Wort zum Sonntag


Ich bin zurück. Vom Einkaufen im Großmarkt. Deprimiert, erschüttert, voll mit Abscheu. Jedes Mal zieht mich dieses Menschengewimmel in dieser künstlichen Menschenwelt ins Bodenlose. Meine Augen sehen nur Absurditäten, das Austauschbare, das Belanglose, Abstoßendes, oft Verfettetes soweit das Auge reicht, bunt tätowiertes Fett, die unendliche Variation menschlicher Biomasse, die Zufallsprodukte triebhafter Kopulationen, selten überlegt, selten gewünscht ins Leben gejagt, mehrheitlich die Ergebnisse von günstigen Gelegenheiten, Zeitpunkten und Situationen. Nur hin und wieder ein Mensch, von dem man nicht angeekelt den Blick abwenden muss. Bei einem Tier muss man es nie.

Gedankenfetzen rasen durch mein Denken. Wie sieht es in deren Lebenswelt aus, genauso banal, austauschbar? Wie kläglich mag dieses Wesen erst ohne Kleider sein, ohne Seinesgleichen, ohne TV und ohne Smartphone, nur seiner eigenen Jämmerlichkeit ausgesetzt, dieses Ebenbild eines fiktiven Gottes? Wie kommt so ein Wesen durch den Tag, durchs Leben, wie existiert dieser Mensch?

Mag es noch angehen, mit einzelnen zu reden, sind sie in der Masse optische Alpträume. Fade Individuen, kaum unterscheidbar in ihrer Gleichförmigkeit, täglich um Erbärmlichkeiten ringend, um dann eines Tages nur noch eine verwesende Leiche zu sein – die individuelle Beendigung einer weiteren Möglichkeit biologischer Nichtigkeit. Geboren noch voller Hoffnung, zunächst auf der Suche nach Leben, nach Zufriedenheit, am Ende körperlich deformiert, enttäuscht, desillusioniert, überflüssig, nutzlos. Der normale Verlauf einer normalen Existenz. Der Durchschnitt der Umsonstigkeit, wertlose Wegwerfprodukte.

Wieder ein Gedankenfetzen. Auf der Autobahn ist ein Transporter mit hunderten von Kälbern umgekippt, 140 tote Kälber. Einen Tag früher gestorben als geplant, einen Tag später hätte man sie erst im Schlachthof erledigt, ermordet, zerteilt und in die Theken dieses Supermarktes geräumt, für diese Menschen, die mich umgeben, dieser schleimige Ausschlag am Horrorzweig der Evolution. Widerlicher Fleisch- und Blutgeruch aus der Theke strömt zu mir, ich muss in die andere Richtung schauen, an der Theke stehen sie Schlange, kaufen die erbärmlichen Reste stolzen Lebens, schmeißen es abends auf den Grill, fressen sich satt, verdauen. Immer wieder, immer mehr, gedankenlos, selbstverständlich, Menschennormalität.

Die anonyme Massenwelt frisst das Denken, zerstört die Individualität, produziert unzählige Menschenroboter, egozentriert, aufgewachsen, gelebt und gestorben jeder als Zentrum des Universums, des Menschenuniversums, des Universums der Vernichtung und des Irrsinns. Ausweglos dagegen sich aufzulehnen, anzukämpfen, ich verliere, ertrage es schwer, brauche wieder Abstand, Ruhe, Erholung von dieser Teufelsbrut. Ich weiß, ich bin ein Bestandteil davon, der Fluch als Mensch geboren zu sein lastet auch auf mir und der Nächste an der Kasse betrachtet mich vielleicht mit gleichem Desinteresse, anderen oder gar ähnlichen Gedanken und Gefühlen, wie ich ihn.

Es war nur ein kleiner Großmarkt in einer kleinen Stadt, es gibt größere Städte, viel größere, viel größere Supermärkte, nicht nur in Deutschland, auf der ganzen Welt, überall das Gleiche. Ich schaue in den Abgrund. Cato kommt mir wieder in den Kopf, wenn es mit der Sache der Freiheit ein Ende hat, mag Cato sich in Sicherheit bringen, ist sein letztes Wort überliefert und dann hat er sich das Schwert in den Bauch gerammt, konsequent, tapfer, hat die Wunde mit den Händen nochmal aufgerissen, damit das Sterben nicht misslingt und ist der Unfreiheit entflohen.

Ich sitze im Auto, denke wieder an meine kleinen Befindlichkeitsstörungen, schüttele den Großmarkt konsequenzenlos ab, lebe weiter in meiner kleinen Welt, mal in der Hölle, mal in Zufriedenheit, bis ich durch die nächste Tür der Resignation gehe, ziellos, orientierungslos, auch ich nur dahinvegetierende Biomasse auf dem Weg ins Nichts. Ich nicht anders wie jedes Leben, sinnlos, austauschbar, ein Zufallspunkt in der Unendlichkeit von Zeit und Raum.

