Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

S p a n n u n g

Die Sinnesorgane sind die Verbindung zur Außenwelt und erzeugen – gemeinsam mit den spezifischen geistigen und körperlichen Komponenten des Individuums – eine einmalige und individuelle Gemengelage und Gewichtung dieser Faktoren im Bewusstsein des Menschen.

Die Faktoren umfassen die gesamte Bandbreite von Schmerz und Zufriedenheit, von Hoffnung und Furcht, von Glauben und Wissen, von sozialer Positionierung, der Kultur, des Alters, des Geschlechts, kurzum all diejenigen Faktoren, die Wirkung und Wertung der wahrgenommenen Eindrücke und Empfindungen zu einer facettenreichen Weltvorstellung im Bewusstsein eines Wesens formen. „Die Welt ist meine Vorstellung“ sagt Schopenhauer. Diese Aussage gilt darüber hinaus in ihrer gesamten Bandbreite für jedes Lebewesen – ob Mensch, ob Tier – in unterschiedlichster Tiefe, Intensität und Reichweite, sowohl in zeitlicher Dimension als auch in räumlicher Ausdehnung.

Nun ist es ganz unzweifelhaft, dass im Bewusstsein eines Wesens Wertungen, Einschätzungen und Entscheidungen stattfinden, so dass jede daraus resultierende individuelle Weltsicht und Wahrnehmung eine subjektive Abbildung des gesamten Seins repräsentiert. Es ist immer nur eine partielle Facette aller Seinsvarianten, die für das betrachtete Lebewesen gelten, da kaum ein anderes Wesen eine identische – wenn auch häufig eine ähnliche – Mischung aller vorstehender Parameter aufweist.

Die Vorstellung eines Jeden von der Welt hängt damit von der Mischung aller Einflussfaktoren in seinem Bewusstsein ab und – obwohl diese Vorstellung für einen fremden Betrachter von außen völlig subjektiv wirkt – ist sie für das Individuum die einzige wahre, erlebte und durchlebte Welt, denn es ist allein seine Welt, seine ihm persönlich eigene Welt, und damit für ihn eine objektive Welt. Es ist die individuelle Objektivation einer grundsätzlich subjektiven Ausprägung.

Hier gleicht der Mensch einem Forscher, der in einer Stahlkugel in die Tiefen des Ozeans taucht. Durch die Bullaugen nimmt er ein schmales Segment der Außenwelt wahr und schließt von dieser Sicht auf das gesamte Meer, denn er kann in seinem Stahlgehäuse nichts anderes erfahren; es ist seine individuelle Sicht aus seiner Kugel heraus, die ihn gleichzeitig isoliert und schützt, sein Lebensraum, sein Sinnesorgan. Was er sieht hält er für objektiv, obwohl man in dem Schiff an der Oberfläche, das eine Vielzahl von Tauchkugeln und Forscher beobachtet , weiß, dass seine Meeressicht völlig subjektiv ist und nur einen marginalen Teil des Ozeans erfasst hat.

Tausende, Millionen, Milliarden, Billionen von Lebewesen unterschiedlichster Art schweben zu jedem beliebigen Zeitpunkt in ihrer Kugel im Sein, in Gemeinschaft und doch völlig isoliert. Jeder ist im Sein gefangen wie die Mücke im Spinnennetz und dazu verdammt, auf seine Vernichtung hin zu leben.

Durch die Isolation sieht sich Jedermann jedoch in seiner Welt im Zentrum des Seins, da es die einzige Welt ist, mit welcher er in allen Punkten übereinstimmt, die er kennt, in der er lebt. Das Zentrum allen Seins liegt in seinem Selbstbewusstsein, in seinem Körper, in seinem Geist. Es ist seine geistige und körperliche Heimat um die er kämpft, auf Grund seines Lebenswillens kämpfen muss. Tut er es nicht, verliert er alles, Bewusstsein, Körper und Leben; die gesamte Welt, das Universum, geht dann für ihn unwiederbringlich verloren, alles ist nicht mehr existent, ins Nichts entglitten.

Die große Ernüchterung, Verzweiflung und Erkenntnis seiner Nichtigkeit folgt spätestens dann, wenn der Mensch lernt, dass sein Zentrum des Seins nur eins von vielen, von unendlich vielen Zentren anderer Existenzen ist und er realisiert, dass jedes Wesen gleich ihm diesem Trugschluss der Besonderheit anheimfällt. Sein Kosmos stellt sich als marginaler Mikrokosmos heraus, dem im Makrokosmos aller Menschen, erst recht nicht im Makrokosmos aller Lebewesen auch nur die geringste Bedeutung zukommt. Der Untergang seiner Welt bedeutet für ihn das Ende allen Seins; der Makrokosmos hingegen nimmt davon keinerlei Notiz, da der Untergang eines Einzelnen für das Gesamte völlig bedeutungslos ist.

Das Spannungsfeld zwischen dem Individuum als Konzentrat allen Seins und dessen globaler Nichtigkeit ist der fruchtbare Boden, auf dem die giftigen Pflanzen der Religion, der Esoterik, der Jenseitsvorstellung, kurz, der ganze Gotteswahn prachtvoll in der Menschenwelt gedeiht; die Tierwelt scheint dem gegenüber von solchen Wahnvorstellungen frei zu sein. Der Mensch erträgt in der Regel nicht die Erkenntnis, dass alles an ihm, um ihn, vor ihm und nach ihm einer zerplatzenden Seifenblase gleicht, von der nichts übrig bleibt als die Erinnerung an eine schillernde Chimäre, die Erinnerung an eine sinnlose Vergeblichkeit. Die subjektiv gefühlte Bedeutung des Lebens ist tatsächlich ein objektives Nichts im Sein.