Klarstellungen aus der Gegensicht von Dr. Gunter Bleibohm

A u s s i c h t s l o s

Der Tod jagt jedes Leben solange vor sich her, bis er es eingeholt hat. Das Rennen ist aussichtslos für dein Leben und trotzdem lässt du dich auf diesen Wettlauf ein. Lebenswille, der Wille zum Leben ist dein Antrieb, dein Motiv. Hast du eigentlich „respice finem – bedenke das Ende“ schon mal bedacht, durchdacht in aller Konsequenz und Härte? Und du trainierst trotzdem weiter für den Wettlauf? Ja?

Dann bist du entweder ein wirklich freier Geist oder ein großer Trottel, denn zwischen diesen Extrempunkten liegt die Masse und die denkt so etwas nicht, kann und will es nicht denken; die Masse hat die Religion.

S c h i c h t u n g e n

Die einzelnen Tage des Lebens schichten sich wie die Seiten eines Buches aufeinander. Endlose Schichtungen des Erlebten, des durchlebten Seins. Alle Seiten ähnlich, nahezu austauschbar. Nicht nur in diesem Buch, in allen Büchern. Seltenste Ausnahmen ausgenommen.

Befürchtungen, Hoffnungen, Abläufe endlos wiederkehrend, lediglich individuell und temporär variiert. Im Laufe der Jahre entsteht auf diese Weise erst ein Büchlein, dann ein Buch, manchmal ein gewaltiger Wälzer, ein dickes Seinspaket, die Dokumentation einer Existenz, im Inhalt fast immer banal, eine Schichtung ohne innere Notwendigkeit, ohne steuernden Zwang, zufallsabhängig aber trotzdem schicksalsbestimmend.

Eine ewige Wiederholung, die endlose Repetition von Marginalien und Banalitäten. Dieses Buch könnte in seiner Essenz auf einer Seite zusammengefasst werden und wenn es niemals entstanden wäre, würde es niemand in der Bibliothek des Lebens vermissen. Nichts wäre geschehen, nichts, einfach nur nichts.

Wenn aber eines Tages der Tod die letzte Seite des Werkes vollendet hat, sind Schlusswort und Titel immer identisch, immer gleichlautend: „Vergeblich“.

A r g l o s

Die Gänse haben Vertrauen gefasst. Der Bauer kommt jeden Morgen mit Futter, sie freuen sich darauf, haben sich an die Regelmäßigkeit gewöhnt. Sie sagen sich, dass die Wahrscheinlichkeit von Tag zu Tag wächst, dass dieser paradiesische Zustand immer so bleibt, für alle Zeiten fortdauert, je öfter der Bauer sie morgens füttert und umsorgt. Es war gestern gut, vorgestern, die ganze Zeit, also ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, wird immer größer, fast Gewissheit, dass es morgen auch wieder so ist – so ihr Credo.

Aber sie kennen nicht das Prinzip der umgekehrten Wahrscheinlichkeit, der abnehmenden Wahrscheinlichkeit und ahnen nicht, dass sie jeder Tag der Zufriedenheit in ihrem Paradies dem Weihnachtsfest der Menschen näher bringt. Sie sind arglos bis zum letzten Tag. Wie der Mensch, wie der Mensch in der Masse.