Prof. Klaus Hamper: ProVieh hat endlich verstanden!


Betreffs des nunmehr erfolgten Ausstiegs von ProVieh aus der „Initiative Tierwohl“ (siehe Artikel „Auch ProVieh verlässt Initiative Tierwohl“ ) schreibt Prof. Dr. Klaus Hamper: Wer mit Hunden ins Bett geht, wacht mit Flöhen auf. Quod erat demonstrandum. Schade, dass die Erkenntnis nicht nur beim Tier“schutz“bund, sondern auch bei „provieh“ so lange gedauert hat. Die Blauäugigkeit der Protagonisten konterkariert jedes Bemühen und macht es schlussendlich sinnlos.

Interessant, lesenswert und sehr aufschlussreich ist im obigen Zusammenhang auch nachfolgender Schriftwechsel aus dem Jahre 2014 zwischen Prof. Klaus Hamper und diesem Tierschutz-Fachverband für landwirtschaftliche Nutztiere „ProVieh e.V.“

Auch wenn dieser Schriftwechsel sehr umfangreich ist und dessen Lektüre uns etwas Zeit abverlangt: Er konfrontiert uns hinsichtlich aller Bemühungen um mehr Tierschutz mit gegensätzlichen Positionen und sollte daher von uns Tierfreunden und Tierschützern auch aufmerksam und interessiert zur Kenntnis genommen werden, denn Prof. Hamper hat völlig recht, wenn er betreffs dieses Schriftwechsels sagt: „Das einzige, was wir mit unserer Diskussion bewirken, ist, dass wir vielleicht die, die es können und wollen,  ein wenig zum Nachdenken anregen.“


Sehr geehrter Herr Lorenzen, lieber Herr Johnigk, sehr geehrte Frau Ohm,

mit Interesse begann ich die Lektüre des Artikels im letzten Provieh-Magazin. Schon bald stockte mir jedoch der Atem. Frau Ohm macht darin den Vorschlag, die Lebendviehexporte in muslimische Länder durch in Europa geschächtetes Tierfleisch zu ersetzen. Ich musste das zweimal lesen, bevor ich es geglaubt habe. So gut der Artikel in seiner Intention ist, dieser Vorschlag ist völlig inakzeptabel. Schächten ist in keiner Form und an keinem Ort eine Alternative. Ich darf Sie an den Unternamen Ihres Vereins erinnern („gegen tierquälerische Massentierhaltung“). Schließt das das „tierquälerische Töten“ nicht ein? Das ist so, als ob ein Judenschutzverein im Dritten Reich den Vorschlag gemacht hätte, Juden nicht mehr in Osteuropa, sondern nur noch in zertifizierten KZs auf Reichsgebiet zu vergasen (jaja, ich weiß, der Vergleich ist politisch nicht korrekt, aber er trifft den Kern genau).

Bei den Puteneckwerten, bei der Lobhudelei für Herrn Tönnies als angeblicher Vorreiter im Tierschutz und bei der Empfehlung für Biomilch im Rahmen der Kexxstone-Problematik musste ich erhebliche Kaubewegungen durchführen, um Ihre Botschaften mental zu internalisieren. Bei einer offen ausgesprochenen Empfehlung für’s Schächten als Alternative zum Lebendviehexport wird mir das nicht gelingen. Ich bitte Sie um eine Stellungnahme und um eine unmissverständlichen Aussage, ob der Vorschlag von Frau Ohm tatsächlich offizieller Standpunkt von Provieh ist und aufrecht erhalten wird.

Mit freundlichen Grüßen
Klaus Hamper


Sehr geehrter Herr Hamper,

mit Ihrer Email sprechen Sie ein Dilemma an, vor dem wir bei PROVIEH andauernd stehen. Das Dilemma heißt: Wollen wir – aus unserer heimischen Sicht – nur das Gute? Oder wollen wir das, was – aus unserer Sicht – bisher schlecht ist, jedenfalls ein Stück weit in Etappen verbessern? Wir könnten zum Beispiel fordern, dass unsere Wiederkäuer nicht geschächtet werden dürfen, weder im Ausland noch bei uns. Dann müssten wir fordern, dass wir mit Ländern, in denen geschächtet wird, den Handel mit Wiederkäuern oder  deren Produkten ganz einstellen müssten. Nach meiner Auffassung ist diese Forderung überhaupt nicht durchsetzbar. Also würden die Wiederkäuer weiterhin wie bisher lebend exportiert werden mit allen negativen Folgen, von denen wir einige im Magazin aufgezeigt haben. Wenn wir das alles aber nicht verhindern können, können wir versuchen, das Los der Tiere jedenfalls ein Stück weit zu verbessern, also zu fordern, dass ihnen der qualvolle Transport erspart wird und sie nicht in die Hände von Menschen gelangen, die Tiere bedenkenlos quälen und fachunkundig töten. Mit anderen Worten, wir setzen uns sehr für Verbesserungen der bisherigen Zustände ein, um für die Tiere jedenfalls auf etwas zu erreichen und das Erreichte in weiteren Schritten noch mehr zu verbessern. Wenn nicht anders möglich, kämpfen wir also auch für kleine Verbesserungen für viele Tiere statt nur für große Verbesserungen für wenige Tiere. Sicherlich ein Spagat auf dem Boden des Pragmatismus, aber welche andere Möglichkeit haben wir sonst schon angesichts des aufgezeigten Dilemmas? Wenn Sie eine aus Ihrer Sicht bessere Möglichkeit kennen, die Aussicht auf Verwirklichung hat, so werden wir sie gerne prüfen.

Mit freundlichem Gruß
Sievert Lorenzen


Sehr geehrte Frau Ohm, sehr geehrter Herr Lorenzen,

ich bitte zunächst um Verzeihung, dass ich mit solch großer Verspätung auf unsere Korrespondenz von Anfang Juli antworte. Ich habe es – berufsbedingt und wegen der Diffizilität der Problematik – vorher einfach nicht geschafft. Ich danke besonders Ihnen, Frau Ohm für Ihre ausführliche Stellungnahme zu der Frage, ob das Schächten von Tieren in Deutschland eine akzeptable Alternative zum Lebendexport von „Schlachtvieh“ in rituelles Schächten praktizierende (wohl überwiegend moslemische) Länder darstellen kann. Ich verstehe die Notsituation, in der sich Ihr Verein befindet. Speziell wir Deutsche haben ja durchaus Erfahrung mit dem alten Dilemma der Menschheit: Kollaboration mit Zwangssystemen, um kleine Verbesserungen für die Betroffenen zu erreichen oder konsequente Härte gegenüber den „Machthabern“ in der Hoffnung, dass das verbrecherische System bald hinweggefegt wird. Es kann in dieser Frage keine einzige Wahrheit geben. Beide Standpunkte sind aus ihrem Ansatz wahrhaftig und damit möglich bzw. zu rechtfertigen.

Ich kann also nur versuchen, meine persönliche Meinung darzulegen. Sie erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Es ist zunächst festzuhalten, dass sich Ihr Verein auf verschiedensten Ebenen für eine Verbesserung der Haltungsbedingungen von sogenanntem „Nutz“vieh einsetzt. Das begrüße ich voll und ganz. Es fällt aber weiterhin auf, dass Sie sich mehr oder weniger kleinlaut offensichtlich mit einer Politik der „kleinen Schritte“ abzufinden glauben müssen – aus der vermeintlichen Überzeugung, dass große Schritte sowieso nicht möglich seien. Hier habe ich meine ersten Zweifel. Die gesamtgesellschaftliche Diskussion über die aktuell stattfindende massive und qualvolle Ausbeutung von fühlenden Mitgeschöpfen ist in den letzten Jahren dermaßen in Gang gekommen, dass durchaus Hoffnung besteht, dass die Tage des verbrecherischen System der Massentierhaltung demnächst endgültig gezählt sein könnten. Und das nicht nur unter Tierschutzaspekten, sondern auch im Hinblick auf z. B. Zusammenhänge des Fleischkonsums mit der menschlichen Gesundheit und dem Klimaschutz. Hier ist „Provieh“ meines Erachtens deutlich zu zaghaft. Gewollt kleine Zugeständnisse an das System wirken hier kontraproduktiv, da durch solche marginalen „Verbesserungen“ unserer Bewegung insgesamt der Wind aus den Segeln genommen wird. Ich gehe im Folgenden auf diese Punkte ein.

