Richard David Precht über den Umgang mit Tieren

Rebloggt von hubwen.wordpress.com

Der Umgang mit Tieren geht oft ins Unerträgliche. Die meisten Menschen verdrängen diesen Umgang des Menschen mit Tieren, die viele nur als Lebensmittel sehen. Zumindest den Nutztieren wird jede Würde verweigert. Die Diskrepanz wie Haustiere und wie Nutztiere gehalten werden und welche Lebenszeit man ihnen gewährt, könnte größer nicht sein.

Von Deutschlandfunk.de

Publizist und Philosoph Richard David Precht beschäftigt sich seit einem Vierteljahrhundert mit tierethischen Fragen. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Richard David Precht im Gespräch mit Susanne Fritz

Richard David Precht, geboren 1964, ist Philosoph, Publizist und Autor und einer der bekanntesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Er ist Honorarprofessor für Philosophie in Lüneburg sowie für Philosophie und Ästhetik in Berlin. Seine Bücher wie „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, „Liebe. Ein unordentliches Gefühl“ oder „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ wurden in insgesamt mehr als 40 Sprachen übersetzt. Seit 2012 moderiert er die Philosophiesendung „Precht“ im ZDF. Am 17.10.2016 erscheint sein Buch: „Tiere denken: Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen“.

Susanne Fritz: In Deutschland leben rund 7,8 Million Vegetarier und etwa 900.000 Veganer. Neben allen gesundheitlichen Motiven spielt dabei auch nach wie vor eine ethische Verpflichtung gegenüber Tieren eine große Rolle. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in den westlichen Ländern verzehrt mehr Fleisch denn je. Das funktioniert, weil viele das Elend in den Tierfabriken verdrängen und noch nie einen Schlachthof von innen gesehen haben. Aber auch, weil unser Verhältnis zu Tieren auf einer Ethik basiert, die Tiere nicht zu Mitgeschöpfen macht, sondern zu Sachen. Wie konnte es dazu kommen?

Die Philosophie und die Religionen haben die Haltung der Menschen gegenüber den Tieren geprägt. Darüber habe ich mich mit dem Philosophen Richard David Precht unterhalten. Er hat ein Buch über Tierethik geschrieben, das heute unter dem Titel „Tiere denken – vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen“ erschienen ist. Herr Precht, das Verhältnis des Menschen zum Tier ist grotesk widersprüchlich: Einerseits verhätscheln wir unsere Haustiere – ob Hund, Katze oder Meerschweinchen –, andererseits beuten wir Tiere gnadenlos aus. Doch das ist ja alles seit langem bekannt. Was hat Sie gerade jetzt dazu veranlasst, das Thema wieder aufzugreifen und ein Buch über unseren Umgang mit Tieren zu schreiben?

Richard David Precht: Ich glaube, das Thema liegt heute noch sehr viel dringlicher in der Luft als früher – und zwar aus folgendem Grund: Auf der einen Seite ist die Zahl der Vegetarier und der Veganer in Deutschland rasant angestiegen. Ganz viele junge Leute wollen kein Fleisch mehr essen. Und auf der anderen Seite ist die Massentierhaltung heute noch grotesker, als sie vor 20, vor 50 oder vor 100 Jahren war.

Das heißt: Wir bauen gewaltige Tierfabriken, wo zum Teil 300.000 Tiere eingepfercht werden. Und dieser Widerspruch ist gewaltig, das heißt die Schere gegenüber dem, was Menschen in Deutschland gegenüber Tieren für ethisch korrekt halten und dem was wir tatsächlich tun, geht immer weiter auseinander.

Fritz: Wenn wir nun in die Geschichte, in die Kulturgeschichte des Menschen schauen. Wie muss man sich das Verhältnis von Mensch und Tier in vorchristlicher Zeit vorstellen?

Precht: Wir gehen mal davon aus, dass, sagen wir mal die steinzeitlichen Jäger sich nicht als etwas empfunden haben, was nicht zur Natur gehört. So wie wir heute sagen, menschliche Kultur auf der einen Seite, Natur auf der anderen Seite, sondern sie lebten in der Natur und begriffen sich selbst als Teil der Natur und hatten ein entsprechendes Verhältnis zu Tieren. Wir haben eindrucksvolle Zeugnisse davon, dass in der Jungsteinzeit eine Familie begraben worden ist und gleichzeitig ist der Hund da mitbegraben worden oder Rinder wurden mit in die Grabkammer gelegt. Das zeigt, dass man sich einander doch irgendwo noch im weitesten Sinne als seelenverwandt empfunden hat und der Mensch sich selbst als Teil der Natur.

