Alles Nazi, oder was? Der leichtfertige Umgang mit einem Unwort

Abermals ein sehr guter Artikel von Tierschützerin Bettina Schneider
Von ihr veröffentlicht am 23. Mai 2017 auf guteskarmatogoblog.wordpress.com

Von Bettina Schneider

Offensichtlich ist über Nacht ein erschreckend großer Teil unserer Bevölkerung zum rechtsextremen Rand übergewandert und ehemals konservative oder tolerante Bürger sind zu Nazis mutiert. Jedenfalls könnte man diesen Eindruck erhalten, wenn man liest und hört, wie oft und für wen dieser Begriff neuerdings eingesetzt wird. Ich habe mir die Mühe gemacht, ein wenig zu sammeln, bei welcher Gelegenheit diese Zuordnung im Netz oder in den Medien getroffen wird. Nachfolgend ein paar Beispiele:

  • Du vergleichst die Hühnerbatterien mit dem Holocaust? Nazi!
  • Du bist strikt gegen Schächten und stellst die Rechte der Tiere über eine Religion ? Nazi!
  • Du bist verstört und sorgst dich, über die zunehmende Gewalt in unserem Land und kritisierst dabei auch den Umgang mit Wiederholungstätern, die zwar auf dem Papier bereits offiziell ausgewiesen wurden aber nach wie vor im Land und auf freiem Fuss sind? Nazi!
  • Du bist für eine kontrollierte Zuwanderung und möchtest nur denen Asyl gewähren, die tatsächlich unter Krieg- und Verfolgung leiden? Nazi!
  • Du bist nicht generell für Multi-Kulti sondern findest, dass dieses Ideal nicht unbedingt und überall funktioniert? Nazi!
  • Du findest, dass nicht alle Traditionen über Nacht entsorgt werden sollten, und Kreuze zu einem Teil deiner Kultur gehören? Nazi!
  • Du rechnest sachlich vor, dass bestimmte Aufgaben und Unterstützungen eine Belastungsprobe für unsere Sozialsysteme darstellen und daher vorher gut bedacht werden sollten? Nazi!
  • Dich ärgert, dass die Mittel für soziale Aufgaben in unserer Gesellschaft erst brutal gekürzt wurden und nun mit vollen Händen ausgegeben werden und hinterfragst die soziale Gerechtigkeit? Nazi!
  • Du bist nicht unbedingt ein Freund der EU und stimmst für eine unabhängige Regierung, fern von einem zentral gesteuerten Brüssel? Nazi!
  • Du denkst, dass bestehende Gesetze, Länderabkommen, das Grundgesetz im allgemeinen, immer und in jedem Fall  Gültigkeit haben und auch angewendet werden sollten? Nazi!
  • Du findest, dass das Bild deines Großvaters seinen Ehrenplatz behalten sollte, auch wenn er darauf eine Uniform der Wehrmacht trägt? Nazi!

Ich lese all diese Einschätzungen und wundere mich, wie schnell man doch heute ein Nazi ist. Denn ein Nazi war für mich stets jemand,  der das menschenverachtende, brutale Unrechtssystem des 3. Reiches gut hieß, jemand, der sich diese Auswüchse wieder zurück wünschte, jemand der der die Verbrechen des Holocausts leugnet, jemand der andere wegen ihrer Herkunft oder Religion als geringer einstuft und jeden verachtet, der nicht Deutsch und arisch daher kommt. Naja, so ungefähr jedenfalls. Und natürlich habe ich meine Hausaufgaben in Geschichte ordentlich gemacht und ich bin wie jeder halbwegs normale Mensch so weit weg von dieser kranken Denke, dass ich mich sicher wähnte, niemals, niemals, niemals damit in Verbindung gebracht zu werden.

Trotzdem passe ich neuerdings sehr genau auf, was und wie ich formuliere. Denn nie war es einfacher, missverstanden zu werden. Meine ausgeprägte Wahrnehmung für Ungerechtigkeit, der Drang nach Freiheit, mein Sinn für Gerechtigkeit, Toleranz und auch mein Eintreten für Frauenrechte, Tierrechte, auch für Menschenrechte, kollidiert zunehmend mit dem, was öffentlich gesagt und gedacht werden darf, wenn man nicht in die gleiche Ecke gestellt werden möchte, in der zu Recht die Menschen mit braunem Gedankengut sitzen,  und sich schämen sollten.

