Politische Beiträge von alternativen Medien

3600 Euro reichen bald nicht mehr zum Leben / Familienvater: Ich habe Angst, dass die Kinder hungern

Die dramatischste Meldung der vergangenen Tage kommt vom Deutschen Sparkassenverband. Die Banker, die mehr über die Konten der Deutschen wissen als jeder andere im Land, sagen: Haushalte mit einem Einkommen von 3600 Euro NETTO oder weniger haben aufgrund der dramatisch gestiegenen Preise am Monatsende kein Geld mehr übrig. Sie müssen ihr gesamtes Einkommen aufwenden, um die Kosten zu decken.


Gähn: Verfassungsschutz warnt vor Zuspitzung der bundesweiten Proteste

Mittlerweile könnte man schon davon ausgehen, dass an der Spitze dieser Sicherheitsbehörde gar kein Mensch hockt, sondern eine Tonbandmaschine aus dem Kanzleramt, die auf Knopfdruck immer dasselbe abspielt:

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat vor einer Zuspitzung der bundesweiten Demonstrationen gegen die hohen Energiepreise und die deutsche Russland-Politik gewarnt. „Der Ton bei solchen Veranstaltungen wird aggressiver“, sagte Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Die Stimmung heize sich auf, und das könnte auch noch weiter zunehmen.

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Mein Leuchten lasse ich mir nicht auch noch stehlen!

Von Bettina Schneider am 27. September 2022

Die Deutsche Umwelthilfe fordert wieder einmal. Angesichts der Energiekrise, sollen Städte und Privathaushalte auf Weihnachtsbeleuchtung verzichten.

In diesem Winter sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass sowohl auf die Weihnachtsbeleuchtung in Städten als auch die der Häuser und Wohnungen verzichtet wird“

Liebe Umwelthilfe, seit jeher sehnten sich die Menschen vor allem in jenen Momenten nach Licht, in denen es besonders dunkel ist. Es gibt Gründe, warum man im Winter die Straßen, Plätze und Wohnzimmer mit Lichtern schmückt, warum für die meisten von uns die festliche Weihnachtsbeleuchtung mehr ist, als nur Kommerz und Verschwendung von Energie.

Man hat uns viel genommen, über die letzten zwei Jahre. Die Freiheit, die Sicherheit, das Vertrauen und mittlerweile auch die Zuversicht, dass alles bald wieder besser werden kann.

Wer einem Weihnachten mit Existenzangst, in einer kalten Wohnung und düsteren Aussichten für die Zukunft entgegensieht, viele Menschen sind dazu auch noch einsam, dem würde ich seine kleinen Adventsfreuden gerne weiterhin gönnen. Es erscheint mir mehr als lächerlich, ja anmaßend, beständig Opfer und Verzicht zu fordern, die global gesehen, weder ins Gewicht fallen, noch notwendig wären, wenn unsere politische Führung ihre Hausaufgaben machen würde. Mein Maß an Solidarität, Toleranz und Duldsamkeit endet an diesem Punkt.

Mögen sich die Dörfer und Städte, die Weihnachtsmärkte und Läden dem Wahnsinn beugen. Bei mir zuhause wird es leuchten. Ich habe es nie übertrieben, nicht wie in Las Vegas oder den Emiraten, wo man die Energie verheizt, als gäbe es kein Morgen. Doch meine Seele tankt auf, wenn mich warm erleuchtete Fenster in einer düsteren Novembernacht begrüßen, wenn ein Lichterbäumchen am Marktplatz strahlt, wenn es bereits um 17 Uhr dunkel ist, wenn Schaufenster weihnachtlich glitzern und wenn helle Lichterketten in der Wohnung für Gemütlichkeit sorgen. Meine Seele benötigt Licht in der dunklen Zeit.

Es ist leider wie es ist.

Die Zeit der Belehrungen, des Gängelns, des Mahnens, des Bevormundens, der künstlich erzeugten Knappheit, der geschürten Ängste, …. die Zeit der neuen Ersatzreligion von Sühne und Buße scheint endgültig angebrochen. Die neuen Todsünden, Flug-Scham, Dusch-Scham, Heiz-Scham … werden jetzt noch ergänzt, durch Licht-Scham.

