Gedanken eines sterbenden Wildschweins

Von Christine Simon

Heute morgen war die Welt noch in Ordnung. Ich lag mit meiner Familie im Dickicht im Wald und schlief. Alles war vertraut. Es war noch nicht Mittag, als ich mit meiner Familie (ihr Menschen nennt es Rotte, warum weiß ich nicht) vom Lärm der Menschen und Hunde geweckt wurde. In Angst rannten wir alle los, manche konnten sich retten, aber ich lief offensichtlich in die falsche Richtung. Dann gab es einen Knall. Im ersten Moment wusste ich gar nicht was los war, ich spürte einen Schmerz an der Schulter und meine Angst wurde zur Panik als mir klar wurde, dass ich um mein Leben rennen muss. Ich rannte einfach weiter, einfach planlos durch den Wald. Mein Herz klopfte bis zum Hals und meine Angst war so groß, dass ich mich gar nicht konzentrieren konnte wo ich hinlaufen sollte.

Ich lief den Berg runter und immer weiter, aus dem Wald raus. Was hätte ich denn sonst tun können? Ich wollte nur mein Leben retten, nur weg von diesen Menschen die mich mit ihrem Knall verletzt hatten und mich umbringen wollten. Warum, fragte ich mich, warum wollen sie mich töten? Was habe ich Ihnen getan? Dann tauchten Häuser auf und Gärten, und dann die Straße. Das Auto habe ich nicht kommen sehen. Schon wieder ein Knall, aber harmlos im Vergleich zu meiner Schulter. Ich lief zurück in die Gärten.

Es gab nirgends ein geeignetes Versteck für mich und ich lief einfach weiter hinter den Häusern an den Gärten entlang. Verschwommen hörte ich wie sich die Menschen unterhielten. Sie sprachen von Schäden, die ich und meine Familie verursachen würden. Vom Schaden am Auto – das tut mir leid -, aber das wollte ich doch nicht, ich habe es doch einfach nicht gesehen in meiner Angst. Ich wollte doch auch gar nicht auf der Straße sein, ich wünschte ich könnte zurück in den Wald, aber dorthin kann ich nicht zurück, dort will man mich töten.

Die Menschen sprachen auch von Schäden im Feld, wenn ich und meine Verwandten auf Nahrungssuche gehen. Habe ich dort auch schon mal etwas kaputt gemacht? Ich weiß es nicht. Ich esse eben was auf dem Boden liegt oder grabe mir etwas aus. Woher soll ich wissen, bis wohin ich fressen darf wenn dort kein Zaun ist? Ich klettere nicht über Zäune. Warum machen sie denn keinen Zaun dort hin, wo ich nicht hinein darf? Um ihre Häuser machen sie doch auch Zäune. Wenn ich etwas kaputt gemacht habe dann tut es mir leid, ich wusste nicht, dass es für euch Menschen so wichtig war, so wichtig, dass Ihr mich deswegen tötet wollt. Außerdem war ich doch im Wald, ich kann es gar nicht gewesen sein. Vielleicht verwechseln sie mich?

Im Wald an den Hochsitzen wird oft extra für uns Getreide hingestreut. Wenn wir viel von dem Getreide fressen, können wir uns schneller vermehren, aber jetzt sagen sie, dass wir zu viele sind. Warum füttern sie uns denn dann? Es tut mir weh wie die Menschen über mich reden und wie sie über mich lachen. Dass ich auf den Grill komme. Warum sagen sie das? Warum können Sie mir nicht wenigstens soviel Respekt entgegen bringen dass sie nicht so gehässig über mich reden? Sie bewaffnen sich mit einer seltsamen Lanze. Hinter einem Fenster sehe ich ein Kind. Ich spüre dass auch Menschen hier sind, die mir gerne helfen würden, das ist ein geringer Trost. Ich merke wie das Blut an mir herunterläuft und versuche mich trotz meiner Schmerzen zu konzentrieren.

Ich laufe weiter und versuche noch einmal einen Garten zu durchqueren um auf die andere Straßenseite zu kommen. Plötzlich stehe ich auf einem Garagendach. Zum Glück bemerke ich es noch rechtzeitig. Ich laufe die Treppe hinunter und hinterlasse eine Blutspur. Im Hof steht ein Mann. Fast hätte ich ihn angegriffen in meiner Panik, aber ich kann wieder so klar denken, dass ich erkenne dass er mir nichts tun will, also laufe ich weiter, schnell über die Straße, die Wiese und über den Bach auf die andere Seite des Waldes. Jetzt bin ich vorläufig in Sicherheit und verkrieche mich im Dickicht.

