Die Seele der Tiere

„Man sagt: Es ist immer so gewesen. Es muss so sein. Gott will es. Es steht auch in der Bibel. Wir haben das Fleischessen ererbt von unseren Vätern. Schon die alten Germanen und die ersten Menschen haben Fleisch gegessen. Fleisch schmeckt gut. Fleisch ist auch gut, denn das Fleisch macht und erhält gesund. Ohne tierisches Eiweiss wird man krank, unterernährt. Im Fleisch ist alles drin. Das Tier ist dazu geschaffen, dass es allen dient und sich opfert und wir Menschen sind dazu da, die Tiere aufzuessen, damit sie nicht überhand nehmen und auch aus Mitleid mit der immer notleidenden Landwirtschaft. Die Tiere haben keine Seele und damit auch kein Recht auf Dasein, sie sind zu verkaufen und zu verwerten wie Sachen. Sie wissen angeblich nicht um ihren bevorstehenden Tod, sie werden schnell, human, wissenschaftlich getötet“.

Soweit die Standardargumente, wie sie der evangelische Theologe Carl Anders Skriver zusammenfasste und dann folgerichtig analysierte „ Tiere dürfen keine Seele haben, damit sie entwertet und entrechtet werden können und wir keine Schuld zu fühlen brauchen, wenn wir sie umbringen“. Die entsprechende paulinische Aufforderung findet sich im 1Kor 10, 25: „Alles, was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nicht, auf daß ihr das Gewissen verschonet.“

Wer liefert das Rüstzeug solch moralischer Ungeheuerlichkeiten? Wer ist der geistige Brandstifter, der den täglichen Massenmord an leidensfähigen, sensibel empfindenden Wesen legitimiert und in Rechtschaffenheit und Normalität, in Gesetz und Moral umdeutet, umbiegt, umlügt?

Im griechischen Kulturkreis hatte sich in verschiedenen philosophischen Schulen eine völlig andere, wesentlich höherstehende Ethik und Denkweise den Tieren gegenüber herausgebildet.  So lehnten die Orphiker, die ihre Lehren auf Schriften des mythischen Sängers Orpheus zurückführten, bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. den Fleischkonsum ab. Dieser Denkweise schlossen sich die asketisch lebenden Kyniker, eine philosophische Richtung der griechischen Antike, die im 5. Jahrhundert vor Christus von Antisthenes begründet wurde, an. Kernpunkt ihrer Lehre war die Bedürfnislosigkeit.

Nachdrücklich setzten sich der Philosoph und Mathematiker Pythagoras von Samos (ca. 570-510 v. Chr.) und der Arzt, Priester und Dichter Empedokles , 494  v. Chr. im heutigen Agrigent geboren, 434  v. Chr. vermutlich auf dem Peloponnes gestorben, für eine tierfreundliche und vegetarische Lebensweise der Menschen ein. Es sei „die größte Befleckung“ für den Menschen, „Leben zu entreißen und edle Glieder hineinzuschlingen“, so Empedokles.

Platon (428/427 v. Chr. bis 348/347 v. Chr. ) mit seiner Annahme der Unsterblichkeit auch der tierischen Seele, die Gedankenwelten des Empedokles sowie die Ethik der Pythagoreer bis hin zu den hohen moralischen Ansprüchen der Neuplatonikern, insbesondere von Plotin und Porphyrios, waren in ihrem Denken, ethischen Handeln und gleichzeitig in ihrer demütigen Einordnung ins Naturgeschehen Lichtjahre der archaisch christlichen Moral voraus. Man lese nur Plutarchs Anmerkung zu Pythagoras, eine Denkkategorie, die der Bibel absolut fremd geblieben ist, eine Denkkategorie auch fremd der heutigen Kirchenrealität.