Ich werde mich ganz ketzerisch und ohne den Hauch eines schlechten Gewissens verweigern. Mein Leuchten werdet ihr mir nicht auch noch nehmen.

Und nebenbei bemerkt, was „eine Selbstverständlichkeit“ ist, das entscheidet zum Glück nicht ihr! Selbstverständlich wäre in meinen Augen, wenn hoch bezahlte Politiker das tun würden, wofür sie eigentlich im Amt sind: Die angemessene Versorgung von Wirtschaft und Infrastruktur ihres Landes zu gewährleisten, zum Wohle der Bürger.

Hört auf, euch beständig in Dinge einzumischen, die euch nichts angehen!

In Memory of Karlheinz Deschner (Teil6)

Er ließ sich nie von Autoritäten täuschen

Laudatio auf Karlheinz Deschner von Karl Corino anlässlich der Verleihung des Wolfram-von-Eschenbach-Preises an Karlheinz Deschner im Jahre 2004

«Man müßte schreiben, ohne eine Sekunde nachzudenken, man müßte drauflosschreiben wie eine Maschine, so schnell und ohne alle Hemmungen, man müßte alles herausschleudern wie ein Vulkan oder wie man sich erbricht oder was weiß ich, sobald man denkt, ist es schon vorbei, das ist meine Erfahrung». So steht es in Karlheinz Deschners erstem Roman «Die Nacht steht um mein Haus», mit dem er 1956, mit 32 Jahren, die literarische Szene betrat.

Es war ein Debüt, das im wahren Wortsinn Furore machte und die Öffentlichkeit, wie später so oft, in zwei Lager spaltete. «Deschners Prosa vom Leben und Leiden des einzelnen an der allgemeinen Unmenschlichkeit der Epoche hat an ihren besten Stellen die Durchschlagskraft eines Geschosses. Als Erstlingsbuch: eine großartige Begabungsleistung!», schrieb Karl Krolow damals, und Leslie Meier alias Peter Rühmkorf: «Ein Buch mit wunderbaren Naturschilderungen und wunderbaren Herausforderungen, lyrisch und provokant, anstößig und stimmungsgeladen, vor allem aber: von der Form her interessant» – ein Lob, das dem von Wolfgang Koeppen, Hermann Kesten, Hanns Henny Jahnn, Hans Erich Nossack, Ernst Kreuder oder Albert Vigoleis Thelen glich, während andere von einem «einzigen Zeugnis von Kraftlosigkeit» sprachen oder von einer «Roßkur».

Wenn man heute, aus einer Entfernung von fast 50 Jahren, auf dieses Buch zurückblickt, so muss man sagen, es gehört zu den wichtigen Leistungen jener Generation, die im III. Reich aufwuchs und dann in den II.Weltkrieg geworfen wurde.

Kein Zweifel, das knappe Dutzend von Deschners Essays über «Franken, die Landschaft [s]eines Lebens», die unter dem Titel «Dornröschenträume und Stallgeruch» in mehreren Auflagen erschienen, sind Filiationen jener frühen Prosa, und es ist nicht verwunderlich, dass das Verhältnis zur Natur und die Fähigkeit, sie Wortmagie werden zu lassen, für Deschner immer ein eminent wichtiges Kriterium war für poetisches Genie.

Es ist kein Zweifel, dass meine Generation, die im II. Weltkrieg, oder kurz davor, bald danach zur Welt kam, von Deschner geprägt wurde. Das gilt nicht zuletzt für die literarische Urteilsfähigkeit. 1957 erschien Deschners literarische Streitschrift «Kitsch, Konvention und Kunst», ein Büchlein von ca. 170 Seiten, das bei vielen Schülern und Studenten Epoche machte.

