Tierquälerei in der Schweinemast – garniert mit Gütesiegel

Schockierende Bilder und Fakten: Tiere mit offenen Wunden, angefressenen Ohren oder tellergroßen Geschwüren. Daneben Kadaver verwesender Schweine. Der Mastbetrieb, in dem sie aufgenommen wurden, schmückt sich dennoch mit Gütesiegeln. Auch diesen Skandal brachte Soko Tierschutz nun im RTL-Fernsehen ans Licht.

Nach der neuesten Aufdeckung von SOKO Tierschutz überschlagen sich die Ereignisse. Massive Medienberichterstattung, Polizei/Kripo sind im Einsatz und Hektik bei den Überwachern. Die Schließung des Betriebes ist im Gespräch. SOKO Tierschutz fordert Tierhalte – und Betreuungsverbot, sowie Haftsstrafen für die Verantwortlichen. Der Skandal: Der Tierquäler darf weiter seine Schweine verkaufen, während Tierärzte über 75 schwerst verletzte Tiere nottöten mussten.

Hier nochmals die Undercover-Recherche von Soko Tierschutz für alle, die sie im RTL-Fernsehen verpasst haben bzw. aus anderen Gründen nicht anschauen konnten oder auch nicht anschauen wollten:

Auf der Webseite von SternTV ist nachzulesen:
„Ich mache das seit 23 Jahren, ich habe hunderte Schweineställe gesehen. Auch in China oder Ungarn. Aber so etwas wie hier in Merklingen habe ich noch nie erlebt.“ Der Tierschützer Friedrich Mülln dokumentiert seit den 90er Jahren unsägliche Haltungsbedingungen in Mastbetrieben. Doch diese Bilder schockieren selbst ihn: Schweine, die Schmerzen und Qualen erleiden, verletzte Ferkel, dazwischen tote Tiere, die nicht einmal entsorgt werden. Offene Wunden, Dreck und Elend – mitten in Baden-Württemberg.

Und doch schmückte sich der Hof – trotz dieser Missstände und eigentlich üblicher Kontrollen – mit gleich drei Gütesiegeln: dem QS-Prüfzeichen, dem Qualitätszeichen Baden-Württemberg (QZBW) und dem Siegel der „Initiative Tierwohl“ (Lebensmittelhandel). Im Kundenmagazin der bekannten schwäbischen Metzgerei-Kette Dietz, deren Produkte auch durch Edeka, Rewe und andere Supermarktketten vermarktet werden, darf sich der betreffende Landwirt noch dazu als verantwortungsvoller Lieferant präsentieren, dem das Tierwohl am Herzen liegt. Sein darin abgedrucktes Statement: „Ich will, dass es den Tieren gut geht.“

Gröbste Tierschutzverletzungen in einem widerlichen Ausmaß:

Friedrich Mülln machte die erschreckenden Aufnahmen Ende September und Anfang Oktober. Darunter auch so eng eingepferchte Schweine, dass ihre Rüssel und Beine in den Gang herausragen. Der Tierschützer hat die Buchten vermessen: 8 Quadratmeter für 17 ausgewachsene Schweine. Das bedeutet 0,48 Quadratmeter je Schwein. Laut Tierschutznutztier-Haltungsverordnung muss ein Schwein dieser Größe mindestens 0,75 Quadratmeter Platz haben. Außerdem filmte Mülln neben weiteren erschreckenden Zuständen stark abgemagerte Schweine, die in ihrem eigenen Kot und Urin lagen, Tiere mit angefressenen Ohren und tellergroßen abgestorbenen Hautstellen, Schweine mit faustgroßen Abszessen auf dem Rücken, Schweine mit gebrochener Bauchdecke. Die meisten der verletzten Tiere konnten sich kaum noch regen.

Stern TV zeigte die Bilder der Fachtierärztin und Gutachterin für Tierschutz Diana Plange in einem Zusammenschnitt. Ihre Reaktion: „Diese Bilder machen mich sprachlos. Das sind so grobe Tierschutzverstöße in einem so widerlichen Ausmaß, wie ich sie so noch nie gesehen habe.“ Die großen, schwarz verfärbten Wunden am Hinterteil der Schweine schockierten sie besonders. „Schweine als hochentwickelte Säugetiere haben das gleiche Schmerzempfinden, wie wir. Wenn man sich klar macht, dass ein Schwein dann von hinten angefressen wird, der ganze Schwanz praktisch weg ist, bis in die Wirbelsäule hinein – das Tier muss unendlich gelitten haben oder noch weiter leiden. Das mag man sich gar nicht vorstellen.“ Es seien zudem alte Verletzungen, die auf langfristige Missstände hindeuteten, so Diana Plange. Dem Landwirt müsse eigentlich umgehend die Betriebserlaubnis entzogen werden.

Gemeinsam mit Friedrich Mülln hat stern TV den verantwortlichen Landwirt in Merklingen bei sich auf dem Hof mit der Tierquälerei konfrontiert, die ganz offensichtlich hinter seinen Stalltüren vor sich geht. Doch der Stallbetreiber reagierte weder auf ein Gesprächsangebot, noch auf den Fragenkatalog, den das Redaktions-Team ihm hinterließ. Derweil machte Tierschützer Mülln die Behörden auf die katastrophalen Zustände aufmerksam. Kurz darauf erschien auf dem Hof des Landwirts ein Mitarbeiter des Landratsamts Alb-Donau-Kreis, das für die Kontrollen zuständig ist. Pikanterweise findet sich auf der Telefonliste dieses Landratsamts auch der Name des Merklinger Landwirts – der Schweinemäster arbeitet dort selbst, wie die Behörde dem Redaktions-Team bestätigte. „Das hat schon – wie man im Schwabenland sagen würde – ein arges Geschmäckle, dass solche Leute in der eigenen Kontrolleinrichtung arbeiten. Da braucht man sich nicht mehr wundern“, so Friedrich Mülln.


BZ-Interview mit Landwirt Johannes Röring:

Betreffs dieser Tierquälerei in Mastbetrieben, die trotz tierquälerischer Haltung mit sogenannten „Gütesiegeln“ für ihre Produkte werben, ist u.a. auch der Landwirt, CDU-Politiker und Westfälische Bauernpräsident Johannes Röring involviert und bezieht im nachfolgenden Interview mit der Borkener Zeitung Position zu den Vorwürfen der skandalösen Zustände in seinen Ställen und – wie sollte es auch anders sein – bagatellisiert diese als bedauerliche Einzelfälle und belobigt letztlich auch noch die angeblich „riesigen Fortschritte“ hinsichtlich der längst schon gescheiterten „Initiative Tierwohl“.

BZ: Auf dem Weg zu unserem Gespräch habe ich am Straßenrand ein Plakat der Landwirtschaft gesehen. Es zeigt zwei zum Herz geformte Hände, dahinter ein Rind und dazu der Slogan „Wir machen Vollverpflegung. Mit richtig viel Herz“. Herr Röring, haben Sie ein Herz für Tiere?

Röring: Ja, natürlich! Ich habe aus Überzeugung ein Herz für Tiere. Und zum anderen auch deshalb, weil die Tierhaltung unsere Lebensgrundlage ist.

BZ: Die Staatsanwaltschaft in Münster überprüft zurzeit das Videomaterial, das Tierschützer in Ihren Ställen gedreht haben. Die Justiz macht es vom Ergebnis abhängig, ob sie weiter ermitteln will und dazu die Aufhebung Ihrer Immunität als Bundestagsabgeordneter beantragt. Wie bewerten Sie das?

Röring: Die Immunität schützt nicht vor Ermittlungen, und ich will auch gar nicht davor geschützt werden. Schon allein eine Meldung mit der Schlagzeile „Immunität aufgehoben“ würde suggerieren, dass an den Vorwürfen doch etwas dran sein muss. Ich möchte aber keine Sonderstellung. Ich habe Vertrauen in die Staatsanwaltschaft.

BZ: Wie stehen Sie zu den Vorwürfen, dass in Ihren Ställen der Tierschutz verletzt wird?

Röring: Wir haben nicht gegen den Tierschutz verstoßen. Dass innerhalb größerer Gruppen von Tieren hin und wieder auch einzelne Tiere erkranken oder versterben, ist leider unvermeidlich – in freier Wildbahn wie auch in der Nutztierhaltung auf landwirtschaftlichen Betrieben.

BZ: Wenn das so ist, warum wehren Sie sich dann juristisch gegen die Verbreitung des Videomaterials?

Röring: Diese Bilder sind illegal entstanden, sie taugen laut eidesstattlicher Versicherung des Hoftierarztes nicht zur Skandalisierung. Die kranken Tiere, wie sie im Bild zu sehen sind, wurden ordnungsgemäß behandelt. Es sind zudem ausgewählte Bilder, die nicht die Wirklichkeit in unseren Ställen abbilden.

BZ: Aber Sie bestreiten doch nicht, dass die Videos in ihrem Betrieb entstanden sind.

Röring: Wir haben nie gesagt, dass es nicht unsere Tiere sind, die in den Aufnahmen zu sehen sind. Diese Bilder sind in der Tat nicht schön. Aber es sind gerade einmal eine Handvoll kranker Tiere zu sehen. Und hinzu kommt noch, dass wir die Vermutung haben, dass die Aktivisten durch ihr Eindringen Krankheitserreger innerhalb der Ställe verteilt haben könnten. Es wird bewusst ein Zerrbild erzeugt.

BZ: Wollen Sie gegen Ariwa und Peta klagen?

Röring: Wir haben es hier nicht mit Tierschützern zu tun, sondern mit Tierrechtlern. Sie suchen die öffentliche Bühne, und eine juristische Auseinandersetzung würde ihnen diese nur geben.

BZ: Dennoch haben die Bilder viele Verbraucher erschreckt. Brauchen wir wirklich Fleisch um jeden Preis?

Röring: Nein, auf keinen Fall. Fleisch ist ein wertvolles Nahrungsmittel, ebenso Milch. Es hat eine hohe Bedeutung für die Menschheit und ihre Ernährungssicherheit. Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist es unverzichtbar. Aber jeder Erwachsene muss wissen, ob und wieviel er davon zu sich nimmt. Es ist nicht notwendig, jeden Tag Fleisch zu essen. Ich finde jedoch, es bereichert die Ernährung.

BZ: Ein Landwirt ist in der vergangenen Woche am Niederrhein ausgerastet und hat die Veterinäre angegriffen, die Mängel auf seinem Hof gefunden hatten. Auch wenn das ein Einzelfall ist: Hat sich das Klima zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung zugespitzt?

Röring: Viele Landwirte fühlen sich direkt angegriffen. Und das, obwohl es in den vergangenen zehn Jahren riesige Fortschritte beim Tierwohl gegeben hat. Ich habe die Sorge, dass bei den Landwirten angesichts dieser Radikalisierung die Bereitschaft schwindet, diesen Weg weiter mitzugehen. Viele Landwirte fühlen sich einem gesellschaftlichen Druck der täglichen öffentlichen Anklage ausgesetzt.

BZ: Wie wollen Sie dem begegnen?

Röring: Wir arbeiten daran, aus der Initiative Tierwohl heraus eine nationale Tierhaltungsstrategie zu entwickeln. Ihr Erfolg wird aber entscheidend davon abhängen, ob der Verbraucher tatsächlich bereit ist, auch mehr zu zahlen. Es geht darum, ein Tierwohllabel zu schaffen, das für die Konsumenten erkennbar ist. Es soll nachvollziehbar machen, woher das Fleisch kommt und unter welchen Bedingungen das Tier gehalten wurde.

BZ: Sind Sie optimistisch, dass es gelingen kann, zwischen konventioneller Tierhaltung und Bio einen dritten Weg zu gehen?

Röring: Wir haben 12,8 Millionen Schweine, die unter den Kriterien von Tierwohl gehalten werden. Diese Initiative hat schon vieles bewirkt. Sicher braucht es einen langen Atem, und auch der Handel muss mitmachen. Ein Wandel ist nur mit den Bauern zu erreichen, nicht gegen sie. Es erfordert Dialogbereitschaft auf allen Seiten. Oder wir laufen am Ende Gefahr, dass die Tierhaltung aus Deutschland verschwindet. Wir sind nicht allein auf der Welt, es geht da auch um globale Fragen.

BZ: Haben da kleinere landwirtschaftliche Betriebe überhaupt noch eine Chance?

Röring: Der technische Fortschritt hat einen Strukturwandel ausgelöst. Es darf uns aber nicht darum gehen, bei der Globalisierung um jeden Preis mitzuhalten. Wir müssen den ganz normalen Bauernhof stark machen. Eine Chance liegt darin, zu diversifizieren. Kleinere Betriebe sind in Krisenzeiten besser aufgestellt, wenn es qualifizierte Arbeitsplätze in der Region gibt, denen Familienmitglieder nachgehen können. Ein Nebenerwerbsbetrieb muss nicht so aufgestellt sein wie ein Vollerwerbsbetrieb.

BZ: Sie selbst haben ja quasi mehrere Jobs. Da ist ihr Mandat als Bundestagsabgeordneter, da ist die Präsidentschaft des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes und nicht zuletzt gibt es den heimischen Hof. Ist das alles unter einen Hut zu bekommen?

Röring: Ja, davon bin ich überzeugt. Es gibt auch Abgeordnete, die sich zum Beispiel gewerkschaftlich stark engagieren. Ich gehe transparent damit um. Und ich merke ja auch, dass mein Wort als Abgeordneter zusätzlich an Gewicht gewonnen hat, seit ich WLV-Präsident bin. Aber man muss natürlich auch mit Blick auf die Gesundheit aufpassen, alles in der richtigen Balance zu halten. Schon heute erledigt mein ältester Sohn fast alle Arbeiten auf unserem Hof. Im nächsten Jahr wird unser Hof dann vollständig in die alleinige Verantwortung unseres Sohnes übergehen. Ich möchte politisch noch viel bewegen und den Wandel mitgestalten.

BZ: Wie empfinden Sie persönlich die derzeitige öffentliche Diskussion?

Röring: Es ist schon befremdlich, wenn ausgerechnet ich als Tierquäler dargestellt werden soll. Jeder in der Branche kennt mein Engagement für die Initiative Tierwohl, jeder weiß, dass mein Weg nicht laut und populistisch, sondern ruhig und sachlich ist, dass ich für Dialog sowie Kritik- und Veränderungsbereitschaft stehe. Die aktuelle Situation ist nicht schön, vor allem für meine Familie nicht. Diese Situation wird mich aber nicht davon abhalten, meinen Weg weiterzugehen, weil ich ihn für richtig halte.

Quelle: borkenerzeitung.de

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Ein Kommentar zu “Tierquälerei in der Schweinemast – garniert mit Gütesiegel

  1. Wenn man sich das arme Schwein auf dem Foto anschaut, dann kann man nur Hass auf solche Halter empfinden und ihnen alles Schlechte auf der Erde auf den Hals hetzen. Das Tier hat einen Abzeß, der höllisch weh tut, der dringend der Behandlung bedarf. So etwas kommt nicht über Nacht, sondern das Tier quält sich schon lange damit.

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