„Könnt ihr wirklich die Frage stellen, aus welchem Grunde sich Pythagoras des Fleischessens enthielt? Ich für meinen Teil frage mich, unter welchen Umständen und in welchem Geisteszustand es ein Mensch das erste Mal über sich brachte, mit seinem Mund Blut zu berühren, seine Lippen zum Fleisch eines Kadavers zu führen und seinen Tisch mit toten, verwesenden Körpern zu zieren, und es sich erlaubt hat, die Teile, die kurz davor noch gebrüllt und geschrien, sich bewegt und gelebt haben, Nahrung zu nennen. Es handelt sich gewiss nicht um Löwen und Wölfe, die wir zum Selbstschutz essen – im Gegenteil, diesen Tieren schenken wir gar keine Beachtung; vielmehr schlachten wir harmlose, zahme Geschöpfe ohne Stacheln und Zähne, die uns ohnehin nichts anhaben könnten. Um des Fleisches willen rauben wir ihnen die Sonne, das Licht und die Lebensdauer, die ihnen von Geburt an zustehen. Wenn ihr nun behaupten wollt, dass die Natur solche Nahrung für euch vorgesehen hätte, dann tötet selbst, was ihr zu essen gedenkt – jedoch mit euren naturgegebenen Mitteln, nicht mit Hilfe eines Schlachtmessers, einer Keule oder eines Beils.“

Der griechische Philosoph Plotin  (ca.205 bis ca. 270) gilt als der Hauptvertreter des Neuplatonismus. Plotin und sein aus Tyros stammender Schüler Porphyrius (ca. 232-301), den selbst Augustinus als „ doctissimus philosophorum“ bezeichnete, entwickelten ein großes, ethisch hoch stehendes Gedankengebäude alles Seienden. In seinem grundlegenden Werk „Peri apoches empsychon, d.h. über die Enthaltung vom Verzehr beseelter Wesen“ nahm Porphyrios mit „ dem ganzen Altertum ein Beseeltsein der Tierwelt an und zwar in dem Sinne, dass die Seele ein vom Körper unabhängiges Wesen sei, ein Teil gleichsam der Weltseele, aber eine eigenartige Selbstständigkeit und ewiges Sein bewahrend“ , wie D. Weigt in seinem Porphyrioskommentar ausführt.

Plotin lehrte in Fortsetzung der platonischen und pythagoreischen Seelenwanderungslehre, dass die Menschenseele sich durch ein ethisches Leben innerhalb von Tierkörpern wandeln muss, bis sie würdig zur Rückkehr in den Himmel wird.

Der Aufenthalt von Menschenseelen in Tierkörpern war insbesondere bei Plotin das entscheidende Argument gegen die Sarkophagie, d.h. gegen die Fleischfresserei, da man zum einen irgendwann selber einmal gegessen werden konnte, zum anderen nicht wusste, welche verwandte Seele sich gerade in dem gegessenen Tierkörper befindet.

Porphyrios lehnte dieses Argument ab und argumentierte, dass „ Tiere dem Menschen ähnliche, mit selbständiger, unsterblicher Seele begabte Wesen seien, von deren Genuss sich zu enthalten ein Grundkapitel der pythagoreischen – und neupythagoreischen – essenischen, neuplatonischen , speziell aber der porphyranischen Ethik ist“( D.Weigt).

Porphyrios selbst fasste die Lehre in folgende Worte :

“Die Pflanzen zu geniessen, Feuer und Wasser zu gebrauchen, zu unserem Nutzen und zu unserer Erhaltung die Wolle und die Milch der Herden zu verwenden, die Rinder zu zähmen und anzuschirren – dies hat die Gottheit gestattet: aber Tieren die Kehle abzuschneiden, sich mit ihrem Mord zu besudeln und sie zu kochen, nicht etwa aus Not und um unser Leben zu erhalten, sondern aus Wollust und Genußsucht: das ist über alle Massen schlecht und abscheulich“.

Es ist in der Folgezeit die christliche Moral, die anthropozentrische Herrenmoral, die in ihrem Anspruch so unglaublich hinter der Gedankenwelt der Antike, hinter dem Denken und Wissen vorchristlicher Philosophie zurückbleibt, die den Menschen als gleichwertiges Glied, nicht als übergeordnetes Glied in die Natur einreihte. Es ist das anmassend – überhebliche dreistufige System des Christentums- übrigens auch des Judentums und des Islams- erst Gott, dann Mensch, zuletzt Natur und Tierwelt , das unseren Planeten in ein Schlachthaus verwandelte. Es ist das Christentum, das den Menschen von seinen Mitgeschöpfen trennt, Grundlagen für die heutige Barbarei schafft .