Es stürzte die Götter vieler unserer Deutschlehrer – Bergengruen, Carossa, Hesse – und holte die Autoren Broch, Jahnn, Musil, Trakl heim aus dem Exil und entriss sie der Vergessenheit. Deschner ließ sich nie von Autoritäten und Zelebritäten täuschen. Mochte Hermann Hesse auch seinen Nobelpreis haben – Deschner zeigte, wie epigonal dessen Prosa und seine Lyrik seien – und umgekehrt, wie originell und modern die «Schlafwandler», der «Fluß ohne Ufer», die Entwürfe zum «Mann ohne Eigenschaften».

Deschner ist als Literaturkritiker eine Potenz, und er hätte das Zeug gehabt, der führende Mann Deutschlands auf diesem Gebiet zu werden, wenn sich seine Interessen später – und mit weitreichenden Folgen – nicht verlagert hätten. Man muss nur wieder einmal in seinem Band «Talente, Dichter, Dilettanten» aus dem Jahre 1964 blättern, um mit Genuss zu sehen, wie er die Schein-Blüten entblätterte.

Und nicht minder brillant ist Deschners Analyse von Walter Jens’ Buch «Deutsche Literatur der Gegenwart» aus dem Jahr 1968. Man kann nur bedauern, dass Deschner sich nicht weitere Geistesheroen aus Jensens Umkreis zur Brust genommen hat. Es lag, wie schon angedeutet, daran, dass sich Deschners Interessen verlagerten. Von der Literatur weg zur Religionsphilosophie und zur Kirchengeschichte. Zwar schrieb er nach seinem Roman-Erstling noch ein zweites erzählendes Buch, «Florenz ohne Sonne», das ich ebenfalls gerne lese, und ein drittes, das er aber nicht mehr veröffentlichte, die Jahre zwischen 1958 und 1962 widmete er indes einem 700-Seiten-Wälzer unter dem Titel «Abermals krähte der Hahn», einer Historie des Christentums von den Anfängen bis zu Pius XII.

Es gab manche Vorausdeutungen in Deschners erstem Roman, die den Schwenk seines Denkens schon ahnen ließen: «Natürlich gibt es den Glauben, ruft nur, ruft nur, daß es den Glauben gibt, aber der Glaube ist auch nur eine Vermutung, eine Vermutung, die man sich suggerieren kann, aus Schwäche, aus Verzweiflung, aus Dummheit, aus ‹Demut›, aus ‹Ehrfurcht›, aus ‹Kraft›, aber auch der Glaube ist nur eine Vermutung unter den anderen Vermutungen, und selbst wenn ihr von eurem Glauben überzeugt seid, blindlings davon überzeugt seid, er bleibt eine Vermutung, und niemand weiß, ob dieser Vermutung etwas entspricht», so lesen wir. Es scheint, als habe Deschner gegen Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre diesen Vermutungen auf den Grund gehen wollen. Er mutete sich eine unglaublich anmutende wissenschaftliche Lektüre zu, die, wenn ich richtig gezählt habe, seinerzeit schon ca. 1000 Titel umfasste.

Er dürfte alles verarbeitet haben, was die Entstehung und die Geschichte des Christentums angeht. Die Bilanz war, was die Nachfolge Christi angeht, niederschmetternd, und ich kenne Kommilitonen, die nach der Lektüre von Deschners frühem Opus magnum das Studium der Theologie aufgaben.

Mit leidenschaftlicher Exaktheit demonstrierte Deschner, wie die Lehren der Bergpredigt, ihr zum Teil revolutionärer, mit dem Alten Testament brechender Ansatz mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch Kaiser Konstantin in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Wie die Gebote der Nächsten- und der Feindesliebe, die den Christen ein paar Jahrhunderte lang den Militärdienst verboten, umgebogen und staatsdienlich, kriegstauglich gemacht wurden. Aus Wehrdienstverweigerern und Märtyrern unter den früheren römischen Kaisern wurden nun Waffenträger und Feldprediger, die die Schwerter und Lanzen segneten. Er zeigte, wie die urchristliche Gütergemeinschaft einem urwüchsig-dauerhaften Besitzdenken wich, wie sich die kirchliche Hierarchie unter dem römischen Episkopat verfestigte, wie konkurrierende christliche Glaubensrichtungen bekämpft, verleumdet, notfalls auf Konzilien mit Stöcken niedergeschlagen wurden und wie das Papsttum mit allen Mitteln machiavellistischer Politik, lang vor Machiavelli, zu Großgrundbesitz, Größtgrundbesitz und zur weltlichen Großmacht aufstieg, gegebenenfalls anhand massiver Fälschungen: man denke nur an die sogenannte Konstantinische Schenkung, der wir den Kirchenstaat verdanken.

