Wort zum Sonntag


Der Massenmensch ist einem Großsystem wie beispielsweise einer Telefongesellschaft, einer Versicherung, einer Bank usw. beigetreten. Dieser Beitritt war seine letzte Handlung in selbstbestimmter Autonomie, denn diese Systeme degradieren den Anwender vom handelnden Subjekt zum akzeptierenden Objekt (übrigens gilt im Analogieschluss das Gleiche für „demokratische Wahlen“).

Der Einfluss des Benutzers auf das System geht gegen Null, er ist ausgeliefert, er hat Handlungsfreiheit verloren, er hat die Entscheidungen des Systems im Grundsätzlichen hinzunehmen.

Je komplexer und umfangreicher die Massenwelt des Individuums wird, desto mehr ist es in derartige Systeme eingebunden und von ihnen abhängig. Seine Entscheidungen sind nicht mehr selbstbestimmt, sondern systemkonform und das einstmals freie Individuum ist zu einem verwalteten und unbedeutenden Partikel der Systemlandschaft mutiert.

Aber er merkt es nicht, er fühlt es nicht, er hat keine Sensibilität für die Gefahr. Im Gegenteil. Freudig preist er die Errungenschaften der modernen Welt, möchte nicht darauf verzichten, kann ohne Abhängigkeit nicht leben und ist gar für die Sklavenkette dankbar, die ihm kontinuierlich kürzer geschlossen wird.

Denn sie bietet ihm größten Schutz, nämlich Schutz vor sich selbst, wäre er doch sonst auf die Jämmerlichkeit seines leeren Wesens und bedeutungslosen Daseins zurückgeworfen und er würde in der Welt stehen, wie der Nackte im Schneesturm.

Aber wie erbärmlich muss ein Wesen nur sein, das freiwillig Freiheit gegen Sklaverei tauscht? Tiere muss man zur Gefangenschaft zwingen, nur der Mensch geht freiwillig in den Kerker der Abhängigkeit.


In welch schlimmer Täuschung nähert sich der Mensch, insbesondere der jüngere Mensch, seinem Daseinsende! Träumt er doch von der sanftesten Form des Sterbens, dem klaglosen und zufriedenen Einschlafen bei bester Verfassung im höchsten Alter.

Aber die Realität holt ihn ein, der Lebensweg belehrt ihn über die anderen Möglichkeiten des Sterbens. Er wird erkennen, dass seine Todesvorstellung der absolute Ausnahmefall ist und seinem Ende im Regelfall eine teilweise sehr lange Zeit voller Angst, Hoffnung, Enttäuschung, Verzweiflung, Einsamkeit, eine Zeit voller Einschränkungen, Abhängigkeiten und Schmerzen vorangeht.

Er wird feststellen, dass all das, was ihm einstmals wichtig war, nichtig geworden ist, er sein eigenes Wesen nach und nach verliert und sein Körper und Geist mit zunehmender Gebrechlichkeit in einen Zustand erbärmlichsten Vegetierens übergeht. Er wird alle Spielarten einer finalen Krankheit kennenlernen, bis hin zu den entwürdigsten Situationen im Pflegeheim. Sein Kampf, sein Lebenszweck, all sein Sinnen und Trachten gilt nur noch dem Erhalt seines kläglichen Lebensrestes, bis auch der letztendlich verlöscht.

Warum sollte es ihm aber auch besser ergehen? Hat er nicht Zeit seines Lebens mit ignorantem Hochmut die ihm nun widerfahrenden Grausamkeiten der Tierwelt zugemutet? „Ausgleichende Gerechtigkeit” wispert Mutter Natur ihm ins Ohr. Hat er sich nicht standhaft geweigert, sein Ende zu bedenken, um Vorsorge für einen selbstbestimmten Tod, einen würdigen Freitod zu treffen? Heute hätte er gern die Kraft dazu, die ihm damals aus Gleichgültigkeit fehlte.

Und hat er nicht sogar, getrieben vom kollektiven Gruppenzwang und angestachelt von seinen Trieben, diese Grausamkeiten unüberlegt an seine Kinder weitergegeben, die demnächst das Gleiche durchleben werden?

Es ist einer der wichtigsten Sätze der antiken Philosophie und wird doch kaum beachtet: respice finem – bedenke das Ende.

Aber kristallklare Vernunft ist ein seltenes Gut, das höchste Gut und deshalb nur einer elitären Minderheit von Mutigen, Unabhängigen und Klarsichtigen zugänglich.

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