Morgenandacht eines jagenden Pfarrers

ZUR MORGENANDACHT DES PFARRERS UNRATH

Brief von Herrn Prof. Klaus Hamper an diesen Pfarrer und Jäger :

Sehr geehrter Herr Pfarrer Unrath,

mit Interesse habe ich Ihre von Frau Groß weitergeleitete Morgenandacht angehört und ihr Schreiben an Sie gelesen. Ich kann Frau Groß in allem, was sie ausführt, nur zustimmen. Auch wenn Ihre Predigt vom Grundtenor her zu begrüßen ist, fliegen Sie am Ende doch aus der Glaubwürdigkeitskurve. Die Hobby-Jagd mit dem zusätzlichen Stigma des  „Vergnügens“ für den Hobby-Jäger (ich habe mich lange, ausführlich und von allen Seiten mit den verschiedenen Aspekten der Hobby-Jagd beschäftigt und weiß sehr genau um die schönfärberisch vorgeschobenen Argumente der Hobbyjäger, die so gern mit den Schlagworten „Hege und Pflege“ und „moralisch einwandfreies Fleisch“ zusammengefasst werden) ist eine nur andere, moralisch aber ebenfalls verwerfliche Art, um in den „Genuss“ von Fleisch zu kommen. Auch sie verstößt eklatant gegen eines der wichtigsten und gerade von Ihrem Berufstand gepredigten 10 Gebote: „Du sollst nicht töten“.

Der Spagat, sich aus einem Jahrtausende alten Buch, dessen Authentizität in keiner Weise nachvollziehbar ist und das von den Gläubischen ohne nachvollziehbaren Grund hochtrabend als „Buch Gottes“ klassifiziert wird, genau die Passagen herauszusuchen, die einem ins Konzept passen und die widersprüchlich anderen völlig zu ignorieren, macht ja Religionen an sich aus. Man sieht es auch sehr schön an der derzeitigen Islam-Debatte. Was Gott, Jahwe, Allah und all die anderen imaginären Konstrukte, mit denen sich die Menschen seit Jahrhunderten bzw. -tausenden die Endlichkeit und finale Sinnlosigkeit Ihrer Existenz schönreden, alles so sehr Widersprüchliches von sich gegeben haben sollen, kann man als halbwegs aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Von bronzezeitlichen Hirten aufgeschrieben, immer wieder weitererzählt, übersetzt, abgeschrieben und dabei verändert und verfälscht, muss man schon sehr scheuklappenmäßig begabt sein, um solch ein Werk zum „Wort Gottes“ zu erklären. Auch Sie schaffen es in Ihrer Predigt ja in beeindruckender Weise, völlig Widersprüchliches daraus einfach und ohne weitere Hinterfragung für Ihre Ausführungen zu benutzen.

Es bedarf allerdings schon einer gewissen Chuzpe, einerseits das wirkliche moralische Vorbild Albert Schweitzers mit seiner epochal einfachen und großartigen Maxime „Ehrfurcht vor dem Leben“ zu zitieren und sich dennoch wenige Sätze später als Hobbyjäger zu outen. So ein Spagat gelingt nur jemandem, der die Regeln von Logik, Ratio und Empathie entweder nicht verstanden hat oder bewusst oder unbewusst wegblendet. Wie sonst könnten Sie z. B. erklären, dass jedes Jahr Hunderttausende (!) von waldbiologisch absolut wertvollen Füchsen (oft samt ihrer Kinder, vulgo „Welpen“) von Ihresgleichen abgeknallt werden (um nur ein Beispiel zu nennen)? Das geschieht sicher nicht für den sonntäglichen Braten, oder? Auch diese Inkonsequenz ist symptomatisch für die klerikale Denkart. In der katholischen Filiale Ihrer Firma werden Jäger, Waffen und die Idee des Tiere-Totschießens im Rahmen der sogenannten Hubertusmessen ja sogar mit einem „göttlichen“ Segen moralisch weißgewaschen – auch wieder unter eklatanter Missachtung des fünften Gebots. Wenn man die Legende des Hubertus kennt, weiß man, dass der gute Mann sich im Grabe herumdrehen würde, um nicht mitzubekommen, für welche Schandtaten er da missbraucht wird.

