Paradies statt Schlachtung – Ferkel Viktoria zieht ins große Glück

Erst vom Viehtransporter gefallen, dann von der Polizei in Gewahrsam genommen worden und schließlich im Tierheim des Hamburger Tierschutzvereins untergekommen: Das Schweinemädchen Viktoria hat Außergewöhnliches erlebt. Aber vor allem hat sie überlebt. Und nun zog sie in ihr neues Leben im Paradies – auf den Erdlingshof im Bayrischen Wald.

„Wir haben für Viktoria das allerbeste Zuhause gesucht und meinen, es auf dem Erdlingshof gefunden zu haben“, kommentiert Sandra Gulla, 1. Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins (HTV) den Umzug vom Norden in den Süden Deutschlands. „Dort wird Viktoria ein schweinegerechtes Leben führen können, aber darüber hinaus wird sie eine Botschafterin sein für alle ihre Artgenossen, die von ihrer Geburt bis zu ihrem gewaltsamen Tod keinen einzigen Tag ein artgerechtes Leben führen dürfen. Sie kann Menschen lehren, Mitgeschöpfe zu achten.“

Auf dem Erdlingshof in Kollnburg inmitten des Bayerischen Waldes wird Viktoria ein selbstbestimmtes, artgerechtes Schweineleben in einer Rotte erleben. Die bayerischen Kollegen holten sie im Tierheim Süderstraße ab und nahmen sie mit auf einen ganz besonderen Tiertransport. Der Erdlingshof beherbergt Lebewesen, die vom Menschen benutzt wurden, aber dem Tod entkamen. Im Vergleich zu der schier unzählbaren Masse gegessener, angezogener oder einfach weggeworfener Mitgeschöpfe mag dieses Glück verschwindend gering sein. Für diese Tiere aber bedeutet es alles.

Hintergrund:

Viktoria ist dem Tod buchstäblich von der Schippe gesprungen. Am 8. März entkam sie kurz hinter dem Elbtunnel einem fahrenden Viehtransporter und blieb geistesgegenwärtig am sicheren Straßenrand. Die Hamburger Polizei alarmierte den Rettungsdienst des HTV, nachdem das Ferkel in einem Streifenwagen zur Polizeiwache nach Bahrenfeld gebracht worden war. Viktoria zog sich ein paar oberflächliche Blessuren bei ihrem Sprung zu. Eine Vielzahl von Verletzungen erlitt das tapfere Schweinchen jedoch schon vorher in der quälenden Enge des Transporters und des Zuchtstalls.

Ihre ersten zwei oder drei Monate verbrachte Viktoria in Dänemark. Sie war am 8. März zusammen mit ihren Bluts- und Stiefgeschwistern auf dem Weg nach Niedersachsen. Dort sollte sie weitere vier oder fünf Monate unter respektlosen und leidvollen Zuständen gemästet und schließlich, noch im Jugendalter, getötet werden. Viktoria hat nun zwar einen Sieg über die ihr auferlegte, unwürdige Bestimmung errungen. „Doch für Millionen Artgenossen wird das nichts ändern, wenn wir nicht auch in ihnen „eine Viktoria“, also ein Individuum mit dem Wunsch und dem Recht auf Leben, sehen“ so Sandra Gulla.

Allein 2015 wurden in Deutschland fast 60 Millionen Schweine geschlachtet. 14 Prozent der Ferkel in der industriellen Tierhaltung erreichen aber nicht einmal Viktorias Alter. Etwa die Hälfte aller Mastschweine lebt in Betrieben mit 1.000 bis über 5.000 Individuen. Sie haben dort weniger als einen Quadratmeter Platz für sich und leiden unfassbar unter der räumlichen Enge, den hohen Besatzdichten und der reizarmen Umgebung. Kaputte Klauen, verletzte Haut, Atemwegserkrankungen durch die Schadgase der eigenen Gülle, auf der sie stehen, und Magengeschwüre durch das Mastfutter sind nur die häufigsten Folgen der Folter in den Megaställen.

Die Belastungen der Intensivmast wiegen mitunter so schwer, dass Tiere an Herzversagen sterben. Wird aller widrigen Umstände zum Trotz das gewünschte Mastgewicht erreicht, steht den Tieren ein gewaltsamer Tod bevor. Sie werden unter Todesangst mit einer neunzigprozentigen Kohlenmonoxid-Konzentration oder mit einer Elektrozange betäubt. Da Fehlbetäubungen jedoch häufig sind, erleben viele Tiere ihre anschließende Entblutung noch bei Bewusstsein. Manche Tiere werden anschließend sogar weiterverarbeitet, bevor sie vollständig ausgeblutet und gestorben sind. Einige der Tiere werden sogar noch lebendigen Leibes ins Brühbad zur Enthaarung geschoben.

Viktoria wird zum Glück nichts von alldem, was für ihre Artgenossen „normal“ ist, durchmachen müssen. Der HTV brachte den niedersächsischen Betrieb dazu, die Eigentumsrechte abzutreten. „Wir können nicht alle Tiere retten, aber wir beschützen all diejenigen, die in unsere Obhut kommen“, macht Sandra Gulla, 1. Vorsitzende des HTV, die Tierschutz-Philosophie dahinter deutlich.

Quelle: Aus dem Tierschutz-Newsletter von Martina Patterson

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Ein Kommentar zu “Paradies statt Schlachtung – Ferkel Viktoria zieht ins große Glück

  1. Ganz wunderbar, dass es immer wieder mal ein Tier schafft, dem Tod zu entkommen.
    Wirklich toll finde ich, dass die Polizei sich hier als wahrer Freund und Helfer – eben auch für ein Tier – zeigte.
    Sehr oft wird das entkommene Tier einfach wieder eingefangen – und weiter geht die Reise in den Tod.
    Mitunter wird der Ausbrecher aber auch erschossen – oftmals erst durch viele Schüsse.
    Vielen Dank an alle Mitwirkendem an diesem Wunder: Polizei, HTV und Erdlingshof.

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