Interview mit der Tierrechtlerin Virginia Markus

Zur Person:

In der Romandie ist Virginia Markus die bekannteste Vertreterin der Antispeziesisten, einer radikalen Tierschutzbewegung. Sie tritt als Autorin in Erscheinung, im September kommt ihr neues Buch heraus («Désobéir avec amour»). Für Aufsehen sorgen aber vor allem ihre Aktionen: Im März befreite sie zusammen mit Mitstreitern 18 Zicklein aus einem Schlachthof bei Rolle, zuvor hatte sie mit versteckten Kameras die Bedingungen in einem Schlachthaus aufgezeichnet und entsprechende Einrichtungen besetzt. Es laufen mehrere Strafverfahren gegen sie. Die 28-Jährige lebt mit ihrem Partner, drei Hunden, zwei Katzen und zwei Chinchillas im Kanton Waadt.

Hier das Interview:

Frau Markus, beginnen wir auf Feld eins: Veganismus kennt man mittlerweile in der breiten Bevölkerung. Sie aber definieren sich als Antispeziesistin. Was muss man sich darunter vorstellen?

Der Antispeziesismus ist eine ethische Grundhaltung. Wir lehnen uns gegen jegliche Form der Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Spezies ab und wollen allen Lebewesen, also auch Tieren, die gleichen Rechte geben. Veganismus ist der Lebensstil, der sich daraus ergibt. Ein Antispeziesist ist immer auch Veganer, der umgekehrte Fall gilt nicht zwingend.

Sie haben sich für die radikale Form entschieden. Wann haben Sie Ihr letztes Stück Fleisch gegessen?

Als ich 18 Jahre alt war, hat mir mein ehemaliger Geografielehrer aufgezeigt, welche Auswirkungen der Konsum von Fleisch auf die Umwelt hat. Das hat mir die Augen geöffnet. Die Entscheidung, vegetarisch zu leben, fiel mir leicht, weil ich immer schon von Tieren umgeben war. Sechs Jahre später auch meinen geliebten Käse aufzugeben, war schwerer. Aber ich musste es tun, weil ich realisiert hatte, dass ich indirekt auch für den Tod von Tieren verantwortlich bin, wenn ich nur schon Milchprodukte konsumiere.

Inwiefern?

Viele Menschen haben das Gefühl, eine Kuh gebe stetig Milch. Dem ist nicht so. Sie muss dafür regelmässig ein Kalb gebären, das bald schon auf der Schlachtbank landen wird, wenn es männlich ist. Und wenn sie nicht mehr genug Milch produziert, wird auch die Kuh geschlachtet. Das kann ich nicht verantworten. Der Entscheid, keine tierischen Produkte mehr zu essen, war für mich eine Befreiung: Endlich konnte ich in Einklang mit meinen Werten leben.

Machen Sie – ethisch gesprochen – keinen Unterschied zwischen Tieren und Menschen?

Nicht, was ihren Lebenswillen angeht. Ein Tier, das leidet, entspricht einem Menschen, der leidet. Was natürlich nicht heisst, dass es keine physiologischen und kognitiven Unterschiede gibt.

In der Natur gibt es ebenfalls Unterschiede und auch eine Hierarchisierung: Eine Katze jagt die Maus – und wir Menschen halten uns Nutztiere.

Eine Katze handelt aus Instinkt, sie kann sich die Konsequenz ihres Handelns nicht überlegen. Wir hingegen können das glücklicherweise. Es gibt keine Menschen, die mit dem Instinkt zum Töten auf die Welt kommen.

Ein gutes Stück Fleisch gehört für viele von uns zu einem schönen Essen – es ist ein Kulturgut, das sich über die Jahrtausende gehalten hat.

Ich stelle nicht in Abrede, dass es Freude bereiten kann, Fleisch zu essen. Das rechtfertigt aber noch nicht, es auch zu tun – denn es impliziert Opfer. Indem man tierische Produkte konsumiert, ist man mitverantwortlich für einen Mord an einem Tier. In anderen Lebensbereichen stellt auch niemand infrage, dass man sein eigenes Lustempfinden zurückstecken muss, wenn es zum Schaden anderer ist. Warum nicht auch beim Essen?

Warum hat man im Gespräch mit Veganern immer das Gefühl, Missionaren gegenüberzustehen?

Das Missionieren ist nicht mein Ding. Ich kämpfe für die Rechte der Tiere, nicht für einen veganen Lebensstil. Dieser ist nur die logische Konsequenz unserer Forderungen.

Das sehen nicht alle gleich. Für Aufsehen sorgte etwa die politische Forderung, dass in städtischen Kantinen zwingend ein veganes Menu anzubieten ist.

Aussenstehende haben oftmals das Gefühl, dass unsere Ernährungsweise eine Art Diät sei – was überhaupt nicht stimmt. Gegenfrage: Warum zwingen wir denn unseren Kindern auf, tierische Produkte zu essen?

Weil es die Ernährung ausgewogener – und damit gesünder – macht.

Das mag im Mittelalter noch gestimmt haben, heutzutage längst nicht mehr. Pflanzliches Eiweiss findet man in einer Vielzahl von Produkten, von Linsen bis zu Broccoli. Calcium gibt es in Nüssen und Gemüsen. Kurz: Man kann sich problemlos gleichzeitig vegan und lokal ernähren.

