Gedanken und Argumente eines Jung-Sozialisten (2. Teil)

Das Los der Menschheit

Aus diesen bloßen Tatsachen heraus, entwickelt sich für mich eine ganz andere Dimension. Denn die Tatsache, dass Menschen die Fähigkeit haben, über ihr Verhalten nachzudenken, führt dazu, bestimmte Tätigkeiten gänzliche in Frage zu stellen. Denn ist es nicht das, was Marx und viele Frühsozialisten zu ihren Annahmen und Ideen geführt hat? Sie haben irgendwann über Missstände nachgedacht und ihre Gedanken zu Papier gebracht und so dafür gesorgt, die Welt ein Stück zu verändern. Sie haben uns gelehrt, Dinge nicht einfach hinzunehmen und auch kritisch zu hinterfragen und wenn möglich, sich auch im Hier und Jetzt für Verbesserungen einzusetzen.

Wieso wird dann aber der Verzicht auf Fleisch aus Gedanken des Leides bei Lebewesen heraus als Teufelswerk angesehen, während der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen völlig legitim ist? Wieso wird Müllvermeidung im Hier und Jetzt für mehr Umwelt- und Klimaschutz als Pest angesehen, während Proteste gegen die Herrschenden legitim sein dürfen?

Wieso können diese vielen Kämpfe an den einzelnen Fronten nicht gemeinsam gekämpft werden? Wieso werden Vegetarier und Veganer sowie Umweltaktivisten in unserer linken Bewegung immer wieder deutlich vor den Kopf gestoßen, weil sie zu ihrem Kampf für eine bessere Gesellschaft individuelle Entscheidungen treffen, die sehr wohl eine politische Relevanz besitzen als auch einen Teil zum Ganzen beitragen?

Wer der Logik der individuellen Entscheidung und der damit verbundenen Umwälzung auf das Allgemeine folgen will, muss konsequenterweise auch Friedensaktivisten dieselben Vorwürfe machen wie Vegetariern und Veganern: aus einer individuellen Entscheidung, sich für Frieden einzusetzen wird eben folgerichtig bei genügend Zustimmung auch eine gesellschaftliche, die plötzlich auch politische und gesellschaftliche Relevanz besitzt und damit aufgeladen ist.

Um nun zurück auf den anfangs erwähnten Beitrag zu kommen: die Idee von synthetisch hergestelltem Fleisch ist eine Revolution in der Fleischproduktion. Denn sie würde, bei Gelingen, garantieren, dass in naher Zukunft für menschliche Bedürfnisse eben keine Tiere mehr Leid erfahren müssten. Zumindest nicht für den puren Verzehr von Fleisch! Ist das nicht eine grandiose Nachricht?

Ja, sie wäre es, wenn da nicht immer noch Sozialisten wären, die diese Forschung als Götzendienst ansehen würden. Denn, wie allgemein bekannt ist ja jegliche Forschung, die im Kapitalismus betrieben wird, ausschließlich schlecht. Stimmt, deshalb nutzen wir auch alle fleißig das Internet, kommunizieren gemeinsam über Facebook oder zücken unsere schnellen Wunderwaffen, die Smartphones, um einmal an das andere Ende der Welt zu skypen und zu twittern, wo wir uns gerade befinden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Welthunger

Zu guter Letzt spielt auch immer der Punkt des Welthungers eine große Rolle in der Kritik des sogenannten politischen Vegetarismus/Veganismus. Angeblich würden alle Fleischverzichter das Argument vorschieben, dass der Verzicht tierischer Produkte den Welthunger stoppen könnte, weil dann endlich Flächen für mehr Getreideanbau frei wären. Im Gegenzug dazu wird dann immer wieder darauf eingegangen, dass ja unlängst sowieso schon genug für alle da sei. Ja, es ist genug für alle da, doch der Kapitalismus lässt die gerechte Verteilung der Nahrung nicht zu, da diese nicht profitabel verwertbar ist.

