Bewegende Worte des freigesprochenen ARIWA-Rechercheaktivisten Erasmus Müller

„Frau Vorsitzende, sehr geehrte Damen und Herren,

ich weiß nicht, ob Sie das kennen: Sie wachen nachts auf, wälzen sich schlaflos in irgendwie unbequemen Kissen, die Matratze ist zu hart oder zu weich, die Luft im Raum kommt Ihnen stickig vor, ein bisschen Durst haben Sie auch, und durchs gekippte Fenster dringt Lärm von draußen. Was hilft? Aufstehen und trinken? Das Fenster schließen? Die Kissen neu aufschütteln? Oder mal das Bein in die andere Richtung abspreizen?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber spätestens in diesem Moment ist es für mich mit dem Schlaf endgültig vorbei, denn dann fällt mir ein, in welcher Situation im selben Augenblick die Tiere stecken, die wir vielleicht im Laufe dieses Prozesses noch auf Aufnahmen sehen werden. Meine Matratze ist zu hart? Ich kann es ja mal auf Betonspaltenboden versuchen. Die Luft ist stickig? Vielleicht merke ich das nicht mehr, wenn mir das Ammoniak aus meiner offenen Fäkaliengrube unterm Bett in die Nase steigt. Die Nachbarn machen zu viel Krach? Viel Spaß bei dem Versuch, die fünfhundert Schweine in den anderen Buchten und Kastenständen daran zu hindern. Die Arme ausstrecken, ein Bein anders abwinkeln? Oh, ich stecke ja in einem körperengen Käfig, da muss ich mich zwischen Arm ausstrecken und zum Schlafen hinlegen schon entscheiden.

Wir Menschen differenzieren unseren Alltag völlig zurecht in einer wunderbaren Weise. Möchte ich heute Mittag wieder bei meinem Lieblingsitaliener essen oder ist mir zur Abwechslung mal nach Chinesisch? Am Badesee noch etwas in der Sonne liegen oder ein zweites Mal ins Wasser? Lieber mal einen Abend alleine gemütlich im Sessel verbringen, mit Freundinnen ausgehen oder mit dem kleinen Neffen telefonieren? Bin ich in der Stadt noch zufrieden, oder will ich doch endlich aufs Land ziehen?

Klar haben Schweine andere Bedürfnisse und eine andere Wahrnehmung als Menschen. Aber im Prinzip wollen, da bin ich mir absolut sicher, auch Schweine ihr Leben in jeder Minute nach ihren eigenen inneren Bedürfnissen gestalten. Ein kurzer Gedanke an die mit den Hausschweinen verwandten Wildschweine reicht, um sich das vor Augen zu führen: Was essen? Wo aufhalten? Sich mit wem umgeben? Welcher Tätigkeit nachgehen?

Jetzt stellen Sie sich vor, ein wahnsinniger Diktator befiehlt Ihnen, dass ab jetzt nur noch beim Italiener gegessen wird, jeder nur noch einmal pro Tag ins Wasser springen darf, abends muss stets eine Partie Monopoly gespielt werden, Ihre Eltern kriegen Sie nur noch zweimal im Jahr zu sehen und die Stadt, in der Sie leben müssen, wird Ihnen per Lotterie zugelost. Würden Sie da nicht auf die Barrikaden gehen? Und das ist noch nicht annähernd die monotone, triste Alltagshölle, die wir Abermillionen Schweinen in Anlagen wie Sandbeiendorf als sogenanntes „Leben“ aufzwingen.

Und während wir Menschen noch über Becks oder Krombacher, über Chianti oder Bordeaux in uns reinhorchen, während wir in diesen Minuten hier im Gerichtssaal über Recht und Gerechtigkeit nachdenken, stehen in Sandbeiendorf immer noch tausende von Sauen in Kastenständen. Jede einzelne Sekunde. Jeden einzelnen langen Atemzug. Jede einzelne Minute, jede einzelne Stunde und jeden endlosen Tag. Seit unseren Aufnahmen von 2013 und seit lange davor. Einige der Sauen von damals sind noch am Leben. Alles, was Sie, wertes Gericht, seit 2013 gemacht und getan haben, all diese zahllosen Erlebnisse und Entscheidungen – währenddessen vegetieren immer noch dieselben Tiere, die Sie auf unseren Aufnahmen sehen, abwechselnd in körperengen Käfigen und verkoteten Betonbuchten vor sich hin.