Genesis 9, 2 und 3: „Seid fruchtbar, mehret euch und füllet die Erde. Furcht vor euch und Schrecken sei bei allen Erdentieren, bei allen Himmelsvögeln, bei allem, was auf dem Erdboden kriecht und bei allen Fischen des Meeres, in eure Hand sind sie gegeben! Alles was sich regt und lebendig ist, diene euch zur Nahrung.“

Es ist die Wahnvorstellung der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott, ein nicht zu überbietender Irrsinn an Überheblichkeit, an Grössenwahn, an Selbstüberschätzung, an intellektueller Unredlichkeit, an Perversion der Vernunft.

Allerdings relativierte der Kirchenlehrer Augustinus diese Aussage auf eine abgemilderte Idiotie : “Der Mensch ist ein gewisses Mittleres, aber zwischen den Tieren und Engeln. (homo medium quoddam est, sed inter pecora et angelos , de civitate dei 9,13)“. Hier drängt sich spontan die nicht zum Thema gehörende Frage auf, was mit den vorchristlichen Engeln der Griechen und Römer geschehen ist. Sind sie zum Christentum konvertiert? Oder ist jedweder Glaube an Engel pervertiert?

Mit Furcht und Schrecken soll das Ebenbild Gottes, der Mensch, über seine tierischen Mitgeschöpfe herrschen. „Alles, was sich regt und lebt, sei eure Speise – zwar ein  „Kulturbefehl“ angeblich, tatsächlich das umfassenste Unterjochungs- und Todesverdikt der Geschichte, infernalischer Auftakt der Deformierung eines Sterns zum Schlachthaus“ schreibt  Karl Heinz Deschner. Für die Tiere kennt diese neue Religion keinen Himmel, und auf der Erde beginnt für sie nun eine beispiellose Leidenszeit.

Aber gehen wir weiter in grossen Sprüngen durch die Historie der Tierentrechtung, durch die Historie der endgültigen Manifestation des anthropozentrischen Denkens.

Als ersten Meilenstein der neuen Denkwelt treffen wir auf Augustinus von Hippo (354 – 430), einer der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer an der Schwelle zwischen Antike und Mittelalter. Er war zunächst Rhetor in Thagaste, Karthago, Rom und Mailand. Von 395 bis zu seinem Tod war er Bischof von Hippo Regius; er gilt als Kirchenvater und Heiliger.

Ohne weiter auf sein Leben einzugehen, das in zahllosen Publikationen nachlesbar ist, genügen zwei Zitate zur Charakterisierung für den Begründer des „bellum iustum“, des „gerechten Kriegs“.

So schreibt Augustinus selbst: “ Was aber liegt daran, mit welcher Todesart dies Leben endet? „ und „Es ist ja, das weiß ich, noch niemand gestorben, der nicht irgendwann einmal hätte sterben müssen“ sowie „Was hat man denn gegen den Krieg? Etwa daß Menschen, die doch einmal sterben müssen, dabei umkommen?“

Was bleibt nach dieser Entlarvung noch den Worten des genialen Friedrich Nietzsche in seinem „Antichristen“ hinzuzufügen:

„Die versteckte Rachsucht, der kleine Neid Herr geworden! Alles Erbärmliche, An-sich-Leidende, Von-schlechten-Gefühlen-Heimgesuchte, die ganze Ghetto-Welt der Seele mit einem Male obenauf. – Man lese nur irgendeinen christlichen Agitator, den heiligen Augustin zum Beispiel, um zu begreifen, um zu riechen, was für unsaubere Gesellen damit obenauf gekommen sind. Man würde sich ganz und gar betrügen, wenn man irgendwelchen Mangel an Verstand bei den Führern der christlichen Bewegung voraussetzte – o sie sind klug, klug bis zur Heiligkeit, diese Herren Kirchenväter! Was ihnen abgeht, ist etwas ganz anderes. Die Natur hat sie vernachlässigt – sie vergaß, ihnen eine bescheidene Mitgift von achtbaren, von anständigen, von reinlichen Instinkten mitzugeben … Unter uns, es sind nicht einmal Männer.“

Dem Kirchenlehrer Augustinus verdankt die Welt, insbesondere die Tierwelt, überdies noch die eigenwillige und lebensverachtende, pervertierte Auslegung des 5.Gebots “Du sollst nicht töten“ . Augustinus stellte fest, dass es für die gesamte Natur einschliesslich der gesamten Tierwelt  von vornherein nicht gilt. Es verbiete weder „einen Busch auszureißen“, noch betreffe es „die unvernünftige Tierwelt“, die lediglich durch „Leben und Tod unserm Nutzen dienen muß“ war seine lebensverachtende Feststellung. Die Tiere erscheinen demgegenüber als „Gegenbild der menschlichen Auserwähltheit“ (S. Walden).

