Dokumentarfilm „The End of Meat“

Filmemacher Marc Pierschel im Interview

Eine Welt ohne Fleisch? Der neue Dokumentarfilm „The End of Meat“ von Filmemacher Marc Pierschel thematisiert genau diese Vision und zeigt uns eine Zukunft, in der Fleischkonsum der Vergangenheit angehört. Mit der Filmpremiere samt Konferenz im August kommt der Film ab dem 14. September 2017 in die deutschen Kinos.

In „The End of Meat“ wagt Filmemacher Marc Pierschel den Blick in eine Zukunft ohne Fleisch sowie deren Auswirkungen auf Umwelt, Tiere und unsere Gesundheit. Dabei begegnet er unter anderem Esther, einem Hausschwein, die das Leben von zwei Kanadiern komplett auf den Kopf stellte, spricht mit den Pionieren der veganen Szene in Deutschland, besucht die erste vegetarische Stadt in Indien, begegnet geretteten „Nutztieren“ in Freiheit und trifft auf Wissenschaftler, die am tierfreien Fleisch forschen, das den 600 Milliarden US-Dollar schweren globalen Fleischmarkt revolutionieren soll.

Der VEBU hat sich vorab mit dem Regisseur des Films zu einem Interview getroffen:

Sie ernähren sich seit 17 Jahren rein pflanzlich. Was war ausschlaggebend für diese Entscheidung?

Ich war zwar schon einige Jahre Vegetarier, wusste aber nur wenig über die Hintergründe der Milch- und Eierproduktion. Zum Glück gab es Bands aus der Punk- und Hardcore-Szene, die dies in ihren Texten thematisierten. Als ich mich näher darüber informiert hatte, konnte ich den Konsum von „tierlichen“ Produkten nicht länger mit meinem Gewissen vereinbaren.

Sie waren schon an verschiedenen Dokumentationen wie „Live and Let Live“ beteiligt. Wie entstand die Idee zu „The End of Meat“?

Bereits während der Dreharbeiten zu „Live and Let Live“ stand des Öfteren die Frage im Raum, wie sich das Mensch-Tier-Verhältnis in den kommenden Jahren möglicherweise verändern könnte. Der Vegan-Boom in Deutschland und das Buch „Zoopolis“ von Will Kymlicka und Sue Donaldson waren weitere Impulse, mich näher mit dieser Zukunftsperspektive als Thema für eine Dokumentation zu befassen.

Welches war das eindrucksvollste Erlebnis während des Filmdrehs zu „The End of Meat“?

Es gab viele spannende Erlebnisse während der Dreharbeiten wie etwa der Besuch der vegetarischen Stadt in Indien oder bei Esther dem Wunderschwein in Kanada. Am meisten beeindruckt haben mich aber die Dreharbeiten auf den Lebenshöfen. Dort mit den ehemaligen „Nutztieren“ Zeit zu verbringen, mehr über ihre einzigartigen Geschichten zu erfahren und zu sehen, wie sie mit anderen Tieren, aber auch mit den Menschen, die diese Lebenshöfe betreiben, neue Freundschaften geschlossen haben, war wirklich sehr bewegend.

Inwieweit hat „The End of Meat“ Ihre Sicht auf die Zukunft verändert?

Über die Recherche zum Thema „Future Food“ und den zukünftigen Entwicklungen im Bereich der Biotechnologie – Stichwort „Cultured Meat“ (In-vitro-Fleisch) – bin ich im Hinblick auf die Zukunft tatsächlich eher optimistisch gestimmt. Sobald es möglich ist, Fleisch, Milch, Eier und andere Tierprodukte auf einem kommerziellen Level zu produzieren, ohne dabei Tiere zu nutzen oder zu töten – und dies auch noch zu einem geringeren Preis – würde ich meinen, dass die Nutztierhaltung obsolet ist.

Wie wird die zukünftige Rolle der Tiere in unserer Gesellschaft aussehen?

Das ist eine der zentrale Fragen meines Films, der ich in sieben verschiedenen Ländern und über zwei Jahre nachgegangen bin. Ich will nicht zu viel verraten, aber in jedem Fall gibt es viele Initiativen, Visionen und Entwicklungen, die Mut machen, an eine Zukunft zu glauben, in der wesentlich weniger Tiere leiden und sterben müssen. In „The End of Meat“ gibt es einige Ausblicke, wie eine Welt ohne Fleisch aussehen könnte.