Manch einer mag in den Sommerferien im Ausland einen Markt besucht haben, an dem Tiere aller Art vor seinen Augen elendiglich verendeten. Attackieren Sie nicht das falsche Land? In der Schweiz gibt es immerhin verhältnismässig strenge Tierschutzrichtlinien.

Hier gibt es viel Aufklärungsbedarf: Die Schweiz ist Weltmeisterin darin, alles Unmoralische hinter verschlossenen Türen zu halten. Solange der Konsument nichts sieht, hat er das Gefühl, dass schon alles mit rechten Dingen zu- und hergehe. Zusammen mit anderen Tierschutzorganisationen haben wir versteckte Kameras in Schlachthöfen platziert und haben Erschreckendes festgestellt.

Nämlich?

Zum Beispiel haben wir elektrische Geräte gefilmt, die nicht funktionieren. Oder Tiere, die ausgeblutet werden, obwohl sie noch bei Bewusstsein sind. Solche Fälle sind rechtswidrig, und es ist der Schweiz zugutezuhalten, dass sie immerhin eine detaillierte Gesetzgebung für den Tierschutz ausgearbeitet hat. Aber auch wenn diese vollständig eingehalten wird – sie ändert nichts an der Tatsache, dass die Tiere nicht sterben wollen.

Bioprodukte sind im Trend. Verändert sich die Tierhaltung nicht sowieso in die von Ihnen gewünschte Richtung, auch ohne Ihre Aktionen?

Die Kriterien des Labels Bio Suisse verbessern die Lebensbedingungen der Tiere tatsächlich, das ist positiv. Aber machen wir uns nichts vor: Die allermeisten Tierprodukte werden weiterhin konventionell hergestellt.

Sie beteuern, nicht die Viehzüchter, sondern das System zu bekämpfen. Denkt man Ihre Vision aber zu Ende, kann ein ganzer Wirtschaftszweig zusammenpacken.

Der Milch- und Viehwirtschaft steht jetzt schon das Wasser bis zum Hals. Die Bewegung der Antispeziesisten ist bei der Neuausrichtung ihrer Produktion gerne behilflich. Darum prangern wir in der Regel auch nicht spezifische Betriebe an, sondern führen einen politischen und gesellschaftlichen Kampf, der viel breiter gefasst ist. Unsere Denkweise muss sich ändern, nicht der einzelne Züchter.

Sie verstecken nicht nur Kameras, Sie blockieren auch Strassen zu Schlachthöfen und befreien sogar Tiere. Gegen Sie laufen derzeit vier Strafverfahren. Warum soll für Sie das Gesetz nicht gelten?

Solche Aktionen sind ein politisches Instrument und kein Selbstzweck. Wir verletzen das geltende Recht nicht, weil wir es gerne tun, sondern weil wir konstatiert haben, dass man in der Schweiz seit mindestens 25 Jahren vom Tierschutz spricht, viele Berichte geschrieben und viel Überzeugungsarbeit geleistet hat – und die Anzahl Tiere, die geschlachtet wird, trotzdem nicht gesunken ist. Noch immer haben Tiere keine so weit gehenden Rechte wie Menschen. Also braucht es unserer Meinung nach radikalere Methoden, um diesen Missstand zu bekämpfen. Nur so können wir die öffentliche Meinung nachhaltig beeinflussen. Der zivile Ungehorsam ist für uns nur dann ein Mittel, wenn alle anderen ausgeschöpft sind. Wir zwingen die Bevölkerung gewissermassen, die Augen nicht mehr zu verschliessen.

Es gibt durchaus auch legale Methoden, um für Ihre Sache zu kämpfen – etwa Informationskampagnen.

Das machen wir auch. Wir organisieren Konferenzen, stellen Stände auf, schreiben Bücher und informieren viel. Normalerweise ziehen die Veranstaltungen aber nur Leute an, die ohnehin schon für den Tierschutz sensibilisiert sind. Bis wir mit den Aktionen des zivilen Ungehorsams anfingen, waren wir eine Art geschlossener Kreis ohne grosse Breitenwirkung.

Nochmals: Wie können Sie behaupten, nicht den einzelnen Akteur angreifen zu wollen und gewaltsame Beschädigungen von Metzgereien, wie sie sich in der Westschweiz jüngst mehr als zehnmal ereigneten, trotzdem nur halbherzig verurteilen?

Zu allererst: Ich habe nie eine Scheibe eingeschlagen, und ich weiss auch nicht, wer dahintersteckt. Ich habe aber immer gesagt, dass nicht der Metzger, sondern die Metzgerei als Symbol einer ganzen Industrie im Visier sei.

Das ist dem Kleinunternehmer letztlich gleichgültig – er hat einen gewaltigen finanziellen Schaden.

Ich verstehe, dass das für die Betroffenen eine unangenehme Situation ist. Obwohl ich mit den Aktionen vom Frühling nichts zu tun hatte, habe ich mit dem Präsidenten des Genfer Metzgerverbandes Kontakt aufgenommen und ihm vorgeschlagen, ihm den Kontext solcher Taten zu erklären.