Augustinus polemisiert, das qualvolle Sterben der Tiere „tangiert den Menschen nicht, denn das Tier entbehrt einer vernünftigen Seele und ist deshalb nicht mit uns durch eine gemeinsame Natur verbunden“. Sich gar „von der Tötung von Tieren und der Zerstörung von Pflanzen zurückzuhalten“ sei nach Augustinus „der Gipfel des Aberglaubens“. Ohne Skrupel verstösst Augustinus gegen den absoluten Kommentar zum 5. Gebot, der in Jes. 66, 3 eindeutig lautet: „Wer einen Ochsen schlachtet, ist eben als der einen Mann erschlüge …. Solches erwählen sie in ihren Wegen, und ihre Seele hat Gefallen an ihren Greueln.“

Der Mensch aber erscheint Augustin „auch im Stande der Sünde fürwahr immer noch besser als das Tier“, das Geschöpf „niedrigsten Ranges“! Im Vegetarismus erkannte er „eine gottlose Ketzermeinung“. Massenmord an Tieren, alle Quälereien und Verbrechen an diesen Wesen wird in der Kirchengeschichte zu einer lässlichen Sünde, Ehebruch hingegen zur Todsünde!

Bevor der Kirchenvater Augustinus diese verhängnisvolle Entwicklung begründete, hat es eine völlig andere Sicht der Dinge bei einigen Kirchenlehrern gegeben, die auch den ersten Schöpfungsbericht, die sogenannte Priesterschrift, miteinbezog „Und Gott sprach: Seht da, ich habe euch gegeben allerlei Kraut, das sich besamt, auf der ganzen Erde und allerlei fruchtbare Bäume, die sich besamen, zu eurer Speise“ (Gen 1, 28-29)

So schrieb der griechische Kirchenschriftsteller und Kirchenlehrer Clemens von Alexandrien (ca. 150 bis 215): „Demgemäß lebte der Apostel Matthäus von Samenkörnern, hartschaligen Früchten und Gemüse ohne Fleisch. Und Johannes, der die Mäßigkeit im äußersten Grade übte, aß Blattknospen und wilden Honig“.

Als die Christen beschuldigt und angeklagt wurden, Menschenopfer zu erbringen, entgegnete der Kirchenvater Quintus Septimus Tertullianus (wohl 160 – 221) in dem Bewusstsein, dass er seinen Kopf riskiere: „Wie soll ich es bezeichnen, dass ihr glaubt, wir seien nach Menschenblut begierig, da ihr doch wisst, dass wir das Tierblut verabscheuen.“

Der Erzbischof von Caesarea, Basilius der Große (330 – 379), Kirchenvater und Patriarch der orientalischen Mönche, lebte ebenfalls im umfassenden Frieden mit den Tieren, deren Fleisch er niemals zu verspeisen gedachte:  „Solange man mäßig lebt, wird das Glück des Hauses sich mehren. Die Tiere werden sich in Sicherheit befinden; man wird kein Blut vergießen, keine Tiere töten. – Die Tafel wird nur bedeckt mit Früchten, welche die Natur  spendet, und man wird sich damit genügen lassen. Johannes der Täufer hatte weder Bett noch Tisch noch Erbteil, noch Rind noch Getreide noch Bäcker noch irgendwelche notwendigen Lebensbedürfnisse; daher verdiente er das Lob, welches der Sohn Gottes ihm zollte, dass er der größte aller Menschenkinder sei. Man kann schwerlich die Tugend lieben, wenn man sich an Fleischgerichten und Festmahlen erfreut.“

Hieronymus (ca. 348–420, also Zeitgenosse des Augustinus) nahm eine herausragende Stellung unter den Puristen ein. Der Fall Hieronymus ist typisch für die Unterschlagung der vegetarischen Lebensweise bedeutender Christen durch die Kirche(n). In den Lexika und Kirchengeschichten heißt es allenfalls, er sei „Asket“ gewesen. In Wirklichkeit war seine streng vegane Lebensweise Dreh- und Angelpunkt seines gesamten Geistes- und Gottesverständnisses.