Immer wieder stieß Deschner auf die peinigenden Widersprüche zwischen den Geboten Christi, soweit wir sie rekonstruieren können, und der Praxis der Kirche und ihrer Diener, und die Zahl der himmelschreienden Untaten, auf die man beim Gang durch die Jahrhunderte stößt, ist wahrhaft Legion. Man denke nur an die Kreuzzüge, an die Vernichtung der Katharer, Albigenser und Waldenser (von denen ich vermutlich abstamme), an die Bauernkriege, an die Hexenverfolgungen, von denen man auch in der Markgrafschaft Ansbach und in den fränkischen Bistümern von Bamberg über Würzburg bis Eichstätt ein langes, blutiges und im wahren Wortsinne feuriges Lied singen müsste, und man stellt mit Deschner fest, dass sich Katholizismus und Protestantismus bei aller Feindschaft, der wir ja den Dreißigjährigen Krieg verdanken, mitunter in ihrer Menschenfeindlichkeit und Grausamkeit, auch in ihrem Antisemitismus verdammt wenig unterschieden.

Es gab die fatalsten Brückenschläge – was etwa Luther hetzend über die Juden schrieb, das konnte 400 Jahre später gut der «Stürmer» brauchen –, und es gab die verrücktesten Allianzen und Spaltungen. Man braucht nur an die anfeuernde Rolle der Kirchen in den zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts zu denken, als Christen gegen Christen kämpften und die Kirchen allen Kriegsparteien versicherten «Gott mit uns», «Gott mit euch», anstatt jeden zu exkommunizieren, der die diplomatischen Feindseligkeiten eröffnete und die Waffe hob. Wenn heute einzelne Kirchenvertreter behaupten, die Auszeichnung Deschners sei ein Schlag gegen die Kirche, so muss man leider entgegnen, die schrecklichsten Schläge hat die Kirche in den vergangenen 2000 Jahren, nehmt nur alles in allem, immer gegen sich selbst geführt, gegen ihre eigenen Gläubigen, gegen die Anhänger konkurrierender christlicher Glaubensrichtungen oder die anderen monotheistischen Religionen aus dem Morgenland.

Wer geglaubt hatte, das Thema Kirche sei mit «Abermals krähte der Hahn»erschöpft gewesen, der irrte sich. Es ließ Deschner bis zu seinem 80 Geburtstag und darüber hinaus nicht mehr los. In wöchentlich 100-stündiger Arbeit legte er seit 1986 acht Bände seiner «Kriminalgeschichte des Christentums» vor, rund 4600 Seiten, denen noch zwei weitere Bände folgen sollten.

Immer eingeräumt, dass es auch vorbildliche, ebenso demütige wie mutige Christen gab, die ihr Leben für ihre Prinzipien opferten – man denke nur an den christlichen Widerstand im III. Reich, an die Bekennende evangelische Kirche und die katholischen Pfarrer in den KZs –, dies immer eingeräumt, wird es wohl keine nennenswerte Schandtat im Namen des Christentums geben, die Deschner entgangen wäre, handle es sich, weil wir in Wolframs-Eschenbach sind, nun um das Wüten des Deutschen Ordens in Polen und im Baltikum, oder um die unbarmherzige Niedermetzelung der Indios in Lateinamerika durch die spanischen Conquistadoren, von der wir beispielsweise durch Las Casas wissen.

Es gibt wohl keinen Zweifel: hätte ein Zufall oder eine «Fügung» einen Mann vom Schlage Deschners in ein früheres Jahrhundert hineingeboren, er wäre mit höchster Wahrscheinlichkeit wie Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen gelandet und man hätte ihn, mit besonderer Grausamkeit, vielleicht auf kleinem Feuer geröstet.

