Peter H. Arras: Tierschützer mit Leib und Seele

Liebe Freunde der Tiere,

Tierschutz ohne Vorurteile – die Aktion Konsequenter Tierschutz (AKT) macht es seit fast 30 Jahren vor!

Tierschutz wird zumeist mit der Hilfe für Hunde und Katzen in Verbindung gebracht. Auch diverse Kleintiere, wie Hamster und Meerschweinchen, werden noch in den Begriff des Tierschutzes mit einbezogen; also die Tiere, die üblicherweise in Tierheimen zu finden sind. Diese stimulieren das emotional gelagerte Mitgefühl der meisten Menschen am ehesten.

Eine große Zahl von Tieren in unserer Gesellschaft, die nicht minder leidensfähig sind, bleiben zumeist unberücksichtigt, wie Wildtiere und Exoten. Diese sind alle als Vertreter wildlebender Arten nicht an den Menschen angepasst und zumeist nicht so putzig wie die üblichen Haustiere, dennoch stellen gerade sie besonders hohe Anforderungen an die Haltung und den fachgerechten Umgang. Die meisten Tierschutzeinrichtungen sind für die Aufnahme solcher Tiere deshalb nicht eingerichtet und stehen den Exoten oftmals überfordert gegenüber.

Aktion Konsequenter Tierschutz – von Peter H. Arras nimmt sich seit 1989 diesen Tieren an (www.akt-mitweltethik.de). Arras ist passionierter Tierschützer von Kindesbeinen an und ausgebildeter Zootierpfleger, er hat eine Tierschutzstation für diese besonders anspruchsvollen Tiere aufgebaut. „Unser Tierbestand, bestehend aus Wasser-, Sumpf-, Erd- und Landschildkröten, zwei Kaimanen, Leguanen, Agamen, Schlangen, aber auch Fischen, Papageien, Kleinsäugern wie Affen, Wickelbär, Kaninchen, Chinchillas, Steinmardern, Füchsen, etliche Tauben, Krähen- und Singvögel, die nicht mehr ausgewildert werden können, einem Pfauenpaar, Hühnern, Katzen, Hunden, Wildschweinen – alle sind Tierschutztiere, also ehemalige Notfälle, zumeist aus schlechten Haltungsbedingungen, wurden aufgefunden oder einfach an uns abgegeben, z.B. weil das Interesse verflogen ist. Insgesamt leben bei uns rund 300 Tiere.“, erzählt Arras. Auch einheimische Wildtiere, die verletzt, krank oder als Jungtiere aufgefunden wurden, gehören dazu.

Arras ist ein Tierschützer mit Leib und Seele. Er hatte damals mit der Gründung seiner Station ein Novum im deutschen Tierschutz geschaffen. Ein enormer Aufwand ist notwendig, um den Schützlingen einen artgemäßen Lebensraum zu bieten. Auf seinem Anwesen in Biedesheim (Pfalz) hat er dazu in den Stockwerken und Räumen verschiedene Klimazonen geschaffen, um eine artgerechte Unterbringung zu gewährleisten. „Die Temperatur der Luft und des Wassers wird elektronisch reguliert. Inzwischen ist dort ein kleiner Urwald gewachsen. Im Erdgeschoß unseres Tierhauses leben bei 15-20 Grad Celsius die nicht so wärmebedürftigen warmblütigen Tiere. In der Tropenhalle darüber, einem ehemaligen Getreidespeicher, bei 25-35 Grad Celsius die tropischen Tiere wie Land- und Wasserschildkröten, Kaimane, Schlangen, Papageien und andere Tiere wie z. B. unsere blinde Wickelbärin Wicky, die ein ausgedientes  Schautier gewesen ist.

Das gesamte Tierhaus verfügt über drei Klimazonen, die durch die Beachtung thermischer Gesetzmäßigkeiten ohne Trennwände möglich wurden. Der geschlossene Innenhof erlaubt es uns, bestimmten Tieren Freigang zu gewähren. Auch im Wohnhaus leben verschiedene Tiere in ihren artspezifischen Anlagen, vor allem die Affen im vorgelagerten Wintergarten, Riesenschlangen und Sumpfschildkröten. Im Dachgeschoss wurde ein Wüstenraum geschaffen für Reptilien, die es besonders warm und trocken brauchen. Dort lebt auch unser Nil-Flughund Mahi. Die Kranken- und Quarantänestation befindet sich im geräumigen Badezimmer. Im Jahre 2014 wurde unweit des Hofes ein Außengelände gekauft, das dem Natur- und Biotopschutz der AKT dient sowie zur Auswilderung einheimischer Tiere. Dort wurde auch eine große Anlage für Wildschweine geschaffen, die als verwaiste Frischlinge bei uns eingeliefert wurden.“ So beschreibt Arras die Begebenheiten seiner Einrichtung.