Welche Rolle spielt der VEBU (ProVeg) für den Wandel zu einer fleischfreien Welt?

Akteure wie der VEBU (ProVeg) sind wichtig, um die Interessen der steigenden Zahl von Menschen zu vertreten, die Tierprodukte von ihrem Teller gestrichen haben. Sie sind Schnittstellen zwischen Konsument, Politik und Wirtschaft und tragen wesentlich dazu bei, dass es immer einfacher wird, sich pflanzlich zu ernähren. Und natürlich gelten sie auch als wichtige Anlaufstelle für all jene, die gerade am Anfang ihrer Ernährungsumstellung stehen.

Vielen Dank, Marc Pierschel, für das Gespräch.

Quelle: vebu.de

Trailer zum Film:

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Interview mit dem Künstler Hartmut Kiewert: Wir müssen breitere Bündnisse schmieden!

Tierrechte: Herr Kiewert, unser Umgang mit unseren Mitgeschöpfen ist in Ihren Arbeiten allgegenwärtig. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie dazu motivierte, sich gegen die herrschende Ausbeutung der nicht¬menschlichen Lebewesen einzusetzen?

Hartmut Kiewert: Im Grunde war es eher eine sukzessive Entwicklung. Als ich als Kind herausgefunden habe, wo Fleisch herkommt, war ich entsetzt. Ich wollte nicht, dass Tiere für mein Essen sterben. Meine Eltern sagten mir dann aber, Fleischessen sei nun mal normal, natürlich und notwendig, da ich sonst krank werden würde. Damals glaubte ich diese karnistische Argumentation, war aber zutiefst traurig und desillusioniert darüber, in was für einer Welt ich lebe. Soweit ich mich erinnere, war das der erste große Schock, noch bevor ich von Umweltzerstörung, Kriegen und anderem destruktiven Verhalten des Menschen Notiz nahm. Bis ich zu all diesen Dingen eine aktivistische Haltung einnahm, dauerte es aber noch eine ganze Weile.

Als 2000 der große BSE-Skandal kam – ich war gerade von zu Hause ausgezogen – entschied sich mein damaliger Mitbewohner umgehend, kein Fleisch mehr zu essen. Auch ich begann mir wieder Gedanken über die ethische Vertretbarkeit von Fleischkonsum zu machen und wurde zunächst Vegetarier. In den folgenden Jahren politisierte ich mich weiter, stieg in eine Foodcoop, also eine selbstorganisierte Verteilstation von Bio-Lebensmitteln, ein, in der es auch damals schon genügend vegane Alternativen gab.

Der letzte Anstoß konsequent vegan zu leben, war 2008 der Film Earthlings. 2008 begann ich mich dann auch in meiner Malerei mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinanderzusetzen. Ich wollte meinen politischen Aktivismus (damals vor allem Antiatom, Antigentechnik, Antimilitarismus, Antirassismus, Umweltbewegung, Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis des Anarchismus, kritischer Theorie, Herrschaftskritik etc.) mit meiner Malerei verbinden. Da das Mensch-Tier-Verhältnis schon seit den ersten Höhlenmalereien eine Rolle in der Bildenden Kunst spielt und es auch persönlich einen Ausgangspunkt meiner kritischen Betrachtung des schlecht Bestehenden darstellt, dachte ich, dass Malerei hier ein adäquates Mittel sein kann, dieses Verhältnis neu zu verhandeln.

Tierrechte: Würden Sie sich als Tierrechtsaktivist bezeichnen?

Hartmut Kiewert: Ja, auf jeden Fall! Beziehungsweise als Tierbefreiungsaktivist. Ich sehe Tierrechte als eine sinnvolle Strategie zur Durchsetzung eines besseren Status nicht-menschlicher Tiere in der bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Rechts-Ordnung. Da meine Zielvorstellung einer Befreiung von Mensch und Tier über diese Rahmung hinausgeht, ist es für mich wichtig, den Begriff der gesellschaftlichen Tierbefreiung mitzuerwähnen. In dieser utopischen, herrschaftskritischen Sicht ist das Problem von Rechte-Konzepten, dass sie auf praktischer Ebene immer auf eine das Recht durchsetzende Institution Bezug nehmen müssen und somit eine Verinstitutionalisierung, bzw. eine Verstetigung von Machtverhältnissen mit sich bringen. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich finde die Idee der Tierrechte als ein Werkzeug auf dem Weg zur Befreiung von Mensch und Tier natürlich sinnvoll und setze mich auch dafür ein.