Doch eines betrachtet der kritische Sozialist bei der Kritik am Fleischverzicht dabei nicht: wenn sowieso genug für alle da ist (Getreide usw.), wieso wird dann überhaupt darüber diskutiert, dass Menschen bewusst auf Fleisch verzichten? Wenn schon genug für alle da ist, würde es dem armen Sozialisten auch nicht weh tun, auf Fleisch zu verzichten und damit einen Beitrag zur Leidensvermeidung und obendrein erwiesener Maßen zum Klima- und Umweltschutz beizutragen, denn Ersatzprodukte gibt es ja schon allerhand. In wenigen Jahren gibt es dann mit Sicherheit sogar synthetisches Fleisch, was garantiert mit weniger Ressourcen (Wasser usw.) und mit weniger Tierleid (!) hergestellt wurde.

Des einen Freud ist des anderen Leid

Das Ganze scheint sich derzeit auf dem Gipfel zu befinden. Die Diskussionen über Fleischverzehr oder -verzicht in der linken Bewegung nehmen zu. Es scheint fast soviel Potential zu besitzen wie manch andere ewige Streitereien, die uns alle noch in den gesamtgesellschaftlichen Tod schicken dürften. Doch was steckt wirklich hinter diesen Diskussionen, die zu nichts führen, als dass einer denkt, er hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und andere sich von ihren Gewissen beeinflussen lassen? Zu oft ist es die Tatsache der Bequemlichkeit, nicht darüber nachdenken zu müssen oder zu wollen, über so grundsätzliche Dinge wie Essgewohnheiten zu diskutieren. Denn Essgewohnheiten werden als Privatsache abgetan und sind unantastbar.

Und da wären wir beim Kernproblem, was fleischessende Sozialisten wie alle andere haben, die Fleisch verzehren: aus der Gewohnheit heraus werden Gründe gesucht, wieso der Verzicht auf Fleisch oder tierische Produkte keinen Sinn macht und den Kampf für eine bessere Welt nicht unterstützt. Anstatt also über seine Gewohnheit nachzudenken, werden die, die es tun und bewusst hervorheben lieber in die Schmuddelecke gestellt, als dass man es wagt endlich den Schritt zu tun und seine Gedanken zu öffnen.

Dabei kann man sehr wohl vom Menschen verlangen, darüber nachzudenken, was auf den Tisch kommt und wie viele Ressourcen all das, was konsumiert wird, verschlungen haben und ob es obendrein auch noch Müll produziert hat, der ganz beiläufig unsere Weltmeere verschmutzt und unsere Atmosphäre zerstört. Was ich mir wünsche ist die Bereitschaft, sich auf einen Diskurs zu begeben, anstatt den Fleischverzicht und den Verzicht auf jegliche Tierprodukte als Werkzeug eines armseligen Kleinbürgertums abzutun und damit zu legitimieren, diese Menschen aus der Bewegung zu drängen und deren Argumente als Hirngespinste darzustellen. Der bewusste Konsum kann uns im Hier und Jetzt schon ein Stück weiterbringen. Das blinde Kaufen und In-Sich-Hineinstopfen hingegen behindert unsere Arbeit merklich! Hoffentlich denkt ihr darüber nach, wenn ihr gerade euer mittlerweile zehntes iPhone innerhalb von fünf Jahren in den Händen haltet und damit einen Kommentar zu diesem Beitrag schreibt!

Reik Jaša Kneisel

Quelle: diefreiheitsliebe.de

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Veganismus: Passt bewusster Umwelt- und Tierschutz in eine sozialistische Bewegung?

Gedanken und Argumente eines Jung-Sozialisten

Beitrag von Reik Jaša Kneisel auf „diefreiheitsliebe.de“
Kneisel studiert Kunstgeschichte in Kiel und ist Aktivist in der Linksjugend

Neulich habe ich einen sehr erfrischenden Beitrag gesehen. Es ging um die Fleischproduktion. Wissenschaftler erforschen schon seit einiger Zeit Methoden, Fleisch synthetisch aus Stammzellen von Tieren herstellen zu können. Ich als (fast) konsequenter Fleischverzichter habe mich über diesen Beitrag gefreut und ihn geteilt. Danach wurde ich zurechtgewiesen und durfte den ganzen sozialistischen Zorn auf mich ziehen. Doch wie passt denn nun bewusster Umwelt- und Tierschutz in unsere Bewegung? Müssen wir alle unser klassisches Weltbild überdenken oder sollten Sozialisten alle Umwelt – und Tierschutzaktivisten aus den linken Gruppen verbannen? Hier meine Kritik an der mir gegenüber getätigten Kritik:

Fleischverzicht und Ersatzprodukte

Wenn ich mich als Vegetarier zu erkennen gebe, ernte ich vor allem in den eigenen Reihen oft Lachen und schreckliche Kommentare. Ich muss mich rechtfertigen, wieso ich auf Fleisch verzichte und muss mich einer enormen Zurechtweisung aus sozialistischen Standpunkten heraus unterziehen, wieso ein Fleischverzicht der Bewegung nichts bringt und ich beruhigt im nächsten Restaurant auch wieder ein saftiges Schweineschnitzel bestellen sollte. Und wenn ich dann auch noch klarstelle, dass ich auf Ersatzprodukte aus Soja- oder Weizeneiweis zurückgreife, weil mir trotz allem der Geschmack von Fleisch sehr fehlt, geht die Kritik an meiner Einstellung wie so oft in Gelächter über.

Dann spielen nicht selten Argumente eine Rolle, die darauf abzielen zu sagen, dass der Verzicht auf Fleisch nichts an der Warenproduktion und den Produktionsverhältnissen an sich ändert. Ja! Damit habt ihr vollkommen Recht. Wenn ich als Individuum auf Fleisch oder gar gänzlich auf tierische Produkte verzichte, verändere ich damit nichts an der Produktion von Fleisch oder gar am gesamten System, ich verändere ja nicht einmal grundlegend etwas am Verbrauch selbst, weil ich weiß, dass ich nur ein Bruchteil der gesamten Gesellschaft bin. Doch können wir uns darauf einigen, dass etwas mehr dahintersteckt, bewusst auf Fleisch zu verzichten?

Das Leid der Lebewesen

Jetzt wird die oder der eine oder andere sozialistische Fleischesser schon wieder schmunzeln. Gibt es doch so viele wissenschaftliche Artikel darüber, wo der Verzicht auf Fleisch und das Leid der Lebewesen hoch- und runterdekliniert wurden und zur Genüge auseinandergenommen worden ist. Es wird dann oftmals davon gesprochen, dass hier der Punkt zu einem politischen Vegetarismus/Veganismus einsetzt und aus der ganz privaten Einstellung, auf Fleisch und tierische Produkte zu verzichten, eine Tugend wird, die für alle Sozialisten und Menschen gelten solle. Danach wird darauf verwiesen, dass Pflanzenesser immer wieder das Leid der Tiere in den Vordergrund stellen und damit die theoretische Gleichwertigkeit von Mensch und Tier, die sie eben noch heraufbeschworen, schon wieder negieren, da sie dem Menschen plötzlich andere Fähigkeiten zusprechen als Tieren.

Doch ist es nicht auch so?! Ist es nicht so, dass Menschen faktisch einige Fähigkeiten mehr, oder sagen wir besser einige ausgeprägte Fähigkeiten haben als andere Lebewesen, die auf diesem Planeten leben? Ein Pflanzenesser würde aber, wie so oft als Vorwurf formuliert, wahrscheinlich niemals behaupten, dass Menschen aus den genannten Umständen höherwertiger sind als Tiere. Im Grunde sind das zwei verschiedene Ebenen, auf denen wir uns da bewegen, aber im sozialistischen Streit um den Fleischverzehr werden die Ebenen zu einer gemacht und so wird der Fleischverzicht zu einer Negierung der Gleichstellung zwischen Mensch und Tier oder wie auch immer.

vKlar ist doch, dass wir als Lebewesen nun einmal sehr deutlich die Fähigkeit des Leidens haben. Das gilt für Mensch wie für Tier. Da müssen wir uns nur die vielen Videos anschauen, die beim Schlachtprozess aufgezeichnet werden. Ist es natürlich, dass ein Schwein kurz vor seinem Tod in Ekstase verfällt und sich schüttelt, als ob es gerade den Tod schon vor Augen sieht? Wenn ich derartige Sachen sehe, sehe ich das Leid in seiner reinsten Form vor mir. Da kann ich diese individuelle Entscheidung, aus Fleisch zu verzichten, anprangern, wie ich will: in diesem Augenblick wird das Leid der Tiere wahrhaftig.