Hier findest Du Bilder aus der AKT-Tierstation!

Tierschutz erschöpft sich jedoch für ihn nicht durch den Betrieb seiner Tierschutzstation. Von Anbeginn war es das Bestreben des AKT-Gründers, eine Organisation zu schaffen, die so ganzheitlich und integrativ wie möglich den Schutz des tierlichen Lebens betreibt und propagiert. Sein Motiv: „Unsere Handlungsmotivation entspringt hierbei nicht etwa der viel zitierten emotionalen ‚Tierliebe’, sondern es ist der Respekt und die Achtung vor jeder Form von Leben ganz im Sinne des Albert Schweitzer und seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben: ‚Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.’“ Vor diesem Hintergrund kam es bereits 1993 zu der Gründung des Institut für Mitweltethik, das sich auf natur- und geisteswissenschaftlicher Ebene mit den ethischen Grundlagen einer harmonischen Koexistenz der Menschen mit ihrer belebten Mitwelt befasst.

Zuvor, bereits 1990, kam es zur Gründung der AKT-Fachberatungsstelle für Tierschutz und Tierhaltung, die damals die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland war. Die Beratung zu allen Fragen rund um Tiere, wie artgemäße Tierhaltung, Lösungen in Mensch-Tier- Konflikten, Verhütung ungewollten Tierleids in Haus und Garten, stehen dabei im Vordergrund.

Das besondere Anliegen von AKT bestand von jeher darin, dass alle Tiere ohne Ansehen ihrer Art, ihres Aussehens, ihres Verhaltens und der Vorurteile, die Menschen ihnen gegenüber hegen, gleiche Rechte auf Leben, Schutz und artgemäßen Lebensraum zuerkannt werden sollen. Arras wollte hierbei vorangehen und beispielgebend sein, was er auch mit seinen zahlreichen Publikationen und politischen Aktionen, so z. B. für Fische und andere Kiemenatmer, zum Thema Zoohandel/Heimtierhaltung, Haltung von Tieren wildlebender Arten etc. vor allem in den 90er Jahren leistete. Die  Website der AKT ist ein wahrer Kosmos, was Themen, politische Positionen und Bioethik (Mitweltethik) betrifft.

Pro-iure-animalis hat die Station inzwischen mehrere Male besucht und ist beeindruckt von der Leistung des Peter Arras und seinem Mitarbeiters Felix Denig. Mit seiner Wortgewandtheit war es Arras immer wichtig, trotzdem mehr Tat als Rede zu leisten in der Hoffnung, dass seinem Beispiel gefolgt werde. Nicht nur bei seiner tagfüllenden Arbeit in der Station, zieht sich durch sein Denken und Handeln ein roter Faden der Konsequenz zu Tierschutzthemen.

Mit der Station hat AKT als gemeinnützig anerkannte Gesellschaft mbH täglich hohe Kosten. Neben Futtermittel und Materialien zur Ausgestaltung der Lebensräume sowie Tierarztkosten, schlagen vor allem Energiekosten heftig zu Buche. Diese Kosten werden seit Anbeginn aus privaten Mitteln und primär durch Spenden gedeckt. Öffentliche Zuschüsse erhält die AKT ebenso wenig wie Unterstützung von vermögenden Organisationen. AKT leistet mit bescheidensten Mitteln ein Maximum an Tierschutz durch Innovation, persönlichem Engagement und eiserner Sparsamkeit. Durch die öffentliche – leider immer noch präsente Ignoranz – gegenüber jenen Tieren, die AKT überwiegend beherbergt und schützt, steht AKT im Schatten des Spendenmarktes. Das schmale Budget ist der hohe Preis, den Arras und seine Station für ihre konsequente Absage an unterschiedliche Wertzumessungen der Tierwelt gegenüber bezahlt.

