Wort zum Sonntag

Dr. Bleibohm über Staat und Politik :

S e l b s t v e r s o r g e r :

Galt einstmals der autark lebende Bauer als Selbstversorger, als ein Mensch, der für die Dinge des täglichen Lebens hart arbeitete, ist diese Definition heute zu erweitern. Eine neue Spezies der Selbstversorger hat die politische Evolution hervorgebracht. Es ist die Spezies der Parteifunktionäre jeglicher couleur, die mit diametralem Auseinanderfallen von Rede und Handlung lebt. Ihre primäre Handlung ist der Aufbau einer Illusion, die ihrer Außenwelt vorgaukelt, sie habe Interesse, ja sogar Empathie für die Belange der Menschen. Dies ist die Voraussetzung, dass sie sich über das Mittel der Wahltäuschung ins gelobte Schlaraffenland der Parteienoligarchie aufmachen kann. Dort angekommen, baut sie hinter ihrer schützenden Illusionsmauer und verborgen im Kokon der Parteibeschlüsse an ihrem eigentlichen Ziel – sie wird Selbstversorger. Ihre Aufgabe besteht ab sofort darin, ihr Illusionsgebäude vor dem Einsturz zu bewahren, während hinter der Schutzmauer eine Profitmaximierung durch Ämterhäufung erfolgt, die sie künftig als Fettauge auf der mageren Suppe des Volkes schwimmen lässt. Es ist diese Unterspezies der menschlichen Rasse, welche die Demokratie zu einer Lehre vom Absurden, vom Falschen, zu einer Lehre der allgemeinen staatlichen Lüge verkümmern lässt, es ist gerade diese Spezies, die eine Vermassung und Entrechtung des Bürgers zur leichteren Regierbarkeit anstrebt, es ist diese Spezies, welcher ein freier Geist als Todfeind gilt.

V e r k l e i d u n g :

Berufskleidung kann sehr unterschiedlich sein. Geben sich evangelische Pfarrer noch mit tristen, schwarzen Hängekleidchen, ihren Talaren, zufrieden, neigen die katholischen Priester, insbesondere die höheren Dienstgrade, zu der allerbuntesten, aufs feinste farblich abgestimmten Kleidung, die jedes Kostümfest schmücken, aus jedem Faschingsumzug hervorstechen würde; insbesondere die Mitra gibt dem Kopf des Trägers eine gen Himmel weisende Spitzform. Man kann daher von der Annahme ausgehen, dass der Christengott seine Dienerschaft nur an altägyptischer Maskerade und Weihrauch erkennt. Andererseits – und das scheint realistischer zu sein – dient der Verkleidungshokuspokus ausschließlich dazu, die Gläubigen über die vermeintliche Tiefe der kirchlichen Botschaft hinwegzutäuschen, diente doch die kirchliche Camouflage zu allen Zeiten dazu, die erbärmliche Nacktheit und dürftige Substanz ihrer archaischen Moral zu verbergen.

Eine andere Berufsgruppe, deren Ansehen durch mittelalterliche Verkleidung – besonders wichtig in unserer aufgeklärten Zeit! – hervorgehoben werden muss, stellt im weitesten Sinn die Kaste der Kuristen dar. Genügt dem kleinen Anwalt oder Richter, dem iudex simplex also, noch die mehr oder weniger kleidsame schwarze Robe um Recht zu sprechen, kommen die besseren Richter, also die allerwichtigsten der Justizkaste, die personifizierte Würde des Rechts, in bodenlanger roter Robe, mit roter Kappe plus weißem Beffchen daher. Ein beeindruckendes Bild, zugegeben, aber ein Bild des Feudalstaates, den sie dann auch meist mit Urteilen „Im Namen des herrschenden Staates“, nicht aber im Namen der Moral, der Lebensethik im weitesten Sinne, repräsentieren.

Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe typischer Berufskleidungsträger. So trägt der Metzger bevorzugt weiße Gummistiefel, eine farblich passende bodenlange Schürze, ein gestreiftes Hemd und eine Kappe, die Einheitskleidung der Tierhenker. Ihm dient die Kleidung dazu, täglich in dem Blut zu waten, das die beiden ersten Gruppen mit ihren metaphysischen und juristischen Verkündigungen und Sophistereien als legal erachten, sanktionieren und zum herrschenden bluttriefenden Weltbild hochstilisiert haben.

Aus der Autobiographie Thomas Bernhard´s :

„(…) Zuhause deutete ich an, was ich sah, aber wie immer, wo man Menschen etwas Furchtbares und etwas Entsetzliches und etwas Unmenschliches und etwas ganz und gar Grauenhaftes mitteilt, glauben sie es nicht, sie wollten es nicht hören und bezeichneten, wie sie das immer getan hatten, die entsetzliche Wahrheit als Lüge. Aber man darf nicht aufhören, ihnen die Wahrheit zu sagen, und die furchtbaren und die entsetzlichen Wahrnehmungen, die man macht, dürfen unter keinen Umständen verschwiegen oder auch nur verfälscht werden. Meine Aufgabe kann nur sein, meine Wahrnehmungen mitzuteilen, gleichgültig, wie die Wirkung ausfällt, immer die Wahrnehmungen, die mir mitteilenswert erscheinen, zu berichten, was ich sehe oder was ich, in der Erinnerung, noch heute sehe, wenn ich, wie jetzt, dreißig Jahre zurückschaue, vieles ist nicht mehr klar, anderes überdeutlich, als ob es gestern gewesen wäre. Um sich zu retten, glauben die Angesprochenen nicht, und sie glauben oft nicht das Natürlichste.

Der Mensch verweigert sich der Störung durch den Störenfried. Ein solcher Störenfried bin ich zeitlebens gewesen, und ich werde immer der Störenfried sein und bleiben, als welcher ich immer schon von meinen Verwandten bezeichnet worden bin, schon meine Mutter hatte mich, soweit ich zurückdenken kann, einen Störenfried genannt, mein Vormund, meine Geschwister, ich bin immer der Störenfried geblieben, in jedem Atemzug, in jeder Zeile, die ich schreibe. Meine Existenz hat zeitlebens immer gestört, und ich habe immer irritiert. Alles, was ich schreibe, alles, was ich tue, ist Störung und Irritierung. Mein ganzes Leben als Existenz ist nichts anderes als ununterbrochenes Stören und Irritieren. Indem ich aufmerksam mache auf Tatsachen, die stören und irritieren. Die einen lassen die Menschen in Ruhe und die andern, zu diesen gehöre ich, stören und irritieren. Ich bin kein Mensch, der in Ruhe läßt, und ich will kein solcher Charakter sein. (…)“
(Thomas Bernhard: Werke, Bd. 10. Hg. v. Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler. Suhrkamp Verlag, 2004, S.133 f.)

Nächsten Sonntag von Dr. Gunter Bleibohm : GEDANKEN GEGEN DEN STROM

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Ein Kommentar zu “Wort zum Sonntag

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