Der schreckliche Gott aus der Wüste

Von Marcello Dallapiccola

„Dieser schreckliche Gott hätte die Wüste niemals verlassen dürfen“ – schrieb schon Philip K. Dick in seinem Opus Magnum „V.A.L.I.S.“ Und obwohl diese Aussage sich damals, in den 70er-Jahren, als das Werk geschrieben wurde, noch auf einen ganz anderen Zusammenhang bezog als heute, scheint sie dennoch richtiger und aktueller denn je. Denn was die drei abrahamitischen Religionen der Menschheit bisher gebracht haben, ist in erster Linie – grenzenloses Leid.

Juden, Christen und Moslems sind sich viel ähnlicher, als es ihnen wahrscheinlich lieb ist: Sie beten nicht nur alle zum gleichen Gott, sondern sind sich auch nicht zu schade, im Namen dieses angeblich „gütigen, barmherzigen und liebenden Gottes“ auf jede nur erdenkliche Art bestialisch zu morden. Glück gebracht hat diese ziemlich verbohrte Auslegung der angeblichen Worte des „einzig wahren Gottes“ bisher keiner der drei monotheistischen Religionen; vielmehr scheint es, als ob gerade dieser Umstand, nämlich dass es ein und derselbe Gott ist, dem allerdings auf unterschiedliche Weise gehuldigt werden muss, seine Anhänger immer wieder dazu bringt, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen.

Den Juden hat ihr Jahwe in ihrer gesamten Geschichte eher wenig Glück gebracht; obwohl sie sich selber als „auserwähltes Volk“ sehen, wurden sie – vermutlich gerade wegen dieser chauvinistischen Haltung – seit jeher verfolgt. Erst von den Vertretern polytheistischer Religionen wie den Ägyptern und den Römern, später dann von Christen und Muslimen. Tora und Talmud lehren den gläubigen Juden ja auch, dass er jedes Recht hat, die „Goyim“ (Nichtjuden) zu belügen, zu betrügen und alles zu tun, was ihm einen Vorteil über diese verschafft; kein Wunder, dass die Anhänger eines solchen Glaubenssystems von Andersgläubigen mit großem Argwohn betrachtet werden.

Die Christen hingegen kamen irgendwann als kleine, aber äußerst verschworene Gemeinschaft aus dem nahen Osten nach Europa (kommt das jemandem bekannt vor?). Anfangs ebenfalls von den Römern verfolgt, konnten sie ihren Glauben jahrhundertelang nur gut versteckt in den Katakomben ausüben. Wurden sie erwischt, zog man sie gerne dazu heran, das Programm im Zirkus Maximus ein wenig aufzulockern; zwischen den Gladiatorenkämpfen galt es als willkommene Abwechslung, ein paar Dutzend singender und händchenhaltender Sektenbrüder den wilden Tieren zum Fraß vorzuwerfen. Doch das sture Festhalten der Christen an ihrem „einzig wahren Glauben“ wirkte auch faszinierend auf immer größere Teile der autochtonen Bevölkerung; satt, faul und antriebslos nach Jahrhunderten der Dekadenz, sahen die Römer in diesen Fanatikern und ihren Überzeugungen eine spirituelle Kraft, die sie selbst schon lange verloren hatten.

Auch wenn die Christen sich anfangs abschlachten ließen – oder lassen mussten – statt selber auszuteilen, die Parallelen zu den Islamisten von heute sind nicht von der Hand zu weisen. Besonders deutlich wird das, wenn man sich anschaut was passierte, als das Christentum von Kaiser Konstantin zur Staatsreligion erhoben wurde: Ein beispielloses Schlachten und Morden setzte ein, das fast 1500 Jahre lang andauerte und eine Blutspur durch die Geschichte zog, die auch heute noch ihresgleichen sucht. Wie sich dieses Tun mit den Worten des Gründervaters des Christentums, Jesus von Nazareth, dessen Naturell wohl eher dem eines friedliebenden Hippies entsprach, vereinbaren lässt, konnte mir bis heute noch niemand schlüssig erklären.

Der Islam schließlich ist das jüngste Kind Abrahams; da auch er sich, wie die anderen beiden einzig wahren Lehren ebenfalls, hauptsächlich auf das recht blutrünstige alte Testament beruft, sind seine Wesensmerkmale auch die gleichen: Natürlich müssen die Ungläubigen entweder bekehrt oder gerichtet werden und selbstverständlich zählen auch die anderen (Juden, Christen), die den gleichen Gott anbeten, genauso zu diesen „Kuffar“, die es mit Feuer und Schwert zu richten gilt. Im Gegensatz zu den ersten Christen, die sich singend und Händchenhaltend von den Löwen zerfleischen ließen, gewinnt der Islam heute seine Anhänger hauptsächlich durch das martialische Auftreten seiner jungen, bärtigen Kämpfer, die grinsend mit Sturmgewehr und abgeschnittenen Köpfen posieren. Wie schon vor zwei Jahrtausenden bei den Römern, trifft hier eine zwar barbarische und primitive, jedoch in gleichem Maße gewalttätige und fanatische Religion auf eine Generation junger Menschen, die zwar materiell alles hat, vom exzessiven Konsum jedoch so übersättigt, abgestumpft und gelangweilt ist, dass die dadurch entstandene spirituelle Leere sie beinahe um den Verstand bringt.

Offen bleibt die Frage, wie sich diese abergläubischen Kulte so lange halten konnten – und wie sie sich in unserer heutigen, aufgeklärten Zeit immer noch halten können. Jeder halbwegs neutrale Beobachter dürfte längst verstanden haben, dass diese den Wüsten des Sinai entsprungenen Kulte in der Geschichte der Menschheit mehr Schaden als Nutzen angerichtet haben. Was nicht heißen soll, dass der Hindu- oder Buddhismus auf irgendeine Art besser sein sollten; auch in deren Namen wird missioniert, gemordet und unterdrückt, auch dort sind Frauen Menschen zweiter Klasse. Eine Lösung für dieses Problem kann nur in einer umfassenden Bildung für alle liegen; erst wenn man fähig ist, die Phänomene der Natur und des Geistes zu verstehen und zu begreifen, kann man sich auch von den dogmatischen Grundsätzen eines wie auch immer gearteten Irrglaubens lösen.

Philip K. Dick führt in „VALIS“ übrigens die Grausamkeit und offensichtliche Verrücktheit des Gottes Abrahams auf das Manna zurück, das die Ur-Christen auf ihren Wanderungen durch die Wüste zu sich nahmen, um nicht zu verhungern; am Ende stellt sich das Manna als psychoaktiver Pilz heraus, der den ungebildeten Ziegenhirten ihre Horrortrip-Visionen eines vor Zorn rasenden, schrecklichen Gottes bescherte…

Quelle: contra-magazin.com

 

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