Wir von pro-iure-animalis teilen die Überzeugung einer Gleichbehandlung der Tierwelt und starten deshalb diesen Spendenaufruf für die AKT-Tierschutzstation. Wir bitten um Unterstützung für die hervorragende Arbeit von Peter H. Arras. Wichtigstes Ziel ist es, dass Förderer Patenschaften für einzelne Tiere, Tiergruppen oder ganze Tieranlagen übernehmen, um die reibungslose Fortführung des Konzepts zu gewährleisten.

Und eines ist sicher: Jeder Cent kommt den Tieren zugute!

Bitte unterstützen Sie diese Arbeit!

Kontakt: http://www.akt-mitweltethik.de
Email: info@akt-mitweltethik.de   |
Spendenkonto: Hier!

Herzliche Grüße
für pro iure animalis

Dr. Gunter Bleibohm und Harald Hoos

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Nachruf zum Tode von Edgar Guhde

Ce´la vie. Das Leben ist endlich.

Nach Befund Morbus Waldenström begann vor zwei Jahren ein Martyrium aus Krankenhauseinweisungen, Chemotherapie und Phasen der Bezwingungserfolge durch Rehabilitation.  Vor zwei Wochen meldete er die erneute Einweisung aufgrund Metastasenbildung. Eine Woche überlebte er die zweite Chemotherapie. Letztlich wird er mit der Beendigung eines ihm unerträglichem Zustandes der gewachsenen absoluten und unausweichlichen Abhängigkeit von Personen und Methoden, die er lebenslang bekämpfte, den Ärzten und Einrichtungen in der Nähe von Tierversuchen, seinen Frieden gefunden haben. Nach den übermittelten Daten, ist er bis zum letztem Atemzug seiner persönlichen Berufung treu verblieben und hat als letzte Meldung dem Bedauern stattgegeben, dass das Krankenhaus nicht die Voraussetzungen eines Internetanschlusses bieten würde.

Edgar Guhde lebte Tierschutz, der schon früh zu seinem Lebensinhalt wurde. Im Besonderen war er in Tierrechten engagiert und legte als 1. Vorsitzender von PAKTeV die Schwerpunkte auf Schlachten, die religiöse Opferbringung durch Schächtritus, die Haltung der zu Nutztieren deklassierten Opfer der Gesellschaft und die Entwicklung der Alternativen zum Tierversuch, in dessen Rahmen er enge Kontakte zu ZEBET seit dessen Anbeginn unterhielt.

Er delegierte mich zur Zehnjahresfeier ZEBETS und der Teilnahme am Alternativkongresses in der Universität Linz.  Als Politologen war ihm die pragmatische Vorgehensweise bewusst, die das Fundament seiner Beharrlichkeit als unverzagter Vertreter der Sache der Tiere ausmachte. Er setzte einen Schritt vor den anderen und begab sich nicht der Schwäche so vieler Anderer, die mit Ausbleiben konkreter Ergebnisse, aus Resignation die Flucht in die tierschutzrechtliche Bedeutungslosigkeit antraten.

Edgar Guhde war ein Radprofi, der im Jahr sechstausend Kilometer im Sattel und in den Auszeiten der Sommer ganze Bundesländer auf zwei Rädern erkundete. In Berlin Frohnau geboren, verbrachte er ein Jahr wegen Dissertation in DDR Haft und zog beruflich nach Düsseldorf, von wo er fürderhin wirkte.

Bereits in jungen Jahren zum Veganer avanciert, trat er in die ÖDP ein und formulierte zusammen mit der Frau Brunner das Tierschutzprogramm der Partei. Kreuz und quer durchmaß er die Bundesrepublik und hielt unzählige Vorträge über Tierschutz und technische Tierschutzmaßnahmen, in denen er auch nicht versagte, mal vor nur dreien oder vier Interessierten zu referieren.