Ihre illegalen Aktionen und Schockbilder wirken manchmal durchaus kontraproduktiv – teilweise schlägt Ihnen blanker Hass aus der Bevölkerung entgegen.

Das war erwartbar, und wir können damit leben. Wir stellen eine Spaltung der Gesellschaft fest: Die einen fühlen sich in ihrer Komfortzone derart gestört, dass sie das Gefühl haben, sich verteidigen zu müssen. Die anderen entwickeln dank den radikalen Aktionen überhaupt erst ein Bewusstsein für den Tierschutz, womit schon viel gewonnen ist. Kurzfristig stossen wir viele Menschen wohl vor den Kopf – uns interessiert aber die mittel- und langfristige Perspektive. Und wenn sich die Wahrnehmung der Gesellschaft langsam ändert, ist letztlich auch die Politik zum Handeln gezwungen, indem sie Tieren etwa weiter gehende Rechte gewährt. Unser erstes grosses Ziel ist, dass Kühe, Kälber und andere Masttiere in der Schweiz gleich gut geschützt sind wie Katzen und Hunde.

Mit Ihren Aktionen stürzen Sie auch die Medien in ein Dilemma: Soll man über die Befreiung von Tieren aus einem Schlachthaus oder die Verunstaltung einer Metzgerei berichten, obwohl Sie damit genau dies bezwecken und sich in der Illegalität bewegen?

Natürlich sind die Medien ein wichtiges Transportmittel für unsere Botschaften. Aber der Samen ist nun gesät, und er wird sich weiterentwickeln – ob über traditionelle oder über neue, soziale Netzwerke.

Heiligt der Zweck alle Mittel?

Nein, wir wenden niemals Gewalt gegen Personen an. Das wäre auch unglaubwürdig: Wir können nicht selbst zu Methoden greifen, die wir Tieren gegenüber anprangern. Wir brechen das Gesetz nur, wenn nach unserer Einschätzung die Gerechtigkeit stärker wiegt als das geltende Recht.

Bereitet es Ihnen keine Mühe, die persönlichen Konsequenzen Ihrer Interpretation des Gesetzes zu tragen? Bereits wurden Ihnen Geldstrafen angedroht, und Sie haben eine Stelle nicht bekommen, die Ihnen versprochen war.

Nein, überhaupt nicht. Ich werde auf allen möglichen Kanälen beleidigt, man hat mir auch schon die Pneus zerstochen. Bis zu einem gewissen Grad kann ich den Ärger vieler Leute sogar verstehen. Ich lasse mich durch solche Reaktionen aber nicht verunsichern, so wie auch durch Justizurteile nicht. Für den Schutz der Tiere würde ich auch ins Gefängnis gehen.

Letzte Frage: Was ist aus den befreiten Zicklein geworden?

Ich kann nur so viel verraten: Von den 18 geretteten Tieren leben 17 noch. Sie mussten aufwendig gepflegt werden, mittlerweile geht es ihnen wieder gut.

Quelle:  nzz.ch

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Keine Seele, keine Gnade – der Verrat der Kirchen an den Tieren

Von Ingolf Bossenz

»… von Kopf bis Fuß mit Blut besudelt, im Gürtel kleine und lange Messer. Die Schlachter ziehen von Haus zu Haus, um die Tiere fachgerecht zu zerlegen. Normalerweise tötet der Hausherr oder Familienvater das Schaf. Eine Aufgabe, die später auf den Erstgeborenen übergeht. Den Opfertieren wird die Kehle durchgeschnitten und dabei ein Gebet gesprochen – langsam bluten die Tiere aus. Für Muslime die vorgeschriebene rituelle Form des Schlachtens.«

Das Zitat entstammt einer im ND veröffentlichten Reportage aus Tanger (Marokko) über das islamische Opferfest, das darin als »ein Fest der religiösen Besinnung« beschrieben wird. Besinnung per Massaker an Millionen »Opfertieren« – dass dies in den Medien des Okzidents kaum auf Kritik stößt, hat zweifellos mit einem Phänomen zu tun, das der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seinem Buch »Der Gotteswahn« beschreibt: Es ist die »Tendenz, wunderliche religiöse Gewohnheiten einzelner ethnischer Gruppen zu glorifizieren und die in ihrem Namen begangenen Grausamkeiten zu rechtfertigen«. Diese Tendenz, so kann man ergänzen, ist dann besonders ausgeprägt, wenn es »nur um Tiere« geht.

Aber auch Weihnachten, das Fest, das in christlicher Tradition an die Geburt Jesu erinnert, ist ein ebensolches Schlachtfest. Ohne den Tod von Millionen »Mitgeschöpfen« (wie sie im deutschen Tierschutzgesetz genannt werden), die gut durchgebraten die Festtagstafel krönen, ist hierzulande weder Weihnachten noch das bevorstehende Ostern denkbar. Von zynischer Symbolkraft ist die Tatsache, dass ausgerechnet an einem 25. Dezember (1865) das Zeitalter der industriellen Massentötung von Tieren begann – mit der Eröffnung der Union Stock Yards, der Schlachthöfe von Chicago.