Hieronymus ist die tiefste christlich-theologische Begründung des Vegetarismus überhaupt zu verdanken: „Der Genuss des Tierfleisches war bis zur Sintflut unbekannt; aber seit der Sintflut hat man uns die Fasern und die stinkenden Säfte des Tierfleisches in den Mund gestopft; wie in der Wüste warf man dem murrenden, sinnlichen Volk Wachteln vor. Jesus Christus, welcher erschien, als die Zeit erfüllt war, hat das Ende wieder mit dem Anfang verknüpft, so dass es uns jetzt nicht mehr erlaubt ist, Tierfleisch zu essen.“

Gregor von Nazianz, Kirchenvater von Kappadozien (ca.329-390), prangerte an: „Die Schwelgerei in Fleischgerichten ist ein schändliches Unrecht, und ich wünsche, dass ihr vor allen Dingen bestrebt sein möget, Eurer Seele eine Nahrung zu reichen, welche ewige Dauer hat“.

Knapp 900 Jahre nach Augustinus finden wir den zweiten Meilenstein auf dem Weg in eine rein anthropozentrisch orientierte Denk- und Menschenwelt, die zweite Säule der christlichen Theologie, die zur endgültigen Entrechtung der Tiere, zum endgültigen Bruch mit dem Naturgeschehen führte. Ein Erbe, das Denken, Handeln und allgemeines Verhalten bis in unsere Tage geprägt hat.

Es war der Dominikaner Thomas von Aquin (1224 – 1274), „Doctor communis“, „Doctor universalis et angelicus“, „lumen ecclesiae“. Dieses „ Glanzlicht der Kirche“ gehört zu den bedeutendsten katholischen Kirchenlehrern, wird als Heiliger verehrt und ist seiner Wirkungsgeschichte nach ein Hauptvertreter der Philosophie des hohen Mittelalters, d. h. der Scholastik.

Wie bei Augustinus mögen zu seiner Charakterisierung zwei Zitate dienen, die lediglich exemplarisch ein Segment seines Wirkens umreissen. So äussert sich Thomas von Aquin folgendermassen zur Ketzerfrage:

„Was die Ketzer anlangt, so haben sie sich einer Sünde schuldig gemacht, die es rechtfertigt, daß sie nicht nur von der Kirche vermittels des Kirchenbannes ausgeschieden, sondern auch durch die Todesstrafe aus dieser Welt entfernt werden. Ist es doch ein viel schwereres Verbrechen, den Glauben zu verfälschen, der das Leben der Seele ist, als Geld zu fälschen, das dem weltlichen Leben dient. Wenn also Falschmünzer oder andere Übeltäter rechtmäßigerweise von weltlichen Fürsten sogleich vom Leben zum Tode befördert werden, mit wieviel größerem Recht können Ketzer unmittelbar nach ihrer Überführung wegen Ketzerei nicht nur aus der Kirchengemeinschaft ausgestoßen, sondern auch billigerweise hingerichtet werden“.

Diese Aussage bringt dann Christoph Daxelmüller in seinem “Lexikon des Mittelalters“ wie folgt auf den Punkt:

„Thomas von Aquin, der das augustinische Modell der These vom Teufelspakt aufnahm , systematisierte die heterogenen Elemente des Aberglaubens im Begriff der Hexen und der ketzerischen Hexerei. Seine Superstitionssystematik legte die theoretischen Grundlagen für die Lehre von Teufelsbündnis und Satanskult und trug dadurch wesentlich zur Entwicklung des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hexenwahns, der Hexenverfolgung und der Einrichtung der Inquisition bei“.

Führt man sich vor Augen, welche Dammbrüche der Menschlichkeit, welche unendlichen Leiden, Ungerechtigkeiten, welcher geistige und geistliche Wahnsinn durch dieses Denken über die Menschen des Mittelalters hereinbrach, so blieb von diesem „Licht der Kirche“ für die Tierwelt noch weniger zu hoffen- und genau so geschah es.