Tierrechte: Die Malerei ist für Sie „ein adäquates Terrain, um das Problem der Mensch¬Tier-Beziehung neu zu verhandeln“. Wie sah und sieht dieses Engagement konkret aus? Welche Aktionsformen setzen Sie ein?

Hartmut Kiewert: Es ist natürlich eine große Frage inwiefern Kunst tatsächlich konkret gesellschaftsveränderndes Potential entwickeln kann. Was aber wohl zutrifft ist, dass in der Kunst das Utopische aufgehoben, also bewahrt werden kann. Zudem hatte und hat Kunst durchaus eine Wirkung darauf, wie gesellschaftliche Zusammenhänge wahrgenommen werden. Sie kann sich affirmativ oder kritisch zum Bestehenden verhalten. Insofern sehe ich meine Bilder zumindest als eine Intervention, als einen Versuch, gewohnte Sichtweisen auf »das Tier“«, insbesondere auf sogenannte »Nutztiere«, in Frage zu stellen. Ob das als Aktivismus bezeichnet werden kann, weiß ich nicht. Ich beteilige mich natürlich auch an konkreten Demos und Aktionen gegen Tierausbeutung, etwa gegen den Verkauf von Pelz oder die Zurschaustellung von nicht-menschlichen Tieren in Zoos und Zirkussen.

Tierrechte: Bei Ihren früheren Werken finden sich schlachthausähnliche Szenen oder surreal anmutende Fleischbilder. Ihre neueren Bilder zeigen dagegen eher Utopien, bei denen Tiere und Menschen friedlich nebeneinander existieren. Welcher innere Prozess steckt hinter dieser Entwicklung?

Hartmut Kiewert: Als ich anfing mich mit dem gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnis auseinanderzusetzen, fand ich lange gar keine andere (Bild-)Sprache als eine, die den Menschen dieses schreckliche und meist verdrängte Gewaltverhältnis der Tierausbeutung unmittelbar vor Augen hält. Mit der Zeit wollte ich versuchen diese Gewalt zumindest im Bild aufzubrechen und ein Gegen-Narrativ aufzubauen. So entwickelten sich dann langsam Bildwelten, in denen sogenannten »Nutztiere« den ihnen von Menschen aufgezwungenen Ausbeutungsarchitekturen entrückt sind und an Orten auftauchen, an denen wir sie nicht erwarten würden, etwa im Wohnzimmer oder im Einkaufzentrum. Diese Bilder zeigen konkrete Visionen eines neuen, nicht mehr auf Ausbeutung und Ojektivierung beruhendem Mensch-Tier-Verhältnis. Damit verweisen diese Bilder natürlich auch unmittelbar darauf, dass es so noch nicht ist und wenden sich in subtiler Weise gegen die bestehende Gewalt.

Tierrechte: Das „Mensch-Tier-Verhältnis“ ist mittlerweile im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Doch welche Qualität hat diese Diskussion? Steht die Legitimität der Tiernutzung grundsätzlich in Frage oder geht es lediglich um Verbesserungen der konkreten Lebens-, Transport- und Tötungsbedingungen?

Hartmut Kiewert: Das kommt natürlich darauf an, wer sich wie an diesem Diskurs beteiligt. Natürlich würde ich mir wünschen, dass radikalere Positionen, welche die Tierausbeutung grundsätzlich abschaffen wollen, mehr Raum in den geführten Debatten einnehmen.

In den geführten Debatten wird bei genauer Betrachtung die Inkonsistenz und Widersprüchlichkeit der Positionen der Tierausbeutungsbefürworter recht schnell ersichtlich, während einer Tierrechts-/Tierbefreiungsposition oft nichts weiter entgegen gesetzt werden kann, als „aber Fleisch schmeckt doch so lecker“. Auffällig ist, dass diese Position in Talkrunden oft von alten Männern hervorgebracht wird. Das sollte also auch Hoffnung darauf machen, dass die jüngere Generation einer anderen Sichtweise aufgeschlossen ist. Wenn also die Debatte ernsthaft weitergeführt wird – und ich denke da gibt es jetzt, durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten von Tieren erstmal kein zurück – haben wir gute Chancen zu gewinnen.

