Intelligent und leidensfähig: Die Ratte – Versuchstier des Jahres 2017

Der Bundesverband Menschen für Tierrechte hat die Ratte zum Versuchstier des Jahres 2017 ernannt. Der Kleinsäuger wird nach der Maus am zweithäufigsten in Tierversuchen eingesetzt. Gemeinsam mit dem diesjährigen Schirmherrn Prof. Dr. Franz Gruber macht der Verband auf das versteckte Leid der Tiere im Labor aufmerksam. Zudem informieren Menschen für Tierrechte über existierende und fehlende tierversuchsfreie Methoden und fordern Politik und Wissenschaftsgemeinschaft auf, endlich effektive Maßnahmen für den Ausstieg aus dem Tierversuch zu ergreifen.

Ausführliche Informationen zum Versuchstier des Jahres 2017 unter: www.tierrechte.de

Prof. Dr. Franz Paul Gruber: „Die Ratte verdient es, im Mittelpunkt unserer Gefühle zu stehen!“

Der Tierarzt und Zoologe Prof. Dr. Franz Paul Gruber ist der diesjährige Schirmherr des Versuchstiers des Jahres 2017 und findet, dass die Ratte es verdient, dass wir unserem Umgang mit ihr überdenken –  aus ethischen und aus wissenschaftlichen Gründen.

Von Prof. Dr. Franz Paul Gruber

Die „Karriere“ der Ratte als „Versuchstier“ begann in den 1860er Jahren in London mit grausamen Wettbewerben: Ein auf das Töten von Ratten dressierter Terrier, brauchte etwa fünfeinhalb Minuten, um 100 Ratten in einer kleinen Arena tot zu beißen. Darauf wurden hoheWetten abgeschlossen. Das Englische Tierschutzgesetz von 1825 erlaubte diese Art der „Schädlingsbekämpfung“. Da die Rattenfänger bald mit ihren Lieferungen nicht mehr nachkamen, entstanden daraus die ersten professionellen Rattenzuchten, aus denen schon bald die ersten Albinoratten entstanden. Für diese besonderen Tiere interessierten sich bald die „Wissenschaftler“ unter den wettlustigen Zuschauern. So kam die Ratte ins Labor.

Die Punks und die Ratten

In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Ratten auch als Haustiere „entdeckt“. In meiner Berliner Zeit am Institut für Versuchstierkunde verging kaum eine Woche, in der nicht irgendein liebenswerter „Punk“ um Ratten nachsuchte. Natürlich war das auch als Provokation gedacht: ein Tier, das (fast) alle Menschen verabscheuten, auf der Schulter sitzen zu haben oder aus dem Ärmel kriechen zu lassen. Doch Ratten erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Deswegen wird auch immer häufiger hinterfragt, was für einen wissenschaftlichen Nutzen es denn wirklich hat, diese neuen Freunde in Labors zu Tode zu quälen.

Menschen sind keine 70 kg Ratten

Sprach man früher noch von einer „grausamen Notwendigkeit“, die uns im Geiste des medizinischen Fortschritts zu Tierversuchen geradezu verpflichte, wird an diese „Notwendigkeit“ heute auch in Forscherkreisen nicht mehr so unerschütterlich geglaubt. „Menschen sind keine 70 Kilo-Ratten“ klärte uns Thomas Hartung 2009 in Nature auf. Es lohnt sich, dazu seinen Artikel des „Look back in anger – what clinical studies tell us about preclinical work“  zu lesen.

Übertragbarkeit fragwürdig

Doch damit nicht genug: 95 Prozent aller Medikamente, die sich im Tierversuch als Erfolg versprechend darstellten, erweisen sich als untauglich für den Menschen. Hierzu ein kleines Beispiel: Die meisten heutigen Lebertransplantationen müssen durchgeführt werden, weil sich Medikamente beim Menschen toxisch auf die Leber auswirken. Im Tierversuch war dies zuvor nicht feststellbar. Tierexperimentell tätige Wissenschaftler haben jedoch ihre Überzeugungen. Es bringt nichts, sie dafür zu verteufeln. Wir sollten sie stattdessen dazu bringen, diese Überzeugungen in Frage zu stellen und nach neuen Wegen zu suchen.

Leid im Labor

Welche Tiere uns näherstehen und welche nicht, entscheiden die meisten Menschen unterschiedlich. Die Ratte kommt bei dieser Abwägung meist nicht gut weg. Deswegen habe ich diese Schirmherrschaft gerne übernommen. Denn solch liebenswerte und schlaue Geschöpfe wie Ratten verdienen es, im Mittelpunkt unserer Gefühle für die Kreatur zu stehen.Die Ratte war als die „Alkoholratte“ 2007 schon einmal das Versuchstier des Jahres. Die Berliner Tierversuchsgegnerin Brigitte Jenner schrieb damals „Die den Ratten bei dieser Forschung zugefügten Leiden durch Isolierung, Immobilisierung und anderen Stress, durch belastende Verhaltenstests und durch Entzug sind gravierend. Ich habe sie gesehen, die süchtigen, isoliert in kleinsten kahlen Käfigen gehaltenen, vor sich hinstarrenden Ratten – ein Anblick, den ich nicht vergessen kann.“ Wollen wir hoffen, dass wir es doch einmal vergessen können, was wir den Tieren angetan haben –  wenn Tierversuche endlich Vergangenheit sind.

Quelle: tierrechte.de

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