Es ist jetzt innerhalb von gut einem Jahr bereits das vierte Mal, dass ich die Haltung bzw. das Vorgehen von „Provieh“ als problematisch empfinde. Ich habe meine Kritik jeweils in Mails an Ihren Verein kundgetan und zitiere nachfolgend in Auszügen:

1. „Puteneckwerte“ (http://www.provieh.de/puteneckwerte): Dieses Papier mit seinen sogenannten (marginalen) Verbesserungen in der Putenhaltung wurde nicht nur in der „Land und Forst“ (Hauspostille des Bauernverbands, des Landvolks und der Landwirtschaftskammer) als „Durchbruch für mehr Tierwohl“ dargestellt. Ich habe zu diesem Thema einen ausführlichen Schriftwechsel mit Ihrem Geschäftsführer, Herrn Johnigk (der, wie ich kürzlich über Dritte erfuhr, nicht mehr bei Ihnen tätig ist), geführt. Es gibt hier – wie schon oben gesagt – in den Standpunkten kein „richtig“ oder „falsch“. Ich habe unter anderem Folgendes zu bedenken gegeben: „Ich bin über die Berichterstattung in der Land-und-Forst doch etwas erschüttert. Wenn der Vertreter der Putenindustrie „voll und ganz“ zufrieden ist, kann das nicht in Ordnung sein. Werden Sie hier vor einen Alibi-Karren gespannt?“ Und weiter: „Ich verstehe Sie natürlich, andererseits muss ich immer an Chamberlain und München denken. Jede Zusammenarbeit mit den Agro-Kriminellen wird von denen einseitig ausgenutzt, sonst hätten sie sie auch nicht so groß in der Land und Forst rausgebracht. Es nutzt den Tieren zwar ein bisschen, zementiert aber das System und die Verbrecher können immer sagen, seht her, der Tierschutz hat zugestimmt, ist also alles prima. Ich bin skeptisch, ob das dem Ziel „Abschaffung der Intensivtierhaltung“ faktisch wirklich nützt. Aber wie so oft im Leben gibt es wohl auch hier zum Falschmachen keine Alternative.“

2.  „Beim Tierschutz im Schlachthof geht Tönnies gut voran“ (Siehe Seite 40). Auch hierzu ein Zitat aus einer Mail an Herrn Johnigk: „Gestern habe ich das neue Provieh-Magazin gelesen. Trotz sehr vielem gelesenem Guten und meiner natürlich weiterhin klaren Erkenntnis, wie schwierig die Materie ist, muss ich etwas zum Artikel „Beim Tierschutz geht Tönnies voran“ Ihrer Kollegin Sabine Ohm sagen.

Natürlich sind diese „Verbesserungen“ ein Meilenstein in der bislang desaströsen Situation der „armen Schweine“. Aber es ist eine Frage des Standpunktes, ob man das Wirken von Herrn Tönnies wirklich mit dem ausschließlich positiv belegten  Begriff der „Pionierarbeit“ bezeichnen soll. Ich weiß, wie wichtig die erwähnten „Verbesserungen“ (mir sträuben sich die Finger beim Schreiben ein bisschen) tatsächlich sind. Aber ich vermisse in dem Artikel auch nur den Hauch einer Aussage, dass das ganze System falsch ist. Ich bin ein erklärter Anhänger des Vergleiches „Schlachthöfe = Auschwitz“, auch wenn das politisch nicht „korrekt“ ist und dieser Vergleich von den herrschenden Machtstrukturen (inklusive der religiösen Schächtbefürworter und ihrer wirtschaftlichen Profiteure sowie der parteiischen Gerichte) massiv bekämpft wird. Er ist meines Erachtens dennoch hoch gerechtfertigt. Dass Herr Tönnies mit seinen lobenswerten Aktivitäten dennoch einer der ganz großen Profiteure des Systems ist, relativiert die gemachten Aussagen in dem Artikel allerdings durchaus. Natürlich ist der Kenner der Szene durch die genannten Zahlen (26.000 Tiere pro Tag) und die gezeigten Bilder in dem Bewusstsein der Abartigkeit, die auch in den Tönnies-Häusern geschieht, klar informiert, aber dennoch ist mir der Artikel zu lobhudlerisch. Alles, was darin steht, ist richtig, aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Und wenn die Kollegen des Herrn Tönnies seinen Maßnahmen gefolgt sein werden, haben wir kein politisch wahrzunehmendes Argument mehr, um das ganze kranke System weiter in Frage zu stellen. Und dass dann für den Export weiter und noch mehr geschlachtet wird, daran kann kein berechtigter Zweifel bestehen. Denn letztlich geht es auch Herrn Tönnies nur ums Geld. Ich kann den Heiligenschein über seinem Kopf nicht so richtig sehen.

Sie wissen, dass ich die Problematik differenziert sehe und meine Kritik auch. Aber ich möchte Ihnen den Namen des Ur-Vereins ins Gedächtnis rufen. „Gegen tierquälerische Massentierhaltung“ kann bedeuten, dass man nur die Tierqual mindern will. Dabei sind die Maßnahmen des Herrn Tönnies ein erster Schritt, mehr nicht. Sie werden in ihm aber sicher keinen Verbündeten haben, wenn es „gegen Massentierhaltung“ an sich geht, wenn dabei ein höheres „Tierwohl“ (auch bei dem Wort sträuben sich meine Finger) auf dem Weg in den Tod erzielt worden ist. Ich sehe die Gefahr, dass Sie nach den lobenswerten und durch Sie erreichten „Verbesserungen“ sich selbst der weiteren Handlungsgrundlage berauben, wenn die Politik dann eines Tages sagen kann, „aber jetzt geht es den Schlachttieren doch richtig gut“.

Ich kann nach andauerndem und ausgesprochen positiv empfundenem veganem Selbstversuch – und auch aus allgemeingesellschaftlich-medizinischer Sicht – nur feststellen, dass der Fleischkonsum massiv zurückgefahren werden muss. Sie äußern das an anderen Stellen ja durchaus, aber eben doch eher zaghaft. Der Tenor des Artikels über Herrn Tönnies ist mir zu positiv. Herr Tönnies ist und bleibt einer der hauptverantwortlichen Profiteure des Systems. Das sollte man zumindest erwähnen. Sonst entsteht wieder ein falscher Eindruck, wie bei den Puteneckwerten. Und Tönnies ist, wie die gesamte Branche, auch in speziell Ihrem Kampf zwar partiell Partner, aber meines Erachtens doch eher Gegner. Die Exportproduktion geht nur mit Leuten wie ihm. Und auf der bauen die Brüder ja derzeit ihr ganzes System auf. Da muss man neben Praktischem auch etwas Weltanschaulich-philosophisches in der Hand haben, wenn man die Utopie, das Auschwitz der Tiere abschaffen zu wollen, nicht völlig aufgegeben hat. Ein „humanes Auschwitz“ reicht mir persönlich nicht.“

Und dass Herr Tönnies (in Personalunion auch Schalke-04-Aufsichtsratsvorsitzender und Vorsitzender des Schützenvereins Rheda) mitnichten der vorbehalt- und selbstlose Menschen- oder Tierfreund, sondern eher ein eiskalter moralkrimineller Kapital-Profiteur des Systems ist, kann man z. B. hier nachlesen: „Tapferer Prinz oder böser Zauberer?“ . Es wäre bei der wahrscheinlich anzunehmenden Herzensbildung von jemandem, der im Alter von 15 Jahren die Hauptschule verließ, um fürderhin als Lebenszweck Schweine zu schlachten, auch nicht zu erwarten. Zu diesem Artikel schrieb ich Herrn Johnigk: „Vielleicht kennen Sie den Artikel. Er sagt meines Erachtens viel über Tönnies. Da können wir in Deutschland noch so viel „weniger Fleisch essen“. Der Weltmarkt bestimmt die Interessen. Und den hat Tönnies ausschließlich und sehr fest im Blick. Ich glaube, der Rest sind für ihn ein bisschen lästige, aber zu ertragende Nebenkriegsschauplätze. Das wird ihm „sein Freund Putin“ schon klargemacht haben.“

3. „Kexxstone – Rückkehr der Leistungsförderer“ (Seite 34). Dazu schrieb ich an Herrn Johnigk: „Im letzten Provieh-Magazin verweist Ihre Kollegin, Frau Aigner (Nomen non est omen, hoffe ich), in dem Kexxstone-Artikel darauf, dass man zur Bio-Milch greifen sollte, wenn man nicht als Versuchskaninchen dienen will. Abgesehen davon, dass sich immer mehr Hinweise finden, dass die Milch an sich keinesfalls so segensreich für den menschlichen Verzehr ist, wie von der Industrie immer dargestellt, sondern offensichtlich ernsthafte Gesundheitsprobleme verursachen kann, wissen Sie so gut wie ich (und ich hoffe auch, Frau Aigner), dass sich die Biomilch-Produktion nur teilweise und unwesentlich besser für die Tiere darstellt als die Milchproduktion in der agrarindustriellen Haltung, ganz abgesehen von der Kälberproblematik. Und ich vermisse schmerzlich einen Hinweis auf Milchalternativen (Sojamilch, Hafermilch, Dinkelmilch). Mit denen lebe ich inzwischen seit mehreren Jahren bestens, sie sind köstlich und helfen den Kühen am besten.

Es ist, wie schon in dem Tönnies-Artikel ein weiteres Mal, dass ich stutze. Wollen Sie den vegetarisch-veganen Gedanken nicht ein wenig mehr pflegen? Sie sind mir hier wieder ein bisschen zu dicht am Tierausbeutungssystem. Keine Tierprodukte sind nun einmal – nicht nur für die Tiere – der Königsweg und um Klassen besser als ein bisschen weniger quälerisch erzeugte Tierprodukte. Aber dazu habe ich in meiner Tönnies-Mail vom 13. Juni 2013 (auf die übrigens weder Sie noch Frau Ohm reagiert haben) eigentlich alles gesagt.

Ich weiß, wie schwer der Spagat für Sie ist. Aber ein paar grundsätzliche Positionen dürfen meines Erachtens nicht aufgegeben werden. Auch das haben uns Chamberlain und das Münchener Abkommen 1938 gelehrt. „Bio“ ist in der Regel eben doch nur ein Mal pro Woche duschen und ein bisschen mehr Platz und Brot im KZ.“

Und nun kommt also als 4. Thema Ihre Empfehlung, Tiere in Deutschland zu schächten, um Ihnen den Export in die Barbarei zu ersparen. Ich wiederhole noch einmal, wie schwierig es ist, hier eine Wahrheit zu finden. Ich glaube jedoch, dass der ganze Bohei um die sogenannten „Tierschutzlabels“ und die Tier“wohl“diskussion in der industriellen Fleisch“produktion“ Scheinerfolge für den Tierschutz sind. Hier werden minimale (teilweise kaum wahrnehmbare) Verbesserungen groß aufgemacht, um dem „Verbraucher“ ein vordergründig weißgewaschenes Gewissen bei seinem täglichen – minimal weniger billigen – Fleischfraß zu verschaffen. Und wir berauben uns unserer Glaubwürdigkeit, wenn wir annehmen, dass ein paar Quadratzentimeter mehr Lebensraum für Schweine und Puten sowie artfremdes „Beschäftigungsmaterial“ (wie Ketten und Holzblöcke) bei weiter stattfindender Haltung in drangvoller Enge über den eigenen Exkrementen eine von den gequälten Tieren wahrgenommene „Verbesserung“ in ihrem weiterhin kurzen und erbärmlichen Leben darstellt. Und dass Sie den barbarischen Akt des Schächtens (den übrigens keine der imaginären menschlichen Gottesphantasien in den monotheistischen Religionen belegbar fordert) mit einer solchen Empfehlung weiter salonfähig machen (selbst wenn er – leider nur partiell, wie Frau Ohm zugibt – durch die Anwesenheit eines Moslems beim Schächtvorgang teilweise symbolischen Charakter erhält), muss Ihnen eigentlich klar sein.

Insgesamt kann ich für mich persönlich nur die Schlussfolgerung ziehen, dass Sie mit den oben genannten Beispielen nur sehr bedingt dem Tierschutzgedanken nützen, sondern die – vor allem internationalen – Märkte der Fleischindustrie stabilisieren. Und das kann nicht Sinn eines Tierschutzvereins sein. Ich habe hier den leisen Verdacht, dass die Nähe der unverfroren agierenden Brüsseler Lobbyisten auf den Verein „Provieh“ einen negativen Einfluss ausübt, bzw. dass hier vielleicht sogar mit finanziellen Zuwendungen nachgeholfen wird.

Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn diese Mail etwas länger geworden ist. Es schien mir zur angemessenen Würdigung der Situation nötig. Eine endgültige Beurteilung ist schwer. Die „kleinen Schritte“, die Sie propagieren, werden meines Erachtens in relativ kurzer Zeit zwangsläufig und sowieso erreicht werden. Und in Anbetracht der Milliarden weltweit und täglich gequälter Kreaturen sind sie wahrscheinlich eher zu vernachlässigen. Der Idealist Ernesto „Che“ Guevara, der mir in der Jugend eher fremd war, mit fortschreitendem Alter jedoch zunehmend sympathisch wird, hat es wie folgt formuliert: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Alles andere ist halbherzig und exkulpiert vor allem die System-Kriminellen. Ich bitte Sie daher um Verständnis, wenn ich in Abwägung der Gesamtsachlage meine finanzielle Unterstützung zukünftig auf Organisationen konzentrieren möchte, die dem Tierqualsystem gegenüber weniger kompromissbereit sind und meine Ihnen vor Jahren erteilte Abbuchungsermächtigung hiermit ab sofort widerrufe.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Klaus Hamper


Sehr geehrter Professor Hamper,

hier also meine vollständige Antwort. Der Übersichtlichkeit und Einfachheit halber habe ich einzelne Textteile von Ihnen, auf die ich Bezug nehme, in meinen Text eingefügt, z.B.: „Es fällt aber weiterhin auf, dass Sie sich mehr oder weniger kleinlaut offensichtlich mit einer Politik der „kleinen Schritte“ abzufinden glauben müssen – aus der vermeintlichen Überzeugung, dass große Schritte sowieso nicht möglich seien.“

Im Rückblick auf die über 40 Jahre, die PROVIEH für den Nutztierschutz tätig ist, muss ich feststellen, dass wir in den über 30 Jahren der Verurteilung, Verdammung und Maximalforderungen praktisch kaum etwas erreichen konnten, im Gegenteil, die Massentierhaltung wurde in horrender Weise ausgeweitet, ohne dass wir daran irgendetwas ändern konnten. Ganz besonders schlimm wurde es seit der Wiedervereinigung bzw. im Zuge des letzten Globalisierungsschubs nach der Auflösung des Eisernen Vorhangs und der Öffnung Chinas.

Ich gebe Ihnen Recht, dass wir in Deutschland seit wenigen Jahren eine nie dagewesene Medienaufmerksamkeit für die Tierhaltung haben. Das darf uns leider aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass 99 % der Menschen in Deutschland trotzdem weiterhin bereitwillig jeden Tag zu Produkten aus industrieller Massentierhaltung greifen, wie man am Kaufverhalten sieht – und das ist weitestgehend kein Problem des fehlenden Angebots, wie man an zahlreichen Versuchen gesehen hat, sondern der mangelnden Bereitschaft, tiefer in die Tasche zu greifen.

Ich habe keine Ahnung woher Sie die Hoffnung nehmen, dass die Tage des verbrecherischen System der Massentierhaltung demnächst endgültig gezählt sein könnten. Denn die wenigsten Menschen auf dieser Erde machen sich so viele Gedanken um die Tiere wie Sie und ich. Das müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen, weil wir nur etwas bewegen können, wenn wir uns der – zugegeben schmerzlichen Realität – stellen. Sie dürfen vor allem nicht Deutschland allein betrachten, denn unser Wirtschaftssystem und die Landwirtschaft ist unausweichlich auf das engste mit den anderen EU-Staaten und der Welt verflochten – auch und gerade die Landwirtschaft aufgrund der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Zudem bestehen vielfältige Handelsabkommen und immer mehr Agrarimporte fließen zu uns aus sog. „assoziierten Ländern“ wie jetzt auch der Ukraine. Wie Sie vielleicht wissen wurden dort bei uns in Deutschland verbotene und abgebaute Batteriekäfiganlagen für Legehennen dank Hermesbürgschaften wieder aufgebaut und die Käfigeier werden nun frei als Industrieeier wieder zu Schleuderpreisen eingeführt.

Es hat deshalb gar keinen Zweck, allein die Produzenten (Massentierhalter, Großschlachter etc.) in Deutschland (oder der EU) zu verteufeln. Wenn es nicht Tönnies ist, ist es Vion oder Danish Crown (oder Smithfield oder oder oder). Es hat aus meiner Sicht wenig Zweck, einzelne herauszugreifen und an den Pranger zu stellen; denn damit wird weder das System an sich noch die Bedingungen in der Tierhaltung/-transport/-schlachtung verändert, nicht mal in kleinen Schritten.

Das System könnte auf verschiedene Weise verändert werden: Angesichts der Finanzkrise hatte ich kurzfristig an eine Revolution des Volkes geglaubt und darauf gehofft, die Menschen hätten diesen neoliberalen Kapitalismus satt – leider habe ich mich getäuscht, denn nach kurzem Aufflackern der Empörung haben wir business as usual und Angela Merkel Popularitätswerte wie kaum je ein Politiker. Die konservativen und Liberalen verstehen es meisterhaft, die Menschen mit billigem Brot (bzw. Fleisch) und Spielen (allen voran Fußball) satt und zufrieden zu stellen.

Und das nicht nur unter Tierschutzaspekten, sondern auch im Hinblick auf z. B. Zusammenhänge des Fleischkonsums mit der menschlichen Gesundheit und dem Klimaschutz. Darüber will sich doch niemand den Kopf zerbrechen, die Leute sind überwiegend egoistisch und wollen immer nur haben haben haben, jetzt und hier, ob sie davon fett und krank werden und das Klima und die Umwelt dabei zerstören ist der großen Mehrheit völlig wurst (siehe die zunehmenden Raten an Übergewichtigen und Krebskranken)!

Die Politik hat NULL Interesse daran, irgendwas an diesem Zustand zu ändern – auch die SPD nicht, wie man an ihrer Agrarpolitik sowie ihrer Unterstützung für die Handelsabkommen TTIP und CETA sieht, die bei uns den Industrialisierungsprozess in der Landwirtschaft in Richtung US-Verhältnisse vorantreiben werden. Und die Menschen wählen eben leider mehrheitlich diese Parteien, und zwar nicht nur in Deutschland. Auch die Europawahlen haben den neoliberalen nochmal eine Mehrheit beschert! Es wird von dort in der kommenden Legislaturperiode noch weniger Impulse für Tierschutz geben als bisher, stattdessen TTIP und CETA. Der zuständigen Tierschutz-Einheit in der EU-Kommission (DG SANCO) wurden Budget und Personalstellen in den vergangenen Jahren bereits drastisch gekürzt. Glauben Sie mir, das Panorama ist düster.

Wir versuchen also unter diesen widrigen Umständen so viel für die Tiere herauszuschlagen, wie eben derzeit auf demokratischem Weg machbar ist – ohne dabei unsere eigene Landwirtschaft zu zerstören; denn dann bekommen wir nachher nur noch den schlecht kontrolliert im Ausland produzierten Dreck serviert. Letzteres wollen wir vermeiden.

Revolution und Politik fallen als Motoren der Veränderung also de facto weitgehend weg (bis auf die Grünen auf Landesebene, wo sie Einiges anstoßen können). An dieser Stelle möchte ich mir im Übrigen die völlig haltlose und außerordentlich beleidigende Bezichtigung verbitten, wir ließen uns wohl von irgendwelchen Lobbyisten kaufen. Das ist eine Frechheit und ein unglaublicher Affront angesichts des unermüdlichen Einsatzes mit unzähligen Überstunden abends und an Wochenenden, den wir TierschützerInnen bei PROVIEH ehrenamtlich bzw. für wenig Geld leisten. Unser Verein finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden sowie Legaten von Mitgliedern und anderen Tierschützern (während der DTB sich von der Politik fördern und der Heimtierfutterindustrie mitfinanzieren lässt!).

Wir müssen hart kämpfen für die Fortschritte und haben in den letzten Jahren viele Verbesserungen bewirkt. Dass Sie uns in der Außenansicht für zaghaft halten, mag an der Natur der Sache liegen; denn das Meiste unserer Arbeit bleibt unsichtbar und Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, welche Mühen selbst die von Ihnen als klein bezeichneten Fortschritte kosten, die wir erzielen. Aber Ihre Behauptung  „Gewollt kleine Zugeständnisse an das System wirken hier kontraproduktiv, da durch solche marginalen „Verbesserungen“ unserer Bewegung insgesamt der Wind aus den Segeln genommen wird.“ halte ich für sehr gewagt. Ich verweise auf die Jahrzehntelangen Grabenkämpfe mit Maximalforderungen, bei denen nichts herausgekommen ist (s.o.). Selbst der sonst für seine hochgesteckten Ziele bekannte DTB hat mit seinem 1 * Label Programm sehr stark zurückgesteckt (und das sicher nicht, weil PROVIEH dies „vorgemacht“ hätte!).

Glauben Sie mir, wir, die wir das Elend täglich mitansehen müssen, wären mit Sicherheit die Ersten, die höhere Forderungen hier und jetzt stellen würden, wenn es irgendeine Aussicht auf einen größeren Wurf gäbe. Aber was tun, solange selbst die Grünen massive Wählereinbußen zu verzeichnen haben sobald sie einen Veggieday fordern?! Für die meisten Sauenhalter ist schon die Umsetzung unserer Forderung nach freier Abferkelung undenkbar – trotzdem formulieren und verfolgen wir sie Schritt für Schritt (in der Schweiz dauert der Prozess nach 25 Jahren auch noch immer an…). Würden wir schon heute beispielsweise Freilandhaltung in Hütten fordern, würde sich niemand mehr mit uns an den Verhandlungstisch setzen.

Zum Schächten hatte ich Ihnen ja bereits meinen Standpunkt geschrieben, deshalb hier nur noch  zum Thema „Beim Tierschutz im Schlachthof geht Tönnies voran“:

Herr Tönnies hat seit Aufnahme der Gespräche 2008 mehr als irgendein anderer in der deutschen Ernährungsindustrie getan, das habe ich hautnah miterlebt und kann Ihnen versichern, dass es – auch und gerade hinter den Kulissen – SEHR WEIT über das von uns berichtete hinausgeht. Die Schlachtbranche ist für Vegetarier und Veganer ein Gräuel, auch für mich ein ekelhaftes Geschäft. Aber dieses Geschäft wird verrichtet und solange die Deutschen pro Jahr fast eine Million Schweine fressen (und die Weltnachfrage weiter so rasant steigt!!!) ist es mir wirklich lieber, Herr Tönnies ist für die Schlachtung verantwortlich. Der hat zumindest verstanden, dass Tierschutz (nicht nur auf dem Schlachthof) einen großen Einfluss auf die Qualität hat, und nutzt deshalb Geld und Einfluss (durch seine hohe Lieferantenzahl und relativ große Marktmacht) für die Verbesserung des Nutztierschutzes. In der Branche ist er verhasst, weil er stetig Veränderungen und Verbesserungen vorantreibt, die die anderen unter Zugzwang setzen. Ich sehe überhaupt keinen Sinn darin, auf Tönnies einzudreschen (wie alle anderen), sondern halte es für besser diese Dynamik weiter zu befeuern – vor allem durch stetigen Informationsfluss aber auch Forderungen für weitergehende Verbesserungen, die oftmals geräuschlos vonstattengehen.

Wir arbeiten mit denjenigen zusammen bei denen die Bereitschaft zu positiven Veränderungen am größten ist und die uns bei der Erreichung unserer Ziele nützlich sein können. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen alle unsere Ziele teilen müssen, wohl aber einige Grundanforderungen erfüllen müssen: Sie müssen einen ehrlichen und transparenten Umgang mit uns pflegen, dürfen uns nicht zu instrumentalisieren versuchen gesprächsbereit sein und im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Nutztierschutz fördern. Es gibt durchaus andere Unternehmen in dieser Branche, die ich hier nicht namentlich nennen will, die öffentlich Lügen und falsche Behauptungen aufstellen, tricksen und sich mit Greenwashing-Aktivitäten als große Nutztierschützer aufspielen. Auch um dieser Tendenz in unserer von markigen, einfachen und plakativen Werbesprüchen und –versprechen geprägten Zeit den Wind aus den Segeln zu nehmen muss man ab und zu diejenigen positiv herausstellen, die viel tun (und meist wenig darüber reden!), so wie Tönnies. Außerdem bin ich nicht Gott und maße mir deshalb auch kein Urteil über den Menschen Clemens Tönnies und seine Moral an, sondern achte nur darauf, dass unsere Anforderungen an eine aufrichtige Zusammenarbeit erfüllt werden, was bisher der Fall war.

Herr Tönnies ist für den exorbitanten Fleischkonsum in der Bundesrepublik und dem Rest der Welt nicht verantwortlich zu machen (und was hat das alles mit Schalke zu tun?) – auch wenn es natürlich verlockend ist, einen Pappkameraden aufzustellen und den dann abzuschießen. Die wahrhaft gigantische Agrarindustrie sitz in Nord- und Südamerika (und zunehmend in China und restlichen Asien). Sie überschwemmt die globalen Märkte mit Billigfleisch aus der boomenden Massentierhaltung, die fast überall noch viel grauenhafter ist als bei uns. Deshalb hat PROVIEH mit Mitarbeitern der Firma Tönnies Unterstützung und gegen alle Widerstände aus der Branche (und die waren GIGANTISCH!) über Jahre das Bonitierungssystem für Tierwohl in mühsamer Kleinarbeit konzipiert. Seit die REWE dies im Namen unseres Initiativkreises bei QS als Branchenlösung vorstellte, spricht keiner mehr über uns Urheber, weil jeder versucht, sich diese Lorbeeren selbst an den Hut zu stecken (allen voran der LEH und die Landwirtschaftsverbände!). Clemens Tönnies hätte damals unter dem enormen Druck des LEH, der schnelle Patentlösungen wollte, auch – wie all die anderen – ein weiteres Nischenlabel für Tierwohl schaffen können (siehe  die gerade eingestampfte „Aktion Tierwohl“ der Westfleisch und das Vion/DTB Label 1*, für das gerade einmal 6 Landwirte in ganz Deutschland produzieren!). Hat er aber nicht.

Hinterher zeigten bisher bei den gescheiterten Labeln alle immer auf die geizigen Kunden mit dem Finger und verweisen auf den schlechten Absatz der Ware, die am Ende oft genug als Angebotsware verramscht werden muss: „Seht ihr, die Kunden wollen das gar nicht, das sind nur ein paar krakeelende Tierschützer, die nachts illegal in Ställe einbrechen und Krankenbuchten filmen und Skandal-Journalisten, die die manipulierten Horrorbilder zeigen“. Siehe dazu auch den jüngsten Artikel von Prof Jungbluth: „Tierhalter werden nicht richtig kontrolliert“.  Der verstrickt sich mit seinen widersprüchlichen Aussagen m.E. allerdings in logische Denkfehler: Wie soll ausgerechnet ein Label wie das des DTB die Probleme lösen, wenn die Leute nicht freiwillig bezahlen? Und warum soll man ausgerechnet auf den in den Neuland-Skandal verwickelten DTB für „bessere Kontrollen? vertrauen?

Stattdessen hat Herr Tönnies sehr viel Mut und Durchhaltevermögen gezeigt, um auf diese völlig neue Idee des freiwilligen Bonitierungssystems zu setzen; denn wenn die Kunden (großen Ketten des LEH) drohen / etwas wollen, dann müssen die Schlachtunternehmen liefern, sonst gehen die zur Konkurrenz. Da relativiert sich auch die Marktmacht eines Clemens Tönnies schnell. Trotzdem hat er uns die Stange gehalten und am Ende alle überzeugt. Deshalb bekommen wir nun das Bonitierungssystem, das alle Fleischesser im Supermarkt ungefragt zur Kasse bittet, um Tierwohl in der Breite voranzubringen.

Unsere Initiative für Tierwohl mit dem Bonitierungssystem mag wie eine Politik der kleinen Schritte aussehen. Sie ist aber ein gigantischer Meilenstein, der ohne Herrn Tönnies niemals zustande gekommen wäre. Er legt den Grundstein für den schrittweisen, ökonomisch machbaren Rückbau der Massentierhaltung auf eine tierfreundliche Haltung. Das heißt aber nicht, dass Tönnies nicht jetzt schon parallel und ergänzend auch noch für diejenigen, die es bezahlen können und wollen (wirklich hochwertige) Tierschutz-Label unterstützt und ausbauen hilft. Aber das ist gerade in geheimer Vorbereitung, dazu lesen Sie bald sicher mehr an anderer Stelle.

Sie sagen: Die „kleinen Schritte“, die Sie propagieren, werden meines Erachtens in relativ kurzer Zeit zwangsläufig und sowieso erreicht werden. Dass sich in Sachen Tierschutz in Deutschland angesichts der herrschenden Wettbewerbsbedingungen – i.e. (Welt)Markpreise und mangelndem Schutz vor billigen Substandard-Importen wegen der internationalen Verträge (EU, WTO etc.)  – auch nur irgendetwas zwangsläufig zum Besseren wenden würde, halte ich (Diplom-Volkswirtin) – mit Verlaub – für eine naive Fehleinschätzung der Kräfte, die da am Werke sind. Aus welchem Zwang heraus wohl sollte sich etwas zum Besseren wenden für die Tiere, wo allein das Diktat der Ökonomie herrscht und selbst SPD und DGB uns und unsere Demokratie durch TTIP an die US-Konzerne ausverkaufen wollen? Was jahrzehntelang in die falsche Richtung – mit heftigster politischer und finanzieller Unterstützung – vorangetrieben wurde lässt sich nicht einfach im Handstreich ins Gegenteil verkehren. Es ist wohl eher wie ein Ozeandampfer, der nur langsam abgebremst und in eine andere Richtung gelenkt werden kann – auch weil in einer Demokratie die Mehrheit bestimmt, wie die Dinge gemacht werden, und die votiert Tag um Tag an den Kühltheken der Supermärkte für Billigfleisch, obwohl  Gemüse und Biowaren daneben liegen.

Danke noch für das schöne Zitat von Che Guevara: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Seien Sie versichert, PROVIEH hat das Unmögliche ständig im Blick, während wir Schritt für Schritt versuchen, die dafür nötigen Veränderungen herbeizuführen und dabei nicht wegen der eigenen Ungeduld angesichts der Zähigkeit der Prozesse zu verzweifeln oder ob der Ungerechtigkeit der Herrschenden kollektiv zu Michael(a) Kohlhaas zu werden. Denn das bringt den Tieren bekanntlich nichts, Wir von PROVIEH sind mit ganzem Herzen bei der Sache, die Nutztiere besser zu schützen. Unser Vereinsziel besteht nicht darin, die Nutztierhaltung abzuschaffen. Wir werden uns also nicht mit erhobenem Zeigefinger zu Moralaposteln aufschwingen, die Fleischesser und –erzeuger als Kriminelle abstempeln und die vegane Lebensweise allen vorschreiben. Damit würden wir uns selbst als Verhandlungspartner für erreichbare Fortschritte unmöglich machen und nichts für die vielen Millionen Tiere erreichen. Ich bitte Sie ebenfalls um Verzeihung, wenn meine Mail noch länger als die Ihre geworden ist. Es schien mir zur angemessenen Reaktion auf Ihrer Kritik nötig.

Mit freundlichen Grüßen
Sabine Ohm
Europareferentin PROVIEH – VgtM e.V.

PS: Ähnlich wie bei der Sklaverei und vielen anderen großen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten wird hoffentlich in Zukunft die Menschheit lernen, alle Lebewesen zu schätzen und zu respektieren. Wahrscheinlich wird bis dahin noch viel Zeit vergehen; denn nicht einmal die Sklaverei wurde bis heute (über 200 Jahre nach der Aufklärung und 150 Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg) weltweit abgeschafft – und es wird wohl noch ein langer Weg bis dahin, auf dem viele kleinere, mittlere und größere Schritte notwendig sein werden.


Sehr geehrte Frau Ohm,

besten Dank für Ihre so überaus schnelle Antwort vom letzten Samstag auf meine Mail vom Freitagabend der letzten Woche. Ich bitte zunächst um Verzeihung für meine Unterstellung, dass Sie sich möglicherweise von Lobbyisten inhaltlich oder finanziell beeinflussen lassen. Das war eine gezielte Provokation meinerseits, mit der ich Sie aus der Reserve locken wollte, denn Ihr Loblied auf Freund Tönnies, auf den ich gleich noch eingehen werde, ist mir immer noch viel zu heftig, als dass ich völlig ausschließen möchte, dass von ihm persönlich oder durch von ihm beauftragte Strohmänner eventuell doch Spenden an Ihren Verein geflossen sind. Nur auf Freund Tönnies bezog sich mein Verdacht einer finanziellen Beeinflussung. Sie werden diesen Verdacht mit einer ehrlichen diesbezüglichen Aussage sicher ausräumen können.

Das meiste von dem, was Sie schreiben, ist mir bewusst und bekannt. Ich sagte Ihnen ja schon, dass es in den zur Diskussion stehenden Fragen keine Wahrheit gibt und keine geben kann. Es ist alles richtig und falsch zugleich. Und dennoch empfinde ich die Einstellung Ihres Vereins als problematisch. Gerade heute hatte ich die neue Papier-Ausgabe  (3/2014) des Provieh-Magazins in meinem Poststapel. Ich darf auch daraus nur zwei symptomatische Beispiele anführen.

Zum Ersten: In Ihrem persönlichen Artikel über die holländische „Beter Leven“-Kampagne (Die Lüge vom „besseren Leben“, Seite 36) kritisieren Sie – zu Recht – die dortigen schlechten Haltungsbedingungen der Schweine und dokumentieren das mit einem Bild von Schweinen auf Spaltenböden. In Ihrem weiteren persönlichen Artikel „Endlich Einigung: Initiative für Tierwohl startet 2015!“ (Seite 26) loben Sie „tiergerechte offene Tränken“ und zeigen ein Bild von was? Schweinen auf Spaltenböden!

Zum Zweiten: Auf der letzten Seite unter der Rubrik „Das Allerletzte“ kritisieren Sie – völlig zu Recht – eine Werbekampagne des Bauernverbands Schleswig-Holstein, der die horrenden Tiertransporte verniedlichend mit dem öffentlichen Personennahverkehr gleichsetzt.

Die Beispiele zeigen zweierlei. Zum Ersten: Die „Tierwohl“-Initiative (schon der Name ist ein euphemistischer Etikettenschwindel!) bewirkt in homöopathischer Dosierung kleinste Verbesserungen (für die sich allerdings auch erst einmal Schweinefleisch-„Produzenten“ finden müssen, die das mitmachen). Das bisschen mehr an Platz, das nur fraglich geeignete artfremde „Beschäftigungs“material für die Tiere und solche Marginalien wie offene Tränken sind meines Erachtens keine wirklichen Verbesserungen. Ob der Verzicht auf das Schwanzkupieren wirklich funktioniert oder durch Schwanzbeissen in der beengten Haltung ad absurdum geführt wird, weiß noch kein Mensch. Die betäubungslose Ferkelkastration ist meines Wissens (ab 2017) sowieso gesetzlich verboten. Aber: Die Spaltenböden mit Ihren lebenslangen lungenschädigenden und die olfaktorisch hochsensiblen Schweine quälenden Fäkal-Ammoniak-Ausdünstungen bleiben. Deutlich mehr Platz und Stroheinstreu, geschweige denn Auslauf im Freien gibt es nicht. Und dennoch wird dem Verbraucher wider besseres Wissen suggeriert, dass es den Tieren „wohl“ ergehe. Das kann man zwar so sehen. Das kleine bisschen „besser gehen“ verhindert jedoch auf lange Dauer eine wirkliche substantielle Verbesserung für die Tiere. Und glauben Sie bitte nicht, dass das Schweine-System weitergehende Verbesserungen – scheibchenweise bis zum Idealzustand – zugestehen wird.

Zum Zweiten: Es müsste Ihnen doch eigentlich bewusst sein, dass genau mit solchen „Verbesserungs“-Aktionen, wie Sie sie Hand in Hand mit Freund Tönnies durchführen, die Tiertransporte auf Dauer in der vorliegenden Form festgeschrieben werden, weil damit Märkte stabilisiert bzw. mit der Empfehlung zum heimischen Schächten (okay, das betrifft nicht die Schweine) erst generiert werden. Das ganze kranke und perverse System funktioniert doch nur so äußerst profitabel für die großen „Player“, weil eben auf allen Ebenen Tierrechte eklatant missachtet werden und der Kostenersparnis alles andere untergeordnet wird. Am Gesamtsystem wird sich daher mit der „Tierwohl“-Initiative nichts ändern. Denn so viel kann der Einzelhandel gar nicht zuschießen bzw. an die Verbraucher weitergeben, als dass dabei für die armen Schweine wirklich wahrnehmbare Veränderungen – auch beim Transport – herauskommen. Das widerwärtige System ist meines Erachtens inzwischen so außerordentlich komplex geworden, dass es nicht in kleinen Schritten zu „verbessern“ oder zu „reformieren“ ist. Es wird weiter so, wie es ist, bestehen bleiben – oder untergehen. Und die Einflussmöglichkeiten sind gering. Ihr ehemaliger Geschäftsführer und Kollege Herr Johnigk (ich frage mich übrigens, warum ein so exzellenter Fachmann so sang- und klanglos bei Ihnen ausgeschieden und jetzt auch von Ihrer Website verschwunden ist, ohne dass Ihnen das eine Erwähnung oder gar Würdigung im neuen Magazin wert ist?) formulierte es in einem Mailwechsel zu den „Puteneckwerten“ einmal treffend so: „Die Putenhaltung ist krank. Wäre sie ein Körperteil, so müsste man dieses wahrscheinlich wohl amputieren. Ich hatte aber nur Salben und Bewegungstherapie im Gepäck.“ Genau das trifft den Kern des gesamten Problems.

