Neue Jagddisziplin: „Tierschutzgerechtes und sachkundiges Töten“ als Ultima Ratio

Realsatire oder blanker Zynismus? Das Präsidium des Deutschen Jagdverbandes (ganz rechts Präsident Hartwig Fischer) vertritt 382.000 bewaffnete „Umwelt- und Tierschützer“. Die haben im letzten Jagdjahr über 4,3 Millionen Lebewesen zur Strecke gebracht, darunter auch 610.000 Wildschweine. Vielleicht hätte man für das auf der Messe „Jagd und Hund“ ‘geschossene‘ Erinnerungs-Foto doch einen weniger verfänglichen Hintergrund wählen sollen. Auch das Vordergrundmotiv ist in diesem Kontext ein Fehlgriff.
Foto: Westfalenhallen GmbH/Anja Cord

Es herrscht Krieg. Krieg in der Natur. Krieg zwischen Mensch und Tier. Oder besser gesagt zwischen Jägern und Tieren. Wobei wir weit von einer Waffengleichheit entfernt sind. Und in Kriegszeiten, das lehrt die Geschichte, ist die zweibeinige Krone der Schöpfung am kreativsten und einfallsreichsten. Auf vielen Gebieten. Vor allem aber, wenn es darum geht, neue Instrumentarien zur Vernichtung des Feindes zu entwickeln. Das war auch wieder auf der zu Ende gegangenen Martial-Schau “Jagd und Hund” in Dortmund, Europas größter Jagdmesse, zu beobachten. Da präsentierten Hersteller dem freudig-erregten Fachpublikum ihre Innovationen und Neuheiten, die den Grünwamsträgern das Leben erleichtern und dabei helfen sollen, ihren Opfern selbiges noch effizienter zu nehmen.

Ob das nun die “Weka Invasiv Lebendfalle” ist, die der “Regulation” invasiver Arten ganz neue Perspektiven eröffnet, oder die “FoxBox”, „mit der Kontrolle und Bejagung der Fuchspopulation im Revier deutlich einfacher wird“. Zumal dieser Kunstbau problemlos von der Fuchsfähe angenommen werde und sie und die Welpen dann relativ einfach getötet werden könnten. Da staunte der F(l)achmann, wie bequem es doch ist, den Bestien eins auszuwischen. Das hatten die engagierten Lodenmäntler in der Abschusssaison 2015/2016 schon mit großem Erfolg getan und laut eigener Statistik 4.330.731 Tiere in die ewigen Jagdgründe befördert. 4.330.731! Und damit natürlich einen aktiven, für das zivilisatorische Gemeinwohl unverzichtbaren Beitrag im Sinne des Natur- und Tierschutzes geleistet. Behaupten sie zumindest.

Das Ergebnis einer „sachkundigen und tierschutzgerechten Tötung“ sieht man hier. „Familienzusammenführung“ nennen die schießenden Helden so etwas. Aufnahmen wie diese werden täglich stolz in den einschlägigen Foren gepostet. Zum Kotzen! Foto: Screenshot

Nun sieht sich die Pirschfraktion ja vor große Herausforderungen gestellt. Sie soll vom deutschen Gesetzgeber offiziell damit betraut werden, der EU-Verordnung über die Vernichtung invasiver, gebietsfremder Tierarten, zu denen auch Waschbär und Nutria zählen und zu denen demnächst auch Marderhund, Bisam und Mink gerechnet werden, mit Nachdruck Geltung zu verschaffen. Das sieht der Entwurf des entsprechenden Durchführungsgesetzes vor, den das Bundesumweltministerium zur Beratung vorgelegt hat. Dass die Wahl auf die Jäger fällt, war ja irgendwie auch zu erwarten gewesen. Denn: Wer sonst als sie wäre kompetent und fachlich versiert genug, “geeignete Managementmaßnahmen”, eine euphemistische Umschreibung für einen staatlich sanktionierten Massenmord am Mitgeschöpf, einzuleiten und vorzunehmen? Die Deutsche Tierhilfe oder die Organisation Wildtierschutz Deutschland wären da ja wohl die falschen Adressen gewesen. In der Jägerschaft aber findet das Ministerium ambitionierte und hochmotivierte Partner, die darauf brennen, die Verordnung mit Leben zu erfüllen – oder in diesem Fall mit Tod.

War im Papier der EU-Kommission noch davon die Rede, bei der Umsetzung des Genozidprogramms (irgendwie) auch Aspekte des Tierschutzes zu berücksichtigen und nach alternativen Möglichkeiten (z.B. Unterbringung in Zoos oder privat betriebenen Gehegen) zu suchen, die nicht ausschließlich auf eine Eliminierung hinauslaufen, fehlt dieser Passus in der deutschen Gesetzesvorlage nun völlig. Hier gilt die Vernichtung als Ultima Ratio. Man spricht stattdessen nur noch von “sachkundiger und tierschutzgerechter Tötung”. Dieser in sich widersprüchliche Begriff, der sich als „Unwort des Jahres“ bewerben könnte und dabei sicherlich nicht ganz chancenlos wäre, kann nur umnebelten Bürokratenhirnen entsprungen sein, ist aber ein Freibrief und eröffnet den Wildschützen neue Perspektiven und Optionen. Feuer frei!

