Brief eines Mitglieds der Ev. Kirche zu Kälbertransporten

Rebloggt von hubwen.wordpress.com

Tierfreund Hubert: Das Verhältnis der Kirchen zu den Tieren ist in Beton gegossen. Da ist gar nichts zu erwarten. In der Kirche haben Tiere keinen Platz. Sie seien für den Menschen da, heißt es. Die Einstellung ist anthropozentrisch durch und durch.

Von fellbeisser.net

Wie kaltblütig ist unsere Rechtsprechung, unsere Politik? Von der Agrarindustrie ganz zu schweigen. Und was tun die Kirchen? Ergreifen sie öffentlich Partei für diese geschundenen, gefolterten, gequälten sogenannten „Nutztiere”? Es gibt diesen begrüßenswerten EKD -Text 133, sicher, aber mit welchen wirksamen Konsequenzen? Was spüren die Tiere tatsächlich davon? Was haben diese Tiere tatsächlich von diesen gutgemeinten Worten des EKD-Textes 133?

Ich habe noch von keiner Kanzel herunter, noch vor keinem Altar weder Fürsprache oder Fürbitten für diese geschundenen Kreaturen Gottes noch gar mitfühlende Worte von Pfarrer*innen zum grausamen Schicksal dieser Tiere gehört. Das lässt mich an meiner (?) evangelischen Kirche schon seit langer Zeit sehr zweifeln. Hat der Jurist Herr Prof. Jens Bülte recht, wenn er von der „institutionalisierten Agrarkriminalität” spricht? Offensichtlich.

In meinen Augen ist es ein Verbrechen, was hierzulande und auf Tiertransporten millionenfach an diesen unschuldigen Tieren geschieht, die sich nicht wehren können und einzig und alleine auf uns Menschen als Fürsprecher angewiesen sind (von den Verbrechen in der industriellen Tierhaltung und bei der Schlachtung ganz zu schweigen).

Franziskus von Assisi hat seinerzeit schon erkannt, was die heutige Tierverhaltensforschung belegt: „Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir, alle Geschöpfe streben nach Glück wie wir. Alle Geschöpfe der Erde lieben, leiden und sterben wie wir, also sind sie uns gleich gestellte Werke des allmächtigen Schöpfers – unsere Brüder.”

Interessant sind die Ausführungen von Herrn Prof. Dr. theol. Erich Grässer, einst Ordinarius für Neues Testament an der Universität Bonn:

Tierschutz ist kein Anlass zur Freude, sondern eine Aufforderung, sich zu schämen, dass wir ihn überhaupt brauchen.

Diese Scham wird von den christlichen Kirchen nicht geteilt. Diese unsere christliche Gesellschaft in diesem unserem christlichen Abendland lebt in einer beispiellosen Ehrfurchtslosigkeit vor der Schöpfung.

Die Würde des Menschen, diesem hohen Verfassungsgut, dessen Unantastbarkeit unsere Politiker so gerne betonen, schlägt die gigantische industrialisierte Massentierquälerei brutal ins Gesicht. Es ist kein Zeichen von Menschenwürde, schwächere Lebewesen auszubeuten und zu quälen.

Tiere sind schwach. Wenn wir ihre Schwäche ausnutzen, wenn wir mit ihrem unnötigen Leiden und mit ihrem unnötigen Sterben unseren Wohlstand und unseren Luxus mehren, wenn wir für jeden beliebigen Nutzen jedes beliebige Tieropfer fordern, dann haben wir unsere Menschenwürde verspielt und verdienen es nicht, eine sittliche Rechtsgemeinschaft genannt zu werden.

Und so, wie die Kirchen im 19. Jahrhundert bei der sozialen Frage versagten, und die Arbeiter aus der Kirche heraustrieben, so versagen sie heute im Tier- und Naturschutz und treiben die Tierschützer aus der Kirche heraus. Denn für Tierschutz hält sich die Kirche nicht für zuständig. Kirche sei für die Menschen da.

Woher kommt diese Tiervergessenheit in der Kirche? Nun, es liegt daran, dass die Ethik, die theologische wie die philosophische, meint, sie habe es nur mit dem Verhalten des Menschen zum Menschen und zur Gesellschaft zu tun. Das von Albert Schweitzer gewählte Bild ist deutlich: “Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht herein komme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen.”

Das anthropozentrische Weltbild der Kirche muss endlich korrigiert werden.

Schließen möchte ich mein Schreiben mit dem trefflichen Zitat des von mir hoch verehrten Prof. Dr. Erich Grässer:

Was wir heute erleben, ist ein mit dem Rechenstift ausgeklügeltes schreckliches Höllenspiel, in dem wir unsere Nutztiere in der Massentierhaltung zu Tiermaschinen herabstufen. Die Übermenge an Eiern, Fleisch und Butter, die die westlichen Wohlstandsgesellschaften auf diese Weise produzieren, ist mit menschenunwürdiger Tierquälerei bezahlt. Gegenüber dieser überall straflos praktizierten Ungeheuerlichkeit liest sich Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wie eine Botschaft von einem anderen Stern. Und eine Kirche, die zu dem allem schweigt, erklärt damit den Bankrott ihrer Barmherzigkeitspredigt!

Gez. Susanne Kirn-Egeler, Mitglied der Evangelischen Kirche Baden-Württemberg (Diplom-Pädagogin)