Wir könnten eventuell mit dieser schlingernden und ihrem Untergang entgegen trudelnden menschlichen Gesellschaft wieder auf einen guten Weg kommen, wenn wir endlich lernten, Zusammenhänge zu Ende zu denken. Der anthropozentrische Wahn, dass der Mensch das Ebenbild eines imaginären Gottes sei und daher über allem Anderen in der sogenannten „göttlichen Schöpfung“ stehe, ist die ALLEINIGE Ursache des Zustandes, in dem sich unser schwerst kranker Planet befindet. Erst, wenn wir wieder verstünden, dass wir Teil eines großen Ganzen und allenfalls „Primus inter Pares“ im Umgang mit unseren Mitgeschöpfen sind, könnten wir Hoffnung schöpfen, dass sich das Steuer noch einmal herumreißen ließe und die vollständige Zerstörung unserer „Schöpfung“, auf die wir uns mit der unkontrollierten und exponentiellen Vermehrung der Spezies „Homo sapiens“ (treffender wäre „Homo stupidus“) unweigerlich zubewegen, noch verhindert werden könnte. Dieses Zu-Ende-Denken von einem Vertreter des Berufstands einzufordern, zu dessen Markenkern dieser anthropozentrische Wahn seit Jahrtausenden und unter Berufung auf ein weitgehend irrationales und durch keine überprüfbaren Quellen belegtes „Buch Gottes“ gehört, ist allerdings ein wahrscheinlich genauso eitler Wahn. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zuletzt.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Klaus Hamper

Kritische Wortmeldung von Maria Groß:

Sehr geehrter Herr Unrath,

durch Zufall habe ich gestern Ihre Morgenbetrachtung zum Thema Fleischkonsum gehört. Es freut mich, dass dieses Thema endlich wenigstens hin und wieder vonseiten einiger Kirchenangehöriger ernst genommen und in die Öffentlichkeit getragen wird. Die üblen Folgen der Massentierhaltung hinsichtlich einer gigantischen Tierquälerei, Zerstörung von Boden, Luft und Wasser sowie der Biodiversität vor unserer Haustür, Abholzung der Regenwälder, Klimawandel, Hunger und Vertreibung der Menschen in ärmeren Ländern, eine unvorstellbare Nahrungsmittelverschwendung durch „Veredelung“ pflanzlicher Nahrung: alle diese Punkte haben Sie direkt oder indirekt angesprochen und damit Ihren Verzicht auf Fleisch aus Massentierhaltung begründet. In Ihrer Aufzählung fehlten allerdings noch die multiresistenten Keime, die in der Massentierhaltung entstehen und die Ihre Enkeltochter Emma in eine „post-antibiotische“ Zukunft hineinwachsen lassen werden. Es ehrt Sie und ist auch höchst erforderlich, dass Sie diesen „Wahnsinn“ nicht mitmachen.

Im weiteren Verlauf Ihres Vortrages musste ich allerdings meine Übereinstimmung mit Ihren Gedanken deutlich reduzieren. Ich stelle mir den Gottesmann vor, der mit gezückter Flinte gut getarnt von seinem Hochsitz aus auf ein ahnungsloses Tier lauert und es aus dem Hinterhalt heraus tötet. Ich stelle ihn mir auch vor,  wie er auf den Treibjagden die Tiere in Todesangst versetzt, sodass sie verschreckt um ihr Leben laufen und, wenn sie „Glück“ haben, tödlich getroffen werden. Die Fehlschüsse, die viele Tiere langsam unter Qualen sterben lassen, gehören ja wohl auch zur Jagd. Ich stelle mir das große Gefühl der menschlichen Überlegenheit gegenüber dem anderen Leben vor und das Fieber, dieses Leben zu kriegen und auszulöschen. Was anderes ist es ja wohl nicht, auch wenn die Jagd gerne mit vielen edlen Verbrämungen überzogen wird – in der Regel durch die Jäger selbst.

Religiös hin oder her: ich kann jedenfalls nicht erkennen, dass Sie das Erbarmen, das Sie für sich selbst tagtäglich von Ihrem göttlichen Meister erflehen, an seine anderen Kreaturen weiterreichen. Ihr Ausweg, zu Fleisch zu kommen, ist erbarmungslos. Wenn ich allerdings höre, zu welchen hanebüchenen Auswüchsen es die Kirchen sonst beim Thema Fleischkonsum bringen (in Ulm hat man kürzlich den längsten Leberkäse der Welt in 13.000 Portionen für das Münster gebacken und verkauft und Pfarrer Dierlich aus 40667 Meerbusch-Büderich lud seine Gemeinde zum halal Gegrillten ein, weil unsere moslemischen Mitbürger lieber geschächtete Tiere verspeisen), ist Ihr Ansatz zweifellos besser.