Tierrechte: In Ihrer Diplomarbeit schreiben Sie, dass eine Überwindung der jetzigen Herrschaftsverhältnisse nur durch eine Umwälzung der gesellschaftlichen Beziehungen sowie der Warenproduktion und Verteilung möglich ist. Ist dies in Ihrer Vorstellung ein sich langsam vollziehender Transformationsprozess oder eher ein plötzlicher Umsturz? Und was könnte im besten Falle am Ende eines solchen Transformationsprozesses stehen? Was ist Ihre Vision?

Hartmut Kiewert: In meiner Diplomarbeit hatte ich noch von Warenproduktion gesprochen. Nach weiterer Auseinandersetzung mit der Funktionsweise des Kapitalismus, würde ich heute eher von Gebrauchsgüterproduktion sprechen, da Warenförmigkeit eine klar marktwirtschaftliche Kategorie ist.

Die Geschichte zeigt, dass es so etwas wie eine Ein-Akt-Revolution, nach der dann mit einem Schlag alles befreit ist, nicht funktioniert. Die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse und Machtstrukturen sind dafür zu tief in die Individuen eingeschrieben. Die Überwindung dieser Verhältnisse ist also vielmehr ein langwieriger, sukzessiver, graswurzelförmiger Prozess, bei dem ja leider auch allzu oft schon erreichte Emanzipation, ich denke hier nur an die Regression durch die neue Rechte weltweit, verteidigt werden muss.

Nichtsdestotrotz wäre ein Umsturz denkbar und auch wünschenswert, etwa durch einen Generalstreik, eine Bewegung gegen die Arbeit und für ein gutes Leben für alle. Wenn die Menschen sagen: Wir lassen uns nicht mehr von dieser verrückten Verwertungsmaschinerie verwursten, wir brechen mit der Arbeit, mit dem Markt, mit der Logik von Standort, Konkurrenz und Nation. Wir reißen die Zäune nieder, welche die Menschen, denen es noch schlechter geht als uns, ausgrenzen und töten.

Es braucht also die Entwicklung einer Kultur der Herrschaftsanalyse und Herrschaftskritik, so dass Herrschaft in allen Bereichen immer weiter zurückgedrängt werden kann, um Raum für eine Welt freier Menschen in freien Vereinbarungen zu schaffen, in der viele Welten Platz haben.

Diese würde sich dann nicht mehr an Profitmaximierung orientieren, welche blind gegenüber dem stofflichen Reichtum und Wohlergehen der Menschen ist, sondern an den tatsächlichen Wünschen und Bedürfnissen der Menschen. In dieser herrschaftsfreien Utopie würde es natürlich auch keine Herrschaft und Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren mehr geben. Die Bedürfnisse von anderen Tieren würden berücksichtigt werden, etwa durch eine ganz andere Form der Mobilität, welche die Lebensräume anderer Tier nicht zerschneidet, eine Landwirtschaft, die bio-vegan ist und Architekturen und Städteplanungen die versuchen neue Nischen zu schaffen, in denen andere Tiere einen Lebensraum finden können.

Tierrechte: Wo stehen wir aktuell in diesem Prozess? Und Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es tatsächlich zur Überwindung dieser Machtverhältnisse kommt?

Hartmut Kiewert: Wohl eher noch sehr am Anfang, was bei der akuten Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und der sich immer krasser verschärfenden Verelendung der Mehrheit der Menschen ein riesiges Problem darstellt. Die Krise des Kapitalismus wird den Kapitalismus leider nicht von selbst in eine befreite Gesellschaft auflösen. Vielmehr stehen wir vor zwei miteinander zusammenhängenden Herausforderungen. Zum einen müssen wir die Zerstörung unserer Lebensgrundlage stoppen und uns zum anderen den regressiven, autoritären Tendenzen der Krisenverwaltung entgegenstellen.

Es gibt hier und da schon Keimformen einer neuen solidarischen Art der Vergesellschaftung. Potentiale sehe ich zum Beispiel in der Solidarität vieler Menschen mit Geflüchteten, in Projekten solidarischer Landwirtschaft, in Umsonstläden oder der Commons Bewegung, freier Software und Ähnlichem. Bei all diesen Versuchen muss natürlich geschaut werden, inwiefern sie nicht doch wieder von der Kapitalverwertungslogik assimiliert werden.

