Der grausame Gott der Bibel

Von Tierschützer und Religionskritiker Hubert Wenzl

1992 hat Franz Buggle, Professor für klinische Psychologie an der Universität Freiburg i.Br. ein Buch (andere sagen: eine Streitschrift) herausgegeben, in der er nachweisen will, daß der jüdisch-christliche Gott auf weiten Strecken ein blutrünstiger, grausamer Gott sei. Buggle «beweist» seine These mit einer Anhäufung von Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament. So findet Buggle im Pentateuch, in den Psalmen, bei den Propheten und auch im Neuen Testament zahlreiche Texte, die im Namen Gottes die Gewalt verherrlichen. So werde im Pentateuch den Eroberungskriegen und dem Völkermord das Wort geredet: Israel solle sich über die Nomadenstämme hermachen und sie vernichten.

Mehr noch:

Der biblische Gott habe nicht nur Freude an Vernichtungskriegen seiner Auserwählten, sondern er selbst schlage brutal zu, indem er die Erstgeburt der Ägypter vernichte und das ägyptische Heer im Meer ertränke.

Jahwe liebe es sogar, mit den seelischen Qualen seiner Getreuen zu spielen, indem er seinem auserwählten Abraham befehle, seinen einzigen Sohn Isaak zu töten.

Auch in den prophetischen Büchern sei dieser grausame Gott am Werk. So rufe etwa im Buch Jesaia der Gott seine «heiligen Krieger», seine «hochgemuten, jauchzenden Helden» (Jes 13,3) auf, vor den Augen der Feinde deren Kinder hinzuschlachten, ihre Frauen zu schänden, ihre Häuser zu plündern (vgl. Jes 13,16). Auch das vielgerühmte Psalmenbuch (das Gebetbuch Israels und zahlreicher Kirchen) sei von Gewalt infiziert. So heiße es z. B. im Psalm 137,9: «Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert.»

Ungeheuerlich auch die Verfluchungen in den sogenannten Fluchpsalmen, in denen Gott angefleht werde, die Feinde Israels zu zerschmettern. «Oh Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund. Wenn der Gerechte die Vergeltung sieht, freut er sich und badet seine Füße im Blut des Frevlers» (Ps 58,7a und 11).

Auch das Neue Testament – so Buggle — sei voll von Gewaltverherrlichung, und zwar nicht am Rande, sondern in der Mitte: So brauche der barmherzige Vater im Himmel das Blut seines geliebten Sohnes, um sich durch dieses grausame Kreuzesopfer mit den Menschen zu versöhnen, die ihn durch ihre Sünden beleidigt hätten.

Die Logik der Grausamkeit gehe im Neuen Testament weiter: Der kommende Weltenrichter, der sogenannte menschenfreundliche Jesus, der in seinen irdischen Tagen nur menschenbefreiend gewirkt habe, werde nun die Menschheit in zwei Gruppen teilen: die zur Linken werden in die Hölle verdammt, an diesen «Ort» absoluten Terrors.

Wenn man weiß, wie Augustinus und andere Kirchenväter sich die Schrecken der Hölle vorgestellt haben (für Augustinus und Thomas von Aquin waren sogar die kleinsten Qualen schon des Fegfeuers schlimmer als die größten Schmerzen dieser Erde), kann man Nietzsche, diesem subtilen Analytiker, nur zustimmen, wenn er schreibt:

«Der Mensch ist das grausamste Tier. Bei Trauerspielen, Stierkämpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hölle erfand, siehe, da war das sein Himmel auf Erden» (F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra. WW II, hrsg. von K. Schlechta, S. 464).

Die Kirchenväter entdeckten noch eine andere Dimension der Hölle: die Freude der Seligen an den Qualen der Verdammten. H.U. von Balthasar ist nicht zu widersprechen, wenn er die «heiligen Freuden» der Himmelsbewohner an den Qualen der Verdammten als «peinliches und schändliches» Kapitel der Kirchengeschichte betrachtet. (H.U. von Balthasar. Kleiner Diskurs über die Hölle. Ostfildern 1987, S. 36).

An dieser voyeuristischen Freude hat sich besonders der große Kirchenvater Tertullian (ca 160—220) ergötzt. Er wolle — wie er schreibt — lachen, wenn er einst seine Feinde vom Himmel aus wird «braten» sehen. Beim Anblick dieses «Schauspiels» göttlicher Vergeltung wird Tertullian sich ergötzen (vgl.Tertullian – Über die Schauspiele. Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 7, S. 135f.).

Auch Augustinus (354—430) macht sich lustig über die «weichherzigen und mitleidigen christlichen Seelen», die nicht glauben wollen, daß ein barmherziger Gott irgend jemanden ewig verdammen würde (vgl. Aurelius Augustinus-.Der Gottesstaat, Buch 21, Abschnitt 17. Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 28, S. 393f.).

So kann dann Gregor der Große (540-604) ohne jedes Mitleid dozieren: Gott, der Allmächtige, sättigt sich nicht an den Qualen der Verdammten, denn Gott ist gut. Weil er aber auch gerecht ist, kann er in Ewigkeit nicht aufhören, an den Sündern Rache zu nehmen. Die Verdammten werden deshalb in erster Linie wegen ihrer Sünden gequält; ihre ewigen Qualen haben aber noch einen zusätzlichen Sinn. Der Anblick der Qualen der Verdammten vermag die Freude der Seligen zu vergrößern (vgl. Gregor d. Gr.-. Dialoge 4, 46, PL 77, Sp. 404).

Diese peinliche Diskussion geht im Mittelalter weiter. Im «Sentenzenbuch» – dem klassischen theologischen Handbuch des Mittelalters – stellt sich sein Verfasser Petrus Lombardus (f 1160) die Frage: Beeinträchtigt oder fordert der Anblick der Qualen der Verdammten das Glück der Seligen? Seine Antwort: Der Himmel kennt kein Mitleid, das die Freude der Seligen trüben könnte. Obschon den Seligen ihre Freuden genügen, erhöht der Anblick der Schmerzen der Verdammten ihr Glück (vgl. Petrus Uombardus-, Sententiae in IV libris distinctae. Liber IV, dist. 50, cap. 5 bis 7).

Dem nüchternen Thomas von Aquin (f 1274) muß bei dieser allzu voyeuristischen Rachelust nicht ganz wohl gewesen sein, denn er macht in seinem Kommentar zum «Sentenzenbuch» des Lombarden eine nicht unwichtige Unterscheidung, die die Theologen fürderhin von dem Odium der Schadenfreude befreit, ihnen aber trotzdem die Freude am Leiden der Verdammten beläßt. Thomas von Aquin schreibt: An und für sich freuen sich die Seligen nicht an den Qualen der Verdammten, wohl aber beiläufig oder nebenbei. Die Seligen freuen sich nämlich über die göttliche Gerechtigkeit (und ihre eigene Befreiung), zu der nun einmal die Bestrafung der Gottlosen gehört (vgl. Thomas von Aquin-. IV Sent., dist. 50, q. 2a. 4).

F. Nietzsche kennt natürlich diese «frommen» Texte der christlichen Heiligen. Seine seitenlangen Sarkasmen über diese «christlichen Freuden» lassen sich in diesem einen Satz zusammenfassen: Wer will es denn den Schwachen (Christen), die immer so lieb und demütig sein müssen, übelnehmen, daß sie eines Tages in ihrem Reich auch die Starken spielen dürfen und endlich ihrem lebenslang aufgestauten und verdrängten Haß freien Lauf lassen wollen (vgl. F. Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. WW II, S. 791-794).