In „Summa theologica“ , besonders aber in „Summa contra gentiles, liber secundus“ und hier in den Kapiteln
63. Quod anima non sit complexio, ut posuit galenus.
64. Quod anima non sit harmonia.
65. Quod anima non sit corpus.
82. Quod animae brutorum animalium non sunt immortales.

finden sich die Aussagen, die schlagwortartig wie folgt lauten:

„Die Tierseele ist nicht fähig des Immerseins, im Tier findet sich keinerlei Verlangen nach Immersein, nur nach artlicher Dauer, sofern sich nämlich in ihm das Verlangen nach Zeugung findet, durch die sich die Art erhält .

In Tieren gibt es keine Sehnsucht nach Ewigkeit … Deshalb ist die Seele eines Tieres unfähig, an der Ewigkeit des Seins teilzuhaben“, „….also geht sie mit dem Körper zugrunde“ und „…dass die Tiere unsterblich seien, erscheint doch unwahrscheinlich (…erunt immortales, quod quidem improbabile videtur)“

So würde „das Leben der Tiere und Pflanzen erhalten, doch nicht um ihrer selbst willen, sondern des Menschen wegen“. Es spiele so auch keine Rolle, ob man Tiere gut oder schlecht behandle, und „keiner sündigt, indem er eine Sache zu dem verwendet, wozu sie bestimmt ist“, also z. B. ein Tier jagen, töten, schlachten, essen. Die Tiere seien „sprachlos“ und es gebe nichts in ihren Seelen, das „möglicherweise ohne einen Körper weiter existieren könne“.

Nach diesen Vorarbeiten des Augustinus und an diese bis heute in der römisch-katholischen Kirche verbindliche Lehre des geistigen Scholastikfürsten, des „Doctor universalis et angelicus“ Thomas von Aquin und an die vergleichbare Meinung eines Martin Luther (siehe unten), kann später der „Aufklärer“ Descartes (1596-1650) anknüpfen und sie ihres religiösen Zusammenhangs entkleiden, so dass sogar der kath. Theologe Joseph Bernhart schreibt: „Das arme Vieh ist auf unserem Weg vom Glauben zum Denken, gar zum Denken über das Denken übel weggekommen. Bei Descartes und Malebranche (1638 – 1715 ) ist ihm sein Elend im Namen unseres Verstandes besiegelt worden“ .

Bleibt hinzuzufügen, dass dieser Verstand aus dem christlichen Glauben herausgewachsen ist, der bis heute die irdische Tierhölle akzeptiert und sanktioniert. Auf diesem Boden wuchs die Meinung von Descartes „Das Tier ist kein denkendes Wesen, also hat es auch keine Seele“, er sah das Tier als Automaten, als Maschine ohne Seele. Malebranche pervertierte diesen Gedanken noch weiter und verkündete “Gott ist, also kann er das Tier nicht leiden lassen und also darf es keine Seele haben und ist als Maschine anzusehen.“

Die dargelegte Sicht des Thomas von Aquin ist auch von Luther, obwohl er ihn sonst scharf kritisierte, nicht in Frage gestellt worden. In seinem bis heute in der Evangelischen Kirche im Konfirmandenunterricht gebrauchten „Kleinen Katechismus“ findet sich kein Wort über die Tiere, weder im Zusammenhang mit dem 5. Gebot „Du sollst nicht töten“ noch im Zusammenhang der Erklärung des Glaubensbekenntnisses.

Im „Großen Katechismus“ findet sich dann bei der Erläuterung des 1. Artikels „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ folgender Passus:

„Was ist nun gesagt oder was meinst du mit dem Wort: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer etc.? Antwort: Das meine und glaube ich, dass ich Gottes Geschöpf bin, das ist, dass er mir gegeben hat und ohne Unterlass erhält Leib, Seele und Leben, Gliedmaßen klein und groß, alle Sinne, Vernunft und Verstand, und so fortan Essen und Trinken, Kleider, Nahrung, Weib und Kind, Gesinde, Haus und Hof etc., dazu alle Kreatur zu Nutz und Notdurft des Lebens dienen lässt, Sonne, Mond und Sterne am Himmel, Tag und Nacht, Luft, Feuer, Wasser, Erde und was sie trägt und vermag, Vogel, Fisch, Tier, Getreide und allerlei Gewächs“.

Da ist wieder diese bekannte Sicht: Die Tiere haben kein eigenes Recht, sie dienen nur der Ernährung des Menschen.