Ich möchte Ihnen aber zu bedenken geben, dass die Lust auf Fleisch (die ich übrigens selbst sehr gut kenne) nicht die letzte Begründung fürs Töten sein kann. Dass Fleisch gut schmeckt, ist keine Frage. Aber es ist eben nur zu erreichen, wenn man über Leichen geht. Das „Leben, das leben will“, hat dann halt Pech gehabt.

Ich glaube, dass wir Menschen (vielleicht die einzigen) Wesen auf dieser Welt sind, die die Möglichkeit haben, aus Einsicht und Mitgefühl Entscheidungen derart zu treffen, dass unser Handeln nicht nur durch einen guten Bratenduft und einen leckeren Geschmack gesteuert wird. Wir haben die Fähigkeit dekenntnis, dass Leben leben will und dass wir für einen kurzen Gaumenkitzel dieses Leben nicht auslöschen müssen. Eine große Vielfalt an gut schmeckenden und nahrhaften Lebensmitteln steht uns dafür zur Verfügung, sodass es „für jedermanns Bedürfnisse reicht, aber nicht für jedermanns Gier“.

Ich vermute, dass Sie den Ausspruch Leo Tolstois kennen: „So lange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.“ Wir alle sollten öfter darüber nachdenken. Und wir sollten auch nicht Wälder und Fluren in Schlachtfelder verwandeln. Zu Ihrer Information teile ich Ihnen mit, dass ich diesen Brief in ein großes Netzwerk, bestehend aus vielen Tier- und Umweltschutzverteilern im deutschsprachigen Raum einstelle.

Mit freundlichen Grüßen
Maria Groß

Und hier die uneinsichtige und dummschwätzige Rückantwort dieses jagenden Pfarrers an Frau Gross und Herrn Prof. Hamper:

Sehr geehrte Frau Groß,
sehr geehrter Herr Prof. Hamper,
sehr geehrte Damen und Herren,

zu meiner Morgenandacht im Deutschlandfunk am 14.07.2016 erreichte mich eine große Zahl an zumeist kritischen Rückmeldungen. Tatsächlich sind es so viele, dass ich mich außerstande sehe, jede einzelne persönlich zu beantworten. Da die meisten der Rückmeldungen, die mich erreicht haben, offensichtlich aus denselben Netzwerken kommen, gehe ich davon aus, dass ich sie auch mit einem an alle gerichteten Schreiben beantworten kann. Formal beziehe ich mich dabei im Wesentlichen (wenn auch nicht ausschließlich) auf die Schreiben von Frau Maria Groß und Herrn Prof. Dr. Klaus Hamper; sie waren schlicht die ersten und auch ausführlichsten Emails, die mich erreicht haben. Dabei werde ich nicht alle Aspekte dieser und weiterer Schreiben aufgreifen, sondern mich auf die Aspekte beschränken, die mir wesentlich scheinen und zu denen ich etwas sagen kann und will. Um der Klarheit willen möchte ich vorausschicken, wozu ich mich nicht äußern werde. Ich werde mich nicht zu Fragen des Islams äußern. Dafür bin ich weder kompetent noch zuständig. Das Gleiche gilt für alle Fragen, welche die römisch-katholische Kirche betreffen; also auch für die Hubertusmesse. Sie werden dafür, wenn Sie wollen, andere Ansprechpartner finden. Auch zu Fragen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und des Einflusses der Kirchen auf diesen äußere ich mich nicht. Hierzu können Sie sich an die Sendeanstalten und die kirchlichen Beauftragen für diese wenden. Die Anschriften sind im Internet mühelos zu finden.

