Es ist nicht immer wie es scheint ….

Es ist nicht immer wie es scheint – eine Erkenntnis, die man sich gar nicht oft genug ins Gedächtnis holen sollte. Von Koma-Patienten wird immer wieder gesagt, dass sie nichts mitbekommen würden, dass sie nur so dahinsiechen. Aber stimmt das? Immer wieder hört man von ehemaligen Patienten, dass sie sehr wohl mitbekommen haben, wer im Raum war und was gesagt wurde – wenn auch alles etwas verzerrt, wie durch Watte wahrgenommen. Auch bei alten Menschen gehen viele dazu über, das Gegenüber nicht mehr wirklich ernst zu nehmen. Einige reden mit alten Menschen wie mit begriffsstutzigen Kleinkindern – und andere reden erst gar nicht mehr mit ihnen. Aber befinden sich die gebrechlichen alten Leute wirklich schon in einem Zustand geistiger Umnachtung? Nur, weil sie körperlich stark abbauen und nicht mehr die Kraft besitzen, sich verständlich zu äußern, heißt das doch noch lange nicht, dass sie weggetreten sind!

Als in einem Pflegeheim ein alter Mann starb, fand man beim Räumen seines Zimmers ein Gedicht, welches sein Empfinden der letzten Monate widerspiegelte und uns aufzeigt, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint. Und es zeigt uns ebenso, dass sehr wohl auch alte Menschen ein verletzliches Inneres haben, was nicht einfach wegstirbt, nur weil die körperlichen Funktionen langsam nachlassen und aussetzen.

Verschrobener alter Mann ?

Was seht Ihr Krankenschwestern? Was seht Ihr?
Was denkt Ihr, wenn Ihr mich betrachtet?
Ein verschrobener alter Mann, nicht sehr weise,
unsicher und wacklig, mit einem Blick in die Ferne.
Er schlabbert beim Essen und gibt keine Antwort.
Wenn Sie mit lauter Stimme sagen: „Ich wünschte, Sie würden es versuchen!“,
sehen Sie einen alten Mann, der die Dinge nicht zu bemerken scheint, die Sie tun.
Und der immer etwas verliert, eine Socke oder einen Schuh,
der mit Widerstand oder ohne – Sie alles tun lässt, was Sie wollen
um mit Baden und Füttern die Langen Tage zu füllen?

Ist es das, was Sie denken ? Ist es das, was Sie sehen?
Dann öffnen Sie Ihre Augen, Krankenschwester, denn Sie sehen mich nicht.
Ich werde Ihnen sagen, wer ich bin, wie ich hier so still sitze,
wie ich tue, was Sie möchten, wie ich esse, wenn Sie es wollen.
Ich bin ein kleines Kind von 10 Jahren, mit einem Vater und einer Mutter,
mit Brüdern und Schwestern, die einander lieben.
Ein kleiner Junge von sechzehn Jahren, mit Flügeln an den Füßen,
der träumt, dass er jetzt bald seine Liebe treffen werde.
Ein Bräutigam bald, 20 Jahre jung, mein Herz macht einen Sprung.
In Erinnerung an das Gelübde, dass ich versprochen habe zu halten.

Mit fünfundzwanzig Jahren habe ich meine eigenen Kinder,
die mich brauchen, um sie zu leiten. Und ein sicheres glückliches Zuhause.
Ein Mann von dreißig Jahren. Meine Kinder sind schnell gewachsen,
einander verbunden, mit Banden, die ewig halten sollten.
Mit vierzig meine jungen Söhne, sie sind erwachsen und sind fort,
aber meine Frau ist neben mir, dafür zu sorgen, dass ich nicht trauere.
Mit Fünfzig, noch einmal, spielen Babies rund um meine Knie
und erneut haben wir Kinder, meine Liebste und ich.
Dunkle Tage sind nun gekommen, meine Frau ist jetzt tot.
Ich sehe die Zukunft und schaudere mit Angst,
denn alle meine Kinder ziehen nun ihre eigenen groß.

Und ich denke an die Jahre und an die Liebe, die ich kannte.
Ich bin jetzt ein alter Mann. Und die Natur ist grausam.
Es ist ein übler Scherz, dass man im Alter aussieht wie ein Narr.
Der Körper, alles bröckelt, Anmut und Kraft schwinden davon.
Es gibt jetzt einen Stein, wo ich einmal ein Herz hatte.
Aber im Inneren dieses alten Körpers wohnt immer noch ein junger Mann
und hin und wieder quillt mein angeschlagenes Herz über.

Ich erinnere mich an die Freude, ich erinnere mich an den Schmerz.
Und ich liebe und lebe mein Leben erneut.
Ich denke an die Jahre, die zu wenig waren und zu schnell gegangen sind.
Und akzeptiere die nackte Tatsache, daß nichts dauert.
Öffnet Eure  Augen, öffnet sie und seht:
Es ist nicht ein verschrobener alter Mann.
Schaut genauer hin und seht MICH!!

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6 Kommentare zu “Es ist nicht immer wie es scheint ….

  1. Es kann einen nur schaudern, die letzte Lebenszeit in einem deutschen „Pflege“heim zubringen zu müssen oder gar jahrelang gelähmt oder im Koma vegetieren zu müssen. Jedenfalls mich schaudert es und ich habe jetzt schon Angst davor.

  2. Lieber Wolfgang, dieser Blogbeitrag ist zwar unpassend für meine Gratulation, denn ein alter Mann bist Du ja noch lange nicht, sondern ein junger Hüpfer (lol.)!

    Ich gratuliere Dir zu Deinem 65. Wiegenfeste und wünsche Dir weiterhin das Beste!

    Den Geburtstagswünschen schließen sich an:

    Steve Neumann,
    die Hühner,
    die Raben,
    die Fische,
    der Frosch,
    der Igel
    (alle vom Dessauer Sandberg)!

  3. Es gibt Studien über Organ-Entnahmen : bei der Entnahme, ist der Spender NICHT TOT und spürt Schmerzen!. Ich lehne ein Spender-Organ ab und auch einer Entnahme von
    Organen oder Geweben bei mir selbst widerspreche ich.
    Dies habe ich in meinem Organspendeausweis vermerkt.

  4. Ein sehr berührender Artikel!
    Das Gedicht geht sehr zu Herzen.

    Auch von mir herzliche Glückwünsche nachträglich zu deinem Geburtstag, lieber wolodja.
    Mögen deine Träume sich erfüllen.

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