Im neuen Evangelischen Erwachsenenkatechismus (1993) spielen die Tiere keine Rolle. Auf den fast 900 Seiten steht kein Wort über Tierhaltung, Verzehr von Tieren, Tiertransporte, Tierversuche, Jagd usw. Er spricht von Tieren nur als „nicht-personalen Kreaturen“.

Und heute? Es ist wie es ist und es ist fürchterlich! Die Eskalation des Leides der gesamten Tierwelt ist uferlos, der Athropozentrismus christlicher Prägung hat jegliche Hemmung gegenüber unseren Mitwesen hinweggespült. Und wer meint, wir hätten die geistigen Abgründe der christlichen Spätantike, der Scholastik und der „ Aufklärer“ vom Schlage eines Descartes hinter uns gelassen, irrt, irrt zutiefst.

Pius IX (1792-1878) läutet mit diesen Worten dann die Neuzeit ein “ … der Mensch hat doch, was Tiere betrifft, keinerlei Pflichten …“ und Bischof Machens von Hildesheim verkündet in seinem Fastenbrief am 8.3.1949:
„Tiere haben keine geistige Seele und kennen kein Fortleben nach dem Tode. Darum haben sie auch keinerlei Würde, auf die sie Rechte bauen könnten. Und in der Tat, Tiere haben keine Rechte. Sie haben keinen Anspruch auf Dasein und Gesundheit, auf Eigentum und guten Ruf.“

Zur Frage „Besitzen Tiere eine Seele?“ verkündete Dr .theol. Adolf Fugel auf der Internetseite kreuz.net im März 2006 folgende Ungeheuerlichkeit:

„Einige Tierschützer gehen allerdings über eine berechtigte Sorge wesentlich hinaus. So gibt es ein esoterisches Gedankengut, das dem Tier nach dem Bild des Menschen sogar eine unsterbliche Seele zusprechen möchte. …….Worin unterscheiden sich aber Mensch und Tier? Durch den Geist, das heißt, durch seinen Willen und seine Vernunft. Darum ist der Mensch in der Lage zu denken und zu lernen…. Dagegen bleiben die Tiere auf der Stufe des triebhaften, unbewußten, sich stets wiederholenden Lebens….. Es fehlt den Tieren der Geist. ….Die Antwort auf unsere anfangs gestellte Frage kann darum nur lauten: Nein. Tiere besitzen keine Seele nach der Art des Menschen. …Der Heilige Thomas von Aquin hat darum die vegetative Seele der Pflanzen, die sensitive Seele der Tiere und die unsterbliche Vernunftseele des Menschen unterschieden…. Darum kann es weder ein Jenseits für Tiere geben noch dürfen einem Tier menschliche Eigenschaften zugesprochen werden.“

Dies sind die schrecklichen Fundamente, auf denen unsere heutige Welt, unser Denken gewachsen ist. „Das Elend der Tiere, dieser permanente Massenmord, der eigentlich auch nur jeden halbwegs Sensiblen um den Verstand bringen müsste, resultiert im jüdisch-christlichen Raum aus der ebenso albernen wie anmaßenden Bibellehre von der  Gottesebenbildlichkeit des Menschen, aus jenem arroganten Anthropozentrismus also, wonach dicht auf Gott der Mensch kommt und dann erst der Rest der Welt“ resümiert Karlheinz Deschner.

Voltaire empört sich und Schopenhauer konstatiert in gleichem Sinn:

„Die christliche Moral hat ihre Vorschriften ganz auf den Menschen beschränkt, die gesamte Tierwelt rechtlos gelassen. Man sehe nur, wie unser christlicher Pöbel gegen die Tiere verfährt, sie völlig zwecklos und lachend tötet, oder verstümmelt, oder martert, seine Pferde im Alter bis auf’s äußerste anstrengt, um das letzte Mark aus ihren armen Knochen zu arbeiten, bis sie unter Streichen erliegen. Man möchte wahrlich sagen: die Menschen sind die Teufel der Erde und die Tiere ihre geplagten Seelen.“

Für den Verursacher und Auslöser dieses Elendes,  dem Monotheismus und hier speziell dem Christentum, bleibt eine tiefe Verachtung, eine Verachtung, die Friedrich Nietzsche in die unsterblichen Worte gefaßt hat:

„Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren »humanitären« Segnungen zu reden! Irgendeinen Notstand abschaffen ging wider ihre tiefste Nützlichkeit: sie lebte von Notständen, sie schuf Notstände, um sich zu verewigen…“

Dr. Gunter Bleibohm
04.06.2009

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3 Kommentare zu “Die Seele der Tiere

  1. Ein großartiger Text!!!

    Bleibohm und Hoos sind hervorragende Denker, die alle anderen mir bekannten in den Schatten stellen. Ihnen gebührte ein großer Philosophenpreis, doch den bekommen leider viel zu oft Kleingeister!