Fritz: Kann man sagen, dass mit der Beherrschung der Natur ein Prozess der Entfremdung einhergeht?

Precht: Ja, das ist das Merkwürdige insgesamt. Je stärker der Mensch über die Natur herrscht, umso seelenloser erscheint ihm das Beherrschte. Und durch den Siegeszug der Technik und durch den Siegeszug der menschlichen Kultur kommt es dazu, dass wir den Wert der Tiere nicht mehr sehen, dass wir sie nicht mehr als beseelte Lebewesen wahrnehmen, sondern als etwas, mit dem wir schalten und walten können, nach unserem eigenen Gutdünken.

Fritz: Der Respekt vor der Natur und den Tieren geht mehr und mehr verloren, philosophische Gedankengebäude und die monotheistischen Religionen rechtfertigen schließlich die Herrschaft des Menschen über die Tiere. Aber nicht alle Religionen verlieren den Respekt vor dem Tier. In den religiösen Vorstellungen im alten Ägypten 2.000 Jahre vor Christus hat das Tier eine große Bedeutung. Inwiefern?

Precht: Ja, also es gibt kaum eine tierfreundlichere Religion als das alte Ägypten. Nur muss man dazu wissen, wenn wir heute an Ägypten denken, dann denken wir an Wüste und vor 2.000, vor 3.000 Jahren sah es in Ägypten aus wie heute in der Serengeti. Es gab Elefanten und es gab Rappenantilopen und Gazellen und Flusspferde. Also, das war ein ähnliches Biotop, wie man es heute in der afrikanischen Savanne kennt. Die alten Ägypter hatten, heute würde man sagen, ein konviviales Verhältnis zur Natur: Also, man hat das Gefühl gehabt, inmitten von Leben zu leben.

Fritz: In den monotheistischen Religionen wird der Tierkult gewaltsam bekämpft und verboten. Die Christen verwüsten in Ägypten die Kultstätten, sobald sie das können. Das Tier erleidet in allen monotheistischen Religionen einen gewaltigen Bedeutungsverlust. In diesen Religionen ist der Mensch geschaffen, um alleine über die Natur zu herrschen. Wie genau beschreibt jetzt das Judentum das Verhältnis zum Tier?

Precht: Den Unterschied zu den Ägyptern und zum Judentum kann man sehr schön an den Schöpfungsmythen erkennen. Wenn man sich die Schöpfungsgeschichte der Genesis anguckt, dann schafft Gott in sechs Tagen die Welt und der ganze Sinn dieser Welt besteht darin, eine geeignete Kulisse, ein richtiges Habitat zu schaffen, in dem eine einzige Tierart sich perfekt zu recht findet – nämlich der Mensch. Selbst die Sterne sind da, damit er im Dunklen die Orientierung nicht verliert.

Auf diese Art und Weise entsteht eine völlig anthropozentrische Sicht der Welt. Und in dieser anthropozentrischen Sicht der Welt haben Tiere keine große Bedeutung. Es gibt natürlich noch eine etwas ältere Schöpfungsgeschichte, die an diese andere herangeklebt ist. Die Schöpfungsgeschichte des Jahwisten ist die Geschichte vom Garten Eden, ist die Geschichte, dass Gott, bevor er die Frau schafft, die Tiere schafft, nur damit Adam sich nicht alleine fühlt; aber da das offensichtlich mit den Tieren nicht so richtig funktioniert, wird noch die Frau geschaffen. Da finden wir noch so Reste animistischer Religionen, also etwas, was von den Kanaanitern stammt. Etwas was sich nachher mit dem jüdischen Glauben vermischt hat.

Aber insgesamt kann man sagen, dass Judentum versachlicht die Tiere, es kennt sie irgendwann eigentlich nur noch als Nutztiere, also als Ochsen, die auf dem Felde arbeiten, aber nicht mehr als Mitgeschöpfe oder Mitgefährten in einem spirituellen, religiösen Kreislauf.

Das Christentum erkennt nur den Menschen als beseeltes Wesen an“

Fritz: Das Christentum übernimmt die jüdische Bibel und kanonisiert sie in etwas anderer Anordnung als Altes Testament. Wie unterscheidet sich das Christentum vom Judentum im Verhältnis zum Tier?

Precht: Wir finden im Judentum, wenn wir genau hingucken immerhin einige tierethische Maximen. Dass man seine Nutztiere gut behandeln soll. Ein berühmter Satz ist, dass von Gott die Aufforderung an den Menschen ergeht, er solle dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden, damit er also besser atmen kann und damit er auch zwischendurch trinken kann und vieles andere mehr. Und das ist ja eine sehr nutztierfreundliche Vorschrift.