In den Krisenverliererländern des europäischen Südens, von den Ländern des Trikont mal ganz zu schweigen, sind für viele Menschen Grundbedürfnisse wie etwa medizinische Versorgung über den Markt gar nicht mehr zu bezahlen. So dass sich hier zum Glück, aus dieser Not geboren, neue solidarische Netzwerke bilden. Ich denke den meisten Menschen ist spätestens seit der noch immer anhaltenden Wirtschaftskrise seit 2008 klar, dass mit dem Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte eingeläutet ist und es besteht Hoffnung, dass sich die Menschen auch für emanzipatorische Alternativen öffnen.

Tierrechte: Welche Aktionsformen halten Sie außer der Malerei für effektiv, um Veränderungen und letztlich Ihr Ideal einer herrschaftsfreien Gesellschaft zu erreichen?

Hartmut Kiewert: Ich finde Aktionsformen am sinnvollsten, die direkt auf das zu bekämpfende Problem einwirken, wie zum Beispiel Blockaden, Besetzungen, Sabotagen, Kommunikationsguerilla oder wilde Streiks. Der Vorteil von direkten Aktionen ist, dass hierbei keine Anrufung der Machtinstitutionen stattfindet und eine unmittelbare Wirkung sichtbar ist. Bei aller Kritik die in einem Protest, der sich an die bestehenden Herrschaftsinstitutionen richtet, vermittelt wird, bleibt immer das Moment der Affirmation dieser Herrschaft selbst, eben dadurch dass sie durch die Anrufung als zuständig und handlungsmächtig akzeptiert wird. Trotzdem halte ich auch appellative Aktionen, wie etwa klassische Demos für sinnvoll und beteilige mich auch daran. Grundsätzlich finde ich die Vielfalt der Aktionsformen wichtig. Der Protest gegen die Castortransporte sei hier als erfolgreiches Beispiel der Schlagkräftigkeit von unterschiedlichsten Aktionsformen und Strategien genannt. Dort hat sich keine der Akteur*innen als Hegemoniale etablieren können und gerade die Vielfalt und damit Unberechenbarkeit hat diesen Protest so erfolgreich gemacht.

Tierrechte: Was kann der/die Einzelne tun, um diese Herrschaftsmechanismen zu überwinden?

Hartmut Kiewert: Ich würde es natürlich sehr begrüßen, wenn mehr Menschen aktiv werden und nicht in der Rolle als Konsument*in stecken bleiben. Gerade die Entwicklung der Fleischproduktion in Deutschland zeigt, dass Konsumverweigerung von Fleisch und das Kaufen von veganen Produkten allein nicht ausreicht, um Tierausbeutung zu beenden. Wir müssen auch direkten Druck auf die Tierausbeutungsunternehmen und die Politik, die diese protegiert aufbauen.

Des Weiteren ist grundsätzliche Skepsis, also das permanente Infragestellen von allem, auch möglicher Alternativen, sicher immer hilfreich. Das gilt insbesondere auch für die vielen vereinfachten Welterklärungen, bzw. Verschwörungstheorien, die ja leider teilweise auch in den verschiedenen sozialen Bewegungen, auch in der Tierbewegung vorhanden sind. Wie oben schon angedeutet, wäre eine Schärfung des Blicks zur Wahrnehmung von Diskriminierung und Herrschaftsverhältnissen wichtig, um dann konkret gegen diese intervenieren zu können.

Tierrechte: Die Tierrechtsbewegung ist alles andere als homogen. Was ist das Gute an dieser Vielfalt und welche Defizite sehen Sie auf der anderen Seite?

Hartmut Kiewert: Dass die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung nicht homogen ist, ist ja prinzipiell eher positiv, da wie oben schon am Beispiel des Castor-Widerstands beschrieben, Vielfalt sehr effektiv sein kann und mehr Ideen hervorbringt, als wenn alle das gleiche machen. Die spannende Frage ist dann natürlich, wie mit den Unterschieden umgegangen wird und was für eine Diskussions- und Streitkultur es gibt.