    Meine Hochachtung vor den Beiden! Und ich gestehe neidlos zu, daß dagegen meine Blogbeiträge und Texte bei weitem nicht an das Niveau der Beiden heran kommen.

    Aber die Texte von Bleibohm und Hoos haben auch mir völlig neue Horizonte eröffnet.
    Ich wünschte, das ginge vielen Menschen so!

    Ich grüße beide recht herzlich!

  2. Lieber Wolfgang,
    kann Herrn Bernd Nowack nur zustimmen, das das ein großartiger Text ist.
    Unglaublich was diese Kirchen-Gelehrten Augustinus und Thomas von Aquin welche unheilvollen Lehren für Mensch und Tier verbreiteten und dass sie bis heute ungemindert Geltung haben.

    Das ist die Meinung auch der heutigen tätigen Pfaffen:
    „So würde „das Leben der Tiere und Pflanzen erhalten, doch nicht um ihrer selbst willen, sondern des Menschen wegen“

    Es verbiete weder „einen Busch auszureißen“, noch betreffe es „die unvernünftige Tierwelt“, die lediglich durch „Leben und Tod unserm Nutzen dienen muß“ war seine lebensverachtende Feststellung. Die Tiere erscheinen demgegenüber als „Gegenbild der menschlichen Auserwähltheit“ (S. Walden).

    „So würde „das Leben der Tiere und Pflanzen erhalten, doch nicht um ihrer selbst willen, sondern des Menschen wegen“. Es spiele so auch keine Rolle, ob man Tiere gut oder schlecht behandle, und „keiner sündigt, indem er eine Sache zu dem verwendet, wozu sie bestimmt ist“, also z. B. ein Tier jagen, töten, schlachten, essen. Die Tiere seien „sprachlos“ und es gebe nichts in ihren Seelen, das „möglicherweise ohne einen Körper weiter existieren könne“.

    Ganz verhängnisvoll für die Tiere und die Tierversuche im besonderen der französische Philosoph Descartes.
    Descartes, ein französischer Philosoph, vertrat die Ansicht, dass die Schmerzensschreie gequälter Tiere nicht anders zu werten seien als das Quietschen einer Maschine. Claude Bernard, ausgerechnet Arzt, schnitt bei seinen Experimenten den von ihm auf Bretter genagelten Tieren bei vollem Bewusstsein die Leiber auf und nahm sie zur Beobachtung nachts noch mit in sein Schlafzimmer. Ihnen ist es mitzuverdanken, dass die medizinische Wissenschaft, anstatt der Tierversuchspraktik in ihrer Sinnlosigkeit, Brutalität und vor allem in ihrer Gefährlichkeit für den Menschen abzuschwören, immer noch den blutigen Weg des Tierexperimentes beschreitet und zusammen mit der mächtigen Pharmaindustrie viele Ärzte zu deren Erfüllungsgehilfen werden lässt.

    Das oberste Gebot des Arztberufes

    So wie uns heute im Nachhinein Hexenverbrennungen und Sklavenhandel unvorstellbar erscheinen, so ist es im selben Masse unbegreiflich, dass der Massenmord an unseren Mitgeschöpfen vom Klerus akzeptiert und von Wissenschaft und Gesetzgeber als unverzichtbare Notwendigkeit angesehen wird. Die Erhaltung und der Schutz des Lebens sind das oberste Gebot unseres Arztberufes. Dieses Ziel kann aber niemals dadurch erreicht werden, dass die forschende Wissenschaft Leben milliardenfach vernichtet.

    http://www.agstg.ch/magazin/magazin-archiv/20-/albatros-13/21-tierversuche-eine-herausforderung-an-unsere-gesellschaft.html

    Liebe Grüße – Hubert

  3. Ganz hervorragender Text.
    Vielen Dank, dass ich ihn hier lesen konnte.
    Schließe mich ansonsten meinen Vorrednern an.

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