Es ist gewiss nicht übertrieben, wenn der Münchner Philosophieprofessor Wolfgang Stegmüller Karlheinz Deschner den «bedeutendsten Kirchenkritiker»des 20. Jahrhunderts genannt hat, und es ist nicht nur die «herrliche Mischung von leidenschaftlichem Engagement, klarster Logik, beißendem Sarkasmus und überwältigendem Wissen», die ihn zum «modernen Voltaire» stempelt (Nelly Moya), es ist auch die Einheit von Denken und Tun.

Aufgewachsen wie alle Franken – Bratwurstland – in bedenkenlosem Fleischkonsum, vom Vater her gewöhnt an Jagen, Fischen und Töten, hatte er alsbald sein Saulus-Paulus-Erlebnis. Schon in seinem Erstlingswerk lesen wir:

«… ich glaube, daß wir kein Recht haben, die Tiere zu töten, es sei denn das Recht der Gewalt. Nein, ich mache keinen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier … wie das die Christen tun, die demütigen Christen, die so demütig sind, daß sie sich für das Ebenbild Gottes halten, für das Ebenbild eines allgütigen, allweisen und allmächtigen Gottes, für das Ebenbild des Schöpfers Himmels und der Erde. Du lieber Himmel. Was für ein Gott das sein muß, wenn man ihn beurteilt nach seinen Ebenbildern! Nein, ich habe die Jagd aufgegeben, und da ich dachte, daß jeder Fleischesser schlimmer als ein Jäger ist, und schlimmer als ein Metzger ist, da ich dachte, und ich denke es heute noch, daß es nur Gedankenlosigkeit ist und Inkonsequenz und eine gemütsmuffige Verlogenheit, wenn sie sagen: nein, ich könnte kein Tier töten, ich könnte keinem Tier was zuleide tun, wobei sie sich schütteln und entsetzte Augen machen und sich den Bauch vollschlagen mit Fleisch …, habe ich auch das Fleischessen aufgegeben».

Deschner fühlt sich in dieser, sagen wir, vegetarischen Enthaltsamkeit, die Religionen und Weltanschauungen miteinander vergleichend, den Pythagoräern und den Buddhisten wesentlich näher als dem Alten Testament mit seinem Gebot «Machet euch die Erde untertan», das ein Todesurteil für Milliarden von Tieren impliziert.

So energisch Deschner mit sprachlicher und gedanklicher Schlamperei, mit Heuchelei, Intoleranz und Grausamkeit verfährt, so entschieden vertritt er sein Plädoyer der Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft. «Denn jeder Mensch braucht Hilfe von allen», wie Brecht es formulierte.

Es ist ein Paradox, dass Deschner, auch in viele Sprachen übersetzt, eine nach Millionen zählende Leserschaft hat, dass er aber auf weite Strecken nicht überlebt hätte, nicht hätte weiterarbeiten können ohne die Unterstützung einiger Mäzene. Insofern ist der Wolfram-von-Eschenbach-Preis, der diesem Autor heute verliehen wird, nicht nur eine Anerkennung für das Geleistete, sondern hoffentlich auch eine Hilfe zur Vollendung seines Lebenswerks.

Nachruf: Dr. Erwin Kessler verstorben

Ein Nachruf von Sonja Tonelli

Wenn ich Erwin Kessler mit 2 Worten beschreiben müsste, dann wären diese beiden Worte „ehrlich“ und „gerechtigkeitsliebend“. Unser lieber Präsident und Freund hat uns am 24. September 2021 für immer verlassen. Wir sind tieftraurig und möchten ihm zu Ehren hier an dieser Stelle einen kurzen Rückblick auf sein Leben und Wirken halten.

Erwin Kessler kam am 29.2.1944 in Romanshorn zur Welt und wuchs in einem Industriequartier in Zürich auf. Seine Liebe zu den sogenannten landwirtschaftlichen „Nutz“Tieren wurde früh in seiner Kindheit geweckt, wenn er jeweils in den Sommerferien auf dem Bauernhof seines Onkels im kleinen Dorf Happerswil im Thurgau war. Bereits als kleiner Knabe erkannte er das Unrecht, welches diesen Tieren angetan wurde. Auf seine Fragen, warum die kleinen Kälber in dunklen Boxen gehalten wurden und der Stier immer angebunden im Stall stehen musste, bekam er einfach nie eine Antwort. Diese Erfahrung prägte ihn tief.