Nach Eintritt in PAKTeV und Wahl zum 1. Vorsitzendem, richtete er den Verein zum Ansprechpartner für relevante Ministerien auf Landesebenen und Bundesebene aus, erarbeitete zusammen mit Mitgliedern die Agrarpolitischen Leitlinien, führte die Tradition der Arbeitszusammenkunft auf der Grünen Woche ein und erschloß ein ständiges Büro im Umweltzentrum Düsseldorf, das er beständig besetzte und als Arbeitsstätte, als Wirkungsstätte, mit finanzieller Hilfe des Rechtsanwaltes Wolfgang Schindler aus München, der später die Albert Schweizer Stiftung gründete und frühzeitig verstarb.

Unter seiner Regie entwickelte PAKTeV sich zu einem kleinem, aber sehr kompetentem, technischem Ansprechpartner für mit Novellen zu Haltungsverordnungen beschäftigten Ministerien und erwarb sich und damit PAKTeV Professionalität in diesen Belangen. Gleichwohl bereits vor der Bekanntschaft mit Edgar Guhde tierschützerisch tätig, muß ich konzedieren, dass ich Guhde  zu verdanken habe, Tierschutz nicht als temporär empathische Beschäftigung zu verfolgen, sondern als Verpflichtung, gleich bilanzierbarer Erfolge wahrzunehmen begann. So wird es auch anderen ergangen sein.

Neben ministeriellen Anfragen, Bitten um Stellungnahmen und Expertisen, Gutachten, unterhielt er wöchentlich einen Informationsstand in der Düsseldorfer Innenstadt, betrieb mehrere Großverteiler, ersann Kampagnen, schmiedete Bündnisse mit anderen Tierschutzvereinen, betrieb Nachwuchsbildung und pflegte weitreichende Kontakte.

Herausragend war und ist die Erarbeitung des Kleinen Guides, der sich mit dem religiös verbrämtem Schächtritual in Konflikt mit den religiösen Geboten befasst und an alle Tierärzte, wie auch an weitere Adressen verschickt wurde. Nebenbei saß Edgar Guhde in mehreren Kuratorien von Tierschutzstiftungen und verfügte eine Auszeichnung der Arbeit  Helmut Kaplans.

Sein Vermächtnis als Praktiker des Tierrechts ist die Beharrlichkeit, gepaart mit Professionalität und unverwüstlichem Optimismus.
Wir streichen seinen Namen aus unseren Verteilern, nicht aber aus unseren Gedächtnissen.  Und wertschätzen ihn als Verpflichtung.

BWM

Zum Tode von Edgar Guhde am 14.02.2017 in Düsseldorf

Von Prof. Dr. W. Karnowsky

Statt eines an sich so sehr verdienten längeren Nachrufes auf Edgar Guhde, den unermüdlichen Tierrechtler des Politischen Arbeitskreises Tierrechte in Europa e. V., Hamburg/Düsseldorf und den sensiblen Tierschützer in dem Amt eines ideenreichen Kuratoriumsvorsitzenden der Hans-Rönn- Stiftung – Menschen für Tierechte in Düsseldorf  möchten wir den letzten, eindeutig formulierten Willen des lieben Verstorbenen respektieren:

Es sei von einer irgendwie gearteten Trauerfeier oder Zusammenkunft mit Würdigung für ihn abzusehen. Das fällt uns sehr schwer. Edgar Guhde wurde völlig anonym beerdigt. Niemand erfuhr etwas davon. Lediglich der von Edgar Guhde zur völlig Verschwiegenheit auch gegenüber Freunden verpflichtete Bestatter wusste Ort und Zeit des Verstreuens seiner Asche auf einer dafür zugelassenen Rasenfläche irgendwo in Düsseldorf.

Wir sind der Ansicht, dass wir den lieben Verstorbenen besonders ehren, wenn wir alle seine nachfolgend ungekürzten „Erinnerungen an Kindheit und Jugend“ einmal oder mehrmals sehr aufmerksam lesen und auf uns wirken lassen. Dies spricht fast mehr für Edgar Guhde als es jede externe Laudatio vermag. Viele kennen diesen Text von 2007 noch nicht.

Nicht vertraulich ist die Anmerkung, dass Edgar Guhde das Komitee gegen den Vogelmord in Bonn besonders in seinem Testament bedacht hat. Er war immer wieder bis zuletzt erschüttert über die vielen aktuellen  Zeugen-Berichte von Tierschützern zu diesen unglaublichen Verbrechen.

Auch auf den Wikipedia Artikel „ Edgar Guhde“ (insb. Publikationen neben der einprägsamem Biografie) seien hiermit alle Leser besonders hingewiesen.