Zu Weihnachten 2005, dem 140. Jahrestag Chicagos als Schlachtkapitale, ließ sich Joseph Ratzinger, der im selben Jahr zum Papst gewählt worden war, einen ganz besonderen Braten schmecken: einen Kapaun. Der Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek erinnert an dieses Festmahl: »Ein Kapaun ist ein junger, kastrierter Masthahn, dem im Alter von 6 Wochen der Bauchraum aufgeschnitten wurde, und das in der Regel bei vollem Bewusstsein, also ohne Betäubung. Die im Bauchraum liegenden Hoden werden mit einer Zange gepackt und mit 5 bis 20 Umdrehungen abgedreht. Man muss schon ein Gefühlsrohling sein, um dann noch Geschmack und Genuss am Kapaunschen Festtagsbraten zu haben.« Aber, meint Mynarek, »diese Rohheit muss Papst Ratzinger gar nicht so empfinden. Er ist schließlich das treu-brave Kind einer Kirche, die jahrhundertelang predigte, Tiere hätten keine Seele. Haben sie keine Seele, dann haben sie auch kein Gefühl, auch kein Schmerzempfinden, und dann darf man ihnen getrost jede Qual zumuten.«

Was Mynarek schreibt, ist leider keine sarkastische Überhöhung bizarrer religiöser Ansichten, sondern entspricht strikt der theologischen Tradition, die maßgeblich vom später heiliggesprochenen Augustinus (354-430) geprägt wurde – dem Lieblingskirchenlehrer von Benedikt XVI. In seiner Schrift »Vom Gottesstaat« erklärte Augustinus: »Wenn wir lesen: ›Du sollst nicht töten‹, nehmen wir nicht an, dass sich dies auf Sträucher bezieht, und zwar weil sie keine Empfindung besitzen, und ebenso wenig auf vernunftlose Lebewesen, ob sie nun fliegen, schwimmen, laufen oder kriechen, weil sie uns durch den Mangel an Vernunft, die ihnen nicht mit uns gemeinsam gegeben ist, nicht zugesellt sind. Darum hat auch die gerechteste Anordnung des Schöpfers ihr Leben und ihr Sterben unserm Nutzen angepasst.«

Der heilige Thomas von Aquin (um 1225-1274), dessen Lehren sich gleichfalls an den katholisch-theologischen Fakultäten ungebrochener Popularität erfreuen, zog in seiner »Summa theologica« den definitiven Schluss: »Unter den verschiedenartigen Verwendungsmöglichkeiten nun scheint jener Gebrauch am meisten notwendig zu sein, bei dem die Tiere sich der Pflanzen, die Menschen sich der Tiere zur Nahrung bedienen, was nicht ohne Tötung jener geschehen kann. So ist es denn erlaubt, sowohl die Pflanzen zu töten zur Nahrung für die Tiere als auch die Tiere zur Nahrung des Menschen, und zwar aufgrund der göttlichen Ordnung.«

Die Papstkirche wird auch in dieser Frage ihrer Rolle als selbst ernannte Verwalterin und Vollstreckerin der »göttlichen Ordnung« bestens gerecht. 1992 veröffentlichte sie nach sechsjähriger Arbeit unter Federführung des damaligen Glaubenspräfekten Ratzinger die Neufassung des »Katechismus der Katholischen Kirche«.

In diesem »Grundgesetz« für über eine Milliarde Katholiken wird nicht nur wie eh und je Andersgläubigen und Abtrünnigen mit der Hölle gedroht, sondern auch jegliche Ausbeutung von Tieren gutgeheißen. Man dürfe »sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen«, heißt es darin. Auch Tierversuche seien »in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig«.

Ausgerechnet bei den schlimmsten Grausamkeiten des Menschen an den Tieren beruft sich die Romkirche auf die Vernunft. Da die Vernunft laut Ratzinger-Papst des Glaubens als unentbehrlicher Stütze bedarf, zeigt sich auch hier die ganze Verlogenheit der Behauptung, ohne kirchlich-religiöse Basis würden die sittlichen Werte der Gesellschaft zerfallen.

Im Gegenteil, die selektive Moral – von Tierrechtlern als Speziesismus bezeichnet – wird maßgeblich durch die Ausgrenzungsethik der Kirchen begünstigt. Der Religionskritiker Mynarek dazu: »Ein weiterer Grundwert, die Rechte der Tiere, die eine humane Gesellschaft zu installieren und zu schützen hat und ohne die sie das Attribut ›human‹ nicht verdient – in der katholischen Kirche, auch in den lutherischen und reformierten Amtskirchen, Fehlanzeige!«

Immerhin gab und gibt es Theologen und Geistliche, die entgegen der offiziellen Doktrinen eine für alle leidensfähigen Wesen unteilbare Ethik vertreten. Im Katholizismus muss man allerdings weit zurückgehen, um auf den heiligen Franz von Assisi (1181/82-1226) zu stoßen, den Gründer des Franziskanerordens. Berichte und Legenden belegen nicht nur sein Mitgefühl mit nichtmenschlichen Kreaturen, sondern auch deren Einbeziehung in eine universelle Moral. 1980 wurde Franz von Assisi durch Papst Johannes Paul II. zum Patron des Umweltschutzes erklärt. An der offiziellen Sicht der katholischen Kirche auf die Rechte der Tiere änderte das allerdings gar nichts, wie der zwölf Jahre später veröffentlichte Katechismus zeigt.