Nach einer Tiefbauzeichnerlehre absolvierte er ein Studium an der Ingenieurschule (Technikum) in Winterthur. Später erlangte er auf nebenberuflichem Weg die eidgenössische Maturität und machte daraufhin das Doktorat an der ETH Zürich. Bis 1993 arbeitete Erwin Kessler als selbständiger Bauingenieur, was ihm ein lukratives Einkommen sicherte. Zu dieser Zeit wohnte er mit seiner Frau und 4 Kindern bereits in Tuttwil im Kanton Thurgau. Auf einem Spaziergang schaute er in eine Schweinemästerei und das Elend, welches er dort sah, liess ihn nie wieder los. Er beschloss, etwas dagegen zu unternehmen und war fest davon überzeugt, wenn die Menschen nur sehen würden, was für grosses Leid ihre Ernährungsweise für die Tiere bedeutet, sie ihre Ernährung umstellen würden.

Am 4. Juni 1989 gründete er zu diesem Zweck den Verein gegen Tierfabriken, den er bis zu seinem Tod leitete. Er brach nachts in Ställe ein, wo er das Elend der Tiere in Bildern festhielt, um der Schweizer Bevölkerung aufzuzeigen, dass die Realität für die sogenannten „Nutz“tiere komplett anders ist, als in der Werbung angepriesen, die immer nur glückliche Tiere zeigt. Ende 1993 gab er seinen lukrativen Beruf auf, um vollamtlich im Tierschutz tätig sein zu können. Die traurige Realität aus den Ställen verbreitete er in seinem Heft, den VgT-Nachrichten, welche er bis heute 4x pro Jahr in Schweizer Haushalten verteilen liess, teilweise in einer Auflage von mehreren Millionen. Um den Tieren noch mehr Aufmerksamkeit zu bescheren, kämpfte er für sie auch oft vor Gericht und gewann viele wegweisende Verfahren, für die er teilweise bis vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof ging.

Erwin Kessler zog sich durch seine mutige Aufklärungsarbeit viele mächtige Gegner zu und musste sich sein Vorhaben oft vor Gericht erkämpfen. So wollte beispielsweise die Schweizer Post die VgT-Nachrichten nicht mehr verteilen oder das Schweizer Fernsehen SRF eine bezahlte Werbung gegen Fleischkonsum nicht ausstrahlen. Einer seiner grössten Erfolge war der Prozess gegen Daniel Vasella, damals noch Chef bei der Novartis. Erwin Kessler sollte es verboten werden, die grausamen Tierversuche als Massenverbrechen und damit auch indirekt Daniel Vasella als Massenverbrecher zu bezeichnen. Dank diesem erfolgreichen Prozess, über den oft in den Medien berichtet wurde, erhielten die Tierversuchstiere eine gewaltige Stimme.

Wenn es um die Aufdeckung von Ungerechtigkeit ging, war Erwin Kessler kein Weg zu weit und kein Berg zu steil. Wenn es erforderlich war, war er für die Tiere auch bereit, die Grenzen des Zulässigen zu überschreiten. Er sprach sich dabei jedoch stets gegen jegliche Gewalt aus.

Als der Bundesrat das betäubungslose Schächten von Säugetieren in der Schweiz wieder zulassen wollte, führte er über Jahre hinweg eine riesige Aufklärungskampagne, um dies zu verhindern und nahm es sogar in kauf, dafür als Antisemit angeklagt und verurteilt zu werden. Es ist zu einem grossen Teil Erwin Kesslers Verdienst, dass das grausame betäubungslose Schächten in der Schweiz heute immer noch verboten ist. Dabei handelte Erwin Kessler nicht aus antisemitischen Motiven sondern aus dem tiefen und verzweifelten Wunsch heraus, die Schweizer „Nutz“Tiere vor dieser äusserst grausamen Tötungsart zu schützen.

