Der Wolf kehrt zurück: Mensch und Wolf in Koexistenz?

Von Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

Kaum ein Artenschutz-Thema wird in Deutschland so emotional diskutiert wie die Rückwanderung der Wölfe. Streng geschützt breiten sie sich aus: Sie siedeln inzwischen in einem breiten Streifen von der Lausitz bis nach Niedersachsen und suchen Reviere in bisher »wolfsfreien« Bundesländern, wo sie Familien gründen und ihren Nachwuchs aufziehen. »Viele in unserem Lande waren und sind schlicht überfordert durch die zurückkehrenden Wölfe.

Was man nicht kennt, will man nicht. Ängste und Vorurteile breiten sich aus«, erklärt Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen, Ethnologin und Fachtierärztin für Verhaltenskunde mit dem Forschungsschwerpunkt Verhalten von Tieren aus der Familie der Hunde, in ihrem Geleitwort zu dem grundlegenden Buch »Der Wolf kehrt zurück« von Elli Radinger und Günther Bloch. Die Wolfsexperten setzen genau hier an: Ihr neues Buch will uns die Wölfe näher bringen, mit denen wir in Deutschland seit dem Jahr 2000 wieder zusammen leben – damit sich diffuse Ängste und spezielle Befürchtungen verlieren. »Wir wollen Wissen gegen Angst setzen«, so die Autoren. »Weil die Unsicherheit, die Unkenntnis und die Ignoranz immer noch groß sind, war es uns ein Bedürfnis, dem Leser reale und authentische Informationen zu vermitteln.«

Dazu haben Elli Radinger und Günther Bloch Zahlen, Daten und Fakten zum Wolfsleben in Deutschland zusammengetragen. Sie veranschaulichen die Forschungserkenntnisse mit eigenen Erfahrungen und zeigen einen Weg zum gelingenden Zusammenleben von Mensch und Wolf. Elli Radinger und Günther Bloch gründeten bereits 1991 die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V.. Sie verfügen beide über mehr als ein Vierteljahrhundert Erfahrung in der Beobachtung von frei lebenden Wölfen und hatten über zwanzigtausend Begegnungen mit ihnen, viele davon aus der Nähe. »Wir schöpfen aus einer Fülle persönlicher Erfahrungen, die wir mit unseren Lesern teilen, und zeigen Maßnahmen auf, die eine friedliche Koexistenz fördern«, so die beiden Wolfsforscher. »Der Schlüssel ist Wissen über den Wolf und sein Verhalten.«

Wölfe haben uns Menschen seit jeher fasziniert. Schließlich ist die soziale Struktur von Wölfen der unsrigen sehr ähnlich: »Sie leben in Familien wie wir, verfügen gleichfalls über eine fein graduierte Kommunikation, kooperieren beim Beutefang und in so vielen sozialen Belangen und zeigen altruistisches Verhalten«, erklärt die Verhaltenswissenschaftlerin Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen. Forscher gehen heute davon aus, dass die Domestikation des Wolfes zum Haushund eine Co-Evolution war: Denn auch der Mensch habe sich in den fast 40.000 Jahren des Zusammenlebens mit dem Hund verändert. »Diese besonders enge Beziehung zwischen Mensch und Hund unterstreicht im Rückschluss wiederum die wölfische Nähe zum Menschen«, so die Verhaltenswissenschaftlerin. Eine Wolf-Mensch-Koexistenz sollte also auch bei uns in Deutschland möglich sein.

Doch viele Menschen sind in Deutschland unsicher, wenn sie erfahren, dass es Wölfe in ihrer Umgebung gibt. Unsicherheit macht Angst. Zudem schüren manche Interessengruppen bewusst die Angst vor dem Wolf. Und in so mancher Zeitung sind Sensationsmeldungen zu lesen, die den Wolf als blutrünstigen Schafskiller zeigen, der auch jeden Moment ein Kind packen könnte. Irgendwie steckt ja das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf tief in uns drin. Aber warum sollten wir uns vor einem Tier fürchten, das uns in seinem Sozialverhalten und Familienleben so ähnlich ist und mit dem wir in seiner domestizierten Form seit Jahrtausenden eng zusammen leben? Nicht ohne Grund gilt der Hund als »des Menschen bester Freund«.

Um die Angst vor dem Wolf zu verlieren, brauchen Menschen Wissen über den Wolf und sein Verhalten. Wölfe zu verstehen, bedeutet nicht nur, ihr natürliches Verhalten in der Freiheit zu kennen, sondern sie auch in ihrem Umfeld zu erleben, inmitten eines Ökosystems mit ständiger Menschenpräsenz, von dem sie ein wichtiger Teil sind.

Dabei ist wichtig zu wissen: So wie sich Menschen völlig unterschiedlich verhalten, tun es auch Wölfe: »Es gibt nicht den Wolf per se, der sich so verhält. Jeder Wolf ist, wie wir Menschen auch, ein Individuum, das geprägt wird von seiner Familie, Alter und Persönlichkeit, vielfältigen Erfahrungen und dem Lebensraum, in dem er lebt«, erklären die Autoren.