Ansonsten waren und sind es vor allem Vertreter des Protestantismus, die dem christlich-anthropozentrischen Weltbild ihr Veto entgegensetzen. Der bekannteste ist Albert Schweitzer (1875-1965). Der radikalste indes dürfte der in Hamburg geborene Theologe Carl Anders Skriver (1903-1983) sein, der mit seinem 1967 erschienenen Buch »Der Verrat der Kirchen an den Tieren« ein bis heute unübertroffenes Manifest schuf gegen den »furchtbaren Kriegszustand zwischen Mensch und Tier, wie er sich austobt in Tieropfer, Jagd, Schlachtung, Vivisektion, Ausbeutung und Ausrottung der Arten« und die dazu von den Amtskirchen geleistete Beihilfe. Skriver ernährte sich seit seinem 17. Lebensjahr aus ethischen Gründen vegetarisch, später ausschließlich vegan, also unter Verzicht auf jegliche tierische Substanz. Während der NS-Herrschaft wurde er als Mitglied der Bekennenden Kirche verfolgt und zeitweise inhaftiert. Nach dem Krieg wandte sich der Theologe gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik und war in der Ostermarschbewegung aktiv.

In seinen Büchern begründete er Tierschutz, Tierrechte und die vegetarische Lebensweise aus dem christlichen Glauben sowie aus dem Leben Jesu und der ersten Christen heraus. In »Der Verrat der Kirchen an den Tieren« heißt es: »Wenn die vornehmste Pflicht eines Christen der Schutz der Schwachen ist, der Kinder, der Kranken, der Irren, der Alten, der Erdrückten, der Verfolgten, der Flüchtlinge, der Verwundeten, der Sterbenden und Leidtragenden, dann gehört dazu auch der Schutz der Tiere.« Und: »Der Versuch, das Tier wirklich vor dem Menschen zu schützen und zu retten, führt zum Zusammenstoß mit allen Jägern, Fischern, Tierzüchtern, Schlachtern, Pelz- und Lederhändlern, Ärzten, Klein- und Großhändlern und den Milliarden süchtigen Fleischkonsumenten, sodass die Kirche von vornherein kapituliert vor der Riesenmacht des Heidentums. Das ist natürlich kein Maßstab und keine Abhilfe, sondern der Verrat, die Preisgabe der Tierbrüder an die Hölle.«

Dass die Tierausbeutungsindustrie heute trotz Tierschutz-Verfassungsziel im Grundgesetz ungebrochen agiert, zeigt die Aktualität dieser Aussage – auch wenn Skrivers Abgrenzung des »wahren« Christentums vom »Heidentum« seine Argumentation für Andersgläubige oder Atheisten problematisch gestaltet. Doch der folgenden Aussage ist wohl, welcher Weltanschauung man auch anhängt, kaum zu widersprechen: »Seit und solange es Jagd und Schlachtung gibt, gab es und wird es auch unvermeidlich immer größte Grausamkeit gegen die Tiere geben. Schließlich ist ja das Überrumpelt- und Erschlagenwerden wohl die größte Gemeinheit, die einem widerfahren kann. Merkwürdigerweise sprechen wir ja von Gemetzel und Schlächterei, wenn wir eine sehr schlimme Form von Menschentötung im Auge haben.«

Plädoyers von Theologen wie Skriver, Schweitzer und anderen ändern nichts daran, dass letztlich »alle strikten Verknüpfungen von Tier- oder Menschenrechten einerseits mit bestimmten religiösen Vorstellungen andererseits unsinnig sind«, wie der österreichische Philosoph Helmut F. Kaplan urteilt. Tiere lebenslang in enge Käfige zu sperren, sie zu Hackfleisch zu verarbeiten oder mit ihnen grausame Versuche zu machen, kann ebenso wenig mit einer fehlenden Seele begründet werden wie das betäubungslose Abschlachten von »Opfertieren« mit der Berufung auf eine jahrtausendealte fromme Legende. »Tieren aus Glaubensgründen Rechte vorzuenthalten«, so Kaplan, »ist nicht minder abstrus, als Frauen Rechte vorzuenthalten unter Hinweis darauf, dass der Papst oder ein Islamführer die Höherwertigkeit der Männer verkündet habe.«

Allerdings, und hier ist Kaplan ebenso zuzustimmen, folgt aus der sinnvollen Trennung von Politik und Religion, von allgemein verbindlichen Forderungen und privaten Überzeugungen nicht, »dass Religionen keine zusätzlichen guten Gründe für die Verwirklichung und Einhaltung von Menschen- und Tierrechten liefern könnten. Etwa, indem man sagt: Dieses oder jenes religiöse Gebot setzt genau genommen die Akzeptierung universeller Menschenrechte oder die Respektierung allgemeiner Tierrechte voraus.« Zwar sind drei der vier Evangelisten des Neuen Testaments Tiere als Symbole zugeordnet: Matthäus – Mensch, Markus – Löwe, Lukas – Stier, Johannes – Adler. Doch mit »zusätzlichen guten Gründen« im Hinblick auf Tierrechte sieht es im christlichen Abendland traurig aus.

