Wilde Debatte in Annaberg-Buchholz über Wildtiere im Zirkus

Foto: Moderator, Schauspieler und Musiker Mola Adebisi
in einem engen Käfig vor dem Bundesministerium
für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Seit dem Vorstoß von Oberbürgermeister Rolf Schmidt beschäftigt das Thema die Kreisstädter. Es wird ober- und unterhalb der Gürtellinie diskutiert – offline und online. Das letzte Wort hat am 25. August der Stadtrat.

Annaberg-Buchholz – 12 Km von meinem Wohnort Jöhstadt entfernt:

Der Zirkus Busch hat nach vier Tagen am 10. Juli seine Zelte in der Kreisstadt wieder abgebrochen. Zuvor war noch eine Vorstellung angesetzt. Es könnte eine historische gewesen sein – die letzte eines Zirkus‘ mit Wildtieren in Annaberg-Buchholz. Ob es so kommen wird, das entscheiden die Stadträte. Geplant ist die Beschlussfassung darüber am 25. August.

Seit dem Oberbürgermeister Rolf Schmidt (Freie Wähler Erzgebirge) angekündigt hat, dass künftig Zirkusse mit Wildtieren keinen Standplatz mehr in Annaberg-Buchholz erhalten sollen, entwickelte sich eine heftige Debatte darum – sowohl in Cafés als auch auf der Facebook-Seite der Kreisstadt.

In letzterem Medium sind die Gegner von Wildtieren im Zirkus deutlich in der Überzahl. Doch es gibt auch Einträge wie: „Dann tritt der Zirkus eben woanders auf. Das Problem muss an der Wurzel bekämpft werden. … Was soll das Ziel sein? Die Tiere nach xx Jahren auszuwildern? Die sind an ihre Aufgaben gewöhnt und leben damit. Wie ein Mensch, der arbeiten geht und vielleicht nicht den Traumjob hat. Eine gute Lösung wäre, wenn diese Tiere nicht regeneriert würden.“

Interessant ist indes, dass Zirkusbesucher angesichts der Diskussion offenbar Angst haben, das Falsche zu sagen. Bei einer Befragung der „Freien Presse“ am Samstag war jedenfalls vor dem Zelt niemand bereit, seine Meinung zu dem Thema zu äußern. In Annabergs Innenstadt war es da einfacher. Der Kreisstädter Matthias Hofmann etwa sagte: „Ich könnte mir sehr gut einen Zirkus ohne Wildtiere vorstellen, den ich auch nur wegen der Artistik besuchen würde. Eine Präsentation von Wildtieren im Zirkus ist in der heutigen Zeit überholt, und das Ansinnen der Stadt, künftig einem Zirkus mit Wildtieren die Auftrittserlaubnis zu verweigern, halte ich nicht nur für gerechtfertigt, sondern für längst überfällig.“ Seiner Meinung nach ist das Tierquälerei, weil die Tiere gezwungen werden, Sachen zu tun, die sie nicht tun wollen.

Eher gespalten ist dagegen Gerti Hoedt aus Thum. Einerseits gehören für sie Wildtiere einfach zum Zirkus dazu. Andererseits findet sie eine Präsentation von Wildtieren im Zoo besser, weil dort die Haltungsbedingungen für die Tiere in der Regel ganz andere sind. Die Forderung der Stadt Annaberg hält die Thumerin indes für überzogen. „Wenn die Tiere bei ordentlichen Bedingungen im Zirkus gehalten werden, ist es keine Tierquälerei, da die Tiere es ja nicht anders kennen“, so die Thumerin.

Quelle: www.freiepresse.de

Und hierzu noch ein sehr guter und lesenswerter Kommentar von Tierschützer Ulrich Dittmann zu besagten Artikel auf freiepresse.de :

Das Elend der Zirkustiere verröchelt seit Jahrhunderten im Würgegriff kommerzieller Vermarktung. Waren es früher arme exotische Kreaturen der menschlichen Spezies, „Zwerge oder Riesen“, nach Europa verschleppte Schwarze, Indianer, Eskimos, sind es heute „nur“ noch Tiere, die in kleinen Schaukäfigen durch klimatisch fremde Lande gekarrt und dann einem wohlig schaudernden Publikum vorgeführt werden.