Bevor ich auf Ihre Rückmeldungen (in Auswahl) inhaltlich eingehe, möchte ich noch einmal in aller Kürze mein Anliegen zusammenfassen: Da ich guten Gewissens industriell produziertes Fleisch nicht mehr essen konnte (über die Gründe sind wir uns sicherlich einig) habe ich tatsächlich lange überlegt, ob ich Vegetarier werden sollte (meinen Respekt vor einer vegetarischen Lebensweise habe ich in meiner Andacht deutlich zum Ausdruck gebracht). Ich habe nach reiflicher Überlegung keine ethische Notwenigkeit dafür gesehen. Darüber war ich durchaus froh, weil ich tatsächlich gerne gelegentlich Fleisch esse. Als eine ethisch nicht zu beanstandende Form, Fleisch zu gewinnen, erschien und erscheint mir die verantwortlich ausgeübte Jagd. Verantwortlich heißt dabei in erster Linie, Leiden für das Wild zu vermeiden. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass auch Nichtvegetarier ihren Fleischkonsum überdenken und reduzieren sollten. Das ist eine von der Jagd völlig unabhängige Überlegung.

Meine ethische Entscheidung habe ich dabei gerade nicht, wie mir in mehreren Rückmeldungen unterstellt wurde, biblizistisch begründet.  Im Gegenteil. Um deutlich zu machen, dass man nicht einfach unreflektiert Bibelstellen zur Rechtfertigung einer ethischen Position heranziehen kann, habe ich darauf hingewiesen, dass in der Bibel zu dieser Frage konträre Meinungen zu finden sind (wobei eine davon tatsächlich eine Außenseiterposition darstellt). Tatsächlich habe ich meine ethische Entscheidung gar nicht begründet. Dazu hätte ich systematisch-theologisch weit ausholen müssen, was im Rahmen einer Rundfunkmorgenandacht nicht zu leisten war, jedenfalls für mich nicht. Deshalb habe ich mich auf die Formulierung beschränkt: „Vegetarisch oder vegan? Aus religiösen Gründen halte ich das nicht für geboten.“ Im schriftlichen Manuskript ist das ein neuer Absatz, um deutlich zu machen, dass sich diese Aussage nicht auf den biblischen Exkurs bezieht. Diesen habe ich aufgenommen, weil das viele kirchlich gebundene Hörerinnen und Hörer interessiert (ich finde es auch interessant). Ich gebe allerdings aufgrund der Rückmeldungen zu, dass ich mich in diesem ganzen Passus um mehr Verständlichkeit hatte bemühen müssen.

Interessanterweise wird aber gerade in vielen kritischen Rückmeldungen biblizistisch argumentiert, indem mir vorgeworfen wird, gegen das fünfte Gebot zu verstoßen. In aller Deutlichkeit: Im fünften Gebot geht es nicht um das Töten von Tieren. Wenn Sie sich einmal die Mühe machen, den Dekalog (die 10 Gebote) im Zusammenhang zu lesen (2. Mose 20; 5. Mose 5), werden Sie feststellen, dass der Dekalog nicht etwa eine allumfassende Ethik formuliert, sondern so etwas ist wie ein Gesellschaftsvertrag für eine bäuerliche Gesellschaft Palästinas in der ersten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrtausends. Diese bäuerliche Lebensweise war wesentlich geprägt durch den Besitz von Land, Rind, Esel und Vieh (vgl. das Sabbatgebot und die Begehrverbote). Mit Vieh sind Schafe und Ziegen gemeint. Natürlich wurden diese geschlachtet. Anders würden auch die in diesem Zusammenhang formulierten Schlachtgesetze keinen Sinn ergeben.