Menschen stehen im Übrigen gar nicht auf dem Speiseplan von Wölfen, auch wenn entsprechende Sensationsartikel etwas anderes suggerieren wollen. In Deutschland hat es noch keinen einzigen Angriff auf Menschen gegeben. Daher ist es wichtig, frei lebende Wölfe auf gar keinen Fall zu füttern. Denn angefütterte Wölfe fangen nach einer Zeit an, von Menschen Essbares einzufordern – was sehr gefährlich werden könnte. Elli Radinger und Günther Bloch sind bei ihren Forschungen immer wieder frei lebenden Wölfen begegnet: in Nordamerika, in Polen, der Slowakei, in Italien, in Spanien und Deutschland. »Manchmal waren wir draußen in der Natur sogar ganz allein unterwegs, oft auch mit unseren Hunden. Dann haben sich Mensch, Wolf und Hund eine Zeit lang aus der Distanz gegenseitig gemustert. Mehr war nicht – kein einziges Mal.«

Etwa 17 Jahre nach Rückkehr des ersten Wolfes nach Deutschland gibt es heute 46 Wolfsrudel, 15 Paare und vier Einzeltiere (Stand: September 2016). »Das mag nach viel klingen, dennoch hat unser Land Platz für mehr Wölfe«, schreiben die Wolfsexperten. »Nach einer Habitatanalyse vom Bundesamt für Naturschutz haben wir theoretisch Raum für etwa 440 Rudel oder ca. 1300 erwachsene Wölfe.« Die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland zeigt, dass Wölfe – anders als lange gedacht – keine unberührte Wildnis brauchen. Sie brauchen lediglich Naturräume, in denen sie einigermaßen ungestört leben können. Ein Wolf wolle als hoch soziales Lebewesen nur das, was wir auch wollen: ungestört seine Familie aufziehen und in Ruhe gelassen werden, so die Autoren.

Und so liegt der Schwerpunkt ihres neuen Buches »Der Wolf kehrt zurück« vor allem darin, wie wir in Koexistenz mit dem Wolf leben können. Denn in den Ländern im Süden und Osten Europas, in den der Wolf nicht wie bei uns ausgerottet war, kommen die Menschen heute leichter mit Wölfen zurecht, weil sie schon lange mit ihnen leben. So können wir uns von diesen Ländern beispielsweise abschauen, wie Herdenschutzhunde zum Schutz von Schafen ausgebildet und eingesetzt werden können.

Bei den Schutzmöglichkeiten von Tierherden gehen die Autoren kenntnisreich auf die Unterschiede der individuellen Situation, Haltungsform und Landschaft ein. Außerdem haben die Wolfsforscher immer wieder mit betroffenen Nutztierhaltern gesprochen, die lernten, ihre Tiere so zu schützen.

Die Autoren weisen weiterhin auf eine aufwändige Langzeitstudie des Senckenberg Museums für Naturkunde in Görlitz hin, welche widerlegen konnte, »dass Wölfe, wie oft behauptet, häufig Nutz- und Haustiere gefährden: 96 Prozent von 3.000 Wolfskotproben mit Resten von Haaren, Knochen, Hufen oder Zähnen stammen von wilden Huftieren, also von Rehen, Rotwild und Wildschweinen, drei Prozent von Hasen und nur weniger als ein (!) Prozent von Nutztieren.«

Jäger schüren Angst vor dem Wolf. Früher rechtfertigten Jäger die Jagd damit, dass wegen des Fehlens der großen Beutegreifer Wolf, Luchs und Bär die Wildbestände durch den Menschen reguliert werden müssten. Inzwischen sind Wölfe und Luchse in viele Reviere zurückgekehrt. Nun wird argumentiert, man müsse die Wildtiere vor Wolf und Luchs schützen. Für viele Jäger ist der Wolf aber nur deswegen ein Feindbild, weil sie ihn als Konkurrenten fürchten, der ihnen die Rehe wegfängt. In der Lausitz jammern die Jäger: »Reh- und das Schwarzwild sind stark zurückgegangen, Rotwild gibt es so gut wie keins mehr.« (Lausitzer Rundschau, 24.2.2017)

Während Jäger in der Öffentlichkeit hohe Abschüsse von Rehen und Hirschen mit Verbiss an Bäumen begründen, halten sie mit Winterfütterungen die Zahl der Rehe und Hirsche konstant hoch. In letzter Zeit werden unter dem Motto »Der Wolf frisst die Wälder leer« immer öfter Forderungen von Jägern laut, den Wolf wieder zu bejagen.

