Wort zum Sonntag

Im Horizont des Unendlichen

Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! Sieh dich vor! Neben dir liegt der Ozean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, daß er unendlich ist und daß es nichts Furchtbareres gibt als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stößt! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre – und es gibt kein „Land“ mehr!

Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, 124


Wenn der Mensch die Krone der Schöpfung ist, hat man wirklich keinen Bedarf mehr, den Schöpfer selber kennen zu lernen, scheint er doch seine Leere und Lehre mit der Menschenproduktion unverständlicherweise aufgegeben zu haben. Hätte er doch besser weitergedöst und nicht aus Langeweile und Unterbeschäftigung begonnen, Materie und danach auch noch Leben zu schaffen.


Am Anfang schuf Gott die Erde als Hölle.


Leben schaffen, gebären, bedeutet in erster Linie die systematische Erzeugung von Leiden, in zweiter Linie aber Leichenproduktion. Das gilt für jegliche Kreatur.


Das Nichts gewinnt immer über das Etwas, denn jedes geschaffene Leben fällt durch den Tod ins Nichts zurück.


Erst der Tod hebt das Diktat der Geburt auf, stellt die Kreatur gleich mit der Situation einer Nicht-Geburt. Der Nie-Gewesene verliert nichts, verlässt er doch niemals die Leidensfreiheit. Hier ist er dem Toten gegenüber entscheidend im Vorteil, da dieser erst nach der Höllenfahrt durchs Leben in die Leidensfreiheit gelangt.


Was bedeuten alle Kriege, alle Verbrechen, alle Gräueltaten, die Menschen an Menschen begehen, gegenüber dem Wüten und Morden der Menschheit in der Tierwelt? Nichts, absolut nichts, sie sind dagegen eine quantité négli-geable, eine unbedeutende, vernachlässigbare Größe.


Sein hat keinen Vorrang vor dem Nichts, der Nichtexistenz fehlt nichts, weder Glück noch Schmerz, weder Furcht noch Hoffnung.


 

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