Das Verständnis der Bibel als Heilige Schrift, als Wort Gottes, war in manchen Rückmeldungen ein Kritikpunkt. „Von bronzezeitlichen Hirten aufgeschrieben, immer wieder weitererzählt, übersetzt, abgeschrieben und dabei verändert und verfälscht, muss man schon sehr scheuklappenmäßig begabt sein, um solch ein Werk zum „Wort Gottes“ zu erklären.“  Dass die Bibel solche Entstehungsprozesse durchlaufen hat, wie in dem Zitat von Herrn Prof. Hamper angedeutet, weiß jeder Theologe und auch jeder aufgeklärte Christenmensch. Tatsächlich ist es ein wesentlicher Bestandteil jedes Theologiestudiums, mit dieser Tatsache in der Auslegung der Bibel umzugehen. Man nennt es historisch-kritische-Exegese. Diese ist selbstverständliches Handwerkszeug fast jedes Pfarrers und jeder Pfarrerin in Deutschland. Ich möchte dem in dem Zitat von Prof. Hamper zum Ausdruck kommenden Bibelverständnis ein anderes entgegensetzen. In der Bibel bezeugen Menschen ihre Gotteserfahrungen. Ob diese Erfahrungen sich möglicherweise einer Projektion verdanken oder dergleichen, ist in diesem Zusammenhang zunächst einmal unerheblich. Es sind, wem auch immer verdankt, jedenfalls Erfahrungen von Befreiung aus Sklaverei und Armut, Rettung aus Krankheit und Not, Trost in Trauer, Hoffnung gegen die Verzweiflung, usw. Es sind (bei allen Fragwürdigkeiten, die sich in biblischen Texten natürlich finden) Erfahrungen einer umfassenden Befreiung. Die Bibel ist im Wesentlichen Zeugnis des Glaubens an diesen befreienden Gott. Dabei heißt glauben nicht etwa „für wahr halten“, sondern „vertrauen auf“. Zur Heiligen Schrift wird die Bibel, weil Menschen durch die Jahrhunderte hindurch die Erfahrung gemacht haben, dass das Glaubenszeugnis der Alten die Kraft hat, Glauben zu stiften; bis heute. Emanzipatorische Erfahrungen zu machen; bis heute. Als Pfarrer erlebe ich an jedem einzelnen Tag, wie Menschen durch das Wort der Heiligen Schrift in ihrer Trauer getröstet werden, in ihrer Beziehungskrise eine Perspektive gewinnen, zur Solidarität mit Menschen befreit werden, die zu kurz kommen, mit ihrer Krankheit umzugehen lernen, usw. Ich erlebe es an Gräbern und an Krankenbetten, in der Schule und im Gottesdienst und manches Mal bei Rewe an der Kasse. Wenn das, Herr Prof. Hamper, bedeutet, „scheuklappenmäßig begabt“ zu sein, dann bin ich gerne und mit Leidenschaft ein Narr.

Dass der Mensch diese Befreiung verdient hat, dass er sie wert ist, bedingungs- und voraussetzungslos, dass der Mensch Würde hat, die ihm ohne eigenes Zutun zukommt, das ist gemeint mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen, die Sie, Herr Professor, ausmachen als Ursache des „anthropozentrischen Wahns“ und damit als Ursache „dieser schlingernden und ihrem Untergang entgegen trudelnden menschlichen Gesellschaft“, als „ALLEINIGE Ursache des Zustandes, in dem sich unser schwerst kranker Planet befindet“. Ich widerspreche. Dass dieser großartige Gedanke der Gottebenbildlichkeit, der unveräußerlichen Würde des Menschen, in den Herzen und Hirnen der Menschen nicht fester verankert ist, ist eine wesentliche Ursache allen Übels. Wo Menschen sich vom „anthropozentrischen Wahn“ Gottes selbst berühren lassen, wenden sich Dinge zum Guten. In aller Offenheit will ich sagen, dass ich diese stereotype Behauptung, Religion und religiöse Menschen seien Ursache aller Übel der Welt, nicht mehr hören kann. Sie ist so offenkundig falsch. Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass von der Sklavenbefreiung bis zur ökologischen Bewegung nahezu alle emanzipatorischen Bewegung von religiösen Menschen zumindest mit initiiert waren? Nicht Religion macht den Menschen zum Wolf des Menschen. Der Mensch ist des Menschen Wolf, weil er so ist, wie er ist. Mitunter benutzt er Religion, um sich zu rechtfertigen. Gelegentlich eine Ideologie. Und mitunter einfach nur sein eigenes, armseliges Kreisen um sich selbst. Mir genügt eine Nachrichtensendung, um nicht eine Sekunde länger zu glauben, dass der Mensch aus sich heraus edel, hilfreich und gut ist. Ich glaube den humanistischen Verheißungen nicht mehr. Ich befürchte, der Humanismus ist Teil des Problems, weil er den Menschen bei einem Menschbild behaftet, das jeder Erfahrung widerspricht.