Ich schäme mich aber trotzdem nicht, dass ich selbst einem AFD Politiker, demokratisch gewählt und von einer legalen Partei, wie jedem anderen Menschen, egal welcher Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht oder Meinung, körperliche Unversehrtheit, freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit zugestehe. Ethik im Umgang miteinander gilt für alle und immer!

Ich schäme mich nicht, dass ich manchmal auch interessiert nachfrage, warum bis zum Eintreffen der Flüchtlinge nie Geld vorhanden war, um zum Beispiel marode Schulen zu renovieren, die Renten ordentlich aufzustocken oder die Tierheime staatlich angemessen zu subventionieren, jetzt aber offensichtlich überall genügend Mittel in Umlauf sind. Diese Frage beinhaltet für mich keinesfalls, weniger für die Flüchtlinge zu sorgen sondern es geht mir darum, auch auf die Not der hier bereits länger Lebenden aufmerksam zu machen.

Ich bin strikt gegen das Schächten, auch wenn es gegen die religiösen Bedürfnisse vieler Menschen verstoßen sollte. Wir haben hier in den Schlachthöfen bereits Tierleid en gros und das Letzte, was ich mir als fortschrittliche Entwicklung auf diesem Sektor wünsche, ist die Erweiterung um eine neue perfide Variante.

Und ich habe Angst. Angst um die öffentliche Sicherheit, aber besonders um die meines Kindes, das ich nicht mehr Nachts Bahn fahren lassen möchte, das ich nur noch mit ungutem Gefühl auf einer Großveranstaltung weiß , da sich die Vorfälle und damit die Wahrscheinlichkeit häuft, irgendwo in etwas verwickelt zu werden, das keine Mutter ihrem Kind wünscht. Auch diese Angst darf ich nicht äußern, da mir sofort jemand erklären wird, wie dumm und hetzerisch oder unbegründet diese Angst ist, dass es immer schon so war, dass ich relativieren muss oder jemanden in seinen Gefühlen verletzen könnte. Aber sie ist trotzdem da. Zusätzlich habe ich noch Angst, missverstanden zu werden, also schweige ich. Meistens jedenfalls.

Die wirklichen  Nazis sind längst unter uns

Braunes Gedankengut, …Nazis…wie Eingangs beschrieben, sind mittlerweile in unserer Gesellschaft verbreitet, und ich stimme jedem zu, der sagt, sie müssen entschieden bekämpft werden.  Manchmal denke ich aber, wir spielen diesen Menschen in die Hände, wenn wir ihr perfides Denken mit Dingen und Meinungen in einen Topf werfen, die dort nicht wirklich hingehören und die Begriffe wie „Nazi“ und „Rechtes Gedankengut“ weichspülen und salonfähig machen, …das Gefährlichste, was unserer freiheitlichen und toleranten Gesellschaft passieren kann.

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7 Kommentare zu “Alles Nazi, oder was? Der leichtfertige Umgang mit einem Unwort

  1. Das Problem mit dem Wort Nazi ist leicht erklärt. Prinzipiell wird es von den Jungen verwendet welche nicht einmal wissen was ein Nazi ist oder war. Dazu kommt, dass speziell die jungen Roten am ehesten das Maul halten müssten da nach Kriegsende die meisten Nazi bei den Roten untergekommen sind, teilweise sogar geehrt wie der „Arzt“ Dr. Gross. Diese Idioten sind auch jene welche so menschenfreundlich sind, dass sie jedem Migranten am liebsten in den Arsch kriechen würden. Natürlich sind sie auch sehr freigiebig mit dem was die Alten erwirtschaften, selber weichen sie jeder Leistung aus. Im Prinzip schade um jedes Wort und nebenbei ich bin lieber unter Naziherrschaft als unter Türkischer und das droht uns leider, dank der blöden Jungen.