Aber ich bin schwer verletzt. Ich weiß nicht ob ich es überleben werde. Die Schmerzen sind unerträglich und ich fühle mich so schwach. Vielleicht kommen sie mit Hunden nach mir suchen. Dann werde ich zu schwach sein um wieder fortzulaufen und sie werden mich doch noch erschießen. Dann hätten wenigstens die Schmerzen ein Ende, aber ich müsste noch ein letztes Mal den herabwürdigenden Blick eines Menschen ertragen. Vielleicht sterbe ich aber auch vorher alleine, auch wenn es lange dauert, so habe ich doch meine Ruhe. Ich weiß nicht, was mir lieber ist. Ich weiß, dass ich keine Chance habe. Ich weiß, dass ich meine Familie nie wieder sehen werde. Viele meiner Artgenossen haben sich jetzt schon gepaart, vielleicht trage auch ich schon Kleine in mir. Ich werde es nie wissen und nie erleben wie sie zur Welt kommen. Es gibt so vieles was ich gerne noch erlebt hätte. Auch wenn sich das ein Mensch vielleicht nicht vorstellen kann. Ich hatte ein Leben, das für mich von Bedeutung war. Genau wie Du.

Ich habe mich in den Gärten verirrt. Ich habe mich wieder aufgerappelt und versuche einen Ausweg zu finden. Wenn ich nur hier heraus finden würde. Die Hunde haben mich nicht gefunden. Ich bin im Bach verzweifelt hin und her gelaufen und sie haben wohl so meine Blutspur verloren. Aber die Anwohner haben mich gehört. Nach fast 2 Tagen hat man mich entdeckt und erschossen. Rund 46 Stunden nachdem ich angeschossen wurde.

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4 Kommentare zu “Gedanken eines sterbenden Wildschweins

  1. Lieber Wolfgang, ein wenig willkürlich von mir heraus gegriffen folgende Stellen Deines Beitrages:

    „Vielleicht sterbe ich aber auch vorher alleine, auch wenn es lange dauert, so habe ich doch meine Ruhe. Ich weiß nicht, was mir lieber ist. Ich weiß, dass ich keine Chance habe. Ich weiß, dass ich meine Familie nie wieder sehen werde.“
    […]
    „Es gibt so vieles was ich gerne noch erlebt hätte. Auch wenn sich das ein Mensch vielleicht nicht vorstellen kann. Ich hatte ein Leben, das für mich von Bedeutung war. Genau wie Du. … Nach fast 2 Tagen hat man mich entdeckt und erschossen. Rund 46 Stunden nachdem ich angeschossen wurde.“

    Erschütternd, wenn man das liest, wenn man sich in die Gedanken eines Tieres hinein versetzt. Aber den allermeisten Menschen fehlt es an Empathie, sie sind gefangen in ihrer eigenen egoistischen Welt. Sie sind weder gefühlsmäßig noch intellektuell in der Lage das zu erfassen. Manchmal fehlt auch der Wille. ICH, ICH, ICH, alles andere ist egal. Die Zustände schreien zum Himmel. Aber dort ist niemand.

    Liebe Grüße – Hubert

    • Lieber Hubert,
      vielen Dank an Dich für Deinen Kommentar und auch für Dein Mitgefühl, welches klar und deutlich aus Deinen Zeilen spricht.
      Und wie recht Du doch hast: Wäre diese Empathie für alle leidenden Tiere den allermeisten Menschen nicht abhanden gekommen und wäre die verbrecherische Spezies namens MENSCH weniger abgestumpft und erschreckend gleichgültig, statt immer nur auf das eigene Wohl bedacht zu sein, dann müssten wir uns auch weniger dafür schämen, dieser Spezies anzugehören und die Welt, in der wir leben, sähe um ein Vielfaches freundlicher und auch menschlicher aus.
      Liebe Grüsse – Wolfgang

  2. Vielen Dank für diesen berührenden Artikel.
    Die Tierwelt ist den meisten Menschen nicht wichtig. Sie sind nur auf sich selbst konzentriert.
    Wie traurig.
    Ich habe schon lange das Gefühl in einer grausamen Gesellschaft zu leben. Die Menschen passen sich den herrschenden Regeln der vermeintlich Starken an und werden, wie sie gebraucht werden: dumm und egoistisch.
    Ich glaube, wie kommen nicht zu uns selbst. Wir kommen nicht dazu, Menschen zu sein, wirkliche Menschen. Wir haben zu viel zu tun, keine Zeit für freie, schweifende Gedanken.
    Wir vermissen nichts, obwohl wir unerfüllt sind, denn Konsum ist nur ein trauriger Ersatz.
    Leider sind es nur wenige, die mit dem Herzen sehen können.

  3. Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen. Wir leben in einer Menschenwelt voller Egoisten. Sie denken nur an sich und merken nicht, was um sie herum passiert. Es ist eher so, dass sie sich noch einreden, sie gehören zu den „Guten“. Je mehr sich diese Spezies Mensch ausbreitet um so schlimmer wird es. Es ist traurig, aber wahr.

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