Das Wort zum Sonntag

DER HELD :

Ein Held wurde gestern geboren, ein einmaliger, beeindruckender Held, der durch Tapferkeit, dem Willen zur Freiheit ein bleibendes Monument der Lebenskraft schuf. Er war ein grossartiger Kämpfer gegen Knechtschaft und Sklaverei, ein Vorbild, das den Kampf um seine Würde, die Verteidigung seines einmaligen und einzigartigen Lebens mit dem Tod nüßte. Aufrecht kämpfend verlor er sein Leben, erlag der Übermacht, aber seinen Freiheitsgeist, seinen Willen zur Unabhängigkeit konnte niemand brechen.

Frei von jeder Schuld wurde er verurteilt und gnadenlos dem johlenden Pöbel zur Belustigung übergeben, einem Mob, der in seiner Beschränktheit seine Einmaligkeit, Würde, Kraft und Schönheit nicht einmal erahnen konnte. Angehörige dieses Pöbels versteinern vor Schreck, erzittern vor Angst, stehen sie diesem Giganten Auge in Auge gegenüber, wenn sie nicht durch eine schützende Gefängnismauer von ihm getrennt sind.

Behalten wir ihn so in Erinnerung, wie er für die Freiheit starb, gedenken wir seiner in tiefer Trauer und richten uns in unserer Verzagtheit an seiner Willensgrösse auf. Möge er allen freiheitsliebenden Wesen ein ewiges Vorbild bleiben, wie er in auswegloser Lage verzweifelt gegen seiner Peiniger kämpfte – der wunderbare Stier, der gestern aus einer Arena auf die Zuschauerränge des Pöbels sprang und dort als Held ermordet wurde.

SCHWEINE :

Ich erinnere mich, dass ich als Achtjähriger den Mannheimer Maimarkt besuchte, der auf dem damaligen Schlachthofgelände stattfand. An einem Tag zumindest, vielleicht aber auch an allen Tagen des Maimarkts, konnten die Besucher in den eigentlichen Schlachthof hineingehen und beim Tiermord zuschauen. Das Interesse war enorm, die Menschen schauten erst zaghaft in die Tötungshalle, hörten das Schreien der Schweine und näherten sich vorsichtig dem Unglaublichen, begafften die Tierapokalypse. Ein Schauer zwischen Ekel und Neugier, eine nie erlebte Stimulierung der Sinne trieb sie vorwärts. Die Faszination des Serienmordes ergriff sie, das Abstechen, das Ausbluten wurde mit halb abgewandtem Gesicht kommentiert, beobachtet, besprochen.

Man verlor schnell die Scheu vor der Vernichtungsmaschinerie, ging an den Tötungsboxen vorbei, sah beim weiteren Zerteilen der Kadaver zu und kam irgendwann in eine Halle, wo an Laufhaken die ausgenommenen und und halbierten Schweine hingen. Es wurde schon wieder uninteressant, langweilig, eine Schweineleiche glich der anderen, der Kitzel des Todes, die Erregung durch das Morden war abgeklungen. Die Todesvoyeure konnten beruhigt ihr Bier trinken gehen und ein Bratwürstchen vor der Todeshalle essen, die Massenhinrichtung hinter der Mauer war fast vergessen, es waren doch nur Schweine, drinnen wie draußen, drinnen die tierischen, draußen die menschlichen, die unmenschlichsten.

DER VERRAT :

Am Strick führte der Bauer das wenige Wochen junge Stierlein über die Wiese. Er beruhigte es, er streichelte es, er heuchelte Normalität. Das Tier vollführte Bocksprünge voller Lebensenergie, wobei unklar war, ob sich das Stierlein über die Wiese, die Veränderung der Situation oder über die Sonne, die es zum ersten Mal auf seinem Fell spürte, freute. Vielleicht wollte es auch nur zur verzweifelt schreienden Mutter zurück, in ihren Schutz. Es ahnte den Verrat noch nicht, kannte die Lüge, die Infamie des Menschen nicht. Am Ende der Wiese stand der Viehtransporter, am Ende der Fahrt der Schlachthof, am Ende des Tages seine Ermordung. Der Morgen, mit seiner erstmaligen Erfahrung von Sonne und Blumenduft, endete am Abend in der Tötungshalle, das Tierkind in der Kühltheke des Supermarktes.

Der Bauer ist sich seines Verrates, seines verlogen mörderischen Wesens nicht bewusst, Verrat und Mord scheint ihm normal bei Tieren. Aber er weiß nicht, dass vor der Natur jedes Leben gleich zählt, gleich unbedeutend ist. Insofern fühlt er nicht den unsichtbaren Strick des Schicksals, der ihn über die Wiese des Lebens zerrt mit dem Unterschied, dass seine Reise zu seiner Todesstation länger dauert, dass ihn Hoffnung, Verzweiflung und Todesangst länger narren werden, als das Stierkind gestern, bis auch er schließlich in der Kühlbox einer Menschenkörperbeseitigungsanstalt endet. Tier und Mensch sind gleich geworden durch den Tod, die Natur hat den Verräter zur Gleichheit aller Wesen gezwungen, zu einer Gleichheit, die er zu Lebzeiten nicht gegenüber der Natur, gegenüber dem Leben, kannte, die er immer überheblich verleugnete.


Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann (für mich) etwas daran ändern. Diese verfeinerten Auslegungen sind naturgemäss höchst mannigfaltig und haben so gut wie nichts mit dem Urtext zu schaffen. Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen Incarnation des primitiven Aberglaubens.
Albert Einstein, Brief an Gutkind, Princton 3.1.1954

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3 Kommentare zu “Das Wort zum Sonntag

  1. Großartig, mal wieder, das alternative „Wort zum Sonntag“ von Dr. Bleibohm!!!

    Bleibohm ist ein überragender Denker!!!

    Seine Worte gehörten als „Wort zum Sonntag“ in die Massenmedien, statt der Salbaderei, die dort meistens verbreitet wird!!!

  2. Sehr, sehr berührende Texte. Ich sah die Tiere vor meinem geistigen Auge und fühlte mit ihnen.
    Die beteiligten Menschen sind mir immer zuwider, weil ich ihre Mordlust, ihre Respektlosigkeit, ihre Perfidie und ihre Gedankenlosigkeit nicht aushalten, nicht ertragen kann.

    Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass den Menschen endlich BEWUSST wird, was sie den Tieren antun.

    • Liebe Naturfreundin, diese Hoffnung von Dir, wird vergebens sein, die Menschheit wird sich nicht ändern, durch Aufklärung schon gar nicht, höchstens durch Zwang! Die Aufklärung erreicht nur eine kleine Minderheit. Der Mensch ist nun mal eine Mißgeburt und so programmiert, daß sich nichts ändern wird. Nur wenige sind überhaupt sensibel und mitfühlend, die Mehrheit ist grausam, dumm und egoistisch!

      Aber auch die Natur ist nicht mitfühlend, das habe ich heute bei mir mal wieder auf meinem Hof erleben müssen. Ich füttere eine große Spatzenschar (über 100 Stück) und Rabenvögel. Heute kam mal wieder ein Falke. Blitzschnell kam er angeflogen, so daß ich ihn kaum mit den Augen verfolgen konnte und schlug einen Sperling. Der schrie jämmerlich und der Falke wollte ihn lebend rupfen. Da er mich sah, griff er den Sperling und weg war er mit ihm. Tot war der arme Sperling nicht. Er wird irgendwo auf einem Baum ein schreckliches Schicksal erleiden müssen. Die Natur ist von Grund auf unbarmherzig und grausam.

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