Wort zum Sonntag

Es gibt kein Gebiet der menschlichen Geistesentwicklung, auf dem die Gesetze der Vernunft, der Logik, der Rationalität und Wissenschaft so schwerwiegend dauerhaft missachtet werden, wie auf dem weiten Feld des Glaubens und der Religionen.

„Während ein unbeugsamer und von keinerlei Evidenz gestützter Glaube in jedem anderen Bereich des Lebens als ein Merkmal von Irrsinn oder Dummheit gälte, genießt der Glaube an Gott in unserer Gesellschaft noch immer höchstes Ansehen. Religion ist das Gebiet im Diskurs der Menschen, auf dem es als edel gilt, vorzugeben, sich über Dinge gewiss zu sein, die kein Mensch je mit Gewissheit wissen kann“ konstatiert Sam Harris in seinem „Brief an ein christliches Land“.

Folgt man den Vorgaben der Logik und der wissenschaftlichen Norm über die Verifikation/Falsifikation von Behauptungen, lässt sich jede Gottesfrage auf einfache Entscheidungsabfolgen reduzieren. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, zumindest Glaubensfindungen mit einer rationalen Vorgehensweise zu skizzieren. Das Durchlaufen des Entscheidungsbaums zeigt in klarer Deutlichkeit, wie zufällig, wie beliebig, von welcher Unzahl von Einflussfaktoren gesteuert, die geglaubte Gottesidee abhängt.

Erste Entscheidung – für oder gegen die Gottesidee?

Entweder man glaubt an einen Gott, ein höheres Wesen, an eine übernatürliche Macht, oder nicht. Wenn nicht an Gottesvorstellungen geglaubt wird, hat die ganze Gottesmystik für den Freidenker keine Relevanz. Das Thema ist an dieser Stelle bereits für ihn beendet. Trotz seiner Distanz zum Gottesglauben ist der Freidenker, der Atheist, der Nihilist von den mittelbaren Folgen der Gottesmystik betroffen, da Staat, Kirche und Gesellschaft in dieser Frage heute einem zähen, klebrigen Sirup gleichkommen, der Gesetze, Medien, Schulen, der das gesamte gesellschaftliche Netz durchzieht, so dass klare Vernunft immer wieder mit Glaubensirrealitäten durchsetzt wird. Ein bedeutsames Stück von der Geistesfreiheit des gesamten Volkes wird dadurch täglich auf dem Altar eines irrationalen Glaubens geopfert.

Zweite Entscheidung – persönliche oder institutionalisierte Gottesidee?

Für den Verfechter der Gottesidee stellt sich hingegen das nächste Entscheidungsproblem, denn er muss sich entscheiden, welcher der aktuell vertretenen Gottes- und Götterideen er folgt. Bereits an dieser Stelle beginnt die Gottesvorstellung weltweit in zahlreiche, nahezu unüberschaubare Anzahl von Ideen, Vorstellungen, Lehren und Gegenlehren zu zerfallen, in heutige und in historische.

Persönliche Glaubenswelt

Ist man Anhänger einer diffusen, situativ individuell gesteuerten Gottesvorstellung, durchlebt man seine Lebensbahn mit vagen Ideen, dass es etwas Höheres, etwas dem menschlichen Verstand Unerklärbares, Lenkendes geben sollte bzw. geben muss. Die Artikulation dieser Gottesvorstellung resultiert konsequent aus einem Gefühl, einem Wunsch, einem Verlangen bzw. aus einer Phantasie heraus und ist frei von jeglicher rationalen Begründungsfähigkeit. Im Wesentlichen dient die personifizierte Gottesmystik dem Individuum, die gefühlte Vergeblichkeit des Seins, besonders aber des persönlichen Seins, mit einem höheren Sinn zu füllen. Ein Leben ohne höheren Sinn, besonders aber ein begrenztes, zeitlich limitiertes Leben, ist dem Normalverstand unerträglich. Es kann nicht sein, es darf nicht sein, die Vorstellung der Nichtigkeit, der Vergeblichkeit, der letztendlichen Ziellosigkeit des Lebens ist zu ernüchternd, ist der Lebenshorror schlechthin.

Eine redliche und aufrichtige Bewertung der menschlichen biologischen Begrenztheit findet hingegen nicht statt. Der Boden der Logik und Wissenschaftlichkeit wird dann mit dem Begriff der unsterblichen Seele gern verlassen, das Land der Wunschvorstellung, der Garten der wildwuchernden Phantasien betreten, man gelangt schrittweise in das Land des Glaubens. Diese Lebenslüge ufert so extrem aus, dass, obwohl biologisch teilweise sehr, sehr ähnlich, dieser höhere Sinn nur dem Menschen, nicht aber allen anderen Lebewesen zugedichtet wird. Das unbewusste Postulat – man glaubt, wie etwas sein sollte oder könnte, also ist es so und muss sich so verhalten – steuert eine Bewusstseinsspaltung extremster Art.

Der Glaubenswillige blendet bei diesem Vorgang in seiner Gedankenwelt sämtliche Erkenntnisse der modernen Physik aus, welche die Entstehung der Welt und des Universums ohne das Zutun eines Gottes zeigen und er ignoriert das grundsätzliche Fehlen eines Gottesbeweises; rationale Erkenntnisse fechten ihn in seiner Phantasiewelt nicht an. Er hat sich, wenn auch meist unbewusst, gegen die Vernunft entschieden.

Institutionalisierte Glaubenswelt

Ist man – als latent der Gottesmöglichkeit zugänglicher Geist – darüber hinaus in einen bestimmten Religions-Kulturkreis hineingeboren, wird regelmäßig der allgemein gelehrten oder staatlich aufgezwungenen Gottesvorstellung Folge geleistet, also überwiegend in Israel dem Judentum, in arabischen Ländern dem Islam und in den westlichen Ländern dem Christentum, kurzum, das Geburtsland bestimmt in der Regel die geglaubte Gottesidee.

Fortsetzung dieser Abhandlung von Dr. Bleibohm am 24. September …..

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