    • Hallo Franz,
      nach meinen persönlichen Erfahrungen sind es – im Gegensatz zu Deinen Darlegungen – eben nicht nur junge Grünschnäbel, die mit dem Begriff „Nazi“ jeden auch nur etwas Andersdenkenden etikettieren und stigmatisieren. Nein, auch so mancher Politiker und „Gutmensch“, der schon längst kein Jüngling mehr ist, holt die Nazi-Keule aus seinem Ärmel und prügelt mit dieser alles nieder, was mit seiner eigenen Meinung nicht konform ist. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen, wie leichtfertig selbst Fernseh-Moderatoren dieses Wort in ihren Mund nehmen: Christian Ehring, Moderator der ARD-Satiresendung „Extra3“ scheute sich nicht, erst kürzlich in seiner Sendung die AFD-Politikerin Alice Weidel als „Nazi-Schlampe“ zu bezeichnen. Und das völlig bekloppte Publikum – alles erwachsene Zuschauer und keineswegs nur junges Gemüse – spendete diesem Ehring auch noch emsigen Applaus. Kurzum: Bettina Schneider, die Autorin dieses von mir rebloggten Artikels trifft mit ihren Feststellungen mitten ins Schwarze und kein einziges ihrer Worte ist aus der Luft gegriffen.
      MfG – Wolfgang

  2. Ausgezeichnet wie Bettina Schneider hier den kaputten, verbuckelten Seelenzustand der Michl-Bevölkerung aufgebröselt hat – so ist es!

    „Ein Gutteil des vermeintlichen Kampfes gegen „rechts” ist nichts weiter als ein seelisches Wellnessprogramm für seine Betreiber. Gegen „rechts” zu kämpfen, schafft definitiv ein gutes Gefühl. Schließlich weiß man ja heutzutage nicht mehr so genau, wofür und wogegen man zu sein hat, die Globalisierung ist zu anonym, die Klimakatastrophe ist unzuverlässig, Hitler letztlich nun doch irgendwie tot, und die Mülltrennung allein bringt das emotionale Gleichgewicht auch nicht ins Lot – also engagiert man sich gegen „rechts”.“ So auf den Punkt artikuliert von Michael Klonovsky, schon am 22.10.2008, im Deutschlandradio.

    Man kann dem ganzen Jaulen und Geifern der hysterischen Gutmenschen-Meute, der mit dem selbstaufgesetzten Heiligenschein, nur noch mit blankem Sarkasmus begegnen:

    – Manchmal trage ich ein kleines Bärtchen(!) auf der Oberlippe, (ein Vollbart wäre hingegen Indiz für edle linke Gesinnung) und fahre mit einem Schäferhund(!) auf dem Rücksitz mit meinem alten rostbraunen VW(!) oft auf der rechten(!) Seite der Autobahn(!) spazieren.
    – Und ernähre mich seit über 45 Jahren vegetarisch/vegan – gewisslich aus reiner „Hitlerverehrung“?
    – Und bin natürlich gegen die nach hier eingeschleppte Quälerei des betäubungslosen Schächtens von Tieren – und natürlich auch von Menschen.
    – Und wähle die demokratisch legitimierte AfD, die – per se – das Kainsmal der „bösen Rechten“ auf der Stirn trägt.

    Also aufgepasst maasloser Heiko-Zensor! Sind das nicht schon ausreichend Verdachtsmomente, daraus einen üblen „NAZI“ ( = übrigens auch Abkürzung für „Nicht An Zuwanderern Interessiert“) zusammenzubasteln?

    • Lieber Ulrich,
      mir hat zweierlei aus dem Herzen gesprochen: Einerseits der gut geschriebene Artikel von Bettina Schneider, sowie andererseits auch Dein hier abgelieferter Kommentar, dessen Zeilen den „kaputten und verbuckelten Seelenzustand der Michl-Bevölkerung“ ebenso auf den Punkt gebracht haben.
      Auch wusste ich bisher noch gar nicht, dass man das Wort „Nazi“ auch anders interpretieren kann, wie es in Deinem letzten Absatz nachzulesen ist. Danke vielmals für Deine Worte!
      LG – Wolfgang

  3. Sind wir nicht alle Nazis? Hat das nicht neulich erst der Erdigen gesagt? Und hat dies die „Senkhaupt-Diplomatin“ Frau Merkel nicht durch vehementes nichts-erwidern bestätigt?

    Bettina Schneider hat hier eine sehr präzise Momentaufnahme vorgestellt, die hoffentlich nicht zur Endlosschleife wird.

  4. Hat dies auf Mensch & Tier im Jetzt & Hier rebloggt und kommentierte:
    Ganz meine Meinung: „…Denn nie war es einfacher, missverstanden zu werden. Meine ausgeprägte Wahrnehmung für Ungerechtigkeit, der Drang nach Freiheit, mein Sinn für Gerechtigkeit, Toleranz und auch mein Eintreten für Frauenrechte, Tierrechte, auch für Menschenrechte, kollidiert zunehmend mit dem, was öffentlich gesagt und gedacht werden darf, …“

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