Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

A u s g e w ä h l t e  G e d a n k e n  z u r  G o t t e s i d e e

Denn, du weißt es, die Religionen sind wie Leuchttürme: sie bedürfen der Dunkelheit, um zu leuchten. Ein gewisser Grad allgemeiner Unwissenheit ist die Bedingung aller Religionen, ist das Element, in welchem allein sie leben können. (Arthur Schopenhauer, Über Religion)

Sämtliche Religionen stellen die Existenz ihres Gottes als ein Faktum dar, als gegebene Grundtatsache, was es mitnichten ist. Allein die Beweise für derartige Behauptungen fehlen bis heute, alle Gottesbeweise sind gescheitert und widerlegt. Ausführliche Widerlegungen finden sich unter anderem in der „Kritik der reinen Vernunft“, in der Immanuel Kant die Existenz eines Gottes als unbeweisbar erklärte oder in dem „Traité des trois imposteurs – Traktat über die drei Betrüger“, das Ende des 17. Jahrhunderts die Radikalaufklärung begleitete.

Grundsätzlich fällt der Beweis einer Behauptung aber demjenigen zu, der sie aufstellt, so dass vor diesem Hintergrund alle Glaubensideen dem Entwurf eines Architekten gleichen, der sein Haus im zweiten Stock zu bauen beginnen will und dabei vergessen hat, das Fundament zu legen. Das Gebäude schwebt im luftleeren Raum, denn alle Religionen lehren in ihren Interpretationen und unterschiedlichsten Gedankenmodellen der Gottesidee nur Annahmen, Meinungen, Wunschvorstellungen, aber niemals überprüfbares, nachvollziehbares Wissen.

Trotzdem ist der Theismus in die allgemeine Gedankenwelt der Menschheit über die Jahrhunderte inzwischen so tief eingewachsen, geradezu fest zementiert, dass seine Behauptungen den Status einer nicht erklärungsbedürftigen Selbstverständlichkeit und Tatsache erlangt haben und die Hinterfragung ihrer Grundlogik als Sakrileg betrachtet wird; lediglich der Atheismus steht unter Rechtfertigungszwang, der Standpunkt also, der von der Logik der Erkenntnis dieser Rechtfertigung in keinster Weise bedarf.

Vom Kerngedanken ist jede Gotteslehre in ihrer Grundanlage eine fragmentarische, eine bruchstückhafte Lehre, betrachtet sie doch fast ausschließlich den Menschen, eine Marginalie, ein schmales, sehr schmales Segment allen Seins, eine Betrachtung aus der anthropologischen Froschperspektive oder, wie Günter Anders es formuliert, aus der anthropologischen Mikrobenperspektive. Natur und Tierwelt werden durch diesen Ansatz auf nachgeordnete Requisiten des anthropozentrischen Gottestheaters reduziert. Es ist die Reihenfolge – erst Gott, dann der Mensch, dann der Rest – die als Essenz und menschliche Hybrisdroge die Welt an den Rand des finalen Chaos geführt hat.

Fortsetzung nächsten Sonntag ……