Es wäre wünschenswert, wenn Streit, der ja an und für sich erstmal positiv ist, da er das Potential hat Dinge weiter zu entwickeln, nicht entlang von Identitätsbefindlichkeiten oder Spendengeldern, sondern entlang von inhaltlichen Fragestellungen geführt werden würde. Also eine Streitkultur, in der es nicht um Niedermachen oder Vereinnahmung geht, sondern um die Weiterentwicklung von Theorie und Praxis.

Tierrechte: Sie schreiben, dass es nicht nur eine Frage der „großen Politik“ ist, die Verhältnisse zu ändern, sondern, dass das Politische privat ist. Richard David Precht sagt, dass der Einzelne seine Essgewohnheiten eben nicht als Privatsache betrachten darf, sondern gesellschaftspolitisch agieren muss. Empfinden Sie das als Widerspruch?

Hartmut Kiewert: Ich habe geschrieben „Das Politische ist privat und das Private politisch“. Diese aus dem Feminismus stammende Parole verstehe ich so, dass es darum geht sich zu empowern. Also nicht alle vier Jahre seine Stimme abzugeben und die Herrschaft der Realpolitik abzusegnen, um sich dann in das vermeintlich Private zurückzuziehen, sondern seine Stimme zu erheben und zu intervenieren und zwar wie oben beschrieben, möglichst direkt im Alltag. Ich halte die Trennung von Privatem und Politischem für falsch, da natürlich jede Handlung gesellschaftliche Konsequenzen hat, egal, ob sie als private oder politische Handlung gelesen wird.

Tierrechte: Sie sprechen sich für eine vegane Lebensweise aus. Uns Veganern wird oft vorgeworfen, dass wir uns selbst als moralisch höherwertig betrachten. Dies führe dazu, dass wir Menschen verachten, die tierliche Produkte konsumieren. Dies sei aber kontraproduktiv, weil wir mit Verachtung und fundamentalistischen Positionen niemand überzeugen könnten. Man müsse die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Können Sie dieser Argumentation folgen?

Hartmut Kiewert: Der Vorwurf der Misanthropie mag ja auf manche Veganer*innen sogar zutreffen, ich denke hier etwa an die „Hauptsache-für-die-Tiere“- bzw. die „Non-Humans First“-Fraktion. Hier liegen teilweise tatsächlich menschenverachtende Position vor, oder diese werden bewusst in Kauf genommen. Solche Positionen sind ausgesprochen problematisch und schaden m.E. der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung mehr als sie ihr nützen. Es wird einfach nicht begriffen wie Herrschaft und Ausbeutung funktionieren. Unterdrückungsmechanismen sind nunmal ineinander verwoben und stabilisieren sich gegenseitig. Carol j. Adams oder Birgit Mütherich haben schon vor vielen Jahren auf diese Zusammenhänge hingewiesen.

Was die Kommunikationsstrategien generell angeht, ist es ja immer die Frage mit wem mensch konkret in welcher Situation kommuniziert. Bei einer Aktion ist eine klar konfrontative Haltung, etwa gegenüber einem Tierausbeutungsunternehmen für mich die richtige Strategie. Während es bei einem persönlichen Gespräch mit einem Menschen, der den Eindruck macht offen für Tierrechts-/Tierbefreiungsideen zu sein, vermutlich eher kontraproduktiv wäre, ihn oder sie anzuschreien. Hier ist es hilfreich sich daran zu erinnern, dass es nicht so einfach ist, die Ideologie des Karnismus von jetzt auf gleich über Bord zu werfen. Trotzdem würde ich natürlich auch hier die eigenen Forderungen nicht verwässern, sondern deutlich machen, dass Tierausbeutung abgeschafft gehört.

Tierrechte: Hand auf‘s Herz, glauben Sie, dass sich in naher Zukunft für die Tiere wirklich etwas Substantielles ändern wird?

Hartmut Kiewert: Also ich hoffe das natürlich! Wenn es in naher Zukunft positive Änderungen geben wird, die zu einer Reduzierung der Tierausbeutung führen, werden diese vermutlich auch zu einem großen Teil umweltpolitisch – Stichwort Klimawandel – motiviert sein. Wenn wir als Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung Allianzen auch mit anderen Bewegungen wie zum Beispiel der Klimabewegung eingehen, breitere Bündnisse schmieden und unsere Forderungen auch in andere Bewegungen hinein bringen, haben wir gute Chancen. Das Netzwerk Animal Climate Action ist zum Beispiel ein guter Ansatz. Bis sich der Status von nicht-menschlichen Tieren wirklich grundlegend ändert, ist allerdings noch sehr sehr viel zu tun!