Einer seiner grössten Erfolge war sicherlich der schweizweit bekannt gewordene Tierquälerfall „Hefenhofen“. Ulrich K. quälte auf seinem Hof 15 Jahre lang Pferde und andere Tiere. Immer wieder versuchten Tierschutzvereine vergeblich, dies zu stoppen. Die Thurgauer Behörden schauten weg und kamen ihren Pflichten nicht nach, weil sie selbst Angst vor dem Bauern hatten. Doch wo andere aufgaben, machte Erwin Kessler weiter. Er blieb über 10 Jahre an dem Fall dran. Als es Erwin Kessler 2017 gelang, dem Blick Schockbilder von verhungerten Pferden zuzustellen, war der Druck auf die Behörden so gross, dass sie endlich handeln mussten.

Erwin Kessler wurde in den Medien oft als extrem, streitbar und militant bezeichnet. Auf die Frage, ob er nicht mehr erreichen würde, wenn er weniger extrem wäre, antwortete er stets: Ich muss provozieren. Es ist mir lieber, man regt sich auf, als dass man das Leiden der Tiere gar nicht zur Kenntnis nimmt.

Wer mit Erwin Kessler befreundet war, weiss, dass er ein eher schüchterner Mensch war, der nicht gerne im Rampenlicht und in der Öffentlichkeit stand. Er hatte auch eine sehr humorvolle und sanfte Seite. Man konnte mit ihm buchstäblich Pferde stehlen und sich immer auf ihn verlassen. Und wenn einer seiner Freunde in Not war, fühlte er sich stets gedrängt zu helfen und liess nie jemandem im Stich.

Nur wenige Menschen, die Erwin Kessler sehr gut kannten, wissen, dass er nicht immer so stark war, wie er sich gab. Die Gleichgültigkeit vieler Menschen gegenüber dem schrecklichem Tierleid, machten ihm sehr zu schaffen. Er kämpfte oft mit schlimmen Ohnmachtsgefühlen, weil er den Tieren, welche er in den Ställen fotografierte und die ihn mit verzweifelten Augen ansahen, nicht helfen konnte. Schwerwiegende Verleumdungen, vor denen er seinen Verein mittels Anzeigen und Gerichtsverfahren zu schützen versuchte, zermürbten ihn oft. Erwin Kessler litt wiederholt unter Depressionen und durchlebte einige schwere Krisen. Aber er dachte niemals daran aufzugeben und tankte neue Kraft in seinem wunderschönen Naturgarten oder seinem geliebten Stück Wald, um den Tieren weiterhin eine Stimme geben zu können. Bis zuletzt blieb er seinen Überzeugungen und sich selbst treu, mit einer kompromisslosen Ehrlichkeit, die man heute leider nur noch selten findet.

Erwin Kessler fühlte sich bis zu seinem letzten Lebenstag fit und gesund. Sein liebes Herz hörte in der Nacht vom 23. auf den 24. September 2021 im Schlaf völlig überraschend auf zu schlagen. Wir vermissen unseren Freund, der stets für uns da war, sehr. Wir hatten doch noch so viele Pläne, wie wir den Tieren eine noch mächtigere Stimme geben könnten. Erwin wir versprechen dir, dass wir all diese Pläne und noch viele mehr in deinem Namen weiter verfolgen werden.. In unseren Herzen und unseren Taten wirst du dadurch weiterleben!

„Das einzige wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“ sagte einst Albert Schweitzer

Erwin Kesslers grosse Liebe gehörte den Tieren. Er hinterlässt uns mit unserer „Auffangstation für Kaninchen und Hühner in Not“ und unserem Lebenshof in Buhwil eine grosse Verantwortung für über 200 Tiere. Und auch seine Aufklärungsarbeit ist noch immer so wichtig wie zuvor! Wir werden alles dafür tun, den Verein gegen Tierfabriken in den Spuren unseres grossen Vorbildes und Freundes Erwin Kessler weiter zu führen.

Sonja Tonelli und der VgT Vorstand