Wort zum Sonntag

A r t e n s t e r b e n :

Tierarten sterben mit rasender Geschwindigkeit aus, Pflanzenarten sterben mit rasender Geschwindigkeit aus. Die Menschheit wächst mit rasender Geschwindigkeit und frisst sich in den Raum der ausgestorbenen Arten. Aber wer vermisst überhaupt ausgestorbene, vernichtete Arten?

Arten, von denen uns unsere philosophische Überzeugung doch lehrt, dass all das, was nicht existiert, auch nicht leiden kann. Nur das Erinnerungsvermögen des Menschen, das sich beim Blättern in den Büchern der Historie auf vergangene Vielfalt besinnt, denkt an vernichtete Arten zurück – aber emotionslos, sowenig wie das Fehlen der Saurier heute bedauert wird. Man ist soweit im Denken, im Fühlen und Empfinden verkommen, dass die eigene Art als ausreichende Vielfalt genommen wird.

Was wird in Zukunft sein? Die Menschheit wird in kurzer Zeit sich selber allein auf einer zementierten Erde gegenüberstehen und alle Gnadenlosigkeit und Brutalität am eigenen Leib erleben, nämlich die gleiche Brutalität, mit der die Vielfalt des Lebens der Hybris der menschlichen Dummheit geopfert wurde. Die Natur hat sich aber in Wartestellung zurückgezogen und beobachtet mit kosmischem Gelächter den Untergang einer Mörderspezies, die eigene Versklavung der Krone der Idiotie. Der Mensch als Witz der Evolution, als schlechte Komödie auf der Bühne des Universums – so wird es im Feuilleton der Götter zu lesen sein.
Dr. Gunter Bleibohm

M e d u s a :

Waldbrände von der Größe Deutschlands toben wochenlang in Russland, katastrophale Überschwemmung und Erdrutsche suchen China, Pakistan und Indien heim, im Golf von Mexiko ereignete sich die größte Ölpest aller Zeiten, in deren Folge vielfältiges Leben noch in den nächsten Jahren an Sauerstoffmangel zugrunde gehen wird, die Zeitungen sprechen von einigen Tausend menschlichen Todesopfern, die Millionen getöteter Tiere sind keinen Nebensatz in Zeitungen und Nachrichten wert. Kann die Vernichtungsmoral und Gleichgültigkeit des homo extinctor, des globalen Lebenszerstörers, treffender charakterisiert werden?

Der Mensch irrt gewaltig, wenn er sich in falscher Sicherheit wähnt, er hat nur noch nicht gemerkt, dass die Notwehr des Planeten begonnen hat, dass Auge um Auge, Zahn um Zahn nicht mehr vor ihm halt machen werden, dass der Krake der Vernichtung begonnen hat, seine Tentakeln in Richtung Menschheit auszustrecken. Medusa  wendet ihm bereits ihr Haupt zu, ihr Blick versteinert alles, was sie sieht. Die Rückkehr in den ewigen Frieden des Mineralischen hat begonnen.
Dr. Gunter Bleibohm

S u p e r m a r k t :

In der Kleinstadt wird noch ein vierter Supermarkt gebaut, genauso überflüssig wie schon der Dritte. Gemeinderat und ökologische Vernunft sind unvereinbare Begriffe in diesem Städtchen, hingegen harmoniert Gemeinderat mit kleinbürgerlichem Geltungswahn perfekt. Für den Supermarkt wird ein Baugelände erschlossen, das seit Anbeginn der Zeit der Natur gehörte. Brombeerhecken boten Kaninchen und Vögeln Schutz, wilde Blumen erfreuten den Spaziergänger und dienten Bienen und Schmetterlingen als Nahrung.

Eines Morgens ist alles vorbei. Bagger planieren das Gelände, statt Gräser wächst der Supermarkt jetzt in den trüben Himmel. Kaninchen, Vögel, Bienen und Schmetterlinge sind vertrieben, Blumen und Büsche sind vernichtet – der Tod hat sich ausgebreitet, zahlreiche Lebenswelten sind spurlos verschwunden und für immer vertrieben.