Ich weiß, dass es wirkt, als würde ich am Thema vorbeireden. Hier stehe ich wegen Hausfriedensbruch vor Gericht und nicht etwa die Tierhaltung in Deutschland wegen unmenschlicher Grausamkeit. Aber würden Sie das auch so sehen, wenn Sie zufällig nicht als Sie selbst, sondern als Sau nach Sandbeiendorf geboren worden wären? Klar, dann würden Sie von all dem hier nichts wissen und verstehen. Aber als die, die Sie jetzt sind, Hand aufs Herz: Wären Sie nicht froh, wenn nach einem fiktiven Rollentausch mit der Kastenstandssau dieses Gericht die unfassbare physische und psychische Belastung, der Sie ausgesetzt sind, in seiner Abwägung berücksichtigt? In der Abwägung darüber, welche Rechtsgüter hier miteinander kollidiert sind? Wie gravierend der Schaden auf der jeweiligen Seite ist? Und ob das, was wir Angeklagten getan haben – lediglich abzubilden und öffentlich zu machen, was fühlende Wesen hinter Betonmauern tagein tagaus erdulden müssen – wirklich nach den Gesetzen eines zivilisierten Landes verurteilt werden muss?

Ich würde mir gerne einfach ein schönes Leben machen, in welchem ich nicht nachts durch an Horrorfilme erinnernde Hallen laufe. Ich würde gerne niemandem auf die Füße treten, denn aufgrund meiner Erziehung bereitet mir das Unbehagen. Es beschäftigt mich, dass es Menschen gibt, die mich wegen meiner Filmaufnahmen hassen. Ich möchte gerne mit allen auskommen. Und mich einfach tagsüber meinem durchaus erfüllenden Leben widmen. Wenn mein Gewissen das doch einfach zuließe. Wenn ich bloß nachts wie alle anderen die Existenz der Tiere hinter den Betonmauern verdrängen, die Augen der zahllosen Schweine, die in meine geblickt haben, vergessen könnte.

Bis mir das gelingt, arbeite ich halt an der Alternative: Dass wir Menschen eines Tages den Kreis unserer Empathie so weit ausgeweitet haben, dass wir selbstverständlich auch anderen fühlenden Tieren ihr Leben so lassen, wie sie es eben selbst führen möchten. Vielleicht muss dann schon in der Generation meiner Nichten und Neffen niemand mehr so einer unschönen nächtlichen Beschäftigung nachgehen wie ich. Vielleicht können wir dann alle nachts einfach schlafen. Ich bin guter Dinge, dass es dann auch bei mir mit simplem Kissenaufschütteln getan sein wird.”

So weit die bewegenden Worte eines mitfühlenden und grossartigen Tierrechtsaktivisten. Und übrigens: Das Gericht entschied zugunsten der Rechercheaktivisten und sprach alle drei, nach §34 StGB „Rechtfertigender Notstand“, frei. Wie begrüßenswert, dass ein Gericht in Deutschland das Leid von Schweinen erstmals als „gewichtigen Notstand“ anerkannte.

Hier die Hintergründe zum Prozess

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2 Kommentare zu “Bewegende Worte des freigesprochenen ARIWA-Rechercheaktivisten Erasmus Müller

  1. Sehr gute Rede.
    Ich kann nur hoffen, dass sie auf offene Ohren traf.
    Wie oft habe ich mir schon gewünscht, die Menschen hätten offene Augen, offene Ohren und ein weites Herz, damit sie endlich mitfühlen und begreifen, was sie den Tieren antun.

    Erasmus Müller könnte etwas bewegt haben. Dafür danke ich ihm!

  2. Ein großartiges, berührendes Plädoyer von Erasmus Müller!

    Dieses müßte auch in den Massenmedien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das wird aber nicht passieren, denn die Aufgabe der Massenmedien ist die Volksverdummung. Der Pegida-Spruch trifft den Nagel auf den Kopf: „Lügenpresse“!

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