Quelle: tierrechte.de

Interview mit einem Tierrechtsaktivist

Mitarbeiter der NOZ trafen sich mit einem Tierrechtsaktivisten, der in ganz Deutschland heimlich in Ställen filmt. Ein Millionenpublikum sieht regelmäßig seine Bilder im Fernsehen. Die NOZ-Redaktion kennt seinen Namen, er möchte jedoch aufgrund bereits erhaltener Morddrohungen im Folgenden anonym bleiben.


Was stört Sie an der modernen Form der Tierhaltung?

Dass es sie überhaupt gibt! Tiere sind fühlende Lebewesen, die ähnliche Grundrechte zugesprochen bekommen sollten wie wir Menschen. Das schließt körperliche Unversehrtheit mit ein – und damit eine Schlachtung aus. Natürliche Bedürfnisse von Tieren können in Ställen nicht abgedeckt werden. Mit unseren Bildern wollen wir die Gesellschaft zum Nachdenken darüber anregen, ob wir Tiere halten sollten, um sie zu essen. Dazu muss man sich unangekündigt ein Bild vor Ort im Stall machen und recherchieren.

Sie nennen Ihr Vorgehen recherchieren, Landwirte nennen das Einbrechen oder Hausfriedensbruch…

Die Stalltüren stehen offen. Juristisch gesehen ist das sicherlich eine Grauzone, in der wir uns bewegen. Aber: Ich mache das jetzt seit sechs Jahren und bin in der Zeit 16 Mal wegen Hausfriedensbruch angezeigt worden. Die Verfahren sind allesamt eingestellt worden. Entweder wegen Geringfügigkeit oder weil wir schwerwiegende Straftaten dokumentiert haben, die unseren möglichen Rechtsverstoß wiederum rechtfertigen.

Viele Landwirte bemühen sich um Transparenz. Sie installieren beispielsweise selbst Kameras in ihren Ställen. Oder verbessern die Haltungsbedingungen. Aber Ihnen können sie es nicht recht machen, oder?

Wir sind komplett gegen eine sogenannte Nutztierhaltung, weil wir nicht glauben, dass Menschen Tiere zur Lebensmittelproduktion ausnutzen sollten. Wir verfolgen keinen reformistischen Ansatz der kleinen Schritte, mit dem etwa mit Tierwohllabeln gearbeitet wird. Das ist Herumdoktern an einem kranken System und wird den Tieren nicht gerecht. Fleisch ist ein Genussmittel, das überflüssig ist – ähnlich wie die Zigarette. Eine rein pflanzliche Ernährung ist ohne gesundheitliche Einschränkungen möglich.

Also keine Reform, sondern eine Revolution – der Umsturz des bestehenden Systems?

Wir wollen eine andere Art der Landwirtschaft, in der keine Tiere mehr ausgebeutet werden. Mir ist vollkommen klar, dass ich das nicht mehr zu meiner Lebenszeit erleben werde. Das ist aber auch nicht mein Antrieb. Dass wir heutzutage überhaupt so intensiv über Tierhaltung diskutieren, hängt für mich auch mit den Stallbildern zusammen, die kontinuierlich veröffentlich worden sind. Auch wenn ich zugeben muss, dass die Stimmung derzeit zu aufgeheizt ist. Das gilt für beide Seiten. Wir wollen eine sachliche Diskussion.

Moment! Die Argumente der Tierhalter zählen für Sie aber doch nicht, weil Sie Tierhaltung per se ablehnen. Das ist doch Fundamentalopposition und keine Gesprächsgrundlage.

Ich würde mich jederzeit mit Vertretern der Landwirtschaft an einen Tisch setzen und diskutieren. Aber richtig: Zu einem Ergebnis werden wir dabei wohl nicht kommen. Unsere Auffassung ist schließlich existenzbedrohend für Tierhalter. Wir greifen das System der Ausbeutung an, aber nicht den einzelnen Bauern. Ich möchte keinem Landwirt unterstellen, dass er ein bewusster Tierquäler ist. Sie haben es über Generationen so erlernt. Wir wünschen ihnen einen guten Ertrag, aber eben nicht durch die Ausbeutung von Tieren.