Noch eine Bemerkung zu Albert Schweitzer. Eine Hörerin wies mich darauf hin, dass Schweitzer erst in seinen letzten Lebensjahren Vegetarier geworden sei. Offenbar konnte er den Gedanken der „Ehrfurcht vor dem Leben“ viele Jahrzehnte lang mit einer nichtvegetarischen Lebensweise verbinden. Ich kann das auch. Für mich beschreibt der Begriff „Ehrfurcht vor dem Leben“  eine wünschenswerte Grundhaltung, zu der unser konkretes Handeln in der gebrochenen Wirklichkeit unserer Welt notwendigerweise immer wieder in Spannung geraten muss. Diese Spannung ist verantwortlich zu gestalten und auszuhalten. Genau in diesem Spannungsverhältnis liegt für mich die im oben genannten Sinne verantwortlich praktizierte Jagd. Theologisch gesprochen, wir leben im Vorletzten, nicht im Letzten, in der gebrochenen Wirklichkeit dieser Welt, nicht im vollendeten Reich Gottes. Ich nehme für mich nicht in Anspruch, diese Spannung immer in der bestmöglichen Weise zu leben. Aber ich bemühe mich.

Ich wollte noch manches sagen zu Begriffen wie Hobbyjäger, die ja erkennbar abwertend sein wollen. Zu Hege und Pflege, die mit einem Federstrich weggewischt wird, was ich inhaltlich für falsch halte. Aber ich denke, es genügt. Ein Vorletztes: Ich habe in den vergangenen Tagen eine Vielzahl von Emails bekommen, die keine andere Absicht hatten, als zu beleidigen, zu verletzen und zum Teil leider auch zu drohen. Ich werde das mir und meiner Familie nicht mehr antun. Ich werde deshalb nach der Versendung dieses Schreibens auf keine Mails mehr reagieren. Und ein Letztes: Es ist mir klar, dass ich Sie nicht von meiner Sicht der Dinge überzeugen werde, das ist auch nicht meine Absicht. Aber vielleicht konnte ich doch wenigstens eine Ahnung wecken, dass auch ein religiöser Jäger ethisch denkt und sich bemüht, ethisch zu handeln, auch wenn es nicht Ihre Ethik ist, die er vertritt.
Mit freundlichen Grüßen
Karl-Martin Unrath

Die Fortsetzung dementsprechender Antwortzeilen und Reaktionen von Prof. Klaus Hamper und anderen engagierten Tierfreunden auf diesen Brief des Pfarrers  folgt im morgigen Blog-Beitrag …….

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3 Kommentare zu “Morgenandacht eines jagenden Pfarrers

  1. Prof. Hamper:

    „In der katholischen Filiale Ihrer Firma werden Jäger, Waffen und die Idee des Tiere-Totschießens im Rahmen der sogenannten Hubertusmessen ja sogar mit einem „göttlichen“ Segen moralisch weißgewaschen – auch wieder unter eklatanter Missachtung des fünften Gebots.“

    Auch in den evangelischen Kirchen gibt es „Hubertusmessen“, also nicht nur in der katholischen Kirche. Das ist auch jedes Jahr in meiner Stadt (Dessau) der Fall: evangelische Kirche (!), siehe dazu:

    http://barrynoa.blogspot.de/2015/11/hubertusmessen-und-bruder-tier-in-der.html

  2. Dieser Herr Unrath braucht offensichtlich dringend RAT:

    1. In den zehn Geboten der Bibel geht es eindeutig um Gerechtigkeit – und somit ist auch das fuenfte Gebot allumfassend!!!

    2. Herrn Unrath´s Gedankengaenge gehoeren eher in den ‚aboriginalen‘ Bereich der Ureinwohner dieses Planeten!

    3. Er ist selbst noch auf der Suche und sollte sich doch in empathischer Weise fuer den Vegetarismus entscheiden, denn wenn er Pfarrer sein will, sollte er nicht an irdische, vergaengliche und korrumpierte Dinge wie Kadaver angehaftet sein!

    Praedikat: Ungenuegend! Geben Sie sich bitte mehr Muehe, Herr Pastor – und es wird vielleicht doch noch ein ganzer Kerl aus Ihnen, denn auch wir haben irgendwo angefangen und nie aufgegeben – und dies taeglich!

    Und zum Schluss: die Jagd hat im Christentum nichts zu suchen, denn vergessen Sie eines nicht: Nimrod, Esau, Ismael usw. (der ganze krumme Zweig) waren alles grosse Jaeger – und sehr ungeliebt ‚in den Augen des Herrn‘. So sollten Sie sich besser einen Jagdfalken beschaffen, die Schahada sprechen – und mit den Muslimen in die Wueste geh´n und jagen….

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