Politischer Arbeitskreis Tierrechte in Europa e. V. , Elisabeth Petras, 1. Vorsitzende
Prof. Dr. W. Karnowsky, Hans-Rönn-Stiftung – Menschen für Tiere

Ein Vorort im Norden Berlins: Frühjahr 1945. Auf der Reichsstraße 96 nicht enden wollende Flüchtlingstrecks, oft mit ausgemergelten Pferden vor den überfüllten Elends-Wagen. Als Neunjähriger sah ich mir das oft mit an, denn wir wohnten ganz in der Nähe. Bei all dem Schrecklichen der Kriegs- und Nachkriegszeit hat sich mir der Anblick dieser Pferde (von denen im 2. Weltkrieg etwa viereinhalb Millionen (!) allein auf deutscher Seite an den Fronten schwer verletzt umkamen), besonders eingeprägt und bedrückt. Einmal schlug ein Mann mit den Fäusten auf das Maul eines stehen gebliebenen Pferdes ein. Es brach zusammen. Der Mann prügelte weiter, woraufhin ich den nahegelegenen Schlachter herbeiholte, der dem Tier ein, wie ich meinte, kürzeres Sterben verschaffen sollte. Das geschah, aber hinsehen vermochte ich nicht.
Auch der Anblick liegen gebliebener Pferdekadaver (aus denen sich einige Menschen Teile heraus schnitten) prägte sich mir dauerhaft ein.

Mein Vater und ich gingen in verlassene Häuser, wo wir oft verhungerte Haustiere vorfanden – ein schmerzlich-bewegender Anblick, eine Seite des Krieges, die ich später in der zeitgeschichtlichen Literatur nie behandelt fand, so wenig wie all die anderen Heimsuchungen der Tierwelt in jener Zeit. In jenen Tagen beobachtete ich einen umher irrenden Schäferhund mit nur drei Beinen. Mitleid und Hilflosigkeit drückten mich gleichermaßen erneut nieder. Ich wusste nicht, was tun. Kurz darauf lief mir ein Terrier zu, den ich aber nur einige Tage in der Obhut hatte, wurde er doch von einem russischen Militärlaster auf dieser Reichsstraße angefahren. Er starb in meinen Armen. Bei meinen Berlin-Aufenthalten suche ich noch heute die Stelle auf, wo ich ihn begrub. Der Gram, die Niedergeschlagenheit, die ich damals empfand, haben mich im Unterbewusstsein bis heute nicht verlassen.

Mich an die Ferien 1944 in Hinterpommern erinnernd, fallen mir die feuchten, engen und dunklen  Verliese mit den verdreckten kleinen Fenstern ein, in denen Schweine und Kühe ihr Dasein fristeten. Sie taten mir einfach leid. Zu Hause hatten wir eine Hühnerschar im großen Garten, immer mit einem stolzen Hahn dabei. Ihr Herumlaufen und Scharren und ihr Gackern nach dem Eierlegen erfreute mich jeden Tag.

Seit den dreißiger Jahren hatten wir zu Hause eine Blaustirnamazone. Wie ich heute weiß, leider nur eine, denn Papageien sind zumindest paarweise zu halten. Das Tier hatte es zwar gut bei uns, war zutraulich und anhänglich, und es sang von sich aus etliche Lieder, war auch meistens nicht im relativ großen Käfig eingesperrt. Trotzdem tat es mir immer leid, konnten wir doch nicht immer das erforderliche artgemäße Futter besorgen und ihm die Angst ersparen, die es bei jedem Fliegeralarm mit Sirenengeheul und Flakgeschütz-Donner zitternd erlitt.

So waren meine ersten Begegnungen mit Tieren, darunter die zur Bewegungslosigkeit verdammten Kaninchen in den Stallboxen der Nachbarschaft, keineswegs immer ein freudiges Ereignis. Deren Dasein machte mich nachdenklich, warum sie von den Menschen so ausgenutzt und herablassend behandelt werden. Dazu kam das mich ratlos machende Unverständnis der meisten Erwachsenen, wenn ich meinen Kummer über das triste, unfreie Dasein der sogenannten Heim- und Nutztiere äußerte. Warum „sehen“, „erkennen“ manche die Tiere, viele aber nicht? Die verbreiteten materialistischen Einstellungen degradieren die Tiere und sehen in der Rücksichtnahme auf sie nur einen unnötigen Kostenfaktor. Ich glaube, dass diese und ähnliche Erlebnisse wesentlich zu meiner melancholischen Grundstimmung und zum skeptischen, illusionslosen Menschenbild beitrugen. Sind Tierrechte nicht auch ein Menschenrecht?