Könnte man noch über ökologische Dummheit und ökonomische Unkenntnis kopfschüttelnd hinwegsehen, treibt den Denker ein anderer Umstand in die Revolte. Der Umstand nämlich, dass für einen vermeintlich momentanen Vorteil nur begrenzt vorhandene Natur unwiederbringlich zerstört wird, der Umstand, dass derartige Gimpel nicht nur heutiges Leben vernichten, sondern selbst ihren Kindern Lebensraum vorenthalten und der Umstand, dass diesen Denkzwergen sogar das geringste Gespür für ihr schändliches Tun fehlt. Sie fühlen sich in ihrer Beschränktheit großartig, sind voller Stolz auf das Vollbrachte und merken nicht, dass sie Totengräber künftigen Lebens sind; aus der Selbstzufriedenheit und Froschperspektive der Biedermänner dieser Welt wachsen die Metastasen des Untergangkarzinoms.
Dr. Gunter Bleibohm

F u r c h t :

Die Furcht vor meinen eigenen Zukunftsprognosen, vor meinen Visionen zur Veränderung der Welt, lähmt mich immer mehr. Alles was ich beobachte, was ich lese, alles was an Ereignissen eintritt, bestätigt die Voraussagen, ereignet sich täglich, immer schneller, immer brutaler. Es ist das Erschrecken über mich selbst, den großen Ablauf so konkret erkannt zu haben, das Erschrecken über mein Rechthaben.

Dabei hätte ich mir sehnlichst gewünscht, unrecht gehabt zu haben. Nicht für die Menschheit, aber für die Natur.
Dr. Gunter Bleibohm

Religionskritische Zitate :

Gott ist das einzige Wesen, das, um zu herrschen, noch nicht einmal existieren muss.
(Charles Baudelaire, frz. Schriftsteller, 1821-1867)

Messgewänder sind das Kostüm der Narren am Himmlischen Hof.
(Ambrose Bierce, am. Schriftsteller, 1842-1914)

Ein Blutstrom fließt durch achtzehn Jahrhunderte, und an seinen Ufern wohnt das Christentum.
(Ludwig Börne, dt. Schriftsteller, 1786-1837)

Die Bibel – und zwar nicht nur das Alte, sondern auch das Neue Testament – ist in zentralen Teilen ein gewalttätig-inhumanes Buch, als Grundlage einer heute verantwortbaren Ethik ungeeignet.
(Franz Buggle, dt. Psychologe, 1933-2011)

Welch primitive Mythologie, dass ein menschgewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschheit sühnt!
(Rudolf Bultmann, dt. Theologe, 1884-1976)

Advertisements

5 Kommentare zu “Wort zum Sonntag

  1. Ich finde mich so sehr wieder in diesen Worten.
    Sehr traurig, aber absolut wahr, was hier gesagt wird.
    Ich wünschte, ich könnte wirklich etwas ändern.

  2. Wieder einmal sehr beeindruckende Worte von Dr. Gunter Bleibohm! Seine Worte sind auch die meinen.
    Zu wenige Menschen vermögen diese Worte zu verstehen – das ist das Dilemma.
    In diesem Zusammenhang – hier mal eine meiner „Gedankenfetzen“: „Ich wünschte es gäbe diesen Gott – dann hätte ich etwas, was ich abgrundtief verachten könnte“

    • Lieber Michael,
      danke für Deinen Kommentar und das Problem hinsichtlich der Wahrheiten von Dr. Bleibohm ist m.E. nicht nur jenes, dass die allermeisten Menschen seine Worte nicht verstehen, sondern auch, dass die grosse Masse diese Fakten nicht an sich heranlässt und unwillig ist, daraus für das persönliche Leben die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

      Und was Deinen „Gedankenfetzen“ betrifft: Verachtenswert ist nicht nur dieser imaginäre Gott, den sich Menschen nach ihrem Bilde geschaffen und zurechtgeschmiedet haben, sondern ebenso verachtend ist auch die menschenverdummende kirchliche Lehre hinsichtlich der angeblichen „Liebe“, „Allmacht“, „Güte“ und „Barmherzigkeit“ dieses Gottes.
      Mit lieben Grüssen an Dich – Wolfgang

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s