Wort zum Sonntag

H y p o t h e s e

Jedes Ding, jedes Dasein, jedes Streben und Bemühen unterliegt einem stetigen Wandel und mündet notwendigerweise in Auflösung, Nichtigkeit, Vergessen und Tod und ist vor dem kosmischen Hintergrund immer eine absolute Sinnlosigkeit, eine unbedeutende Marginalie. Bestimmende Faktoren einer universellen Betrachtungsweise sind Raum und erkennbare Zeitstrecke.

Das Wesen der Zeit ist Veränderung, an den Wandel gebunden. Ein Seiendes, das sich nicht wandelt, unterliegt nicht der Zeit. Hieraus folgt, dass Zeit eine Veränderung, einen wie auch immer gestalteten Wandel, beschreibt. Ein Wandel ist immer ein Fließprozess („panta rhei – alles fließt“, Heraklit).

Die Veränderung wiederum ist von der Entstehung bis zur endgültigen Auflösung Variation der Form. Variation der Form ist in letzter Konsequenz Bewegung.

Jede Form, die einer Veränderung unterliegt, ist notwendigerweise endlich. Somit hat jede Form einen Beginn und ein Ende, was die Endlichkeit bedingt.

Jedes Seiende hat eine individuelle Veränderungsgeschwindigkeit und seine ihm eigene Zeit, seinen individuellen Zeitmaßstab. Erklärung: Alle individuellen Zeitbegriffe sind lediglich in der Menschenwelt auf ihre Zeitdefinition normiert und damit auf die menschliche Veränderungsgeschwindigkeit abgestimmt.

Da jedes Seiende eine ihm eigene Veränderungsgeschwindigkeit hat und alles Seiende sich in einem stetigen Wandlungsprozess befindet, kann für den Betrachter real kein Fixpunkt, keine Konstanz entstehen. Erklärung: Jede veränderliche Existenz setzt sich aus infinitesimalen Momentaufnahmen zusammen, die nur in der Summe und Rückschau dem Menschen eine Konstanz suggerieren und ihn dadurch über die wahre Struktur des Seins hinwegtäuschen.

Fehlende Konstanz und Dauerhaftigkeit hat aber zur Folge, dass die Betrachtung alles Seienden der Betrachtung eines nicht greifbaren virtuellen Bildes vergleichbar ist und real – trotz fehlender Konstanz – nur in der Rückschau, in der Gesamtbetrachtung der infinitesimalen Änderungen, erscheint.

Da die Veränderung der Form teilweise sehr langsam abläuft, glaubt der Mensch ständig etwas Feststehendes, stabil Konstantes zu betrachten. Real ist aber alles fließend und nichts ist konstant, alles ist permanenter Wandel. Dies bedeutet, betrachten wir beispielsweise einen Tag als Zeiteinheit, dass wir niemals irgendwo das Gleiche sehen, sehen können („Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu“, Heraklit).

Hat man diese Abfolge verinnerlicht, gar verdaut, die Wirklichkeit als nicht fixierbare Chimäre akzeptiert, das Verwischen allen Seins in Scheinvorstellungen erkannt, bleibt nur noch die demütige Zustimmung zu der frühen fundamentalen Erkenntnis des genialen Stoikers Marc Aurel:

Mundus mutatio, vita opinio – die Welt ist ein stetiger Wandel, das Leben ein leerer Wahn“ (Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen).