Richard David Precht über unseren Umgang mit Tieren (2)

Fritz: Etwas anders als die monotheistischen Religionen gehen die Hindu-Religion und der Buddhismus mit Tieren um. Inwiefern spielen die Lehre von der Wiedergeburt und die Lehre von der Seelenwanderung dabei eine Rolle?

Precht: Eine Wüstenreligion prägt ein anderes Verhältnis zu Tieren aus als eine Urwaldreligion. Und in dem sehr feuchten, sehr fruchtbaren Indien hat sich eine ganz andere Art des Umgangs mit Tieren herausgebildet. Nicht dass wir viele Probleme, die wir im Christentum kennen, nicht auch aus dem antiken Hinduismus kennen, aber entscheidend ist die Seelenwanderungslehre, die ungefähr gleichzeitig im Mittelmeerraum 600 v.Chr. entsteht und in der selben Zeit nochmal in Indien. Wir kennen die Zusammenhänge nicht genau. Sie setzt sich im Mittelmeerraum nicht durch. Also Platon ist der letzte bedeutende Philosoph, der an die Seelenwanderung glaubt. Aber sie setzt sich im asiatischen Raum durch. Von Indien aus bis nach China und in den Himalaya. Und wer an die Wiedergeburt glaubt, der hat ein völlig anderes Verhältnis zu Tieren als jemand, der das nicht glaubt. Bei jedem Tier begegnet ihm ja quasi die Seele von jemandem, der zuvor ein Mensch gewesen sein könnte. Das verändert den Umgang fundamental.

Fritz: Hängt damit auch das Gebot zusammen, kein Fleisch zu verzehren?

Precht: Ja, also sowohl die Hindus wie die Buddhisten kennen dieses Gebot, allerdings sind beide Religionen auch wiederum Herrschaftsgebiete der Ausnahmen über die Regeln. Denn auch viele Hindus essen Fleisch und auch viele Buddhisten essen Fleisch. Also ein treffendes Beispiel, wo man sich das dann klar machen kann: Als sich der Buddhismus ausbreitete in den Himalaya, fand er dort eine Kultur von Menschen vor, die von der Yak-Zucht lebten. Und im Winter gibt es auf einer Höhe von 3.000 – 4.000 Metern nun wirklich nichts anderes zu essen als das Yak-Fleisch. Insofern mussten da Ausnahmen eingeführt werden. Die wurden natürlich auch mit großem Brimborium begründet, aber es ist insgesamt so, dass in der buddhistischen Welt der Fleischverzehr geringer ist. Wir reden jetzt allerdings von der Kulturgeschichte. Wir reden nicht unbedingt von der Gegenwart. Also wenn man in Shanghai in ein Restaurant geht, dann bekommt man da natürlich genauso Fleisch und da gibt es genauso McDonald’s wie auch bei uns.

Fritz: Die Hindureligionen oder die Hindus verzichten ja nicht aus Mitleid mit der Kreatur auf Fleisch. Was ist deren Grund?

Precht: Ja, es geht um zwei Dinge, die nah miteinander verknüpft sind. Die Lehre von der Seelenwanderung setzt ja voraus, dass jeder Mensch sich bemüht, im nächsten Leben als eine möglichst höhere Form geboren zu werden, mit dem endgültigen Ergebnis, irgendwann gar nicht wiedergeboren zu werden, sondern erlöst zu sein. Und um das zu tun, muss man ein sehr ethisches Leben führen. Ein sehr ethisches Leben ist ein Leben, das weitgehend in jeglicher Form auf ausschweifende Genüsse verzichtet. Und Fleischessen ist ein solch ausschweifender, unnötiger Genuss. Und da es ja darum geht, so asketisch wie möglich auf all das zu verzichten, ist das Fleischessen in doppelter Hinsicht problematisch. Erstens wegen der Wiedergeburt und zweitens, weil es sich dabei um Völlerei und illegitimen Genuss handelt.

Fritz: Wir hatten gesagt, dass sich der Mensch in seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung immer mehr von den Tieren entfremdet hat, kraft seiner Intelligenz nimmt er schon bald eine Sonderstellung ein, vor allem in den monotheistischen Religionen ist der Mensch das Maß aller Dinge. Irgendwann fängt der Mensch aber an, sich mit der Natur und seinem Verhältnis zu den Tieren mittels der Vernunft zu beschäftigen. Das haben erstmals die griechischen Philosophen in der Antike getan. Wie haben Sie die Natur und den Menschen im Verhältnis zu den Tieren gesehen?

Precht: Die große Wende kommt, wir würden sagen durch Heraklit, durch die Vorstellung, es gäbe einen göttlichen Logos, der irgendwo jenseits der Welt wirkt, aber auf die Welt einstrahlt und der exklusiv die menschliche Seele erleuchtet, wenn ich denn vernünftig und klug genug bin. Damit wird der Mensch etwas ganz Exklusives. Und Teile dieses religiösen Glaubens, dass der Mensch etwas Besonderes ist, weil er an einem Weltlogos, an einer Weltvernunft Anteil hat; der wandert nachher in die Seelenlehre des Christentums ein. Und der bestimmt bis heute unsere Vorstellung von der exklusiv menschlichen Seele, die von Anfang an etwas völlig anderes und Unverwechselbares ist und mit den Tieren nichts zu tun hat. Denn, wie Thomas von Aquin sagte: „Die Seele des Tieres ist der Unsterblichkeit nicht teilhaftig, weil sie der Vernunft nicht teilhaftig ist.“

Fritz: Aber mit der Entdeckung der Vernunft kommt auch die Wissenschaft in die Betrachtung der Natur.

Precht: Ja, das beginnt so im 16./17. Jahrhundert, als man anfängt die Natur systematischer zu erforschen. Das hatte in der Antike Aristoteles schon einmal gemacht und dann klafft ein ganz, ganz, ganz langes Loch und dann beginnt es so langsam in der Barockzeit, dass man versucht die Natur zu klassifizieren. Zu Beginn der Aufklärung wird Carl von Linné, der bedeutende schwedische Naturforscher, als erster so eine Inventarliste der Natur anlegen und alles entsprechend systematisieren. Da stellte sich eben eine Frage, die sich auch schon Aristoteles gestellt hat, nämlich, dass es zwar sein mag, dass der Mensch diesen wunderbaren Logos und eine Vernunftseele hat, aber dass er dem Affen doch sehr, sehr ähnlich sieht. Und händeringend sucht er jetzt nach einem Unterscheidungsmerkmal, weil es ja schon seltsam ist. Auf der einen Seite, grenzt sich der Mensch durch die Vernunftseele völlig von der Tierwelt ab, aber andererseits ist er den Tieren unglaublich ähnlich.

Fritz: Viele Naturforscher und Philosophen des 18. Jahrhunderts sind trotz Aufklärung geprägt von der christlichen Theologie. Darin wird alle Entwicklung in der Natur auf Gottes klugen Schöpfungsplan zurückgeführt; das menschliche Bewusstsein ist die Krönung der göttlichen Schöpfung; trotzdem ändert sich mit der Aufklärung das Verhältnis zum Tier. Das Empfinden von Mitleid mit der geschundenen Kreatur kehrt zurück ins Denken der Menschen. Inwiefern wirkt es sich aus?

Precht: Ja, also man kann ja viel Kritisches sagen über die Versachlichung der Tiere im Judentum und im Christentum, aber ein Wort wie Mitgeschöpf verdankt sich ja auch religiösem Kontext, nämlich dem protestantischen Nonkonformismus. Wir sind jetzt im 17. Jahrhundert. In diesem Jahrhundert beginnen protestantische Sekten wie die Puritaner, dann später die Quäker und die Pietisten, einen anderen Umgang mit dem Tier zu pflegen. Dafür haben sie einen theologischen Grund. Sie sind der Überzeugung, dass die Erbsünde Adams nicht nur das Leid der mühseligen Arbeit und der Plackerei über den Menschen gebracht hat, sondern ungerechtfertigter Weise auch die Tiere in Mitleidenschaft gezogen hat. Auch die Tiere müssen sterben, auch die Tiere gebären unter Schmerzen, also alles das, was als Strafe auf den Menschen zugekommen ist, nachdem er aus dem Paradies vertrieben wurde. Und deswegen empfinden sie die Tiere als Teil einer Schicksalsgemeinschaft. Alle sind von der Erbsünde betroffen – und das rückt Mensch und Tier wieder näher zueinander und in diesem Kontext entsteht das Wort Mitgeschöpf, also die Vorstellung, wir haben alle ein gemeinsames Los auf Erden, aus dem wir erlöst werden müssen.

Fritz: Und mit diesem Gedanken der Mitgeschöpflichkeit entsteht letztlich auch der Tierschutz.

Precht: Der Tierschutz entstammt tastsächlich dem Pietismus und dem Puritarismus. Er entsteht als erstes der Bewegung in England, aber Anfang des 19. Jahrhunderts dann auch in Deutschland. Und die Tierschutzvereine entspringen genau dieser pietistischen Mentalität: Tiere als Mitgeschöpfe verdienen unseren Schutz und ihr Leiden muss verringert werden, wir sollten ihnen gegenüber nicht allzu barbarisch auftreten. Damit beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts der Tierschutz.

Fritz: Im 20. Jahrhundert wird der Tierschutz ein immer stärkeres Argument. Es entstehen immer mehr Tierschutzvereine, aber es werden auch Stimmen laut, die nicht mehr nur den Schutz, sondern auch Rechte für Tiere fordern. Massentierhaltung, Tierversuche, Pelztierfarmen, Zoos, die Jagd gehören nach Ansicht der Tierrechtsbewegung heute abgeschafft. Wie argumentieren die Tierrechtler?

