Das alternative Wort zum Sonntag

D U M M H E I T E N :
Kinder sind unsere Zukunft – erste Dummheit.

Wessen Zukunft? Wer ist „unsere“? Was bedeutet Zukunft? Etwas Gutes, etwas Schlechtes? Jedes Kind, ob dumm, ob krank, ob schlau, ob Junge oder Mädchen, ob schwarz, ob weiß, ob gelb, ob in Deutschland, ob in Nigeria? Kleine Fragen, die sich beliebig fortsetzen lassen, die aus der heutigen organisierten Massen-Unbildung resultieren, aus dem Dummheitsrepertoire heutiger Schlagwortpolitiker.

Stillschweigend unterstellt diese Aussage in concreto jedoch immer, dass zukünftige Kinder die maroden und fehlkonstruierten Renten-und Krankenkassensysteme staatstragend bedienen, den demografischen Wandel abbilden sollen, gemeint ist, dass diese Kinder die globale Wirtschaft mit Wachstum fördern, zumindest solange, wie die Kinderproduzenten selber existieren. Danach ist ihnen die Zukunft meist gleichgültig, uninteressant, kein Gedanke mehr wert.
Gemeint ist hingegen nie, den Lebensraum von Mensch und Tier lebenswert zu erhalten, gemint ist nie, dass künftigen Kindern eine lebenswerte Zukunft schon vor ihrer Geburt von den gedankenlosen Erfindern solcher Schwachkopfslogans für immer verbaut wurde, gemeint ist nie, dass jedes Leben mit Leid verbunden ist, das mit der Erzeugung einer neuen Existenz billigend in Kauf genommen wird.

Letztendlich erfolgt die Kinderproduktion dieser Sektion aus einem egoistisch-finanziellen Blickwinkel heraus, weil es dazugehört, weil man im Alter nicht allein sein möchte, weil man sich nach allen Seiten absichern möchte. Diesen Kindern wird primär das Leben als Produktionsfaktor „Versorgung“ aufgezwungen, als lebende Finanzplanung, nämlich „dass du ohne wirtschaftliche Sorgen alt und blöd werden darfst“, wie Ödön von Horvath es so treffend ausdrückt.

Meine Kinder sollen es mal besser haben – zweite Dummheit. Wie besser? Mehr Konsum? Mehr Freiheit? Mehr Lebensraum? Mehr Arbeit? Mehr Bildung? Wenn die Zukunft unklar und nebulös ist, das „Besserhabensollen“ ein ungedeckter Wechsel auf einen imaginären Wunsch ist, ist es dann verantwortungsvoll, Kinder auf die ungewisse Lebensbahn zu setzen?

Nun verstand der französische König Heinrich IV unter „Besserhabensollen“ das berühmte sonntägliche Poule au pot, das Huhn im Topf für jedermann, die Großelterngeneration den Käfer von VW vor der Haustür, die heutige Generation Arbeitsplatzsicherheit, materiellen Wohlstand, kurzum, dauerhaft ungefährdetes Wohlsein in einer sterbenden, ausgelaugten Welt. Einstmals zwei erfüllbare Wünsche, der heutige Wunsch eine Unmöglichkeit par excellence!

Zeugt dieser Elternwunsch also von Geist, von Nachdenken, von der Antizipation künftiger chaotischer Verhältnisse in einer Welt der Massen, in finanziell ausgebluteten Staaten, in einer zementierten und vergifteten Natur? Oder sind diese Eltern egoistische Hasardeure? Oder leben wir bereits in einer Kultur von fatalistischen Ignoranten? Ist kollektive Ignoranz gar Lebensinhalt, Lebenselixier geworden?

Die überwiegende Mehrzahl der geborenen Existenzen besitzt Erzeuger, die einer der beiden Sektionen zuzurechnen sind. Nimmt es also Wunder, wenn ein Abgleiten unseres Planeten in ein totales Desaster bevorsteht, mehr als wahrscheinlich ist, nicht mehr verhinderbar sein wird? Die Welt, und leider nicht nur die Menschenwelt, sondern auch die unschuldige Tierwelt, ist ein wachsendes Elend, das sich auf die endgültige Katastrophe zubewegt, da die „Divisionen der Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten“ – ebenfalls Ödön Horvath – im geistlosen Gleichschritt auf die Klippe zu marschieren.

 

K I E S E L S T E I N E :

Stadtmauern, hoch, sehr hoch, dick, meterdick, vereinzelt lugen Kirchturmspitzen über den Mauerkranz. Die ganze Stadt zusätzlich mit einem Wassergraben umgeben. Die Bewohner dieses Königreichs bilden das große, unsterbliche Volk der tumben Toren. Du stehst allein, nicht ganz, aber fast allein, jenseits des Grabens, gravierst deine Schriften und Botschaften in Kieselsteine, schleuderst sie gegen die Mauern und unterliegst dem Wahn, eine Bresche in die Mauer schlagen zu können. Aber deine Kieselsteine überfliegen kaum den Wassergraben, fallen hinein oder prallen wirkungslos von der Mauer ab. Sie sind zu schwach für die Jahrhunderte alten Schutzmauern der tumben Toren, sie bleiben wirkungslos.

Du siehst oben, auf der Mauer, wie zahlreiche tumbe Toren dich beobachten. Sie stieren verständnislos, mit stupidem Blick auf dich herab, lächeln zu deinen Bemühungen, hören deine Rufe nicht, verstehen dein Anliegen nicht – sie nehmen deine Botschaften nicht einmal wahr. Gelangt zufällig ein gravierter Kieselstein in ihre Finger, verstehen sie die Gravur nicht, sie können und wollen die neue Kunde nicht begreifen, sie können die tiefen Einsichten nicht entziffern, die von Dingen außerhalb ihres bornierten Denkreservats künden.

Du ziehst ermüdet weiter, gelegentlich geht noch ein einsamer Wanderer ein Stück des Weges mit dir, du lässt diese Stadt hinter dir, aber du atmest mit jedem Schritt die Luft der Freiheit, den kalten Wind der Erkenntnis, du bist dem Gestank, dem Mief, dem mit Weihrauchfäden durchzogenen Smog der tumben Toren endgültig entkommen.

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