Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht

Jedes Leben ist produktiv, denn es produziert täglich, stündlich, unentwegt Vergangenheit. Lebensvergangenheit gehört aber immer dem Tod.

Seit man dem Christentum sein wichtigstes Argument – den Scheiterhaufen, die ultima ratio theologorum – genommen hat, ist es querschnittsgelähmt. Es lebt noch, ist aber ein Pflegefall, um den sich die Angehörigen nur noch aus Gewohnheit bemühen.

Wenn ich doch auf der Treppe der Empfindungen doch nach unten steigen könnte! Vom Mensch, zum Tier, zur Pflanze und als Krönung ins Mineralische. Die Last des Denkens und Fühlens wäre verschwunden, das Sein wäre wieder genießbar.

Eigentlich wollte er die Felstürme und Eiswände dieses riesigen Gebirges erklimmen, in den Gipfelbüchern einen Vermerk seines Sieges hinterlassen. Er kannte die Wege hinauf – theoretisch – hatte sich gut vorbereitet, war sich seiner Sache sicher, siegessicher, und nun die Ernüchterung. Im Vorgebirge, mehr Hügellandschaft als Gebirge, hatte er sich bereits verlaufen. Vor ihm der Abstieg in eine tiefe, steinige Schlucht, hinter ihm der undurchdringliche, dunkle Bergwald. Spontan kamen ihm die Worte von Nietzsche in den Sinn: „Kein Pfad mehr! Abgrund rings und Totenstille! – So wolltest dus! Vom Pfade wich dein Wille! Nun, Wandrer, gilts! Nun blicke kalt und klar! Verloren bist du, glaubst du – an Gefahr.“

Er blickte hektisch, vor Angst nervös, um sich, als das Brummen einer kräftigen, starken Hummel ihn aus seiner Lähmung riss. Er hörte genauer hin und das Brummen formte sich in seinem Kopf zu Worten. „Hab ich dich nicht bis hierher wohlbehalten geführt, dich genährt, auf dich geachtet, dich geschützt? Was willst du mehr? Willst du deine zukünftige Zeit , deinen weiteren Weg wissen? Auch den hab ich dir gezeigt“, hörte er, „nur du hast mich nicht verstanden, weil du nicht sehen wolltest.

Schau vor deine Füße, siehst du die Käfer, die Würmer, die Schnecken, schau in die Luft, siehst du die Mücken, die Wespen, die Vögel, schau auf das Wasser, siehst du den See mit seinen Fischen, den Biber und die Enten, schau auf die Wiese, siehst du die Blumen, die Kühe und Pferde, schau auf den Wald, siehst du die Bäume, die Rehe, die Füchse, schau hin, wohin du willst, überall zeigte ich dir auch deine Zukunft, deinen Weg, den gleichen Weg, den du wie alles Leben gehen musst. Wie die Maus geboren wurde und durch ihr Leben sich kämpfen muss, bist du auch durch deine Geburt auf diese Reise geschickt worden.

So wie die Blume aufgeblüht ist und nun verwelkt, hast auch du deine Blüte gehabt. Warum glaubst du, dass ich mit dir anders umgehen sollte, als mit jedem anderen Leben? Du bist entstanden, hast viele Wandlungen durchlebt und dieser Wandel führt dich auch zu mir zurück. Du wirst zu mir, deiner wahren Mutter, zurückkehren, zu mir, die dich einstmals geboren hat; ich werde dich dann wieder in meine Arme schließen, dich bergen und in meinen Leib aufnehmen. Du kehrst zu mir zurück. Was dachtest du denn? Dass ich dich verstoße oder dich gar bevorzuge, dass ich dich anders behandeln soll, wie all meine anderen Kinder?

Ihr seid alle gleich für mich, ich hänge an dir nicht stärker als an dem Käfer, ich schätze das Blatt genauso wie die Kuh, den Vogel wie den Fisch. Befreie dich von dem Wahn, dass meine Liebe zu dir stärker sein soll als die zu irgend einem anderen Lebewesen. Dies ist deshalb mein Hinweis an dich für deinen weiteren Lebensweg und vergiss ihn niemals: vor mir ist jedes Leben gleich, gleich wichtig, gleich nichtig, denn mein Name ist Natur und mein Wesen ist absolute Gerechtigkeit.“ Ein Knirschen, die Felsnase, auf der er stand, stürzte abrupt, ihn mitreißend, in die schwarze Tiefe der Schlucht. Tage später fand man ihn völlig zertrümmert zwischen den Felsbrocken des tosenden Gebirgsbachs. Die Raben hatten ihm schon die Augen herausgepickt.

Eine nichtheilbare Krankheit bedeutet nicht zwangsläufig eine tödliche Krankheit. Der Todeskeim steckt allein im Leben, denn man stirbt nicht, weil man krank ist, sondern weil man lebt.