So beklagt der aus der katholischen Kirche ausgetretene Theologe Eugen Drewermann, die Bibel selbst enthalte »außer einer einzigen kümmerlichen Stelle, dass der Gerechte sich seines Viehs erbarmt, und dem Gebot, dem dreschenden Ochsen nicht das Maul zu verbinden, nicht einen einzigen Satz, wo von einem Recht der Tiere auf Schutz vor der Rohheit und Gier des Menschen oder gar auf Mitleid und Schonung die Rede wäre«. Welch ein Armutszeugnis für das „Buch der Bücher“!

Foto: Michael Mannheimer-Blog

 

Statt den Menschen in ein harmonisches Verhältnis zur Natur zu setzen, gab man sich vielmehr die größte Mühe, Mensch und Tier so radikal wie möglich mit metaphysischen Argumenten voneinander zu unterscheiden …
Eugen Drewermann, Theologe und Psychotherapeut

Eine künftige Christenheit, die ihr Verhältnis zu den Tieren grundsätzlich bereinigen will, wird der Menschheit eine Ethik der Ernährung zu entwerfen und zu verkünden haben! Die Nahrung des Menschen muss nicht nur diätetisch, sie muss auch ethisch einwandfrei sein!
Carl Anders Skriver, Theologe

 

 

Tiere nutzen???

Von Bernd Wolfgang Meyer

Tiere nutzen? Das ist nicht nur eine Frage der Ethik, sondern gleichsam eine der Vernunft, wie des Kenntnisgewinns. Die Frage ist komplex und kann nur differenziert beantwortet werden, wobei auch die Nutzung selbst als weitläufige Begrifflichkeit, zu definieren ist. Handelt es sich um eine humane, annehmbar humane, oder eine totale Nutzung, oder nur um ein Missverständnis bar Planungsabsicht. Unbehandelt soll hier die sprachliche Nutzung bleiben, ein selbständiges Kapitel mit dem Anspruch ideologisch begründeter Rechtfertigung für ein Unterfangen, dessen Moralität dem Wunschgedanken untergeordnet wird. Du darfst töten, weil die Natur tötet. Und weil Gott es befürwortet.

Die Natur berücksichtigt weder Recht, noch Unrecht. Skrupel sind kein Wert an sich. Machtdurchsetzung im Sinne der natürlichen Behauptung der Art ist legitim. Natur unterscheidet lediglich Kraft des Durchsetzungsvermögens mittels Stärke oder Klugheit. Stärke ist die Strategie per se. Klugheit entsteht infolge Unterlegenheit und zweigt in zwei Zielrichtungen, von der die eine die Steigerung der Fertilität und die andere die Innovation von Taktik darstellt. Die in jeder Hinsicht schwächliche und unterlegene physische, aber auch psychische, im Kontext realer Naturbedrohungen, Ausstattung der Art Mensch, wurde folglich durch die Innovation von Taktik in einem Bezug zu einer erdachten strategischen Übermacht, Gott genannt, zwingend zur Spitze der Nahrungskette. In diesem Kontext nutzt der Mensch den Menschen intensiver, als etwa das in Abhängigkeit gedrängte Wesen aller anderen Arten. Mensch hat unter Anleitung zu arbeiten; Tier hat zu kompensieren. Gott, oder ein Derivat, als erste Erfindung des frühen Menschen, ist unerläßlch, als Systemgröße der Natur vorangestellt zu werden, um einen Garanten  zu erhalten, der die eigenen Wünsche zu Gesetzen erklärt. Folglich darf Mensch beim Töten sich auf der rechtfertigenden Seite seines Gottes, wie allerdings auch nachrangig der Natur vergewissert sehen.

Wenn wir uns einbilden wollen, Raubtiere zu sein, wie uns interessierte Kreise der Jagdbehörden und der Archäologen, mit Zustimmung der Fleischmafia und der jeweiligen Politik stereotyp vermitteln, müssen wir auch bereit sein, die Kinder der Nachbarin zu fressen, weil wir die ja nicht geschwängert haben. Auch müssen wir Beweis erbringen, wie wir mit schwächlichen Fingernägeln, weichen Knien und einem unzulänglichem Gebiß, Fleisch unter der Lederhaut zerreissen, um es durch die fingerdicke Speiseröhre zu verschlucken. Gebisse sind wissenschaftlich anerkannte Merkmale der Zugehörigkeit der Arten. Halten wir uns daran und gestehen, dass wir Körnerfresser sind und Pflanzen zerlegen können.