Zirkustiere sind zwangsläufig schlimmster körperlicher Beengtheit, unvermeidbarem oft qualvollem Dressur-Drill ausgesetzt. Welcher Elefant jongliert beispielsweise schon gerne freiwillig seinen tonnenschweren Körper im „Handstand“ auf zwei Beinen, oder welchem Tiger wurde in die Wiege gelegt, freudig durch brennende Ringe zu springen?

Was ist das für ein „Spaß“ sich an solchen Mätzchen zu erfreuen, die den Tieren auf mehr oder minder humane Art eingebleut wurden ? Stereotype Beteuerungen der Zirkusleute betreff „vorzüglicher Tierhaltung“ sind schlichter Unfug, da es eine gute „Wildtierhaltung“ im Zirkus systembedingt (!) nicht gibt.

Städte wie Potsdam, Stuttgart, Schwerin, Köln, Worms und München haben das Mitführen von Wildtieren auf städtischen Grundstücken für Zirkusunternehmen größtenteils, bzw. komplett untersagt. Nicht umsonst sind in Österreich, Luxemburg, Bulgarien und anderen EU-Ländern Zirkus-Wildtierdressuren verboten, sowie entsprechende Verbote auch in außereuropäischen Ländern, u.a. gar in Bolivien und Indien bestehen.

Im Gegensatz zu Haus- und so genannten Nutztieren haben Zirkus-Wildtiere den Prozess der Haustierwerdung (Domestikation) noch nicht durchlaufen. Sie sind – selbst wenn sie in Gefangenschaft geboren sind – hinsichtlich ihres Verhaltens und ihrer Bedürfnisse immer noch Wildtiere. Kein noch so großes Gehege, geschweige denn die Transportbehältnisse können den Raum ersetzen, den ein Tiger, eine Giraffe oder eine Elefantenherde in freier Wildbahn oft kilometerweit durchstreift. Wildtiere werden nicht umsonst als WILDtiere benannt!

Bei der ganzen Beurteilung der beengten Haltung von Tieren im Zirkus muss man nur seinen intakten Menschenverstand einschalten! Eine artgemäße Unterbringung ist im Zirkus systembedingt (!) nicht möglich. Alles in allem ist die Dressur und die Haltung unter den zwangsläufig beengten Verhältnissen schlicht als tierquälerisch einzustufen. Entsprechende Gutachten sind im Internet abrufbar. Siehe u.a. veröffentlichte Stellungnahmen von Dr. Madeleine Martin. Die Tierärztin ist seit 1992 Landestierschutzbeauftragte im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Ja zu Spaß, Spiel und zirzensischen Kunststücken – aber ohne (Wild-)Tiere! Jeder Zirkusbesucher muss sich darüber im Klaren sein, daß er mit seinem Eintrittsgeld indirekt übelsten Tiermissbrauch unterstützt. „Tierfreund“ heißt im Sinne des Wortes „Freund des Tieres“. So mag ein Zirkusbesucher vielleicht ein „Hund-Katze-Maus-Freund“ sein – ein ernsthafter Tierfreund (dieser Begriff umfasst ALLE Tierspezies) ist er aber nicht.

Ulrich Dittmann/13.07.2016

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Ein Kommentar zu “Wilde Debatte in Annaberg-Buchholz über Wildtiere im Zirkus

  1. Eigentlich sollte ein moderner Zirkus ganz ohne Tiere auskommen! Fuer Grosstiere wie Elefanten, Raubkatzen, Giraffen, Nashoerner etc. ist dies eine ganz spezielle Tierquaelerei, da diese Tiere zusaetzlich zum anderen Stress noch viel zu wenig Bewegung haben!

    Ein Thema, welches zu wenig zur Sprache kommt, sind Tiere im Film! Hier ist ebenfalls dringend ein neues Bewusstsein notwendig, vor allem bezueglich des Pferdes, welches ja in historischer Zeit eine ganz besondere Rolle spielte! Pferde gehoeren zu den am meisten ausgebeuteten und gequaelten Tieren in der Filmwelt, vor allem in den Eastern und Western, wo noch heute Pferde zu Tode kommen! Einfach abscheulich!!!

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