Sie sagen also: Es gibt keine gute oder schlechte Tierhaltung. Tierhaltung an sich ist moralisch falsch. Sie nehmen für sich in Anspruch, dass richtige Weltbild gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zu haben, die immer noch mehrheitlich Fleisch isst. Frustriert das nicht?

Ich akzeptiere andere Meinungen. Aber wir wollen doch Argumente für unser Ziel der Abschaffung der Tierhaltung liefern. Jeder Einzelne kann das letztlich befördern, wenn er kein Fleisch mehr isst. Und wenn unsere Bilder dabei Überzeugungsarbeit leisten, ist schon viel erreicht. Die Idee, Tiere auszunutzen, ist Tausende Jahre alt. Gesellschaftliche Kämpfe waren noch nie kurz oder einfach.

Kurzfristig betrachtet bleiben Ihre Veröffentlichungen aber oftmals folgenlos, weil Verfahren von der Justiz eingestellt werden.

Wir haben auch schon Tierhalteverbote erwirkt. Und auch hohe Strafzahlungen haben unsere Veröffentlichungen nach sich gezogen. Aber richtig: Oft werden Verfahren eingestellt. Aber es geht uns darum, dass die Bilder diskutiert werden. Keine Geldauflage wird Tieren helfen, sondern nur die Abschaffung der Nutztierhaltung. Es gibt jedenfalls keinen Stall, in den wir hineingehen und wo wir dann sagen: super, hier ist alles in Ordnung. Das gibt es einfach nicht. Was aber vorkommt: Dass sich im Anschluss niemand für unser Material interessiert – beispielsweise zu enge Kastenstände. Da suchen wir uns dann neue Themen, die bislang vielleicht weniger im Fokus standen. Wie zuletzt die Elterntierhaltung bei Masthühnern.


Filmaufnahmen in einem Hühnermastbetrieb (Foto: Animal Rights Watch)

Werden Sie persönlich für Ihre „Arbeit“ bezahlt beziehungsweise erhalten Sie Geld für das Material, das Sie Fernsehsendern zur Verfügung stellen?

Nein und nein. Auch wenn ich von Job oder Arbeit spreche. Unsere Arbeit ist ehrenamtlich und spendenfinanziert. Die Sender zahlen nicht.

Sind Sie bei Ihren schon einmal entdeckt worden?

Ein paar Mal haben wir sicherlich die Beine in die Hand genommen, weil plötzlich jemand vorgefahren ist. Entweder der Landwirt oder Tiertransporteure. Es geht uns nicht um die Konfrontation mit dem Landwirt, sondern darum unsere Arbeit zu machen: Bilder zu machen, diese zu veröffentlichen und gegebenenfalls Anzeige zu erstatten. Wir wollen eine öffentliche Debatte. Deswegen geben wir unser Material ja an Journalisten weiter.

Zwischen Filmen und Veröffentlichen der Bilder dauert es teils mehrere Monate. Warum sprechen Sie Missstände nicht direkt an?

Ein beliebter Vorwurf aus der Landwirtschaft. Wenn der Bauer seine Sauen in zu kleinen Kastenständen hält, sieht er den Missstand doch jeden Tag und unternimmt nichts. Oder wenn Kadaver mehrere Tage im Stall liegen, ohne dass sie entfernt werden. Wir sind nicht das Veterinäramt, sondern wollen aufrütteln. Zudem müssen wir das Bildmaterial ja erst einmal auswerten und auch rechtlich einschätzen. Das dauert. Im Übrigen: Wir manipulieren im Stall nichts. Wir filmen alles so, wie wir es vorgefunden haben.

Wissenschaftler und Investoren sind der Abschaffung der Tierhaltung wesentlich näher als Sie es sind, weil sie am Fleisch aus der Petrischale arbeiten. Würden sie das essen?

Hier leidet tatsächlich kein Tier für die Fleischproduktion. Ein moralisches Problem sehe ich da nicht. Ich würde es aber vermutlich nicht konsumieren, weil ich kein Fleisch in meinem Leben brauche. Erst einmal bleibt aber viel zu tun für uns.

Quelle: noz.de