Das Wallhuhn

Aus dem Buch von Jeffrey Masson „Wenn Väter lieben – Aus dem Familienleben der Tiere“

Anders als fast alle anderen Vögel brüten Wallbauer ihre Eier nicht aus und kümmern sich auch nicht direkt um ihre Küken. Und doch verbringen sie mehr Zeit und Energie als jede andere Vogelspezies mit Dingen, die indirekt mit ihrem Nachwuchs zu tun haben. Wenn möglich benutzen diese Vögel „natürliche Brutkästen“ – einen heißen Strand, Vulkanerde oder  heiße Quellen, um die Eier auf der richtigen Temperatur zu halten. Doch die Exemplare, die an Orten leben, wo das nicht möglich ist, haben eine weitaus kompliziertere Technik entwickelt: Sie bauen sich selbst Wärme leitende Wälle…

Australisches Buschhuhn (Alectura lathami)

Zwei Spezies dieser Vögel, das australische Buschhuhn und das Thermometerhuhn, können zum größten Erstaunen aller Beobachter die Temperatur in ihrem Wall bestimmen und regulieren. Das Männchen baut den Wall aus verschiedenen Pflanzenteilen, Sand und Erde. Eine Spezies, das Thermometerhuhn, verbringt täglich etwa fünf Stunden mit der Arbeit am Wall. Die Wälle bestehen im Durchschnitt aus rund vier Tonnen Sammelmaterial. Zum Öffnen eines Walls, um die Eier zu legen oder seine Temperatur zu prüfen, muss das Männchen fast eine Tonne Sand bewegen. Das entspricht der 472-fachen Masse des Vogels…

Während der Wintermonate öffnet das Männchen den Wall und füllt ihn mit organischem Material. Im Frühjahr gärt diese Masse und entwickelt Hitze, die auch die Eier erreicht. Wird es im Wall zu heiß, öffnet das Männchen ihn im Morgengrauen, damit überschüssige Hitze entweichen kann. (Er prüft regelmäßig die Temperatur im Wall, indem er die Erde in den Schnabel nimmt; das männliche Thermometerhuhn benutzt seine Zunge, das australische Buschhuhn Kopf und Hals, die beide unbefedert sind). Wenn die Gärung im Sommer nachlässt, wird die Sonne wichtiger. Jetzt lässt der Vogel den Wall tagsüber offen, damit die Eier den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Später im Sommer öffnet er den Wall zu Kühlungszwecken, baut ihn aber gegen Abend wegen der Isolation wieder zu voller Höhe auf. Im Herbst, wenn von dem organischen Material keine Wärme mehr ausgeht und auch die Sonne nicht mehr so stark strahlt, öffnet er den Wall am späten Vormittag, wenn die Sonne direkt darauf scheint, und baut ihn mit warmer Erde am Nachmittag wieder zu.

Die meisten Ornithologen wären nicht bereit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Wallbauer irgendeine Art bewusster Berechnung anstellt, nach der er dann handelt. Aber wie kann etwas so Komplexes wie dieser Vorgang, bei dem täglich Variablen zu beobachten sind, ohne bewusste Wahrnehmung vonstatten gehen? Der Vogel muss beim morgendlichen Aufwachen die Wärme der Sonne spüren und seine Schlüsse daraus ziehen, wie sie sich auf seinen Wall auswirkt. Er tut das monatelang; wie sollte ihm das wohl nicht in jedem Moment bewusst sein?…

Das Thermometerhuhn baut Wälle, die normalerweise knapp fünf Meter im Durchmesser dick und rund 80 Zentimeter hoch sind. Das Männchen arbeitet jeden Tag daran, sieben Stunden lang, 10 bis 11 Monate im Jahr… Ursprünglich ließ das Weibchen sein Ei einfach in warme Erde fallen. Das funktionierte, solange die Umweltbedingungen stimmten. Idealerweise brauchen die Eier eine konstante Temperatur von rund 33,3 ° Celsius. Als die Vögel aber in kältere Gegenden abwanderten, wo die Temperaturen weniger zuverlässig waren, mussten sie irgendeine Lösung finden, um die Eier gleichmäßig warm zu halten. Wälle mussten gebaut werden. Sie wurden schließlich immer kunstvoller, sodass die Temperatur exakter reguliert werden konnte. Am Ende verbrachten die Vögel (meist nur die Männchen) enorm viel Zeit mit dem Wall.
Interessanterweise kümmern sich die Vogeleltern nach all diesem Kraftaufwand beim Brüten überhaupt nicht um die Küken, sobald sie geschlüpft sind… Wenn sich die Küken  aus dem Wall herausarbeiten (es kann bis zu 15 Stunden dauern, bis sie sich durchgebuddelt haben), schwingen sie sich einfach in die Lüfte. Sie werden mit vollständigem, flugfähigen Gefieder geboren und können bereits am ersten Tag ihres Lebens auf einem unweit stehenden Baum nächtigen… (und sind) sofort in der Lage, sich selbst mit Nahrung zu versorgen.

Kurt Kroymann

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2 Kommentare zu “Das Wallhuhn

  1. Lieber Wolodja,

    es ist absolut erstaunlich, was diese Thermometer-Huehner, offenbar gehoeren sie zum Trutenvolk, leisten! Hiermit haben wir einen wahren Spezialisten im Tierreich, welchem es andere Spezies wohl kaum gleichtun koennen! Es ist ohnehin erstaunlich, mit welchen Schaetzen der Natur in dieser Beziehung Australien aufwarten kann!

    Ich wollte eigentlich das nachfolgende Video bis zu einem spaeteren Zeitpunkt aufsparen, aber es passt genau hierhin: wir erleben uebrigens unser Thermometer-Huhn bei der Arbeit und man hoere und staune ueber die Paradiesvoegel:

    • Liebe Siraganda,
      da hast Du keineswegs unrecht, denn dieses interessante und anschauenswerte Video passt tatsächlich sehr gut ins Bild dieses heutigen Beitrages. Vielen Dank an Dich! LG-Wolodja

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