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3 Kommentare zu “Wort zum Sonntag

  1. Welch frappierende Aehnlichkeit der Gedankenwelt ich mit Herrn Dr. Bleibohm teile! Es ist schon sehr lobenswert, dass er sich die Muehe macht, all diesen Horror aufzuzeichnen und ihn in dieser sehr konkreten Weise vor Augen zu fuehren. Bei mir ist diese aufflackernde Kerze bereits erloschen – ich bin muede, menschenmuede.

    Dieser Ekel manifestiert sich bei mir durch Appetitlosigkeit, ja Brechreiz. Der Mensch verursacht mir Brechreiz. Da ich in Frankreich wohne, halte ich die Situation hier fuer besonders schlimm, aber offenbar ist es ueberall so, wovon das obige Statement Zeugnis gibt. Der Mensch hat mir die Freude am Leben genommen, ja er hat mit seiner genozidaeren Ueberwucherung allen Lebens, jegliche Empathie fuer ihn selbst zerstampft und im Boden ausgetreten. Inzwischen empfinde ich fuer dieses widerwaertige Scheusal weniger Empathie als fuer eine ausgeleierte Unterhose, denn er hat mich ueberstrapaziert mit seinen monstroesen Gefuehllosigkeiten und Verbrechen an den Lebewesen.

    Dieser natuerlich geborene Moerder aus Leidenschaft hat in mir den Gottesgedanken erwuergt und den Glauben zum Stillstand gebracht, denn welcher unsinnige Tor im Universum wuerde eine solche Missgeburt, einen solchen ekelerregenden Pestherd schaffen, der nichts anderes im Schilde fuehrt, als die Ausrottung und Parasitierung allen Lebens und sich obendrein noch fuer das Ebenbild Gottes haelt. Schon der Gedanke an diese Vorstellung verursacht mir Dauer-Gaensehaut, sodass ich gar nicht mehr zu heizen brauche, da ich den Unterschied eh nicht mehr merke.

    Dazu hat dieser zweibeinige Ausbund, dessen Qualifizierung der Erfindung einer eigenen Horror-Sprache bedarf, den Teufel erfunden! Lustigerweise ist dieser schwarz und hat Hoerner (worueber vor allem die Schaefchen der schwarzen Freikirchen zittern und beben und fleissig in weissen Gewaendern zum Gottesdienst eilen). Einem Fantasiewesen dieses Formates alle von der Bestie Mensch begangenen Verbrechen in die Schuhe zu schieben ist in sich selbst die groesste Torheit und Vermessenheit, welcher keine andere Spezies je verfallen ist, obwohl es unter jenen solche gibt, welche uebers Wasser laufen und unter dem Sand reisen koennen. Wer es fasse, der fasse es…Oder vermag etwa der Mensch, sich ein Netz zu weben und danach diese aus ihm selbst hervorgegangene Substanz wieder einzuziehen. Oder ganz einfach: es ist diesem Seelenkrueppel unter der Sonne nicht mal moeglich, sich so zu verhalten, dass er seine Umwelt nicht schaedigt, wie alle anderen Lebewesen dies tun. Und da er offenbar nicht mal das kann, was kann er denn eigentlich, ausser diesen Planeten zu ruinieren? Je duemmer eine Spezies ist, fuer umso wichtiger haelt sie sich. Der Mensch ist sogar sooooooooo dumm, dass er glaubt, ohne ihn gehe es nicht – ein Zeichen dafuer, dass er trotz aller Konferenzhallen, Ballsaele und neuzeitlichen Gadgets gar nichts ist und nichts fertiggebracht hat, da ja am Schluss eh nichts anderes uebrig bleiben wird, als in irgendeiner Hoehle das verbogene Skelett irgendeines Hippie, welchem doch noch ein Lichtlein zuendete, und er sich vor der Menschheit rettete und die Flucht ergriff!

  2. Mir geht es so ähnlich, manchmal verlässt mich aller Mut, dann entzündiet sich ein Hoffnungsschimmer um bald darauf wieder zu verlöschen. Es ist alles so hoffnungslos. Wohin man schaut nur Oberflächlichkeit und Kälte und Kommerz und sinnleere Aktivitäten. Die Menschheit möchte sich selber vernichten. Eine andere Erklärung erschließt sich mir nicht. Die unendliche Wut und Kälte trifft aber vor allen Dingen die Natur und die Tiere. Wenn sich jeder, der sich so hasst, selber töten würde, gäbe es einige Probleme weniger.

  3. Gunter Belibohms Gedanken teile ich und der Kommentar von Claudia trifft den Nagel auf den Kopf.
    Wenn es nicht hin und wieder auch noch gute Menschen gäbe, könnte man wirklich völlig verzweifeln.

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