Und Paulus nimmt darauf Bezug und sagt: „Das, was da steht, da geht es nicht um Ochsen, sondern da geht es nur um den Menschen.“ Da ist es nur metaphorisch zu verstehen. Und er sagt den Satz „Kümmert sich Gott etwa um die Ochsen? Redet er nicht überall von uns?“ Und man kann an dieser Stelle schön sehen, dass das Christentum die Entwicklung, die im Judentum beginnt, nämlich die Versachlichung des Tieres, unausgesetzt fortsetzt und tatsächlich nur den Menschen als beseeltes Wesen anerkennt.

Fritz: Auch im Christentum gab es die Vorstellung der Tiere als Mitgeschöpfe, wie zum Beispiel bei Franz von Assisi im 12./13. Jahrhundert. Inwiefern haben seine Vorstellungen die Lehre der katholischen Kirche beeinflusst?

Precht: Ja, leider sehr wenig. Man kann, wenn man das etwas überspitzt sagt, sagen: Von der Soziallehre Jesu Christi ist in den machtpolitischen Bestrebungen der Kirche im Mittelalter und über die Renaissance und die Barockzeit hindurch sehr wenig übriggeblieben. Und das gleiche gilt für Franz von Assisi eigentlich auch.

Er hat eigentlich eher eine Alibifunktion. Auch die Kirche kann mit jemandem aufwarten, der ganz offensichtlich sehr tierfreundlich gewesen ist, der ein Spinnennetz repariert hat, um der armen Spinne ihre Existenzgrundlage nicht zu nehmen und vieles mehr, der den Vögeln gepredigt hat. Aber das hat keinen großen Einfluss auf den christlichen Glauben gehabt, sondern der war immer ein Außenseiter in der Kirche. Man hat ihn schnell zu einem Heiligen gemacht, um ihn nicht ernst nehmen zu müssen.

Fritz: Wenn wir nun auf die protestantische Kirche blicken: Martin Luther galt ja als Tierfreund. Wie haben die protestantischen Kirchen die Tiere gesehen?

Precht: Also insgesamt hat die protestantische Kirche ein völlig sachliches Verhältnis zum Tier, jedenfalls und das muss man unterscheiden, die offizielle Kirche, also das Luthertum zum Beispiel. Von Luther selbst gibt es zwei Aussagen über Tiere. Das eine ist, dass man weiß, dass er sich als junger Mann gegen den Singvogelmord in Italien stark gemacht hat und als zweites gibt es eine sehr umstrittene Stelle in seinen Tischreden. Da soll ein Mann zu ihm gekommen sein und ihn gefragt haben, ob denn wohl sein Hund auch in den Himmel kommt. Darauf soll Luther gesagt haben: ‚Aber freilich. Gott wird einen neuen goldenen Himmel schaffen. Auch für alle Hündlein und Bellferlein.‘ Wenn man sich intensiv mit Martin Luther beschäftigt, muss man davon ausgehen, dass es sich hierbei um Spott handelt und nicht um eine tierfreundliche Aussage.

Fritz: Wie sah es aus mit Calvin, zum Beispiel?

Precht: Der Protestantismus ist überhaupt gekennzeichnet durch einen Herrschaftsauftrag über die Natur. Mit dem Calvinismus beginnt der Kapitalismus. Damit beginnt die Vorstellung, die Natur ist einzig und allein zum Zweck da, vom Menschen ausgebeutet zu werden und ihm dienstbar zu sein. Das ist übrigens eine Vorstellung, die wir in der Antike auch schon kennen, nämlich bei den antiken Stoikern.

Fritz: Noch einen Blick möchte ich auf den Islam werfen. Auch der Islam gehört zu den monotheistischen Religionen. Wie ist das Verhältnis der Muslime zu den Tieren?

Precht: Nicht wesentlich unterschiedlich im Vergleich zum Christentum. Im Koran wird festgelegt, dass die Tiere entweder dazu da sind, dass sie gegessen werden oder dazu, dass man sie als Lastenträger oder zum Reiten gebrauchen kann. Es gibt einige Sätze von Mohammed, über die Tiere, die auch recht tierfreundlich sind. Also im Gegensatz zu Jesus äußert sich Mohammed häufiger freundlich gegenüber den Tieren. Aber insgesamt ist der Unterschied zum Christentum nicht sehr groß.

Quelle: Deutschlandfunk.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.