Und damit wären wir bei einer ethisch-philosophischen Frage. Natürlich haben Sie recht: Die Riesen-Mega-Sauereien passieren in Nord- und Südamerika, in China und überall sonst noch auf der Welt. Dagegen ist die Situation in Deutschland – und auch die „Tierwohl“-Initiative – ein Fliegenschiss im Universum. Aber kann, ja darf das ein Grund sein, sich dieser vermeintlichen Sachzwang-Realität zu unterwerfen? Haben wir als aufgeklärte und vielleicht ein paar Millimeter weiter denkende Individuen nicht die Pflicht, uns dem zu widersetzen? Natürlich ändern wir damit vorläufig nichts. Aber wir würden der Welt ein moralisches Beispiel geben. Und wenn noch so viele Käfigeier in der Ukraine und Chlorhühnchen im Land der verlogenen Welt-Freiheitsverteidiger produziert werden, wäre es nicht geradezu ein Diktat, sich dem durch moralisches „Vorangehen“ (eben nicht nach der Definition von Freund Tönnies) zu widersetzen? Wenn man immer nur nach den Maßstäben der herrschenden Finanzklasse mit der Entwicklung mit- oder ihr hinterher läuft und glaubt, damit könnte man ein System von innen reformieren, wo bleibt da der Gedanke an einen Widerstand, wie ihn z. B. Mahatma Gandhi praktiziert hat und der schließlich zur Unabhängigkeit Indiens geführt hat? Und der Verweis auf die noch schlechteren Bedingungen im Ausland und die internationalen Verflechtungen sind keine wirkliche Rechtfertigung. Es ist ein altes Wort: „Wer sich mit Hunden ins Bett legt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er mit Flöhen aufwacht“. Und die moralischen Hunde sind allgegenwärtig auf dieser Welt. Natürlich ist der Kampf aussichtlos (siehe Nord- und Südamerika, China und der ganze Rest der Welt). Aber dennoch muss man ihn nach moralischen Grundsätzen führen und darf nicht glauben, dass man mit Minimalzugeständnissen von Seiten des System einen „Erfolg“ für die Tiere erzielt hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Die herrschenden Verhältnisse werden auf Dauer zementiert – auf einem minimal höheren, für die Tiere kaum wahrnehmbaren Niveau.

Womit wir wieder bei Freund Tönnies wären. Sie sagen, Sie seien „nicht Gott und maßen sich kein Urteil über den Menschen Clemens Tönnies und seine Moral an…“ und fragen, was seine Position bei Schalke 04 mit der Situation zu tun habe. Ich maße mir auch kein Urteil an, aber ich stelle Fragen, mache Beobachtungen und leite daraus Vermutungen ab. Ein großer Philosoph (welcher, ist mir entfallen) hat einmal sinngemäß gesagt: “Suche nicht nach einer guten Motivation im Handeln von Menschen, wenn es auch eine auf der Hand liegende schlechte gibt“. Freund Tönnies ist sicher nicht für den exorbitanten Fleischkonsum in der Welt primär und allein verantwortlich zu machen. Aber er profitiert maximal davon und hält das System am Laufen. Und jetzt kommt meine (küchenpsychologische) Vermutung: Er ist ein Mensch, der sich – als Metzgerssohn – früh im Leben entschieden hat, als radikaler Tiernutzungsprofiteur sein Dasein zu fristen. Daraus ist ein sprichwörtliches Mords-Unternehmen geworden, welches ihn unermesslich reich gemacht hat und mit dem er sich Anerkennung jovial kauft. Da ist er in bester Gesellschaft mit dem Metzgerssohn Höneß, in dessen Wurstfabrik bis zu 4 Millionen Schweins-Würstchen PRO TAG (!) hergestellt werden. Und solche Menschen müssen also – wegen ihres wirtschaftlichen „Erfolgs“ und trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer offensichtlich fehlenden Herzensbildung und Empathie für die Geschöpfe, die sie ausbeuten – plötzlich mit den vermeintlich ganz Großen dieser Welt Umgang pflegen, Höneß z. B. mit unserer Kanzlerdarstellerin (die ihm sogar noch nach seiner Verurteilung als ganz gewöhnlicher Steuerkrimineller ihre Hochachtung ausgesprochen hat) und Freund Tönnies eben mit Herrn Putin. Was glauben Sie wohl, was die in solchen Momenten, wenn sie den „Großen“ Aug in Aug gegenüber stehen, empfinden? Ich glaube nicht, dass das in erster Linie ein Gefühl von Ebenbürtigkeit ist. Und deshalb brauchen sie psychologische Prothesen. Das sind Volkstribunen, die brauchen die Anerkennung der Massen, weil Ihnen der eigene gewachsene moralische Rahmen fehlt. Und diese Massenanerkennung verschaffen sich solche Leute eben, indem Sie sich einen Fußball – bzw. einen Schützenverein als Haustier halten (Tönnies – Schalke 04, Höneß – Bayern München). Was Menschen wie Freund Tönnies und Höneß treibt, ist vermutlich eine tiefe verdrängte Selbstunsicherheit, die auch nicht durch noch so viele Millionen durch Tierqual „verdiente“ Euro und das Bejubeln ihrer Person durch Tausende undifferenzierter Anhänger aus der Nordkurve und dem Schützenzelt kompensiert wird. Nein, bei denen braucht es immer noch und noch mehr, z. B. die sachlich völlig unverständliche Börsen-Zockerei eines Höneß und die Mega-Expansions-Gelüste von Freund Tönnies ins große russische Reich zu Herrn Putin. Das sind Machtmenschen, die ohne den Kick von Macht und Größe wahrscheinlich nicht glücklich sind (siehe auch „Urteil im Metzgerstreit – Clemens Tönnies verliert vor Gericht“. Und hier kommen Sie ins Spiel. Sie geben mit Ihrer ethisch durchaus respektablen Motivation solchen Figuren eine moralische Existenzberechtigung. Und merken dabei nicht, wie Sie so ganz nebenbei als moralisches Weißwaschmittel benutzt werden.

Zum Abschluss möchte ich noch auf Ihre  Frage eingehen, was mich zu der Annahme bringt, „dass die Tage des verbrecherischen System der Massentierhaltung demnächst endgültig gezählt sein könnten“ (wobei „demnächst“ sicher nicht „morgen“ oder „übermorgen“ bedeutet). Ich will es Ihnen mit ein paar Stichworten (Sie kennen sie alle) beantworten:

  • Bereits jetzt schon allein in Deutschland zig-tausende und weiter zunehmende – menschliche – Todesfälle durch resistente Bakterien auch aufgrund des massiven und völlig unkontrollierten Antibiotikaeinsatzes in der Massentierhaltung (Stichworte MRSA und ESBL)
  • Weitere Zunahme von – wissenschaftlich bewiesenen – Fleisch – (und Milch-)konsum-assoziierten sogenannten „Zivilisations“krankheiten wie Adipositas, Diabetes, Atherosklerose, Bluthochdruck, Krebs mit immensen Folgekosten für die solidarischen Gesundheitssysteme
  • Weitere Zunahme der Grundwasserverseuchung durch Gülle, Medikamente und Pestizide
  • Weitere Vernichtung von tropischem Regenwald durch Anbau von – meist gentechnisch veränderten – Sojabohnen für unsere Massentierhaltung und damit einhergehend
  • Weitere Zunahme der Hungerproblematik in der Welt („Das Vieh der Reichen frisst das Brot der Armen“) sowie
  • Weitere Beschleunigung des Klimawandels

Ich wage die kühne Behauptung, dass all das – nicht sofort, aber innerhalb eines überschaubaren Zeitraums – wahrscheinlich zu einem kompletten Zusammenbruch des Systems der Massentierhaltung führen wird. Nichts wird die Vernichtung der uns bekannten Welt so schnell beschleunigen wie die weitere ungehemmte Ausbreitung des Fleischkonsums. Und dazu tragen Sie indirekt ein kleines bisschen bei, indem Sie „Persönlichkeiten“ wie Freund Tönnies weiter gesellschaftsfähig machen. Ein Oskar Schindler ist Freund Tönnies nämlich eben gerade nicht.

Und natürlich brauchen wir Zwangsmaßnahmen zur Verminderung des Fleischkonsums. Der Veggie-Day der Grünen ist ein Witz. Der impliziert nämlich die Empfehlung, an sechs Tagen in der Woche Fleisch zu essen (Zitat Hagen Rether). Der gleiche große Kabarettist stellte fest: „Kein Mensch würde freiwillig Steuern bezahlen. Deswegen gibt es Gesetze.“ Anders ist der angeblich so mündige Verbraucher nicht zu überzeugen. Freiwilligkeit funktioniert bei den Menschen nicht. Eine saftige Fleischsteuer wäre ein erster Schritt auf dem langen Weg. Bei den Alco-Pops und den Zigaretten hat das auch bestens funktioniert.