Im östlichen Teil Deutschlands löste dann eine neue Diktatur die vorangegangene ab. In den fünfziger Jahren wurde mir dort nach und nach bewusst, dass auch die Tiere weiterhin rechtlos waren. Nachfragen, wie es denn wohl in den Tierhaltungen auf dem Land und in den Schlachthäusern zugehe oder wie Tierversuche gemacht würden, stießen auf allgemeines Unverständnis, bei den Regimeleuten sofort auf Misstrauen. Zeitungs- oder Zeitschriftenberichte darüber gab es nicht, weil es sie nicht geben durfte, selbstverständlich auch keine Tierschutzorganisationen, Zeitschriften, gar Bücher zum Tierschutz. Die wenigen Menschen, die sich ebenso wie ich  über dieses Thema Gedanken machten, waren schon deshalb im Nachteil, weil sie sich nicht auf die „Klassiker“ des Marxismus-Leninismus, der alles beherrschenden Staatsideologie, berufen konnten. Im Gegenteil: Hatte doch Karl Marx in Briefen an Friedrich Engels die ersten englischen Tierschützer als „Philister“ verspottet, und Engels hatte die “Demokratisierung des Fleischgenusses“ gefordert.

Ein Arzt berichtete mir damals von seinem Versuch, in einer medizinischen Zeitschrift einen Beitrag zu veröffentlichen, in dem er vorsichtig die besonders grausamen Tierversuche an der Universität problematisierte. Der Text wurde nicht nur abgelehnt – als SED-Mitglied wurde er in seiner Parteigruppe deshalb zur Rede gestellt und mit einer Parteirüge bedacht.

1957 verfasste ich einen regimekritischen Text (in drei Exemplaren) mit Forderung nach einem demokratischen und rechtsstaatlichen Sozialismus, u.a. mit der Forderung nach einem Tierschutzgesetz. Im Geheimverfahren wurde ich dafür zu neun Jahren Zuchthaus wegen „Untergrabung der Staatsordnung“ verurteilt. Das Eintreten für den Tierschutz „bürgerlich-reaktionäre Ideologie“) wurde mir als „Wirtschaftssabotage“ ausgelegt.

In den vielen Veröffentlichungen der DDR-Forscher vor und nach dem Zusammenbruch 1989 blieb der Tierschutz unberücksichtigt. So kommt er selbst in dem verbreiteten Nachschlagewerk „DDR-Handbuch“, hg. vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, trotz seiner 1.280 Seiten der 2. Aufl. 1979 nicht vor. Noch immer spielt diese Seite der SED-Diktatur in der – ohnehin gehemmten  – Aufarbeitung dieser Zeit keine Rolle. Ende

Ulrich Dittmann über Edgar Guhde:

Dipl. Pol. Edgar Guhde  musste sechs Jahre seiner Verurteilung, von 1957 bis 1963, im Zuchthaus „absitzen“. Mehrere Jahre davon in furchtbarer Isolationshaft, ohne irgendwelchen Kontakt zur Außenwelt, in einer winzigen Einzelzelle. „Tierschutz war ein blinder Fleck in der DDR“. Es galt nur die Effizienz, auch bei der „Tierproduktion“.

Wer die totale Ausbeutung der Tiere in Frage stellte, betrieb – laut der Aussage von  Edgar Guhde in seinem vorstehenden und 2007 geschriebenen Beitrag – Wirtschaftssabotage. Die DDR kannte kein Tierschutzgesetz. Tierversuche z. B. waren ohne jede Einschränkung erlaubt. Um so mehr große Hochachtung vor seinem Engagement. Sein ganzes Leben war der Mitgeschöpflichkeit, insbesondere den Ärmsten der Armen, den Tieren, gewidmet.

Ulrich Dittmann (ehemaliger) Arbeitskreis humaner Tierschutz e.V.