Aber ich sprach es bereits an: klar ist, dass auch Vegetarier und Veganer bewusst ist, dass Menschen zum Teil andere Fähigkeiten, zum Teil besser ausgeprägte Fähigkeiten besitzen müssen als Tiere. Könnten wir uns sonst mit Sprache in Wort und Schrift unterhalten? Könnten wir sonst komplexe Vorgänge durchdenken und könnten wir umsonst ein Gewissen in unserem Bewusstsein haben? Wäre dem nicht so, würdest du, der den Text gerade vor sich hat, diesen nicht lesen können, also machen wir uns nichts vor: trotz, dass wir faktisch Tiere sind, haben wir andere Eigenschaften als zum Beispiel ein Rind oder ein Schwein. Der Aspekt des Denkens und des Gewissens stattet uns dabei etwa mit ganz grundsätzlichen Fähigkeiten aus – wir können darüber nachdenken, was wir tun und was nicht und damit können wir uns bewusst für etwas entscheiden oder gegen etwas entscheiden. Tiere fressen Tiere, weil sie keine andere Wahl haben, als ihren Instinkten zu folgen. Das menschliche Gehirn ist heute allerdings so entwickelt, dass es über diese Instinkte nachdenken kann und gegebenenfalls auch Abstand dazu nehmen kann. Wie wir wissen, entwickelte sich das alles über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Vielleicht ist es ja sogar eine neue Entwicklung, dass Menschen bewusst das Leid von Lebewesen anerkennen und auf Fleisch verzichten? Schon einmal darüber nachgedacht?

Im Grunde ist es ja so, dass Fleischesser die ein großes Problem mit dem sogenannten politischen Vegetarismus/Veganismus haben, davon ausgehen, dass Menschen und Tiere eben doch keine weitestgehenden Unterschiede aufweisen. Menschen sind Tiere, da würde ein Vegetarier/Veganer nicht widersprechen, doch betrachtet man das nun aus der Perspektive eines fleischessenden Menschen heraus, sich ausschließlich auf seine tierischen Instinkte zu verlassen und wie wild Fleisch in sich hineinzustopfen, weil Tiere ja auch andere Tiere essen und das die Legitimation für unseren Fleischkonsum sein soll, müsste es im Umkehrschluss ja auch erlaubt sein, die eigene Spezies zu essen, da es eine große Anzahl an Tierarten gibt, die ihre eigenen Nachkommen oder Partner essen. Doch da macht selbst der gemeine Fleischesser halt, stimmt’s? Denn das geht ja mal gar nicht, Menschen zu essen. Aus Lust am Fleisch plötzlich Menschenfleisch?

Etwa genauso verhält es sich mit der Logik nach dem Tier, was gegessen werden darf und was nicht. Denn Kühe, Schweine, Geflügel, Pferde, Hasen und Fische sind in Ordnung. Dahinter steht in der Assoziationskette ja das Ettiket „Nutztier“ – denn wozu gibt es die denn? Genau – um den menschlichen Hunger nach Fleisch zu stillen. Wenn aber jemand offen darüber redet, dass in manchen Regionen dieser Welt auch Tiere auf den Tisch kommen, die in hiesigen Breitengraden als Haustiere gelten, ja dann schlägt das Herz der fleischessenden Tierrettenden plötzlich ganz anders, denn es besteht ja ein kategorischer Unterschied zwischen Nutz- und Haustieren. Die europäischen Eigenheiten dieser Unterscheidung müssen dann für alle Menschen dieser Erde gelten, die auf Fleisch nicht verzichten wollen, deshalb darf ein Mensch kein Hundefleisch essen, weil Hunde in Europa und Amerika als Haustiere gehalten werden. Tja, wer andern eine Grube gräbt ……

Fortsetzung von Teil 2 heute Nachmittag ……..