128.000 Waschbären starben für das Gleichgewicht in der Natur

Und sie laden schon mal durch und schießen sich vor allem auf den Waschbären ein, diesen “Public Enemy No. 1″. In der Jagdsaison 2015/16  – das Jagdjahr beginnt jeweils am 1. April und endet am 31. März des Folgejahres – hatten die hegenden Weidleute bundesweit 128.103 dieser verteufelten Klein-Petze “letal” neutralisiert, 12.035 mehr als im vorangegangenen Pirsch-Semester Das entspricht einem Plus von 10,37 Prozent. Und diese Zahl soll und wird drastisch steigen. Nicht nur, um das Gleichgewicht der Natur zu erhalten, sondern auch, um Geld in die Kassen der Schützen zu spülen. Denn die Stimmen aus ihren Reihen, sich diese Dienstleistung am und vom Deutschen Volk vergüten zu lassen, werden lauter.

Waschbär (oben links) und Nutria (untere Reihe Mitte) stehen bereits auf der Todesliste der EU. Bisam (oben Mitte) und Marderhund (untere Reihe links) sowie der Mink (rechts) sind für einen flächendeckenden Genozid ebenfalls schon vorgemerkt.

Bei dieser Gelegenheit bekommt dann auch der Fuchs wieder sein längst “felliges” Fett weg. Auch er, dessen Bestände ebenfalls explodiert seien, müsste im Sinne des Artenschutzes im Zaum gehalten und noch intensiver bejagt werden als bisher. 466.186 von ihnen hatten sich Fischer und Co. im abgelaufenen Jagdjahr geangelt und über den Regenbogen wandern lassen. In diesem Zusammenhang verweist der DJV-Chef auf die historische Leistung der Jäger, die schließlich ja die Tollwut unter den Reinekes ausgemerzt hätten.

Tatsächlich hatten die Nimrods den Räuber jahrzehntelang mit allen legalen und illegalen Mitteln bekämpft, über und unter der Erde, mit viel Blei, Gift und Schlagfallen. Genutzt hat es nix. Diese “Bestandsregulierung” war ein Schuss in den Ofen. Die Ausbreitung der Seuche konnte erst dadurch gestoppt werden, dass flächendeckend Impfköder ausgebracht wurden. Eine effektive und höchst effiziente Methode, auf die die Jäger selbst im Traum nicht gekommen waren, die erst von “oben” verordnet werden musste und deren Erfolg man sich jetzt selbst auf die Schulter lädt. Um im gleichen Atemzug darauf zu verweisen, dass sich die Fuchspopulation hierzulande ja bedingt durch Tollwutfreiheit in den vergangenen 30 Jahren verdreifacht hätte, was es wiederum zwingend mache, diese Tieren verstärkt abzuschießen. Wie viel Jägermeister oder Feuerwasser muss man eigentlich intus haben, um so verquer daher zu reden?

Auch bei den Wildschweinen steht die Lodenfraktion in einem heroischen Abwehrkampf. 610.000 Schwarzkittel hat sie in der abgelaufenen Spielzeit daran hindern können, weiterhin verbannte Erde zu hinterlassen. Damit lag die Abschussquote um 16,2 Prozent über der des Vergleichszeitraums davor. Würde man in Wachsamkeit und Zielgenauigkeit nachlassen, prophezeit der 68-jährige Verbandsobere im selben Four-Letter-Word-Zeitungs-Interview, käme es bundesweit zum Ausbruch der Schweinepest. Weitere Elemente seines Endzeit-Szenarios: Überall leidende, sterbende Tiere im Wald, zu keulende Bestände in den Ställen und Zuchtbetrieben und ein komplettes Exportverbot für Schweinefleisch aus Deutschland. Und das wäre erst der Anfang. Hungersnöte, Massenverelendung, saurer Regen, Überschwemmungen, Flächenbrände, Aufstände, Gewalt, Gesetzlosigkeit, Revolution, drastische Klimaerwärmung, Totalabschmelzung der Polkappen, Vulkanausbrüche, Waldsterben, Borkenkäferinvasion, Hamsterbronchitis, Amsel-Mumps, Dackeldemenz, Armageddon.… Da käme einiges auf uns zu. Aber gut, dass wir die Jäger haben.

Kritiker, die dagegen halten, solche und vergleichbare Thesen anzweifeln und die Motive der Jägerschaft in Frage stellen, sind für Fisherman und seine Friends “selbsternannte Tierschützer”, “Pseudo-Tierrechtler von eigenen Gnaden” und “selbstgerechte Ideologen” – vereint in absoluter Ahnungslosigkeit und Unkenntnis der Sache. Dagegen strahlen die Weidleute Kompetenz, Honorigkeit, Sachverstand und Naturliebe aus. Immerhin hätte man einen hervorragenden Ruf. 83 Prozent der Deutschen würden die Jagd als zwingend notwendig erachten, 88 Prozent würden der Aussage beipflichten, dass Jäger die Natur liebten. Tun sie vielleicht tatsächlich. Aber das gilt eben nicht für ihre Bewohner. Oh Mann! Das klingt alles verdächtig nach überlautem Pfeifen im ganz dunklen Wald. Und man fragt sich, welche PR-Agentur dem Flinten-Häuptling wohl diesen Schwachsinn beigebracht hat.

Noch nie war dieser bluttriefende Freizeitspaß umstrittener als heute. Noch nie blies den “Naturliebhabern mit Gewehr” ein solch heftiger Wind ins Gesicht. Protestaktionen, Petitionen, Demos sind (fast) an der Tagesordnung. Die Zeiten für die Lodenzunft sind hart, und unter der abblätternden, das ach so edle Weidwerk romantisch verklärenden Schminke kommen Fratzen hervor. Und es fällt den “praktizierenden Naturschützern” immer schwerer, ihr brutales Hobby zu legitimieren. Sieht man mal von all den sattsam bekannten und gebetsmühlenhaft wiederholten Phrasen ab, an die sie vermutlich selbst nicht glauben, aber mit dreister Unverfrorenheit munter weiter verbreiten.

Quelle: rotorman.de

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