Hoffnung, Enttäuschung, Verzweiflung, Einsamkeit, eine Zeit voller Einschränkungen, Abhängigkeiten und Schmerzen vorangeht.

Er wird feststellen, dass all das, was ihm einstmals wichtig war, nichtig geworden ist, er sein eigenes Wesen nach und nach verliert und sein Körper und Geist mit zunehmender Gebrechlichkeit in einen Zustand erbärmlichsten Vegetierens übergeht. Er wird alle Spielarten einer finalen Krankheit kennenlernen, bis hin zu den entwürdigsten Situationen im Pflegeheim. Sein Kampf, sein Lebenszweck, all sein Sinnen und Trachten gilt nur noch dem Erhalt seines kläglichen Lebensrestes, bis auch der letztendlich verlöscht.

Warum sollte es ihm aber auch besser ergehen? Hat er nicht Zeit seines Lebens mit ignorantem Hochmut die ihm nun widerfahrenden Grausamkeiten der Tierwelt zugemutet? „Ausgleichende Gerechtigkeit” wispert Mutter Natur ihm ins Ohr. Hat er sich nicht standhaft geweigert, sein Ende zu bedenken, um Vorsorge für einen selbstbestimmten Tod, einen würdigen Freitod zu treffen? Heute hätte er gern die Kraft dazu, die ihm damals aus Gleichgültigkeit fehlte.

Und hat er nicht sogar, getrieben vom kollektiven Gruppenzwang und angestachelt von seinen Trieben, diese Grausamkeiten unüberlegt an seine Kinder weitergegeben, die demnächst das Gleiche durchleben werden?

Es ist einer der wichtigsten Sätze der antiken Philosophie und wird doch kaum beachtet: respice finem – bedenke das Ende.

Aber kristallklare Vernunft ist ein seltenes Gut, das höchste Gut und deshalb nur einer elitären Minderheit von Mutigen, Unabhängigen und Klarsichtigen zugänglich.