Leben ist per se kein Geschenk, sondern die Transformation von Materie zu Bewusstsein und die abrupte Realisation, in Abhängigkeit von einer umfassenden Umgebung geraten zu sein. Leben bedeutet Zwang, den Zwang, die Endlichkeit durch Anpassungsfähigkeit und Opportunismus hinauszuschieben und durch Vermehrung das eigene Ableben zu kompensieren. Insofern ist Opportunismus, natürlicher Opportunismus, nicht grundlegend ein moralisches Defizit, sondern Ausdruck der Erkenntnis, solange die sich nicht auf Vorteile innerhalb der eigenen Art niederschlägt. Klugheit, als Flexibilität, bedeutet gelernte Überlegenheit über inherierte Verhaltensmuster, und fördert, nicht zuletzt in Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit und in Einklang des status quo, Empathie gegenüber den Unterlegenen. Weder Mensch, noch all die anderen Arten, besitzen die Fähigkeit uneigennützigen Handelns. Auch Empathie ist der zum Ausdruck gebrachte Anspruch auf eine kompensierende Gegenleistung, die sich den Minderbemittelten freilich nicht ad hoc erschließt. Empathiefähigkeit ist nicht nur dem homo sapiens gegeben, sondern ebenso und mit identischer Intensität auch allen anderen Arten bei denen wir Empathie als Symbiose bezeichnen, eine notwendige Abgrenzung zu zementieren.

Im moralischem Kontext ist die Nutzung von Tieren dann legitim, solange eine Symbiose eingegangen wird, aus der beide Seiten Nutzen ziehen. Das gilt für die sogenannten Pets, denen eine vertretbare Gegenleistung abverlangt wird. Das Pferd der Historie ist differenzierter zu betrachten. Zwar genoß es Schutz vor Carnivoren und Wetter, aber ihm wurde eine beständige Leistung abverlangt, die seinem Wesen widersprach und es vollumfänglich der Willkür des Menschen überließ. Ein hoher Preis; unter Betrachtung, dass die Natur zu der Zeit weitgehend noch eine artgerechte Lebensweise zuließ. Das Pferd der Gegenwart dient lediglich dem Anspruch des Menschen auf Unterhaltung und im Alter als Ergänzungsnahrung, Sauerbraten, Cervelatwurst, neben dem Statussymbol. Es wäre zu differenzieren, ob der Anspruch der Arterhaltung die Kosten der Abhängigkeit überwiegt. Und nur zu bejahen, wenn man Leben höher wertet, als endloses Leiden mit gewaltsamem Tod aus Gründen ökonomischer Grundsätze. Aber auch in der Arterhaltung ist der verlangte Nutzeffekt manifestiert.

Wir werden solange nicht wissen, ob sie sich einen Gott erkoren haben, solange wir uns unfähig erweisen, ihre Sprachen zu erlernen. Aber die seit einer halben Dekade haussierende Verhaltensforschung überrascht uns kontinuierlich mit neuen Erkenntnissen über die Fähigkeiten und psychischen Leistungen nahezu aller anderen Tierarten und die medizinische Tierversuchspraxis verteidigt ihren Anspruch auf die identischen physiologischen Anordnungen; freilich ohne von dem „Befund“ abzurücken, dass Tiere laut Deskartes nach wie vor als instinktbewehrte Maschinen zu bezeichnen sind, das Geschäftsmodell nicht zu beschädigen. Sie haben mit dem Menschen identische neuronale Netze, können also zwangsmäßig denken. Sie verhalten sich sozial. Viele bilden lebenslange Partnerschaften. Sie haben Familien, Sie planen die Zukunft. Sie entwickeln und benutzen Werkzeuge. Sie bauen Wohnungen und Häuser. Sie übertreffen unsere nautischen Kenntnisse und Fähigkeiten. Sie beweisen, dass sie jeglichen Wetterunbilden gewachsen sind. Sie sprechen und singen. Sie gewinnen Zuversicht und Vertrauen.  Sie drücken Freude und Trauer aus. Die Säuger reproduzieren sich wie die Menschen. Nur nicht unentwegt; sind also sittlich gefestigter. Sie sind übermütig und nachdenklich. Sie haben ein Bewusstsein, sind lernfähig sogar in der dritten Dimension, sie verstehen menschliche Axiome. Sie sind wie wir. Nach den universellen Gesetzen der Vernunft sind sie als ebenbürtig und gleich zu behandeln und der Kant´sche Kategorische Imperativ des sittlich moralischen Gesetzes ist bar Einschränkung anzuwenden.

Einstweilen jedoch, besteht lediglich Einstimmigkeit darüber, dass sie leidfähig sind und empfinden können. Immerhin ein gewaltiger Fortschritt, dem zweitausend Jahre Lehrtätigkeit zugrunde liegen.