Precht: Tierrechtler argumentieren heute mit Argumentationen, die wir zum Teil schon Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert finden. Die entscheidende Frage wird jetzt sein, geht es darum ob Tiere denken können oder geht es eher darum, dass sie genauso empfinden oder ähnlich empfinden können wie wir? Darauf basiert der Tierrechtsgedanke, der dann vor allen Dingen durch Peter Singers Buch „Animal Liberation“, wir sind jetzt in den 1970er Jahren, aktualisiert wird. Sein entscheidender Gedanke ist, dass alles was leidensfähig und auch bis zu einem gewissen Sinne bewusstseinsfähig ist, ethisch berücksichtigt werden muss. Es kann ja nicht sein, dass ein Schimpanse, der mehr Bewusstsein und möglicherweise auch mehr Leidensfähigkeit hat als ein neugeborener Säugling nicht in die Ethik aufgenommen wird, der Säugling hingegen schon.

Fritz: Was könnten Ihrer Ansicht nach die Kriterien einer modernen Tierethik sein?

Precht: Es gibt in der klassischen Tierrechtsphilosophie zwei Argumente, Tiere zu achten. Das eine ist, weil sie leidensfähig sind, und das andere ist, weil sie ein Bewusstsein haben, dass in vielem Ähnlichkeit mit dem Menschen hat.Beide Argumente haben einige tückische Stellen. Also, wenn ich jetzt Tiere züchten würde, Hühner züchten würde, die kein Schmerzempfinden haben, dann müssten Legebatterien eigentlich völlig in Ordnung sein. Das ist, glaube ich, jedoch nicht das, worauf Tierrechtler hinauswollen, aber es zeigt, dass die Argumentation brüchig ist. Das zweite Argument ist, dem Menschen möglichst ähnlich sein. Das heißt: Schimpansen gehören in die Tierethik, und bei Hühnern sind wir uns da nicht so sicher. Da messen wir ja wieder mit menschlichem Maßstab. Wir machen uns wieder ganz anthropozentrisch zum Maßstab.  Daher plädiere ich für eine Ethik des Nichtwissens. Ich plädiere nicht dafür, mit holzhackerischer Sicherheit zu sagen, wer wie viel Bewusstsein hat und wie leidensfähig auch immer ist, sondern überall, wo wir komplexe Formen von Leidensfähigkeit und von Bewusstsein vermuten können, sehr, sehr vorsichtig umzugehen und wirklich zu überlegen, was wir glauben, uns selbst und den Tieren zumuten zu können.

Fritz: Bei allen Argumenten für eine solche moderne Tierethik spricht doch der Arten-Egoismus der Menschen und die fehlende Lobby der Tiere dagegen. Welche Chancen sehen Sie, eine moderne Tierethik in absehbarer Zeit gesellschaftspolitisch durchzusetzen?

Precht: Ich sehe die Chancen sehr gut. Ich glaube nicht an einen menschlichen Art-Egoismus. Ich halte das für eine seltsame Erfindung, ich glaube sie geht auf Richard Dawkins zurück, den britischen Zoologen und populären Wissenschaftsautor. Einen Art-Egoismus gibt es mit Sicherheit nicht. Denn wenn es den gäbe, dann hätten wir jetzt in Syrien keinen Krieg. Es gibt also keinen Art-Egoismus des Menschen, es gibt nur so etwas wie einen Nahhorizont, wo mir die Lebewesen wichtiger sind als außerhalb. Viele Menschen lieben ihren eigenen Schäferhund mehr als fremde Leute. Das zeigt, dass die Grenze nicht die Art ist, sondern die Frage, was wir zum Teil mit unserer eigenen Welt machen. Für was empfinden wir Verantwortung? Und wofür wir Verantwortung empfinden, das achten wir höher, als das, was irgendwo weit draußen und woanders passiert. Ich glaube, das ist die Grenze.

Die Grenze liegt gar nicht zwischen Tier und Mensch. Und die Frage ist, inwieweit können wir die Reichweite unseres Mitgefühls gesellschaftlich stärker auf Tiere ausweiten? Und wir stellen ja im Laufe der letzten 200 Jahre fest, dass wir die Reichweite unseres Mitgefühls ständig ausgeweitet haben. Also weiße Männer haben die Reichweite ihres Mitgefühls ausgeweitet darauf, dass sie zum großen Teil die Sklaverei für falsch halten. Sie haben die Reichweite ihres Mitgefühls auf Frauen ausgeweitet, was ihnen sehr, sehr schwer gefallen ist und was tausende von Jahren Kampf gekostet hat.

Fritz: Aber nicht ganz ohne Druck, muss man dazu sagen.

Precht: Naja, gut, aber sie hätten die Macht gehabt, es zu verhindern. Aber die Reichweite des Mitgefühls wurde größer. Der Druck wurde immer stärker – und das ist bei den Tieren letztlich genau das Gleiche. Also, die Frauenbewegung hat sich nicht durchgesetzt, weil engagierte Frauen dafür gekämpft haben, sondern sie hat sich durchgesetzt, weil sie mit den Vorstellungen einer liberalen ethischen Gesellschaft einfach nicht mehr vereinbar war. Und ich glaube, dass vieles von dem, was wir heute gegenüber Tieren machen, mit unseren Vorstellungen von Moral, von Liberalität, von Gesellschaft, von Sensibilität einfach nicht mehr vereinbar ist. Und deswegen bin ich sehr optimistisch, dass wir auch noch weiter vorankommen.

Quelle: deutschlandfunk.de

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