Ich glaube nicht, dass unsere Positionen, die beide ihre Rechtfertigung haben, so weit voneinander entfernt sind, wie es wohl scheinen mag. Der wesentliche Unterschied ist, Sie argumentieren systemimmanent, will sagen, Sie versuchen, sich mit dem herrschenden System zu arrangieren und aus ihm heraus „Verbesserungen“ zu generieren – in diesem Sinne ist auch Ihre Empfehlung zu verstehen, Tiere lieber in Deutschland zu schächten als sie einem barbarischen Tod in den moslemischen Ländern, aber auch in Israel auszuliefern. Ich schaue von außen auf das System und glaube, dass es eine darüber liegende Ebene gibt, an der man sein Tun messen sollte, auch wenn das keine kurzfristigen kleinen „Erfolge“ zeitigt. Das wird zwar gemeinhin – auch von Ihnen – als Utopie abgetan. Es ist meines Erachtens aber vielmehr Utopie, zu glauben, ein System aus sich selbst reformieren zu können. Das hat noch nie funktioniert. Vor ein paar Tausend Jahren war es das „Goldene Kalb“. Heute ist es das „Goldene Schwein“. Keines von beiden konnte bzw. kann durch Reformen gewandelt werden. Auch nicht, wenn man mit seinem persönlichen Handlungsansatz moralisch durch und durch integer ist.

Wir werden das Problem nicht lösen, da es nicht lösbar ist. Das einzige, was wir mit unserer Diskussion bewirken, ist, dass wir vielleicht die, die es können und wollen,  ein wenig zum Nachdenken anregen. Die Menschheit wird sowieso – wenn Sie mit Ihrer unkontrollierten Vermehrung (200.000 neue Köpfe pro Tag!) so weitermacht und wenn unsere erkenntnistheoretisch grenzdebilen Politikkasper nicht aufhören, von „Wachstum“ als Lösung aller Probleme zu faseln (und das werden beide nicht) – den Bach runtergehen. Für das Universum wäre das kein wahrnehmbarer Verlust. Und die Natur unseres Planeten wird sich von dem fehlgeschlagenen Abenteuer „Krone der Schöpfung“ in ein paar Tausend Jahren schon wieder irgendwie erholen.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Klaus Hamper


Sehr geehrter Professor Hamper,
danke für Ihre Mail. Für Reaktionen auf „Provokationen“ habe ich leider keine Zeit und ich werde auf Ihre Rückantwort auch nicht mehr im Einzelnen eingehen, da eigentlich beide Standpunkte klar sind und offenbar ist, dass wir nicht zueinander finden, da unsere Auffassungen sich zu sehr unterscheiden. Es gibt verschiedene Wege, sich für Tierschutz einzusetzen, und ich respektiere den Ihren. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren weiteren Bemühungen für mehr Tierschutz.

Mit freundlichen Grüßen
Sabine Ohm


Sehr geehrter Herr Hamper,

auch wenn Sie unserem Verein PROVIEH aus Enttäuschung den Rücken gekehrt haben, so möchte ich als der derzeitige ehrenamtliche Vorstandsvorsitzender Ihnen doch noch für Ihre bisher geleistete wertvolle Unterstützung unserer Arbeit danken. Ihre bisherige Unterstützung werte ich als ein Anzeichen, dass Sie mit manchen oder etlichen unserer Vorhaben doch einverstanden waren, zum Beispiel dass wir uns erfolgreich für die Beendigung der Ferkelkastration eingesetzt haben und dass wir dazu beigetragen haben, dass die Amputation der Schnabelspitze bei Legehennen, Puten und Laufenten als Amputation anerkannt wird und nicht als ein Vorgang vergleichbar dem Fingernagelschneiden und dass Bemühungen zur Beendigung der Schnabelspitzenamputation mittlerweile auch politisch vorangetrieben werden. Beendigung der Ferkelkastration und der Schnabelspitzenamputation sind zwei Vorgänge, für die es keine Zwischenschritte geben kann.

Aus meiner Sicht – nach Durchsicht Ihres Schriftwechsels mit Frau Ohm – hat sich Ihre Enttäuschung daran entzündet, dass wir in vielen Fällen Zwischenschritte hin zum angestrebten Ziel akzeptiert haben. Das tun wir immer dann und nur dann, wenn wir vor dem Dilemma stehen, dass Erzeuger,  Verarbeiter und Händler von Lebensmitteln nur zu schrittweisen Problemlösungen bereit sind und sich erst einmal ansehen wollen, ob sie nach dem ersten Schritt wirtschaftlich noch bestehen können. Wenn ja, steigt ihre Bereitschaft zum nächsten Schritt, zu dem wir sie dann wieder drängen werden. Mehrfach hören wir in solchen Fällen die Kritik: Das, was wir gerade erreicht haben, sei ein richtiger erster Schritt, mehr aber nicht. Das sehen wir als die Kritisierten nicht anders, nur sehen wir weiter nach vorne und überlegen uns die nächsten Schritte hin zum Ziel, das außer den Kritikern auch wir von PROVIEH mit Nachdruck anstreben. Nach meiner Erfahrung kommen wir mit unserer Vorgehensweise schneller zum Ziel als die Kritiker, sollten sie nur mit Einschrittlösungen ein Ziel anstreben. Deshalb halte ich unsere Vorgehensweise trotz eingesteckter Kritik für legitim. Natürlich sind wir immer dankbar für Anregungen von außen, wenn begründet werden kann, ob und wie die vorgeschlagenen Tierschutzziele durchsetzbar sind. Für die Durchsetzung würden dann wir uns einsetzen, dafür sind wir da.

Noch ein Wort zu Tönnies. Wir haben von ihm keinen Cent für unsere Vereinsarbeit erhalten. Selbst alle unsere Fahrten zur gemeinschaftlichen Entwicklung der Tierwohlinitiative haben wir aus der Vereinskasse finanziert, auch unsere Übernachtungen, wenn sie (selten einmal) erforderlich waren. Mit besten Wünschen für Ihren weiteren Einsatz für mehr Tierschutz – Sievert Lorenzen


Lieber Herr Lorenzen,

herzlichen Dank für Ihre Mail. Natürlich haben Sie recht und natürlich ist Ihr Vorgehen legitim. Es gibt in dieser Frage, wie ich schon mehrfach gesagt habe, kein richtig und kein falsch. Auch meine Argumentation hat Ihre Berechtigung und ich glaube nicht, dass „Freiwilligkeit“ auf Dauer zieht. Das ist im bösen kapitalistischen System leider so. Eine schrittweise Verbesserung bis hin in die Nähe zum Idealzustand wird das System nicht zulassen, da es insgesamt moralisch zutiefst kriminell ist und Ethik die Profiteure welcher Art auch immer und wann auch immer nur in den allerseltensten Fällen interessiert hat. Der Rest ist in den früheren Mails hinreichend ausgeführt.

Schade finde ich es allerdings, dass Frau Ohm in meinen Ausführungen nicht mehr als „Provokationen“ zu sehen vermag. Und schade finde ich es auch, dass es immer noch keinerlei Informationen zum Verbleib von Herrn Johnigk gibt, mit dem ich früher gelegentlichen Austausch hatte, der aber abgetaucht ist. Auch von Ihnen wird eine Information über die Beweggründe seines Ausscheidens offensichtlich vermieden. Ich hoffe, dass Sie mit Ihrem Ansatz im Sinne der gequälten Kreaturen weiterkommen.
Herzliche Grüße
Klaus Hamper

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2 Kommentare zu “Prof. Klaus Hamper: ProVieh hat endlich verstanden!

  1. Endlich haben Pro Vieh und der Tierschutzbund verstanden, dass sie nur für Werbezwecke benutzt wurden. Besser eine späte Einsicht als Keine.

  2. Ehrlich gesagt ist mir ein Verein unsympathisch, der sich „ProVieh“ nennt, denn „Vieh“ ist eine diskriminierende Bezeichnung für unsere tierischen Brüder und Schwestern! Ich kenne keinen Hilfsverein für Afrika, der sich „ProNeger“ nennt. Das Wort „Neger“ halte ich aber für weit weniger diskriminierend, wenn nicht gar nicht diskriminierend, als das Wort „Vieh“, denn männliche Homosexuelle müssen sich ja auch gefallen lassen, als „Schwule“ betitelt zu werden, ein eindeutiges Schimpfwort aus der Kaiserzeit.

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