Die mühsam erarbeiteten Argumente gegen eine Gleichheit sind unscharf geworden und gereichen nur noch zu ideologischer Propagandaverleumdung, die sich unseren Bürgern leichter offenbart, als verständlicherweise unseren  einschlägigen Wissenschaftlern und den Verhandlungspartnern Gottes. Sie haben keine Seele als letzter Stand des Starrsinns ist ebenso wenig beweisbar, wie Mensch hat eine Seele. Die beliebte, recht fortschrittliche Einstufung anderer Tiere Intellekt gemessen an einem zwei, drei, gar vierjährigem Menschenkind übersieht geflissentlich, dass das Menschenkind schlicht doof ist und das Tier alle Fähigkeiten besitzt, erfolgreich das Leben zu meistern, was der Hälfte aller erwachsenen Menschen  abgesprochen werden muß. Mindestens der Hälfte. Ein solcher Argumentationsversuch unterbindet bewusst die Unterschiedlichkeit von Äpfeln und Pflaumen und kann nur statthaft sein, das bedrohte und betroffene Menschheitsbild behutsam an die Wahrheiten heranzuführen, psychische Schäden durch Realisationsschock zu vermeiden. Mensch ist das Produkt des Arbeitgebers. Tier das der individuellen Vernunft. Kein Tier vernichtet seine Lebensgrundlagen und keine Tierart ist im entferntesten derart Gewaltaffin und destruktiv. Immer wieder Eigenschaften der sozialsittlichen Umerziehungsabsichten. Es verbleibt die „Würde des Menschen“. Ein Konstrukt, zum unantastbarem selbst kreiertem Gesetz, die Unterschiede im positivem Sinne zu bewahren und in seinem lächerlichem Anspruch per Fingerschnippen revidierbar. Geeignet allenfalls, die labilen psychischen Befindlichkeiten vor Schaden zu bewahren. Der Mensch hat keine Würde. Das Schwein hat eine Würde. Es beweist sie durch Duldsamkeit. Durch Dankbarkeit. Durch Gensequenzen. Die Würde des Schweins ist unantastbar. Die Würde des Menschen ist verhandelbar. Wir selbst teilen die Menschheit in gute und schlechte Kategorien. Wir sind Materialisten, keine philosophischen Wesen. Wir beweisen, dass wir in jeder Lage unseren Vorteil suchen und kategorieren uns somit als Instinktwesen. Damit erfüllen wir selbst die Vorgaben, die wir den anderen Tieren beimessen müssen, uns in der Überhöhung zu behaupten.

Die Natur kennt kein Gut und kein Böse. Sie ist mittelbar uninteressiert an unserem Treiben. Also steht es uns frei, mit Tieren nach Bedarf zu verfahren, wie es auch der christlich jüdische Anthropozentrismus ausdrückt. Unser maßloses Verhalten aber wird uns allmählich bewusst, in der Aussage, dass wir dabei sind, die Grundlagen unserer Existenz zu vernichten, in dem Irrglauben für Alles mit einem Substitut schließlich aushelfen zu können. Die mühsame Addition synthetischer Unterschiede ist uns abhanden gekommen. Wir haben realisiert, dass wir Tiere sind und dass kein Beweis mehr anzuführen ist, die anderen Tiere unterordnen zu können. Sie vertreten das Postulat der identischen elementaren Interessen. Wir haben die gleichen Vorfahren.  Wir haben erkannt, dass die Sklavenhaltung von Mitgliedern unserer Art moralisch nicht mehr vertretbar ist. Wir haben aufgehört, unsere eigene Art zu verspeisen. Wir lernen, dass alles in der Natur zusammenhängt und der Totemismus, die Zusammengehörigkeit, die Verpflechtung, von Mensch und Natur  ein Naturgesetz ist, die anderen Tiere ein Selbst besitzen und dass das letzte Postulat – Der Maßstab bleibt der Mensch – in die satirische  Veranstaltung und nicht in die Überlegung gehört.

„Ich esse meine Freunde nicht“. Ein geflügeltes Wort Gelehrter. Und ich esse meine Verwandten nicht. Warum den Mythos unserer Überhöhtheit ablegen, wo er uns doch soviel bedeutet. Kannibalismus macht uns krank, degradiert uns zu Deponien der chemischen Industrie und versperrt uns den Weg vom tyrannischem Beherrscher zum Behüter derer, denen wir uns überlegen fühlen. Wir begehen Raubmord, indem wir sie ihres Lebensrechts berauben.

Ist das die Zivilisation derer wir uns rühmen? Soll das mit Humanismus umfassend katalogisiert werden? Machen wir das noch aus Gründen der Selbsterhaltung der Art ? Oder nur des Vergnügens willig, einen Gaumenkitzel zu erfahren? Unseren inherierten Sadismus auszuleben? Ginge es um den natürlichen Trieb der Erhaltung der eigenen Art, morden wir die Falschen. Wir sähen uns gezwungen, uns selbst zu dezimieren. Moral ist die Erfindung der Rechtfertigung der eingeschränkten Handlungsweisen unserer Fähigkeiten; Empathie, Mitgefühl, ist eine genetische Essenz, die allen Tieren gemein ist.  Gott ist die übernatürliche Instanz, uns zu erlauben, was wir wünschen und uns zu verwehren, was wir nicht wollen.

Wollen wir Tiere quälen, sie einkerkern, ermorden, wenn sie beginnen würden, am Leben teilzuhaben? Wenn wir bereit sind, das zu wollen, dürfen wir sie nutzen, weil wir dazu die Macht haben? Und wenn uns Mordgelüste an Wehrlosen zuwider sind, sollten wir uns derart verhalten, wie wir uns verstehen wollen – als humane Tierart, die die Fähigkeit erlernt hat, Verstand vor Können zu setzen und uns bemühen, ein Ersatzwort für Humanität zu kreiern. Das Deckwort aller Grausamkeiten zu ersetzen.
Wir dürfen Tiere nutzen, solange es sich um eine Symbiose des Nutzens für Alle handelt. Wir dürfen kein Lebewesen nutzen, dessen elementare Interessen durch die Nutzung eingeschränkt, oder verunmöglicht werden. Das sind wir unserem Selbstverständnis schuldig. Und unserer Machtstellung.

Bernd Wolfgang Meyer