Doch Wölfe rotten keine Wildtierbestände aus.Die Anzahl der Huftiere reguliert die Anzahl der Wölfe. Außerdem halten Wölfe die Wildtierbestände gesund, da sie hauptsächlich alte und kranke Tiere erbeuten. »In unseren Forschungsgebieten in Nordamerika beträgt das durchschnittliche Alter der von Wölfen getöteten Hirsche 16 bis 17 Jahre, menschliche Jäger töten dagegen die kräftigen sechs- bis siebenjährigen Hirsche«, erklären Elli Radinger und Günther Bloch. Die Wolfsforscher sind überzeugt: »Das Management von Wölfen ist weniger ein Problem von Wildbiologie, Ökologie oder angeblich notwendiger Bestandskontrolle, sondern vielmehr eines von kulturellen Wahrnehmungen. Darum geht es im Wolfsmanagement weniger um Biologie als um Menschen.«

Immer wieder kommt es seitens der Jäger zu illegalen Abschüssen von Wölfen – oder ein Wolf wird »versehentlich« erschossen, weil ein Jäger ihn angeblich mit einem wildernden Hund verwechselt hat. »Seit dem Jahr 2000 wurden in Deutschland insgesamt 19 illegal erschossene Wölfe gefunden«, schreiben Elli Radinger und Günther Bloch. »Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Bei weiteren vier Tieren, die an einer natürlichen Todesursache starben, wurden bei der Autopsie ausgeheilte Schussverletzungen entdeckt.« Doch obwohl der Wolf streng geschützt ist und der Abschuss eine Straftat ist, sei es bis heute nur in einem Fall zu einer rechtskräftigen Verurteilung gekommen.

Die Autoren weisen auch darauf hin, dass die Medien eine nicht unbedeutende Rolle für die Akzeptanz von Wölfen spielen. »Viele auf Sensationsberichte ‚spezialisierte’ Journalisten machen sich keine Mühe mehr für einen Faktencheck oder, noch schlimmer, berichten bewusst manipulativ.« Dies gelte beispielsweise für Schlagzeilen wie »Wolfsrudel vor Hamburg«, »Raubtier verfolgt Landwirt« oder »Tote Kälber – war es ein Wolf?«.

Ein Beispiel: 2015 hatte der Bericht über einen angeblichen Wolfsangriff auf einen Jäger für Schlagzeilen gesorgt. »Jäger entkommt Wolfsattacke«, titelte das Magazin JÄGER. Demnach hatte der Jäger zu Protokoll gegeben: Als er in der Nacht vom Hochsitz gestiegen sei, wäre ein Wolf »in gestrecktem Galopp, das Maul leicht geöffnet« auf ihn losgegangen. »Hätte ich meine Kurzwaffe nicht dabei gehabt, wäre ich jetzt vielleicht tot.« Der Bericht über den angeblich ersten Wolfsangriff auf einen Menschen in Deutschland schreckte die Öffentlichkeit auf. Manche Jäger frohlockten bereits, solche Meldungen würden den Ruf nach Bejagung von Wölfen fördern.

Doch nach wochenlangen Untersuchungen kam das niedersächsische Umweltministerium zu dem Ergebnis: Es hat mit Sicherheit keinen Wolfsangriff gegeben! Die Geschichte war wohl frei erfunden. Der niedersächsische Umweltminister Wenzel stellte weiterhin klar: »Der Wolf ist eine überall in Zentraleuropa besonders geschützte Art, die in ihrer Lebensqualität nicht beeinträchtigt werden darf.« Eine »zu hohe« Besiedlungsdichte sei bei Wölfen nirgends zu erwarten.


Foto: elli-radinger.de

Günther Bloch, Elli H. Radinger:
Der Wolf kehrt zurück
Mensch und Wolf in Koexistenz?
Gebundene Ausgabe, 144 Seiten
Mit 75 Farbfotos, 5 Farbzeichnungen
Kosmos-Verlag, 2017 · EAN: 9783440154045
Preis: 19,99 Euro

Übrigens: Auch die wieder neu in den Bundestag gewählte FDP und besonders deren Chef Christian Lindner will Wölfe abschießen lassen. Das geht nach Informationen der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Freitagausgabe) aus einem von Lindner unterstützten Antrag zum FDP-Bundesparteitag hervor. Danach soll der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden, um durch eine Regulierung des Bestandes einen „nachhaltigen Interessenausgleich zwischen Menschen und Artenschutz“ zu erreichen. Derzeit droht Jägern eine hohe Geldstrafe und Gefängnis, wenn sie Jagd auf die streng geschützten und sich allmählich auch in Deutschland wieder ausbreitenden Wölfe machen.

Kein Wunder bei einem Politiker, der hier auf focus.de folgendes äußerte: „Wir sollten uns einmal alle selbst fragen, wann wir uns das letzte Mal weitergebildet haben. Uns selbst gefordert haben. Ich zum Beispiel mache gerade meinen Jagdschein und nutze hierzu eine App auf meinem Smartphone, die mir 500 Prüfungsfragen stellt. Die beantworte ich im Auto auf dem Rücksitz.“

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